DAS HAUS AUF DEM HÜGEL/LA CASA IN COLLINA
Cesare Paveses bedrückender Roman zum Kriegsende in Italien
Corrado, die Hauptfigur und der Ich-Erzähler in Cesare Paveses Roman DAS HAUS AUF DEM HÜGEL (LA CASA IN COLLINA, erschienen 1948; Dt. hier in der Übersetzung von Maja Pflug 2018/20) flieht, nachdem die Alliierten begonnen haben die norditalienischen Industriestädte zu bombardieren, in die Hügel außerhalb Turins. Hier findet er Unterschlupf bei Elvira und deren Mutter, trifft aber vor allem auf Cate, eine frühere Freundin, die mittlerweile Mutter eines Sohns – Dino – ist. Corrado ist unsicher, ob möglicherweise er der Vater des Jungen sein könnte. Doch während der Erzähler vor allem darüber grübelt, ob er und Cate vielleicht noch einmal eine Chance auf eine gemeinsame Zukunft haben könnten, beschließt sie, es ihren Freunden gleichzutun und die Partisanen zu unterstützen, die sich in dem Jahr, in welchem der Roman angesiedelt ist – 1944/45 -, in den Bergen sammeln und sowohl gegen die deutschen Besatzer als auch die sich wiedererstarkt glaubenden Faschisten kämpfen.
Was Paveses Roman so wahrhaftig macht, ist wohl die Tatsache, dass dieser Erzähler, dem man vor allem seine gnadenlos zu nennende Ehrlichkeit hoch anrechnen muss, nie sympathisch wirkt. Er zieht sich – buchstäblich vor den Bomben, die auf Turin fallen, im übertragenen Sinne vor dem Leben selbst, also auch einer Entscheidung hinsichtlich seiner Position gegenüber den Faschisten – zurück, bemüht, das Persönliche zum Eigentlichen zu machen und doch nicht in der Lage, sich der Gesamtsituation zu entziehen. Wie auch? Mussolini befreit und Herr der Operettenrepublik am Gardasee, die Deutschen als Besatzungsmacht in Italien, jeder Einzelne vor der Entscheidung, wie er oder sie sich nun zum Regime, zum Faschismus, zu den Kommunisten, den Partisanen, zur Zukunft verhalten mag.
Corrado bleibt dem Widerstand gegenüber skeptisch, wie er sich auch dem herrschenden – oder (zu) lange Zeit herrschenden – Regime gegenüber skeptisch zeigt, er philosophiert anhaltend darüber, wie man mitschuldig wird an einem historischen Unrecht, wenn man nicht beizeiten die Stimme erhebt und kann doch gleichzeitig sehr genau erklären, weshalb man seine Stimme im Grunde nicht zu erheben braucht, wird sie im Gefüge der Weltenläufte doch eh nicht vernommen. Und als es soweit ist und auch Corrado ins Visier der deutschen Besatzer gerät und fliehen muss, allein weil er die „falschen“ Kontakte hatte, bald in einem katholischen Internat unterkommt, während der immer noch blutjunge Dino sich auf eigene Faust aufmacht in die Berge, um sich den Partisanen anzuschließen, lässt der Erzähler keinen Zweifel daran aufkommen, dass er in allererster Linie an sich und die eigene Sicherheit denkt.
Paveses Haltung zum Faschismus war immer umstritten, nach seinem frühen Tod – der Autor brachte sich 1950 um – gefundene, bzw. veröffentlichte Tagebuchaufzeichnungen legen nahe, dass er dem Regime zumindest zeitweilig einiges abgewinnen konnte. Dass er Mussolini für dessen Auftreten und Erscheinungsbild bewunderte, mindestens faszinierend fand, ist ebenfalls belegt. Liest man vor diesem Hintergrund das ausführliche Nachwort von Lothar Müller zur hier vorliegenden Diogenes-Ausgabe des Romans, wird deutlich, dass DAS HAUS AUF DEM HÜGEL zu den am stärksten autobiografisch gefärbten Romanen des Autors zählt. So liest es sich bald wie eine Art Abbitte für einen (rein gedanklichen?) Fehler. Pavese trat 1945 der kommunistischen Partei Italiens bei, ein Akt, der schon damals als eine Art historischer Wiedergutmachung betrachtet wurde.
Die Haltung, die im Roman deutlich wird, ist definitiv nicht die eines überzeugten Faschisten, eher die eines Opportunisten, der glaubt, es sei am Gang der Dinge so oder so nichts zu ändern und man füge sich besser in sein Schicksal. Aber es ist auch die Haltung eines Menschen, der die Schrecken des Krieges, mehr noch die des Bürgerkriegs gesehen hat und ob dessen seinen Glauben an die Menschheit verliert. Wenn Menschen bereit sind, anderen Menschen dies anzutun, dann, so scheint der Grundtenor dieses von tiefer Melancholie durchzogenen Romans zu lauten, dann haben wir uns immer schon verloren, dann sind wir für alle Zeiten verdammt. Gerade die letzten Seiten des Romans deuten diese Art der Verdammnis an, wenn der Autor sich die Frage stellt, ob der Krieg und was er angerichtet hat, für irgendjemanden je beendet sei – außer für die Toten.
Eine Haltung, die an jene gemahnt, die ein Autor wie Curzio Malaparte geradezu obsessiv in einem Roman wie DIE HAUT (1949) ausstellt. Dort wird der Untergang des Abendlandes in expressiven Bildern und wie ein willkommener Akt der Selbstbefreiung geschildert. Pavese, der dem Neorealismus zugerechnet wird, obwohl er auch immer wieder für die Mythisierung angegriffen wurde, die seinen Büchern zugrunde liege, ja, regelrecht betreibe, drückt eine ähnliche Verzweiflung aus, betrachtet das, was geschieht, allerdings weitaus realistischer, letztlich auch betroffener. Und doch kann man beide Bücher gut in Korrespondenz zueinander lesen.
Paveses Konstruktion des Romans ist bemerkenswert – allerdings auch bemerkenswert selbstanklägerisch. Corrado ist ein Lehrer, damit im Kontext des Buchs als Intellektueller gekennzeichnet, während die meisten Menschen, mit denen er Umgang pflegt, ländlich, im Kontext des Romans also bäuerlich sind. Sie sind es aber, die nicht nur das Leben zu lieben verstehen – mehrfach wird im Buch geschildert, wie sie feiern, singen, tanzen, essen -, sondern auch wissen, was zu tun ist, wenn es darauf ankommt: Sie gehen in die Berge, sie kämpfen und sind bereit, für ihre Freiheit zu sterben. Corrado erfährt während seiner Zeit im Versteck nicht nur, dass Dino sich aufgemacht hat, ein Junge, den Cate in seiner Obhut gelassen hatte, sondern auch, dass Cate und deren Freunde und Verwandte, die sich den Partisanen angeschlossen oder sie unterstütz hatten, alle von den Deutschen gefangen genommen und deportiert wurden. Dieses fraglos grausige Schicksal, das nahezu zwangsläufig in die Vernichtungslager der Nazis geführt haben muss – was im Roman auch so angemerkt wird – scheint den Erzähler aber ebenfalls seltsam kalt zu lassen. Auch dem Schicksal Dinos gegenüber zeigt sich der Erzähler seltsam indifferent. Erst recht, wenn man bedenkt, dass der Junge sein Sohn sein könnte. Ein Fakt, den Corrado aber auch zuvor schon eher bedrückt denn erfreut zur Kenntnis genommen hatte.
Pavese stellt also dem Intellektuellen, dem Geistesmenschen, ein denkbar schlechtes Zeugnis aus. Als habe ein Mann, der sich in der Geistesgeschichte, in der Theorie, in den Worten und Gedanken auskennt, längst die Verbindung zum „einfachen“ aber „echten“ Leben verloren. Pavese markiert damit auch den Konflikt zwischen urbanem und ländlichem Leben, suggeriert in gewisser Weise gar, dass die Faschisten ihr natürliches Habitat in den Städten gehabt hätten, was historisch nicht so einfach zu belegen ist. Allerdings zeigen die letzten Seiten des Romans auch, dass die ländliche Bevölkerung auch dem Gebaren der Partisanen wenig abgewinnen konnte. So erscheint das Volk im Roman als etwas dem Politischen letztlich Enthobenes. Gerade die Landbevölkerung steht in Kontakt mit der Natur, mit dem Leben selbst und seinen Zyklen, und scheint sich nicht wirklich um das zu scheren, was in den Weltmetropolen beschlossen wird.
Definitiv drückt auch in diesem Konstrukt eine Selbstanklage aus, hätte es ein Mann des Geistes, wie Pavese einer gewesen ist, doch vielleicht besser wissen müssen. Doch wie so viele Intellektuelle war eben auch Cesare Pavese von der Macht und letztlich auch der Gewalt fasziniert, die der Faschismus als „Kraft der Moderne“, als politische Verwirklichung dessen, was ein Mann wie Marinetti in seinem „Futuristischen Manifest“ proklamierte, zu darzustellen schien. So ist DAS HAUS AUF DEM HÜGEL auch ein beredtes Zeugnis davon, was über zwanzig Jahre faschistischer Herrschaft in den Köpfen, den Herzen und den Seelen der Menschen anrichten, die dem ausgesetzt sind – oder sich dem aussetzen. Sicher, auch Pavese gehörte zeitweilig zu den Verdammten des Regimes, wurde in die Verbannung geschickt, konnte aber dennoch davor und danach veröffentlichen und sich künstlerisch ausdrücken. Er mag hier auch davon berichten, wie er die eigene Deformation wahrnimmt, die Deformation an seinem Kopf, in seinem Herzen und in seiner Seele. Definitiv aber zeigt er ein Volk am Scheideweg, zeigt auf, wie die einen sich etwas bewahrten, was andere schon lange verloren haben.
Einen Ich-Erzähler, der so offenkundig Züge des Autors trägt, so deutlich als kalt und zurückhaltend hinsichtlich der Schicksale anderer zu skizzieren – was möglicherweise psychologisch nicht ganz stimmig ist, würden die meisten die eigene Rolle wahrscheinlich doch eher beschönigen – zeugt einerseits von tiefer Ernsthaftigkeit, was die Reflexion dessen betrifft, was man selbst getan oder unterlassen hat, andererseits ist es aber auch ein Zeugnis eigener Schuld. Ein Schuldeingeständnis und ein Eingeständnis des eigenen Irrens. Genau dies ist der Grundton, ist das weiße Rauschen dieses Buchs. Und was es eben, es sei erneut angemerkt, wahrhaftig macht.
Konterkariert – und dadurch womöglich noch schwerer belastet und zugleich erträglicher – wird diese menschliche und also politische Wirklichkeit durch die Beschreibungen der Natur, in die Corrado sich zurückzieht. Die Wege, die er durch die Wälder und Felder nimmt, die er mit Cate, mehr noch mit Dino entlang spaziert, die Berge als Kulisse des Ringens mit sich und den Ereignissen um ihn herum, die Landschaften, in denen Pavese zuhause war, die er kannte und die er hier so genau und detailreich beschreibt, sie sind der Kontrapunkt zu allem menschlichen Irren und Wirren.
Man muss diese Haltung, die eben einerseits brutal realistisch davon berichtet, was der Krieg, der Bürgerkrieg vor allem, anrichtet, andererseits aber eben mythisch (manchmal schon ans Mystische grenzend) die Natur, die Landschaft zum Überzeitlichen und damit Eigentlichen erhebt, nicht teilen, man kann sie sogar ablehnen. Und aus der Sicht des 21. Jahrhunderts, inklusive all der Kenntnisse der Forschung, mehr noch aber der Kenntnis davon, dass der Faschismus mittlerweile wieder auf dem Vormarsch ist, kann man diese Haltung erst recht verdammen. Man kann aber nicht leugnen, dass Pavese über immenses literarisches Vermögen verfügte und seine Leser*innen berührt, tief berührt. Vielleicht sollte man DAS HAUS AUF DEM HÜGEL heutzutage dann auch eher als Warnung davor lesen, wie schnell der Mensch bereit ist, der scheinbaren, vermeintlichen Stärke zu erliegen und dabei das Wesentliche vergisst, das ihn ausmacht – die Menschlichkeit. Als Warnung, dass selbst diejenigen, die es vermeintlich besser wissen müssten, einer Kraft, einer Macht erliegen können, die schlussendlich das Böse entfacht.