DAS HAUS DER LADY ALQUIST/GASLIGHT

George Cukors Klassiker des Spannungskinos - Prototyp des Psychothrillers

Lady Paula Alquist (Ingrid Bergman) verließ einst das Haus am Thornton Square, in welchem sie nach dem frühen Tod ihrer Mutter bei ihrer Tante, einer berühmten Opernsängerin, lebte. Doch eines Nachts fand Paula ihre Tante tot beim Kamin, erwürgt. Nie konnte der Fall gelöst werden, auch, weil – offiziell – nichts entwendet wurde.

Nun, 10 Jahre später, lebt Paula Alquist in Rom, wo sie bei Maestro Guardi (Emil Rameau) eine Gesangsausbildung erhält, wie einst ihre Mutter. Doch Paula verliebt sich in den Pianisten und Komponisten Gregory Anton (Charles Boyer): So entlässt der Maestro Paula, die ihr Glück finden soll.

Doch zuvor will Paula, um sich ihrer Sache ganz sicher zu sein, noch einmal allein einige Tage verreisen. Im Zug nach Österreich lernt sie die Britin Miss Thwaites (Dame May Whitty) kennen, eine begeisterte Leserin von Kriminalromanen. Wie sich herausstellt, wohnt Miss Thwaites am Thornton Square und erzählt Paula auch gleich von jenem mysteriösen Verbrechen, das sich einst im Haus Nummer 9 ereignete. Paula reagiert zu Miss Thwaites Unverständnis fast wirsch auf die Geschichte und verlässt bald danach den Zug. Zu tief sitzt noch das Trauma jener Nacht.

Kurz nach der Hochzeit, während der Flitterwochen am Mittelmeer, erzählen sich die Liebenden von ihren Träumen. Dabei kommt heraus, daß Gregory immer schon von einem ruhigen, zurückgezogenen Leben in einem jener Londoner Häuser träumte, wie sie der Thornton Square zu bieten hat. Obwohl sie innerlich zurückschreckt, überwindet Paula ihre Ängste und erklärt Gregory, daß sie nach London ziehen könnten.

Als die Eheleute das verstaubte Haus durchstöbern, findet Paula in den Noten ihrer Tante einen Brief. Er ist zwei Tage vor dem damaligen Mord datiert und stammt von einem Mann namens Sergius Bauer. Bevor Paula ihn jedoch lesen kann, reißt Gregory ihr den Brief aus der Hand und begründet dies damit, daß er sich sorge, die Lektüre könnte Paula verstören und die alten Wunden wieder aufreißen.

Ansonsten entpuppt sich Gregory jedoch als liebender Ehemann. Er scheint Paula nahezu jeden Wunsch von den Augen abzulesen und mit seiner charmanten und immer zugewandten Art widmet er ihr seine ganze Aufmerksamkeit. Er lässt sich von ihr London mit seinen Hunderterlei Sehenswürdigkeiten zeigen.

Eines Tages, Paula und Gregory wollen sich die Juwelen im Tower anschauen, schenkt Gregory seiner Frau eine wertvolle Brosche. Die habe seiner Mutter, davor seiner Großmutter gehört, nun solle seine Gattin sie tragen. Paula ist zutiefst gerührt und verspricht, sie jeden Tag zu tragen. Doch zuvor will Gregory sie noch einmal zu einem Juwelier bringen, damit dieser eine neue Nadel anbringt. So nimmt er die Brosche und steckt sie vor Paulas Augen in deren Tasche.

Im Tower fällt Paula bald auf, daß die Brosche nicht mehr an ihrem Ort ist. Offenbar hat sie sie verloren, was Wasser auf Gregorys Mühlen wäre, denn der hält seine Frau eh für vergesslich, zudem hinterlege sie dauernd Dinge. Nachdem sie die Kronjuwelen betrachtet haben – für Gregory offenbar ein einschneidendes Erlebnis, da er in reine Verzückung verfällt in Anbetracht der Pracht – gesteht Paula ihm den Verlust der Brosche. Gregory zeigt sich verletzt, gibt sich aber versöhnlich.

In der Folgezeit kommt es immer wieder zu Situationen, in denen Gregory Paula vorhält, etwas vergessen oder verlegt zu haben. Da Paula sich an keinen dieser Vorfälle erinnern kann, bekommt sie mehr und mehr Angst, etwas mit ihrem Verstand könne nicht stimmen. Gregory, der sich ein Zimmer in der Stadt gemietet hat, wo er in Ruhe komponieren kann, denkt, es sei vorerst das Beste für Paula, wenn sie das Haus hüte, nicht ausginge, keine Besucher empfinge und ihre Nerven schonte.

Da Miss Thwaites, in der Nachbarschaft allseits als Klatschbase bekannt, längst herausgefunden hat, wer die neuen Bewohner von Nummer 9 Thornton Square sind, will sie unbedingt einmal in das Haus hinein. Nicht zuletzt, weil sie sehr an dem realen Tatort eines realen Verbrechens interessiert ist.

Eines Tages spricht sie ein junger Mann auf dem Square an. Es ist der Scotland-Yard-Inspector Brian Cameron (Joseph Cotton), der sich ebenfalls an dem Haus und den Bewohnern interessiert zeigt. Er nämlich wittert die mögliche Lösung des uralten Falles. Vor allem aber ist er wie verzaubert von Paula, die ihn an seinen ersten Schwarm, die berühmte Opernsängerin Lady Alquist, denken lässt. Die hatte ihn einst, als er gerade elf Jahre alt war, empfangen und ihm sogar ein Geschenk gemacht. Nun ist er zufällig Paulas ansichtig geworden, da er ebenfalls im Tower war.

Mit der Hilfe von Miss Thwaites versucht Cameron, sich Zugang zum Haus zu verschaffen, wird aber von Nancy (Angela Lansbury), dem neu eingestellten Dienstmädchen, abgewimmelt.

Während Cameron sich mit seinem Chef berät, der eigentlich dagegen ist, uralte Fälle neu aufzurollen, empfindet Paula sich zusehends als Gefangene im eigenen Haus. Sie wird immer unsicherer, zudem bildet sie sich ein, die Gaslampen in ihren Zimmern ließen abends zu einem bestimmten Zeitpunkt nach, über sich, auf dem eigentlich verrammelten Dachboden, hört sie Schritte. Auch Gregory zeigt sich zunehmend genervt von ihren Aussetzern. Wenn sie einmal das Haus verlassen will, kommt sie nicht weit, da ihr die Welt immer fremder wird und ihre Ängste, etwas falsch zu machen und dann wieder zu vergessen, stärker werden. Auch daß Gregory sie Abend für Abend allein lässt, um in sein Appartement zu gehen, trägt nicht gerade dazu bei, daß sie sich wohler fühlt.

Durch Nancy fühlt sich Paula ebenfalls bedroht, da diese von ihr kaum Aufträge entgegennimmt und ihr immer mal wieder schnippisch kommt. Auch die schwerhörige Köchin Elisabeth (Barbara Everest) ist Paula keine Hilfe. Gregory zeigt sich angewidert davon, daß Paula die Dienstboten verdächtigt und zudem schlecht behandelt und bringt seine Frau mehrfach in kompromittierende Situationen gegenüber Nancy.

Trotz allem will Paula nicht aufgeben. Als sie eine Einladung zu einem Empfang bei Lady Dalroy (Heather Thatcher) erhalten, den Gregory vorsorglich absagt, setzt Paula sich durch und besteht darauf, daß sie hingehen. Es ist ihr ein Anliegen, auch weil sie als Kind häufig bei den Dalroys zu Gast war. Cameron, der in freundschaftlichem Verhältnis zu den Dalroys steht und an diesem Abend ebenfalls geladen ist, will seine Chance nutzen und bittet Lady Dalroy bei der anschließenden Soiree neben Paula sitzen zu dürfen.

Doch bevor es soweit kommt, erlebt Paula ihr persönliches Waterloo. Während ein berühmter Pianist neueste Stücke präsentiert, fällt Gregory auf, daß seine Uhr verschwunden ist. Lediglich die Kette hängt noch an seiner Weste. Er fragt Paula, ob sie wisse, wo die Uhr sei und greift, als sie verneint, nach ihrer Tasche. Sofort findet er darin seine Uhr. Paula, vollkommen geschockt, bricht weinend zusammen, was einen Skandal auslöst. Gregory führt sie unter Entschuldigungen in alle Richtungen schnell hinaus.

Daheim nennt Gregory Paula eine Hysterikerin. Und offenbart ihr ein fürchterliches Geheimnis, auf das er gestoßen sei, als er ein wenig in ihrer Familiengeschichte geforscht habe. Paulas Mutter, die angeblich früh gestorben sei, habe in Wirklichkeit ihre letzten Jahre in einer Irrenanstalt verbracht. Sie sei wahnsinnig gewesen und er, Gregory, befürchte, der Wahnsinn habe sich vererbt. Paula ist am Boden zerstört.

Cameron hat mittlerweile von seinem Chef erfahren, daß damals etwas wesentliches vor der Öffentlichkeit verheimlicht wurde: Entgegen der allgemeinen Annahme, es habe kein Motiv gegeben, nichts sei im Haus der Lady Alquist entwendet worden, habe es sehr wohl einen Grund gegeben, für denn ein Einbrecher womöglich getötet hätte: Lady Alquist, die vielerlei Verehrer gehabt habe, war im Besitz ausgesprochen wertvoller Juwelen, die ihr wohl jemand aus höchsten Kreisen geschenkt habe. Allerdings habe man diese niemals auf dem Markt anbieten können, da sie viel zu bekannt gewesen seien. Im Haus gefunden wurden sie aber ebenfalls nie.

Cameron, der das Haus am Thornton Square besser im Blick haben will, lässt den Polizisten Williams (Tom Stevenson), dem er persönlich vertraut, an den Thornton Square versetzen. Der soll nicht nur das Haus beobachten, gegebenenfalls Gregory Anton verfolgen und feststellen, wohin der abends geht, wenn er das Haus verlässt, sondern auch mit Nancy anbandeln, um Interna aus dem Haus abzugreifen. Letzteres fällt Williams nicht schwer, doch jedes Mal, wenn er versucht, Gregory zu folgen, ist der hinter einer Ecke wie vom Erdboden verschluckt.

Cameron verschafft sich Zugang zum Haus und kann anhand des Handschuhs, den Lady Alquist ihm einst als Elfjährigem geschenkt hatte, beweisen, daß er sie wirklich kannte. Gemeinsam mit Paula durchsucht er die Unterlagen von Gregory und bricht dabei sogar dessen Sekretär auf. Dort findet Paula nicht nur die angeblich von ihr verlorene Brosche, sondern auch den Brief des ominösen Sergius Bauer. Gregory hatte ihr gegenüber behauptet, es habe den Brief nie gegeben, die ganze Episode sei ihrem Wahn entsprungen.

Cameron ist im Besitz eines Zettels mit Gregorys Handschrift. Nun erkennt er anhand des Briefes, daß Gregory Anton und Sergius Bauer ein und dieselbe Person sind. Offenbar hatte Gregory/Sergius mit Lady Alquist Kontakt aufgenommen, so Zutritt zum Haus erhalten und versucht, die Juwelen zu stehlen. Die Ehe mit Paula ist ein groß angelegter Plan, erneut in das Haus zu gelangen und die Juwelen in Ruhe suchen zu können. Um Freiheit zu haben, habe Gregory versucht, Paula in den Wahnsinn zu treiben (Gaslightning), sie so ans Haus zu fesseln und Zeit und Muße zu finden, den von ihm im Haus vermuteten Schatz zu finden.

Cameron hatte sich zuvor gemeinsam mit Williams einen Plan des Thornton Square angeschaut und bereits darüber nachgedacht, ob es Gregory über ein Dach gelungen sein könnte, sich zurück in die Nummer 9 zu schleichen. Als das Phänomen des schwindenden Lichts auftritt und kurz darauf Schritte auf dem Dachboden zu hören sind, ist er sich sicher, des Rätsels Lösung entdeckt zu haben. Er und Williams wollen nun selbst zur Rückseite der Häuser und überprüfen, ob sie Gregory dort stellen können.

Der befindet sich derweil wirklich auf dem Speicher. Schon seit Wochen sucht er dort die Juwelen in all den Dingen, Möbeln und Anziehsachen, die er und Paula nach ihrem Einzug dort deponiert hatten. Denn da er die Juwelen damals nicht fand, bevor er von dem Kind Paula überrascht zu werden drohte, müssen sie sich seiner Ansicht nach noch im Haus befinden. Als er gerade aufgeben will, sieht er ein von ihm wenig beachtetes Kleid, das Lady Alquist einst in ihrer größten Rolle auf der Bühne trug. Es ist über und über mit Juwelen besetzt, die natürlich jeder im Publikum für Strass halten musste, Mode- und Theaterschmuck. Umso brillanter, die echten Juwelen da zu tragen, wo sie jeder sehen konnte, aber keiner erkannte. Gregory löst einige Steine aus dem Kleid und verschafft sich dann Zugang zu seinem Haus, indem er nicht zurück über die Dächer klettert, sondern die verrammelte Tür aufbricht.

Zurück in seinem Zimmer, bemerkt Gregory sofort, daß der Sekretär aufgebrochen wurde. Er stellt Paula zur Rede. Sie gesteht ihm gegenüber ein, daß Cameron da gewesen sei – „der Mann aus dem Tower“ – und ihr die Augen für Gregorys Machenschaften geöffnet habe. Doch befallen sie auch sofort wieder Zweifel, ob Cameron und alles, was er behauptete, nicht lediglich ihrem Geist entsprungen sei. Gregorys Macht über Paula scheint perfekt. Allein seine Autorität reicht, in Paula Selbstzweifel auszulösen.

Doch dann steht Cameron plötzlich in der Tür. Es kommt zu einem gesitteten aber entschiedenen Gespräch zwischen den Männern, das damit zu enden scheint, daß Gregory Cameron triumphierend entgegenhält, er könne keine seiner Anschuldigungen und Behauptungen beweisen. Daraufhin zieht Cameron das Kleid, bisher gut hinter der Tür zum Zimmer versteckt, hervor und konfrontiert Gregory mit diesem eindeutigen Beweis.

Cameron und Williams bringen Gregory auf den Dachboden und fesseln ihn dort. Paula bittet Cameron um ein paar Minuten allein mit ihrem Mann. Cameron gewährt ihr diese. Als die Polizisten fort sind, bedrängt Gregory Paula, sie solle ein Messer nehmen und ihn losschneiden. Paula tut erst wie geheißen, lächelt ihren Ehemann dann aber an und erklärt, daß sie ihm natürlich helfen wolle, da sie ihn ja liebe, aber leiderleider sei sie verrückt, verliere und verlege Dinge und fände sie nicht wieder. Während sie dies ruhig, aber mit deutlich sarkastischem Unterton sagt, wirft sie das Messer in das Dunkel des Dachbodens. Dann beginnt sie, es zu suchen, aber natürlich kann sie es nicht finden.

Gregory ergibt sich in sein Schicksal und wird von Williams abgeführt. Cameron erklärt Paula, daß er, wenn sie dies wolle, zurückkäme und nach ihr schauen würde.

Das Schöne daran, wieder einmal George Cukors GASLIGHT (1944) zu schauen, ist u.a. die Tatsache, daß das Werk so oft im Fernsehen lief und sein Titel sogar sprichwörtlich wurde – Gaslighting bezeichnet in der Psychologie eben jene Manipulationen, die Gregory Anton an seiner Frau, Paula Alquist, erprobt – und deshalb jeder die Auflösung der geheimnisvollen Vorgänge im Haus der Lady Alquist kennt. So muß der Betrachter nicht auf die Geschichte achten, sondern kann sich gänzlich auf andere Details und Aspekte des Films konzentrieren.

Man kann die atemberaubende Linie in Ingrid Bergmans Profil bewundern, diesen Schwung ihrer Stirn zur Nase und dann zu ihrer Kinn- und Kieferpartie hin, den ein Regisseur wie Cukor, allgemein als Women´s Director bekannt, perfekt in Szene zu setzen verstand; man kann das Augenmerk ganz generell auf das Spiel der Hauptdarsteller – Ingrid Bergman, Charles Boyer und Joseph Cotten – richten und sich daran delektieren, wie diese eher wie Bühnenakteure agieren, denn als Filmschauspieler; dazu passend kann man die Hunderte von Details in der Ausstattung und der Set-Dekoration bewundern, die dem Film sein viktorianisches, manchmal altmodisches, etwas plüschiges Aussehen geben und dennoch eine so wesentliche Funktion einnehmen, um den zunehmenden „Wahnsinn“ der Lady Alquist zu symbolisieren, der ihr alles immer näher und näher rücken lässt; man kann die Kameraarbeit von Joseph Ruttenberg studieren, die – ganz Cukors Diktum folgend, daß die Kamera für den Zuschauer nahezu unsichtbar sein, ihn nur unterbewußt manipulieren solle – dennoch kaum merklich ihre Positionen verschiebt, die Decken der Räume, in denen sich der Großteil der Handlung abspielt, immer mehr einfängt, sich in die Bilder schieben lässt und dadurch den immer klaustrophobischeren Zustand markiert, in welchem sich Paula befindet; man kann aber auch all die kleinen Momente voller Witz und Humor genießen, die Buch und Regie einstreuen, um die an sich bedrückende Handlung aufzulockern. Vor allem Angela Lansbury, aber auch Barbara Everest, haben in ihren Rollen als Dienstmädchen und Köchin herrliche Momente voller Sprachwitz und manchmal komödiantischem Appeal.

Man muß allerdings, wenn man den Film denn mal wieder schaut, auch konstatieren, wie heillos veraltet er wirkt, seine Funktion als Spannungsfilm, als Thriller, kaum mehr erfüllen kann und auch nicht sonderlich packt. Zu fremd, zu vorgestrig, zu rückwärtsgewandt ist das Spiel vor allem von Charles Boyer und auch das von Ingrid Bergman, die für den Film einen Oscar als beste Hauptdarstellerin erhielt. Man spürt in jeder Szene, daß man es mit einem Theaterstück zu tun hat, welches hier für die Leinwand adaptiert wurde (nicht zum ersten Mal, bereits 1940 hatte es eine britische Verfilmung des 1938 uraufgeführten Stoffes gegeben), wobei der Film daraus eben nie einen Hehl macht. Boyer und Bergman agieren wie auf einer Bühne – die Gesten übergroß, die Mimik oft bewußt ausdrucksstark, als müsste auch noch der Zuschauer in der letzten Reihe erreicht werden, selbst wenn die Kamera die Gesichter in Großaufnahmen einfängt. Dadurch wirkt das Spiel der beiden oft übertrieben, der Ausdruck immer wieder zu eindringlich für das, was eigentlich ausgedrückt werden soll. Doch inszeniert Cukor seine Interieurs, die Räume des Hauses auch wie eine Bühne. Wenig Kamerabewegungen, manchmal starr in der Halbtotalen, manchmal in einer amerikanischen Einstellung abgefilmtes Theater. So weiß jeder versierte Kinogänger schon nach Boyers ersten Minuten auf der Leinwand, daß dem Kerl nicht zu trauen ist. Bergman hingegen gelingt es immer wieder, die Verstörtheit der Paula Alquist spürbar zu machen, ihre Angst vor dem Wahnsinn, ihr Mißtrauen und die Zweifel an den eigenen Wahrnehmungen.

Man muß dem Autor des Stücks, Patrick Hamilton, schon attestieren, die Psychologie der Verunsicherung, die Manipulationen, die Gregroy Anton anwendet und die sich zunächst auf seine ewig zugewandten, oft charmant vorgebrachten kleinen Hinweise beschränken, seiner Frau deren Vergesslichkeit zu vergegenwärtigen, genau verstanden und perfekt umgesetzt zu haben. Es steckt darin ein gut´ Teil an Einsicht und Verständnis der Rolle der Frau in der viktorianischen Gesellschaft. In einer patriarchal geprägten Gesellschaft. Darin sind Stück und Film durchaus modern.

Nimmt man diese Aspekte des Stücks ernst, so gelang Hamilton nicht nur ein Krimiplot, sondern auch eine kluge Analyse jener Zeit, in der das Weibliche a priori pathologisiert wurde. Die gewollte Zerrüttung eines Menschen herbeizuführen, sich all die kleinen Winkelzüge auszudenken, seiner Frau zu vermitteln, sie mache nahezu alles falsch, treffe grundlegend die falschen Entscheidungen, benehme sich auffällig in der Öffentlichkeit, weshalb er sie abschotte, geradezu zu einer Gefangenen in ihrem eigenen Haus machen müsse – es leuchtet ein, wie ein solches Spiel funktionieren kann, wenn man sich darauf verlässt, daß die Frau bewußt als fragiles Geschöpf dargestellt wird, das es zu behüten gilt. Ein allgemein akzeptiertes Verdikt. Gregory spricht gegenüber Paula einmal sogar von deren Hysterie Ein Hinweis, daß diese Modekrankheit des ausgehenden 19. Jahrhunderts bereits allgemein bekannt ist.

Das ist in seiner Perfidie hervorragend herausgearbeitet, beschrieben und inszeniert. Es gibt einige Logiklöcher, so zum Beispiel die Tatsache, daß wir zu Beginn des Films Zeuge werden, wie eine zutiefst verunsicherte und verstörte Paula aus jenem Haus am Thornton Square gebracht wird, sie dann aber, frisch verliebt, schnell bereit ist, in das Gemäuer zurückzukehren, damit ihre neue Liebe seinen Lebenstraum, einmal in einem solchen Haus zu leben, verwirklichen kann. Auch die Leichtgläubigkeit, die in der Figur der Paula Alquist angelegt ist und in gewisser Weise überhaupt erst dazu führt, ein leichtes Opfer für einen skrupellosen Menschen wie Gregory Anton zu sein, wirkt trotz der scheinbar darin angelegten Kritik an der Behandlung der Frau als soziales Wesen ein wenig aufgesetzt.

Die Manipulation der Paula Alquist funktioniert eben nicht deshalb so gut, weil sie „blind vor Liebe“ ist – obwohl auch das eine Rolle spielt und seine Wirkung tut – sondern weil sie schnell zu verunsichern und dann ebenso schnell bereit ist, sich in ihr Schicksal zu fügen. Sie nimmt sich selbst als schwach wahr. Und nimmt man es genau, bleibt sie es bis zum Ende. Denn dem von Joseph Cotten gespielten Scotland-Yard-Inspector gelingt es ja schließlich, sie auch relativ schnell vom Gegenteil dessen zu überzeugen, was ihr Mann ihr ununterbrochen suggeriert.

Auf Umwegen bestätigt GASLIGHT also eine frauenfeindliche, Frauen pathologisierende Sichtweise des 19. Jahrhunderts. Denn Paula Alquist ist ein Spielball. Erst der ihres Gatten, dann ihres Gatten und eines ihr ja letztlich fremden Mannes, der aus verschiedenen Gründen Interesse an ihr hat. Vor allem will er den zehn Jahre zurückliegenden Fall aufklären, der der ganzen Story zugrunde liegt, denn Paula fand einst ihre ermordete Tante im Haus am Thornton Square. Das war einst der Grund dafür, das Haus zu verlassen und nicht wieder dorthin zurück zu kehren. So wirkt diese Frau immer wie eine Gefangene ihrer eigenen Emotionen, ihrer Traumata. Nie hat man den Eindruck, daß hier ein Subjekt eigene Entscheidungen trifft oder gar aufbegehrt. Allerdings hat man es bei Gregory Anton nicht nur mit einer besonders perfiden und grausamen Art von Betrüger zu tun, sondern auch mit einer hochintelligenten. Und die Art, wie Boyer diesen Mann gibt, unterstützt dies ununterbrochen. Sein Charme ist fesselnd, seine Freundlichkeit entwaffnend. So hat Paula eigentlich nie eine Chance, Eigeninitiative zu entwickeln, denn jedes Mal, wenn ein wenig davon zu spüren ist, hat Anton längst schon Vorkehrungen getroffen, ihre Ideen und Vorstellungen zu unterlaufen oder zu diskreditieren.

Um diesen düsteren Plot adäquat umzusetzen, nutzen Cukor und sein Kameramann nicht nur das fantastische Setting des Hauses, die Fülle an Möbeln, Vasen, Nippes, die es ausfüllen, sondern bedienen sich auch der Licht-Inszenierungen eines klassischen ‚Film Noir‘. Immer werden die Kontraste von hell und dunkel genutzt, werden wesentliche Dialoge ausschließlich in durch Türen oder Fenster eingefasste Schatten dargeboten, die oft wie gebannt, wie gefangen in ihren Rahmungen wirken. Gänge des Hauses verlieren sich im Dunkeln, Räume versickern in Grauzonen, manchmal in Düsternis. Die wenigen Außenaufnahmen zeigen ein London, das selten hell und sonnig ist, umso häufiger aber von Nebelschwaden durchwabert. Aus den Nebelwänden treten Figuren wie ihre eigenen Schatten hervor, wenn Gregory Anton das Haus verlässt, verschwindet er in den Nebelbänken wie ein Geist. GASLIGHT erfüllt die Konventionen des Thrillers – eines Genres, das es in seiner eigentlichen Form damals noch gar nicht gab – und bedient sich dabei der Mittel des ‚Film Noir‘ wie des Horrorfilms.

GASLIGHT ist einer der Klassiker des Spannungskinos, wie Hollywood es in seiner „goldenen Ära“ verstand und prägte. Zwischen Thriller und Gruselfilm, mit reichlich Anteilen Melodrama, verwundert am ehesten, daß dies ein Film von George Cukor ist. Denn der wurde generell für seine Komödien und Lustspiele bekannt, weniger für einen Film wie diesen. Auch, wenn GASLIGHT heutzutage vielleicht nicht mehr fesselt, wie er sein Premierenpublikum gefesselt haben dürfte, macht es immer noch Spaß, ihn zu schauen. Es ist ein Film, der das klassische Hollywood in seiner ganzen Pracht, seiner Verschwendungssucht, der Dekadenz und der Lust an Ausschweifungen auf gestalterischer Ebene ausstellt; ein Film, der einmal mehr beweist, wie ökonomisch und elegant dieses Kino oft funktionierte, wie es den Drehbuchautoren seinerzeit gelang – obwohl sie Lohnschreiber waren, meist in Teams zusammengefasst und ohne Einfluß auf den Stoff, den sie bearbeiten mussten – , Konfliktlinien und psychologischen Tiefgang in wenigen Zeilen und einprägsamen Szenen zu entwerfen und das Publikum in den Sog ihrer Geschichten zu ziehen. Und natürlich kann man hier noch einmal einige der großen Stars jener Ära bei der Ausübung ihres Handwerks beobachten. Spätestens dann wird allerdings auch noch einmal klar, daß dies ein Film aus einer fern, fern zurückliegenden Ära ist.

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