ARLINGTON ROAD

Ein leider nicht allzu gut gealterter Paranoia-Thriller aus den 90er Jahren

Eines Tages findet der Geschichtsprofessor und Terrorismusexperte Michael Faraday (Jeff Bridges) einen Jungen auf der Straße der Siedlung, in der er gemeinsam mit seinem Sohn Grant (Spencer Treat Clark) lebt. Der Junge ist schwer verletzt. Faraday lädt ihn ins Auto und fährt ihn in ein Krankenhaus. Er wacht auf den Gängen, bis spät am Abend die Eltern des Jungen, dessen Namen er nicht kannte, auftauchen. Es sind Oliver (Tim Robbins) und Cherry (Joan Cusack) Lang. Die Langs sind erst vor Kurzem in die Siedlung gezogen, in der auch Faraday lebt. Bei dem verletzten Jungen handelt es sich um ihren Sohn Brady (Mason Gamble), der sich offenbar beim Spielen mit Feuerwerkskörpern schwere Verbrennungen zugezogen hat.

Faraday, dessen Frau Leah (in Rückblenden: Laura Poe), eine FBI-Agentin, vor Kurzem bei einem Einsatz ums Leben gekommen ist, macht sich Vorwürfe, daß er die Nachbarn nicht kannte und nicht wusste, wer der Junge eigentlich ist. Seine neue Freundin Brooke Wolfe (Hope Davis) bemüht sich, seine Zweifel zu zerstreuen.

Faraday hält im laufenden Semester eine Vorlesung und ein Seminar über Rechtsterrorismus und Verschwörungsnarrative. Dabei legt er vor allem Wert darauf, bei seinen Studenten Zweifel an sogenannten „Einzeltäternarrativen“ zu säen. Er kann ihnen vermitteln, daß sie, solange ein Terrorakt nicht aufgeklärt sei, Angst verspürten, die sofort nachlässt, sobald ein Täter mit Namen und einer Geschichte sowie einem Motiv präsentiert wird. Die Studenten sind von der Intensität ihres Professors fasziniert, zugleich irritiert sie die extreme Eindringlichkeit, die er bei seinen Ausführungen an den Tag legt.

Die Langs zeigen sich in der Folge des Unfalls als freundliche Nachbarn. Sie laden Faraday und Brooke zu sich ein und geben ein Abendessen. Während Oliver Lang seine Gäste durchs Haus führt und man sich darüber austauscht, was man arbeitet – Lang ist Ingenieur und baut moderne, anonyme Einkaufszentren – bemerkt Faraday eine Zeichnung, von der Olver behauptet, sie stelle eben jenes Einkaufszentrum dar, die Faraday hingegen als normales Haus zu identifizieren meint.

Später wird deutlich, daß Oliver Lang die Familie über alles stellt. Sie sei es, der wir unsere Werte und Ansichten, unsere Haltung im Leben zu verdanken hätten. Faraday hält dagegen, daß es bei ihm seine Frau gewesen sei, der er alles verdanke. Aus ihm bricht aber auch die Wut und Verzweiflung hervor, die er angesichts der Tatsache empfindet, daß das FBI damals einen Fehler begangen habe, als es Leah und deren Kollegen Whit Carver (Robert Gossett), mit dem sich Faraday gelegentlich noch trifft, mit falschen Informationen losschickte und letztlich in eine Falle laufen ließ.

Lang ist der Meinung, man müsse Politiker und Staatsbeamte, die Fehler begingen, persönlich haftbar machen. Faraday sagt, ihm hätte es gereicht, wenn irgendwer ihm in die Augen gesehen und gesagt hätte, daß man einen Fehler begangen habe und es ihnen aufrichtig leidtue. Doch dies könne man von Institutionen nicht erwarten.

Später, im Bett, grübelt Faraday über Langs Behauptung, bei den Plänen habe es sich um das Einkaufszentrum gehandelt, obwohl es deutlich kein Einkaufszentrum gewesen sei, das auf dem Plan, den Faraday gesehen hat, abgebildet war. Brooke kann seine Zweifel zunächst zerstreuen.

Einige Tage später landet ein Brief an Lang in Faradays Briefkasten. Als Faraday Oliver den Brief bringt und der ihn öffnet, handelt es sich um eine Einladung der University of Pennsylvania, die ein Ehemaligentreffen organisiert. Lang hatte aber erzählt, er habe zuvor nie an der Ostküste gelebt und sei Absolvent der Kansas State University. Lang tut dies als Verwechslung ab. Die Erklärung schürt jedoch Faradays Mißtrauen. Erneut diskutiert er mit Brooke, die ihm klarzumachen versucht, daß es ihm nicht zustünde, in der Vergangenheit des Nachbarn zu schnüffeln.

Grant und Brady werden engere Freunde und Grant möchte, wie Brady, einer Pfadfindergruppe beitreten. Da der Junge seit dem Tod seiner Mutter introvertiert und meist nachdenklich und ernst ist, zudem Brooke ablehnt und Angst hat, diese solle den Platz seiner Mutter einnehmen, ist Faraday froh, daß Grant endlich einen Freund gefunden hat.

Bei einem Baseballübung erzählt Oliver Faraday, daß Grant seine Mutter sehr vermisse, er ihn aber für stark hielte und glaube, daß der Junge aus dem Verlust auch lernen und einen eigenen Willen gewinnen könne. Faraday ist irritiert, daß sein Sohn sich dem immer noch fremden Mann gegenüber derart öffnet. Bald will der Junge in ein Lager der Gruppe mitfahren, was Faraday zunächst ablehnt, auch, weil er Lang und dessen Erzählungen nicht traut. Das führt zu weiteren Verwerfungen zwischen ihm und seinem Sohn.

Als erneut ein Brief an Lang in Faradays Briefkasten landet, beginnt der Professor zu recherchieren. Er findet heraus, daß Lang in Wirklichkeit William Fenimore heißt. Der lebte tatsächlich in Kansas und wurde als 16jähriger verhaftet, weil er, nachdem sein Vater die Farm der Familie verloren hatte, einen Terroranschlag plante, der aber nicht funktionierte. Nachdem der echte Oliver Lang starb, nahm Fenimore dessen Namen an. Carver, dem Faraday von seinen Recherchen berichtet, erklärt ihm, daß man so zwar nicht verschwinden, sich aber zumindest von seiner Vergangenheit reinwaschen könne.

Faraday ist alarmiert. Doch sowohl Carver als auch Brooke spiegeln ihm, daß er aufpassen solle, nicht paranoid zu werden. Lang selbst wird mißtrauisch und nachdem er durch einen Zufall herausgefunden hat, daß Faraday ihm nachspioniert, stellt er seinen Nachbarn zur Rede. Ja, er habe in seiner Jugend einen Fehler begangen, aber habe das nicht jeder einmal getan? Sein Vater habe sich, nachdem die Farm weg war, das Leben genommen. Er, Fenimore, habe extra Langs Namen angenommen, weil der sein Jugendfreund gewesen sei und den er auf diese Weise habe ehren wollen, zumal sein eigener, der gute Name seines Vaters, durch die Jugendsünde verunglimpft gewesen sei.

Faraday ist einerseits zerknirscht, andererseits findet er Langs Erklärung dennoch nicht befriedigend. Doch zeigt er sich nun etwas aufgeschlossener und lässt Grant sogar mit in das Zeltlager der Pfadfindergruppe fahren. Auf die Frage des Jungen, ob Brooke dafür verantwortlich sei, gibt Faraday zu, daß sie nicht ganz unschuldig an seinem Meinungswechsel war. Als Grant fragt, ob er sie nun „Mum“ nennen müsse, erklärt Faraday ihm, daß Brooke, so sehr er sie auch liebe, niemals den Platz von Leah einnehmen könne. Diese sei solange am Leben, wie Grant und er selbst, Faraday, sich an sie erinnerten. Der Junge ist beruhigt.

In den folgenden Tagen stößt Faraday aber erneut auf Ungereimtheiten, was die Langs betrifft. Er verschafft sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Zutritt zum Haus, als er die Kinder der Langs allein dort vermutet und versucht, sich die Pläne anzuschauen. Zwar wird er von Cherry erwischt, doch immerhin konnte er sehen, daß hinter einigen Bauplänen, die Lang angeblich sammelt, andere Pläne versteckt sind. Faraday erklärt Brooke, daß er Lang verdächtige, weiterhin Terrorakte zu planen. Brooke ist schließlich mit den Nerven am Ende und verlässt das Haus.

Auch Carver lässt Faraday erneut abblitzen, als dieser ihn bittet, Nachforschungen zu Lang anzustellen. Dafür stattet Lang Faraday einen weiteren Besuch ab und macht nun deutlich, daß dieser ihm nicht in die Quere kommen solle. Er bedient sich dabei einer Mischung aus Appell an Faradays Ehrgefühl – man habe das Haus und das Leben eines anderen zu respektieren – und offenen Drohungen. Was er selbst eigentlich treibt, gibt er jedoch nicht preis.

Brooke sieht Oliver Lang zufällig in einem Parkhaus und will ihn eigentlich begrüßen, als sie sieht, wie der andere sich mit einer ihr unbekannten Frau trifft, die ihm etwas übergibt und mit der er die Wagen tauscht. Brooke folgt ihm und wird Zeugin, wie er bei einem Lieferservice seltsame Behälter abgibt. Sie verfolgt den Lieferwagen und versucht schließlich, Faraday von einem öffentlichen Telefon aus zu erreichen, da sie nun überzeugt ist, daß an dessen Annahmen doch etwas dran sein könnte. Sie erreicht jedoch nur seinen Anrufbeantworter. Nachdem sie aufgelegt hat, steht plötzlich Cherry Lang hinter ihr.

Abends kehrt Faraday heim und sieht in den Lokalnachrichten einen Bericht über einen Autounfall, bei dem eine junge Frau umgekommen ist. Er erkennt auf den TV-Bildern Brookes Wagen und rast zur Unfallstelle. Brooke ist tot. Die Langs holen ihn ab und er zeigt sich ihnen gegenüber dankbar. Als Carver ihn anderntags anruft, weil er über Faradays lange bestehendes Angebot, doch einmal eine Gastvorlesung an der Uni zu halten, nachgedacht habe, fällt Faraday auf, daß Carver von einem früheren Anruf berichtet habe, der auf dem Anrufbeantworter jedoch nicht vermerkt ist. Erneut wird der Professor mißtrauisch.

Regelmäßig nutzt er einen Anschlag als Beispiel in seinen Vorlesungen. Auch bei diesem wurde die Einzeltäterthese bestätigt. Nun nimmt er Kontakt zu dem Vater des damaligen Attentäters auf. Er trifft diesen und kann durch Zufall feststellen, daß der damals bei dem Anschlag ebenfalls ums Leben gekommene Täter mit Lang bekannt war.

Faraday ruft im Camp an, wo Grant und Brady zelten, und erklärt, daß er seinen Sohn abends abholen werde. Er rast zurück, doch als er im Camp ankommt, wird ihm mitgeteilt, man habe den Jungen – und Brady Lang – bereits am Nachmittag abgeholt. Faraday fährt nachhause und geht zu den Langs, wo eine Party stattfindet. Hier sieht er einige Gesichter, die ihm in den Tagen zuvor aufgefallen waren, darunter ein Techniker der Telefongesellschaft, der vor seinem Haus an einem Verteilerkasten gearbeitet hatte. Oliver Lang führt Faraday in sein Büro und gibt nun unumwunden zu, daß er und seine Freunde etwas planten. Da Grant sich in Langs Gewalt befindet, soll Faraday sich still verhalten. Dann schicken die Langs Faraday wieder zurück in sein Haus.

Bei einem weiteren Treffen mit Carver kann Faraday nichts von der Entführung seines Sohnes sagen, da er sich durchgehend beobachtet glaubt. Doch gelingt es ihm schließlich, dem Lieferwagen zu folgen, der vor dem Haus der Langs parkt und dessen Fahrer Faraday von der Party wieder zu erkennen glaubt. Es kommt zu einer Verfolgungsjagd durch Washington, die damit endet, daß ein Wagen Faraday rammt. Es ist Oliver Lang, der seinen Nachbarn davon abhalten will, die Anschlagspläne der Gruppe zu durchkreuzen.

Es kommt zu einer Prügelei zwischen Lang und Faraday, wobei Faraday schließlich die Oberhand behält. Er setzt sich wieder in seinen Wagen und nimmt erneut die Verfolgung auf. Lang allerdings hat ihm mitgeteilt, daß das Attentat nicht mehr zu verhindern sei und Faraday doch selbst das FBI hassen würde, also froh sein solle, wenn nun Rache geübt wird. Dadurch weiß Faraday, daß die FBI-Zentrale das Anschlagsziel ist. Er rast dort hin.

Unterwegs informiert er Carver, der schließlich zum Eingang der Tiefgarage unter dem Gebäude eilt, wo Faraday vom Wachpersonal in Schach gehalten wird. Faraday brüllt, daß im eben eingefahrenen Wagen des Lieferservice eine Bombe versteckt sei. Doch als die Männer den Wagen öffnen, ist er leer. Faraday begreift, was vor sich geht. Er nähert sich seinem eigenen Wagen, den er während der Schlägerei mit Lang verlassen hat, öffnet den Kofferraum und sieht darin die Bombe. Sie explodiert.

Nachrichtensendungen berichten von einem fürchterlichen Anschlag mit über Hundert Toten auf das FBI-Gebäude in Washington, D.C.  Es werde von einem Einzeltäter ausgegangen, Michael Faraday, einem Professor, dessen Frau, eine FBI-Agentin, bei einem schlecht vorbereiteten Einsatz ums Leben gekommen sei, weshalb der Mann einen tiefsitzenden Groll gegen das FBI gehegt habe. Studenten werden befragt und schildern ihn als freundlich, aber verschroben. Eine Studentin erklärt, Faraday habe ihr in seinem Büro einmal gesagt, daß die, die seine Frau auf dem Gewissen hätten, bald dafür büßen würden. Wir haben genau diese Studentin auch auf der Party der Langs gesehen.

Oliver und Cherry Lang stehen vor ihrem Haus und verabschieden Grant, der nun bei Verwandten leben soll. Dann fragt Cherry ihren Mann, wohin sie nun wohl geschickt würden. Er wisse das noch nicht, antwortet er. Hauptsache, es sei nicht gefährlich, sagt sie. Sicher nicht, antwortet er.

ARLINGTON ROAD (1999) oder wie ich mir einen Einzeltäter bastle – zumindest könnte das das geheime Motto von Mark Pellingtons Film sein. Denn genau davon handelt sein Film: Wie aus einem unbescholtenen Bürger, in diesem Fall einem Professor für amerikanische Geschichte an der George Washington University in Washington, D.C., für die Medien und die Öffentlichkeit ein solcher Einzeltäter wird und die hinter einem fürchterlichen Anschlag auf das FBI-Gebäude steckenden Hintermänner nicht nur unentdeckt und unbescholten bleiben, sondern sich ein ganzes Netzwerk offenbart, das Terroranschläge überall in den USA begeht. Ein Paranoia-Thriller par excellence.

Als Pellington seinen Film vorbereitete und drehte, als Ehren Kruger das Drehbuch verfasste, lag der erste Anschlag auf das World Trade Center bereits einige Jahre zurück, der Anschlag auf das Murrah Federal Building in Oklahoma City 1995, einer der schlimmsten Anschläge der amerikanischen Geschichte, war allerdings noch frisch in der Erinnerung der meisten Amerikaner. Auch dort soll es ein rechtsextremistischer Einzeltäter gewesen sein, der für die Tat verantwortlich war. All diese Terrorakte – und viele mehr – waren Taten von amerikanischen Bürgern. Der verheerende Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 lag da noch in der Zukunft. So kreist ARLINGTON ROAD ganz um die Bedrohung von innen. Eine Bedrohung, die gerade in der heutigen Zeit, kurz vor den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2020, wieder hochaktuell ist, spielt der derzeitige Präsident, Donald J. Trump, doch offen mit der Möglichkeit bürgerkriegsähnlicher Zustände, sollte die Wahl nicht zu seinen Gunsten ausgehen.

So sollte man meinen, ein Film wie dieser sei immer noch oder schon wieder relevant. Als er erschien, wurde er hochgelobt. Er war spannend, packend, voller Wendungen, gut gespielt und auf der politischen Ebene überzeugend. Umso erstaunlicher ist es, wenn man ihn nach Jahren einmal wiedersieht und sich wundert, wie schlecht er gealtert ist. Denn kennt man die Wendungen und Finten, die er im Lauf seiner Handlung bietet, weiß man um die Pointe am Ende des Films und die schockierende Erkenntnis, die dieses Ende mit sich bringt, achtet man also auf Details und wird nicht von der recht rasant geschilderten Handlung mitgerissen, stechen die teils hanebüchene Konstruktion, die Ungereimtheiten und auch die nicht immer überzeugenden Leistungen der Schauspieler doch schnell ins Auge.

Der von Jeff Bridges von allem Anfang an in Alarmbereitschaft gespielte Professor Faraday trauert um seine bei einem Einsatz umgekommene Frau, die eine FBI-Agentin war. Dies mag ihn emotional aus dem Gleichgewicht bringen, doch leuchtet zunächst nicht ein, weshalb er sofort, bei der kleinsten Ungereimtheit in der Erzählung seines Nachbarn, auf die Idee verfällt, dessen Angaben zu überprüfen. Sieht der Mann überall Verschwörungen? Ist er längst der paranoiden Wahnvorstellung verfallen, überall Terroristen, Militaristen und gewaltbereite Freaks am Werk zu sehen? Seine alarmistische, fast schon aggressiv-anklagende Art, in der er an der Universität seine Seminare und Vorlesungen hält, die eher Monologen eines Staatsanwalts vor Gericht ähneln denn wissensvermittelnden Vorträgen, lässt fast darauf schließen. Dem gegenüber steht der freundliche, nette Nachbar, gespielt von einem in seiner Freundlichkeit allerdings auch immer verschlagen, wenn nicht gar sinister wirkenden Tim Robbins, der mit seiner Familie eben erst ins Haus gegenüber gezogen ist und dessen Sohn der Professor in der ersten Szene des Films zufällig auf der Straße findet, schwer verletzt, und den ihn ins Krankenhaus bringt. Daß bereits hier ein Logikfehler vorliegt, wenn man den Film vom Ende her denkt, fällt nach all den actionreichen Höhepunkten der letzten halben Stunde des Films bei der ersten Betrachtung kaum auf. Denn vom Ende her gedacht müsste die Organisation, die für den Anschlag verantwortlich ist, Professor Faraday schon lange, bevor die Familie Lang – eben jene freundlichen und netten Nachbarn – in diese Nachbarschaft gezogen ist, als Strohmann für ihre Aktion ausgeguckt haben. Das Treffen auf der Straße jedoch ist reiner Zufall.

Natürlich ist es spitzfindig, einen Thriller derart auseinander zu nehmen. Befolgt man Alfred Hitchcocks Credo, daß man dem Publikum die unglaubwürdigsten Dinge auftischen kann, solange sie funktionieren, dann sollte man ARLINGTON ROAD attestieren, daß der Film – gerade aufgrund seines hohen Tempos und des Rhythmus´ – hervorragend funktioniert, da er den Zuschauer vom ersten Moment an packt, einen ungeheuren Sog entwickelt und bis zur letzten Minuten nicht mehr aus dem Netz, das er auswirft, entkommen lässt. Natürlich ist er hoch manipulativ, aber welche Thriller – vor allem: welcher Polit-Thriller – wäre das nicht? Es wird dem Publikum ununterbrochen suggeriert, daß das, was Faraday zu entdecken glaubt, ein reines Hirngespinst sein könnte. Allerdings erzählt der Film seine Story fast ausschließlich aus der Perspektive des Professors und hält sich auch damit fast sklavisch an die Regeln des Thrillers a la Alfred Hitchcock. Und warum auch nicht? So bangen wir also mit dem Helden, dem wir zwar mißtrauen sollen, dem wir aber unser Vertrauen schenken, da die Hinwiese, die er sieht und die der Film auch uns oft überdeutlich präsentiert, doch eindeutig genug sind. Eindeutig genug zumindest, um uns glauben zu machen, daß mit den Langs zumindest irgendetwas nicht stimmt.

Buch und Regie scheinen die Diskrepanz gespürt zu haben und da der Film ein äußerst realistisches Szenario bietet und das Publikum am Ende der 90er Jahre nicht mehr mit allzu leicht hingeworfenen Brocken abzuspeisen war, gibt Oliver Lang, Patriarch in seinem Heim, die Maskerade schon nach der Mitte des Films auf und zeigt sein wahres Gesicht. Spätestens ab diesem Zeitpunkt ist die Frage, die ARLINGTON ROAD aufwirft, nur noch, ob die finsteren Mächte, zu denen auch die Langs gehören, ihre Pläne verwirklichen können, oder ob es Faraday mit Hilfe eines ehemaligen Kollegen seiner Frau beim FBI gelingt, das schlimmste zu verhindern. Die eigentliche Überraschung des Films ist also, daß ihm dies eben gerade nicht gelingt und er schließlich selbst als Täter des Anschlags gilt, auf den die Langs offenbar schon lange, bevor die Filmhandlung einsetzt, hingearbeitet haben. Deren Motivik allerdings bleibt weitestgehend im Dunklen. Sind sie Wertkonservative, die sich radikalisiert haben? Sind sie Anarchisten, die den Staat unterminieren wollen? Oder sind sie doch Anhänger eines rechtsextremen Netzwerks, welches den Umsturz plant? Dies im Trüben, den Zuschauer nie wirklich wissen zu lassen, mit wem oder was er es zu tun hat, macht viel von der Atmosphäre aus, die den Film gerade beim ersten Schauen ausmacht. Denn die Bedrohung bleibt so im Ungefähren, nicht greifbar und damit umso verstörender.

Krugers Buch bietet neben diesen atmosphärischen Details einige gute Wendungen und Twists, das ist nicht zu leugnen. Daß die Langs vor allem über Grant, den Sohn des Professors, ihre Charmeoffensive starten und ihn langsam auf ihre Seite ziehen, dabei die Wut und Trauer des Kindes nach dem Tod der Mutter nutzen, um einen Keil zwischen Vater und Sohn zu treiben und den Professor damit immer mehr isolieren, ist wahrlich perfide. Offensichtlich haben sie verstanden, daß der Mann ein emotionales Wrack ist, der seine Wut auf den Arbeitgeber seiner Frau kaum zügeln kann – sie wurde Opfer einer Schießerei, bei der die Agenten mit falschen Informationen gefüttert einen Verdächtigen verhaften sollten – und der nun, langsam, durch die Beziehung zu seiner Assistentin Brooke Wolfe, versucht, ins Leben zurückzufinden. Doch braucht das Script arg viele und arg weite Umwege und jede Menge Hinweise, um die emotionale Instabilität des Professors zu verdeutlichen. Umwege und Hinweise, die die Glaubwürdigkeit der Story unterlaufen. Allem anderen voran ist das bereits erwähntes Auftreten des Professors vor seinen Studenten, die er in einer Schlüsselszene des Films an den Schauplatz jener Schießerei führt, bei der seine Frau ihr Leben verlor. Die Szene bietet den Machern ganz nebenbei auch die Möglichkeit, ein wenig (blutige) Action in den Film einzubauen, wenn uns der Vorfall in Rückblenden gezeigt wird. Doch sowohl die Ausrichtung der Lehre des Professors – Terrorismus und Verschwörungsnarrative – als auch die Art, wie er diese Lehre vermittelt, wirken nicht überzeugend. Welche Universität ließe einen ihrer führenden Mitarbeiter Studenten praktisch das eigene Leid vermitteln?

Aber auch die Hinweise und Auffälligkeiten, die Faraday erst auf die Spur bringen, wirken manches Mal aufgesetzt. Mehrfach liegen Briefe für den seltsamen Nachbarn in seinem Briefkasten, was wenig Sinn macht, vor allem in der Häufung. Ein Geschichtsprofessor erkennt sofort anhand einiger Baupläne, daß es sich dabei nicht um das behauptete Einkaufszentrum, sondern eine Haus handeln soll; als Faraday, um sich die Pläne genauer anzusehen, vortäuscht, seinen Hausschlüssel vergessen zu haben und bei den Langs schellt, um von dort aus den Schlüsseldienst zu rufen – und nebenbei die Pläne zu studieren – begegnen ihm die Lang-Kinder nicht nur wie einem Fremden, sondern wirken, als seien sie direkt einem Film wie THE DAMNED (1963) entsprungen – unnahbar, unfreundlich und mißtrauisch; schließlich ist auch die allzu aufgesetzte Freundlichkeit der Langs bald schon ein überdeutlicher Hinweis, daß mit dieser Familie irgendetwas nicht stimmt. So verspielt der Film einige Möglichkeiten und bietet dem Zuschauer kaum eine andere Perspektive als die Faradays, wodurch dessen vielleicht verquere Lesart der Realität nie wirklich in Frage gestellt wird. Bridges´ Art, Faraday zu spielen, deutet aber immer wieder an, daß nur er diese Hinweise sieht, obwohl sie so eindeutig scheinen. Deshalb wirkt dann auch der Streit mit seiner Freundin nicht wirklich überzeugend. Noch weniger überzeugend allerdings ist es, wie leicht sie dann wieder umschwenkt, nur weil sie Oliver Lang zufällig bei einem Treffen mit einer Wildfremden beobachtet.

Nun sollte man natürlich nicht allzu kritisch an Thriller herangehen, in deren Wesen es nun einmal liegt, konstruiert zu sein. Doch ist ARLINGTON ROAD ein gutes Beispiel dafür, weshalb viele, viele Thriller genau einmal funktionieren und schon beim zweiten Schauen oftmals Lücken und Schwachpunkte offenbaren. Andererseits beweist ein Film wie THE SIEGE (1998), der ein Jahr früher entstand, daß es auch anders geht, daß ein Thriller so konstruiert sein kann, daß sein inneres Gefüge auch beim zweiten, dritten, vierten Mal, daß man ihn sieht, noch funktioniert. Und er beweist, daß sein Thema auch zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen noch höchst relevant sein kann. Möglicherweise ist das dann der Unterschied zwischen einem echten Anliegen und Kolportage. ARLINGTON ROAD bietet leider eher Kolportage, sein Anliegen bleibt bloße Behauptung (wenn er denn wirklich eines hat) und wird schließlich unter reinen Spannungseffekten und dem Überwältigungsspektakel reiner Action verschüttet. Hier wird das gesamte Terror-Motiv schließlich nur genutzt, um den Zuschauer zu gruseln.

So bleibt ARLINGTON ROAD ein durchaus spannender, unterhaltsamer, leidlich gut gespielter Thriller, der vor allem den Erstbetrachter packt. Es ist ein Paranoia-Thriller, wie man sie vor allem aus den 70er Jahren kannte und zugleich ein Vorgriff, eine Vorahnung vielleicht, auf das folgende Jahrzehnt, das eine ganz andere Art der Paranoia und damit auch eine andere Art der medialen Umsetzung und Verarbeitung paranoider Vorstellungen mit sich bringen sollte. Und aus genau dieser Perspektive wirkt der Film dann eben veraltet.

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