DAS ZWEITE SCHWERT

Peter Handke nimmt keine Rache

Peter Handke schreibt eine „Rachegeschichte“ und man mag es als langjähriger Leser seiner Texte kaum glauben. Handke? Eine Rachegeschichte? Und dann beginnt man mit der Lektüre und merkt auf den ersten 50, 60 Seiten, daß alles ist, wie immer. Handke beschreibt einen Aufbruch. Wie so oft. Anders als in Werken wie DIE MORAWISCHE NACHT (2008) oder DIE OBSTDIEBIN (2017) wird es aber kein Aufbruch zu einer langen Wanderung, sondern der Protagonist, der „Ich“-Erzähler, will lediglich mit der Straßenbahn und den Ersatzbussen durch die Île-de-France, um das Objekt seiner Rache zu erreichen. Es ist eine Journalistin, die einst die Mutter des Erzählenden beleidigt hatte, indem sie ihr attestierte, Adolf Hitler nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich bei dessen Einmarsch in Wien zugejubelt zu haben. So sei es auf einem Foto sehen. Der Erzähler kann diese Aussage nicht stehenlassen und will eine nicht näher beschriebene Vergeltung an der dies Behauptenden vollziehen. Gewaltsam wird sie sein, soviel steht fest.

DAS ZWEITE SCHWERT (erschienen 2020) ist, laut Untertitel, eine „Maigeschichte“. Und der Mai macht ja, wie man weiß, alles neu. Und so ist auf diesen knapp 158 Seiten manches also neu, obwohl es alt, altbekannt, wirkt. Unter den vielen, vielen Aufbrüchen, die Peter Handke in all seinen Schriften immer schon ausgiebig geschildert hat – und immer sind es langsame Aufbrüche, zeitlich hingezogene Aufbrüche, die in den Texten viel Raum beanspruchen –  dürfte dies der mit Abstand längste sein, weil er sich im Grunde über den gesamten Roman hinzieht. Vom Haus zum Bahnhofsvorplatz, immer mit vielen Erinnerungen an früherer Gänge desselben Weges, in die dortigen Kneipen und Bars, zu den Obdachlosen und Asylsuchenden, Menschen beobachtend, in den Bahnhof und hinein in die Bahnen, die Raum für neue Beobachtungen bieten, dann in die Busse und Zwischenstopps, die ebenfalls Begegnungen mit sich bringen, vollzieht sich dieser Tag vor dem Leser. Die angepeilte Rache verliert der Erzählende zwischenzeitlich aus den Augen, erinnert sie und reflektiert auf das Wesen der Rache, ohne dem Leser je mitzuteilen, worin diese eigentlich bestehen sollte.

Was aber ist dann neu? Neu ist, daß Peter Handke, der Erzähler, der Schriftsteller, der Autor, hier weitaus näher an, bei, in (?) sich bleibt, als dies für gewöhnlich der Fall ist. Für gewöhnlich ist Peter Handke ein Ich-Erzähler, der durchaus um das Eigene und damit Eigentliche kreist, doch ist er eben auch ein Romanautor, der die Distanzierung sucht. Da mögen Reelles und Imaginiertes ineinanderfließen, doch bleibt eine grundlegende Differenz zwischen dem Schreibenden Peter Handke und jenem „Peter Handke“, der, nie namentlich erwähnt, die Bücher durchwandert. Hier nun nimmt der Schreibende durchaus Bezug auf den reellen Autor. Er erwähnt Vergangenes, von dem der aufmerksame Leser weiß, daß Handke darauf schon in Interviews rekurriert hat – allem voran die Gewalt, die er einst auch Frauen angetan haben will. So gab er einmal zu, in den 80ern eine seiner Freundinnen, die Schauspielerin Marie Colbin, geschlagen zu haben. Zudem nimmt er Bezug auf jene gesprochenen Worte, die laut dieses Textes nie zur Veröffentlichung, also zur Reproduktion, zur Rezeption, gedacht gewesen seien. Man kann davon ausgehen, daß er damit auf seine Rede bei der Beerdigung von Slobodan Milošević anspielt, die als „Gewalt“ in Form von Verhöhnung und Mißachtung der Opfer der jugoslawischen Bürgerkriege der 90er Jahre angesehen wurde. Und neu ist schließlich die vermehrte Selbstbefragung, die seine Texte – in Form von wörtlicher Rede wiedergegebenen Einschüben einer externen Stimme, die den Erzähler vor allem auf dessen Wortwahl, Syntax und Grammatik befragt – immer schon durchzieht, hier aber gelegentlich fast aufdringlich Überhand gewinnt.

Es wurde – der Veröffentlichungstermin legt es nah – in diversen Rezensionen (SPIEGEL, SUEDDEUTSCHE ZEITUNG) gemutmaßt, daß Handke seine Rachegeschichte explizit gegen Journalisten richte, da er sich nach der Bekanntgabe der Verleihung des Nobelpreises für Literatur im Herbst 2019 mehrfach abschätzig bis offen feindselig gegenüber der Journaille als solcher geäußert hatte. Da er selbst den April und Mai 2019 als Zeitraum der Verschriftlichung der Geschichte angibt, kann dies allerdings nicht stimmen. So sollte man den Text womöglich gar nicht in Bezug zu den Geschehnissen rund um den Nobelpreis setzen, sondern ihn, wie bei Handke immer, als eigenständigen, losgelösten und nur weltlich kontextualisiert begreifen.

Dennoch bleibt dies ein seltsam selbstreferentieller Text, der die Handke-übliche Erweiterung ins Allegorische (was er selber als Kennzeichnung seines Werkes sicherlich ablehnen würde) und auch ins Zeichenhafte, Symbolische kaum mehr aufweist. Hier kreist Handke als Autor um sich und spielt ein Spiel mit seiner Wirklichkeit und jenen Vorwürfen, die ihm immer wieder und immer schon gemacht wurden: Er sei misogyn, sein Schreiben fröne einer Innerlichkeit, die das Politische zurückweise (zuletzt so geäußert von Maxim Biller in einem Interview mit dem Magazin der SUEDDEUTSCHEN ZEITUNG), es sei eine verklausulierte, hermetische Sprache, die die Welt außer Acht lasse. Wahrscheinlich muß sich ein jeder Lesende selbst ein Bild davon machen. Wer Handke aber vorurteilsfrei liest, wird zumindest dies nicht leugnen können: Kaum ein deutschsprachiger Autor der Nachkriegszeit hat die Sprache als welterfassendes System so ernst genommen, sie so genau durchdrungen, wie eben Peter Handke. Und so wird man hier den Eindruck nicht los, daß ein Autor sich – vielleicht auch in Ermangelung eines „großen“ Themas – Rechenschaft ablegt und selbst befragt hinsichtlich seines Werkes und seines Wirkens. Doch auch das kann ermüden und an irgendeiner Stelle sogar langweilen.

Erst auf den letzten Seiten, wenn die Rache sich doch noch vollzieht, löst sich einiges auf, versteht man, was zuvor immer unverständlicher wurde und Handke führt einmal mehr die Macht der Sprache vor, wenn er verdeutlicht, was die eigentliche Rache – Rache als allgemeine Handlung – ist: Das Schweigen oder Ver-Schweigen. Wer Rache übt, der nimmt den, an dem er sich rächt, wohl in seine Geschichte, die eigene Sprache, auf. Ist dann nicht die Auslassung der Rache die eigentliche Rache? Das Auslassen des zu Be-Rächenden aus der Erzählung?

Am Ende des Romans findet einmal mehr, wie oft bei Handke, ein Fest statt, das sicherlich keinem Fest entspricht, wie es der Leser je zuvor erleben durfte. Und in dieser Festlichkeit ist dann eben auch kein Platz mehr für Rache und die ihr innewohnende Gewalt. Der, oder die, die die Rache treffen sollte, ist verschwunden. Verschwunden in den Nichtigkeiten medialer Präsenz, die in einer von Peter Handke beschriebenen Welt niemals auch nur annähernd an das Eigentliche, das Eigen-Sein dieser Welt heranrücken kann, im Gegenteil: Das Mediale ist in dieser Welt immer ent-äußert und damit auch unwesentlich. Wesentlich bleibt der Mensch und sein Erleben, ob Ich-Erzähler oder Erzähler, und deren Behuf.

DAS ZWEITE SCHWERT erfüllt sich in sich selbst – nicht im Stahl der Klinge, sondern in der Schärfe der nie geäußerten, nie niedergelegten Worte.

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