DAVENPORT 160 x 90

Ein recht gelungenes Debüt

Immer Vorsicht mit den Zitaten auf Buchcovern! „Ein Meisterwerk!“ wird Sybille Ruges DAVENPORT 160 x 90 (2022) aus dem berufenen Munde niemand geringeres denn Tobias Gohlis beworben. Das erhöht den Einsatz ungemein, denn nun erwartet der Leser doch einiges. Und wie so oft kann der Roman zumindest diese Hürde nicht nehmen, reißt die Latte und landet deutlich unter Wert auf den hinteren Rängen.

Ruge hat einen ‚Female Noir‘ geschrieben, wie der Klappeninnentext den Leser belehrt – und damit kommt man der Sache dann doch näher. Die Geschichte um die „Forderungsmanagerin“ Sonja Slanski, die uns diese wilde Räuberpistole aus ihrer Sicht schildert, erfüllt wahrlich eine Menge Prämissen, die für einen ‚Noir‘-Krimi, einen Hardboiled-Thriller notwendig sind. Sowohl inhaltlich als auch stilistisch. In kurzen, selten durch eingeschobene Neben- oder Relativsätze unterbrochenen Aussagesätzen, die dem Leser gelegentlich wie militärische Befehle vorkommen, erzählt die Autorin eine wilde Geschichte aus der Welt eines Inkasso-Unternehmens. Da wird Sonja Slanski gebeten, eine Anwaltskanzlei zu ruinieren, die ihrerseits eine Dame der höheren Frankfurter Gesellschaft betrogen haben soll, zugleich wird sie mit einer jungen Frau konfrontiert, die ihre gerade verstorbene Mutter gekannt haben will und die, eine postmoderne Künstlerin, kurz ihr Leben durcheinanderwirbelt, nur um kurz darauf tot in ihrem Appartement zu liegen, erdrosselt und mit blutiger Kehle. Das hat zwar den angenehmen Nebeneffekt, daß Slanski einen sie sexuell äußerst anregenden Kommissar kennenlernt, bringt ihr Leben aber ansonsten vollkommen durcheinander. Zumal ihr Geliebter A., der sich als Gatte ihrer Auftraggeberin entpuppt, offenbar nicht mehr an einer weiteren Affäre interessiert scheint. Und immer stärker scheint alles mit allem in Verbindung zu stehen…

Verwirrung – seit Raymond Chandler als „Atmosphäre“ im ‚Noir‘-Thriller geadelt – und Chaos stellen sich ein und der Leser gibt irgendwann auf, allen Wirrungen und Irrungen, verschlungenen Pfaden und labyrinthischen Wendungen zu folgen und konzentriert sich ganz auf die, noch nicht ganz Stakkato-Sätzen ähnelnden, Sentenzen und Lebensweisheiten der Sonja Slanski. Die gibt etwa zur Mitte des Buchs zum Besten, daß sie wünschte, ihr Leben entspräche dem ultimativen Satz, dem nicht mehr zu hinterfragenden Satz, der als absolute Aussage gelten kann. Den Gefallen hat ihr Sybille Ruge erfüllt. Vielleicht hat sie sich auch selbst einen Gefallen getan, als sie merkte, daß der ganze Roman bisher fast ausschließlich aus Hauptsätzen besteht und wollte dies inhaltlich begründen. Wer weiß. Auf jeden Fall ist das, was in diesen Aneinanderreihungen von Worten zum Ausdruck kommt, hart, oft zynisch, manchmal geradezu brutal gegenüber der Welt und der Gesellschaft, in der auch Sonja Slanski lebt und an der sie partizipiert. Da entspricht sie ganz ihren älteren Verwandten, die meist in und um Los Angeles oder San Francisco ihrer Arbeit nachgingen und alles gesehen, erlebt und gecheckt zu haben schienen. Auch Slanski hat sich ein recht einfaches Weltbild zurechtgelegt, das es ihr erlaubt, ihren Job und die Menschen, mit denen sie es dadurch zu tun bekommt, auf innerer Distanz zu halten.

Diese innere Distanzierung einer immerhin erst Dreißigjährigen, wird dann aber doch durch das Auftauchen von Luna, eben jener Künstlerin, die in ihren Arbeiten immer bis zum Äußersten und darüber hinaus zu gehen scheint, durchbrochen. Auf einmal gibt es da nicht nur sexuelle Bedürfnisse, die Slanski mit One-Night-Stands und Affären wie jener zu A. zu befriedigen sucht, sondern auch Emotionen. Und die zurückzudrängen, gelingt der jungen Inkassobetreiberin dann eben nicht mehr. Und auch der Sprache, der sich sowohl die Protagonistin als auch die Autorin befleißigen, weicht ebenfalls auf, öffnet Räume auf das Innenleben dieser jungen Frau und offenbart sogar Verletzlichkeit und Unsicherheit. Dieser Wechsel, eher ein schleichender Übergang, gelingt Ruge allerdings nahezu perfekt. Da von einem Meisterwerk zu sprechen, scheint am ehesten passend.

Weniger passend scheint die Angabe in Bezug auf die Story, die hier erzählt wird. Ein Krimi? Darauf läuft es wohl hinaus, immerhin liegt eine junge Künstlerin tot in der Wohnung der Ich-Erzählerin herum. Und ein Kommissar kontaktiert sie – allerdings nicht, um den Mordfall aufzuklären (dessen Auflösung im Roman schließlich eher zu erahnen ist, als daß er im eigentlichen Sinne geklärt würde), sondern weil er offenbar fürs BKA an einem ganz anderen Fall arbeitet, der nichts mit Mord und Totschlag, sondern mit Lug und Betrug im großen Maßstab zu tun hat. Und da möchte er die junge Frau gern zur Mitarbeit ermuntern, nicht zuletzt, weil es eben jene Kanzlei ist, der sie so zugesetzt hatte, die im Fokus der Ermittler steht. Und dann ist da noch Catherine Steiner, Slanskis Auftraggeberin hinsichtlich der Kanzlei und A.s Gattin, die an allen Ecken und Enden dieser Geschichte der losen und ausfransenden Enden auftaucht. Das alles scheint in einem geschlossenen Kreislauf stattzufinden, einem Zirkel weniger Menschen, die nur widerwillig Platz machen, wenn ein neuer Mitspieler in den illustren Kreis tritt.

Durch diese Konstruktion – in der auch noch Lunas Ex-Freund, der Nachtclubbesitzer Chang, als Schatten Slanskis etwas undurchsichtiger Vater und die eine oder andere Nebenfigur eine Rolle spielen, alle mit genügend Raunen ausgestattet, damit der Leser zumindest denkt, mit wichtigen Informationen gefüttert zu werden, auch wenn so Manches davon im Laufe der Handlung versandet – sorgt Ruge für die notwendige Atmosphäre, die hier immer einen Hauch von Verschwörung verbreitet. Jeder scheint irgendwie immer etwas mehr zu wissen als die Erzählerin und ebenso scheint ein jeder bereit zu sein, dieses Wissen preiszugeben, wenn er oder sie nur danach gefragt wird. Das trifft sogar auf Maria zu, eine Kellnerin in Slanskis Lieblingscafé, die zwar nicht wirklich etwas zur Klärung des Falles – besser: der Fälle, sachlich-pragmatische wie persönlich-emotionaler – beizutragen hat, deren Einlassungen aber andeuten, daß sie nahezu jeden der Beteiligten kennt. Aber vielleicht hat man das als Rezipient auch einfach nur falsch verstanden? Oder gar nicht verstanden?

DAVENPORT 160 x 90 scheint sich nicht wirklich entscheiden zu können – oder zu wollen? – ob es nun wirklich ein Krimi oder Thriller ist oder doch eine Art Éducation sentimentale unter den verschärften Bedingungen des nicht mehr ganz jungen 21. Jahrhunderts mit all seinen digitalen, urbanen, diversen Uneindeutigkeiten. Es ist leidlich spannend (in Krimiskalen) aber interessant genug, um den Leser bei der Stange zu halten. Das ist in allererster Linie dem stilistischen Umgang mit Sprache geschuldet. Er ist gewöhnungsbedürftig, packt aber. Dadurch ist das Gewand eines ‚Noir‘-Thrillers glaubwürdig und so kann sich Ruge der Mittel bedienen, die der Thriller bietet: Schnelle Handlungswendungen, Schnitte, häufige Ortswechsel, Tempo. Eben handlungsbasiertes Erzählen. Und der Rückgriff auf den ‚Noir‘-Thriller erlaubt es ihr auch, nicht jedem Handlungsstrang bis zum Letzten nachgehen zu müssen. Schriftstellerische Freiheit. Ein schnödes Entwicklungsdrama wäre im Meer von Literatur, die die damit verbundenen Themen bearbeitet, wahrscheinlich untergegangen. So aber hat man es mit einem wahren Hybrid zu tun, einem Roman, der auf einem schmalen Grat balanciert, gelegentlich mit einem Fuß abrutscht, schon mal ins Schlingern gerät, ein wenig das Gleichgewicht verliert, letztlich aber doch überzeugen kann.

 

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