DER BÜRGERMEISTER VON CASTERBRIDGE/THE LIFE AND DEATH OF THE MAYOR OF CASTERBRIDGE

Thomas Hardy schenkt der Weltliteratur eine großartige Figur

In seiner schelmisch einem Dritten zugeschriebenen Autobiographie ließ Thomas Hardy die Nachwelt wissen, daß ihm in der Konstruktion seiner Romane unter anderem die Häufigkeit der Wendungen und damit einhergehenden Zufälle mißfiele; diese jedoch seien der Veröffentlichungspraxis als Serien in den Zeitungen geschuldet. Woche für Woche – oder Folge für Folge – verlangten diese, was wir Heutigen wohl einen Cliffhanger nennen würden. Der Leser muß angefüttert werden, braucht einen Spannungsbogen, der die Aufmerksamkeit bindet. Dieses Schicksal teilte Hardy mit vielen seiner schriftstellernden Kollegen des 19. Jahrhunderts wie bspw. Charles Dickens, der allerdings aus der Not eine Tugend zu machen verstand. Und auch Thomas Hardy kokettiert in gewisser Weise, da gerade seine großen Romane als besonders kunstfertige Meisterwerke der literarischen Konstruktion betrachtet werden. Und vielen modernen Kritikern gereicht gerade die Konstruktion des vorliegenden Romans als höchstes Beispiel der Kunst dieses Autors.

Hardys große Romane spielen alle in einer fiktionalisierten Grafschaft Wessex, welches er sprachlich so pittoresk zu fassen verstand, daß man manche seiner Romane wie Reiseführer lesen kann. Casterbridge, Kulisse des vorliegenden Romans, ist fast sklavisch der Stadt Dorchester nachempfunden, wo Hardy selber den Großteil seines Lebens verbrachte; doch auch andere Dörfer, ja sogar einzelne Weiler, sind Hardys Lebenswirklichkeit entnommen und werden von ihm mit der ganzen Liebe, die er für diesen Teil Englands hegte, beschrieben. Zugleich glaubte Hardy – dessen Literatur man immer der des 19. Jahrhunderts zuschlägt, obgleich der Autor erst 1928 das Zeitliche segnete – seiner Zeit entsprechend, daß in den äußeren Umständen seiner Erzählungen immer auch die innere Verfasstheit der Protagonisten zum Ausdruck kommen müsste. So wird dies´ Wessex eben auch zu einem Abbild jener, die es in den „Wessex-Romanen“ bevölkern. Auch und vor allem gilt dies für den vorliegenden Text.

THE LIFE AND DEATH OF THE MAYOR OF CASTERBRIDGE: A STORY OF A MAN OF CHARACTER lautet der vollständige Originaltitel des Werkes, welches in Buchform – und damit auch leicht modifiziert – erstmals 1886 erschienen ist. „Charakter ist Schicksal“ lautete eine von Hardys Maximen und so lässt er es an einer Stelle im Roman auch seinen Hauptprotagonisten Michael Henchard sagen. Dieser Michael Henchard – in seiner dem Trinken geschuldeten moralischen Verkommenheit und der daraus resultierenden Melancholie und inneren Zerrissenheit ein wahres Geschenk an die Weltliteratur – ist genau dies: Ein Mann von Charakter. Ein Mann, der sich seinen Verfehlungen stellt, der zwar aus einem Fehler meist einen zweiten und dritten erwachsen lässt, dennoch aber früher oder später um sein Fehlen weiß, es sich eingesteht.

Ein einfacher, verbitternder Heubinder – und eben ein Trinker vor dem Herrn – , verkauft er in jungen Jahren in einer durchzechten Nacht seine Frau und das gemeinsame Kind an einen Matrosen. Diese Tat verfolgt ihn für die kommenden 21 Jahre, die er nicht zu trinken geschworen hat. In dieser Zeit gelingt ihm in der kleinen Stadt Casterbridge ein erstaunlicher Aufstieg vom Hilfs- und Wanderarbeiter zum angesehenen und ökonomisch mächtigen Getreidegroßhändler, der über Jahre auch das titelgebende Amt des Bürgermeisters innehat, was seine Honorabilität ausstellt und unterstreicht. Als sowohl die einst von ihm verstoßene Frau, Susan, samt ihrer Tochter Elizabeth-Jane, als auch der junge Schotte Donald Farfrae in der Stadt eintreffen, kommen die bisher eher ruhigen Bedingungen von Henchards Leben in Bewegung. Glaubt er in Farfrae den lang gesuchten Verwalter seiner Geschäfte und Liegenschaften gefunden zu haben, ja, darüber hinaus gar einen Freund, so meint er an seiner früheren Frau und der gemeinsamen Tochter das begangene Unrecht wieder gut machen und sich damit Erlösung von seinen Fehlern verschaffen zu können.

In einer von Hardy vielleicht aus den oben beschriebenen Zwängen des seriellen Schreibens hervorgebrachten, in ihrer Kunstfertigkeit ob ihrer ausgetüftelten Balance auf ziemlich genau 400 Seiten kaum hoch genug einzuschätzenden Konstruktion aus Geheimnissen, Vorenthaltungen, Halbwahrheiten und glatten – aus Bosheit oder falsch verstandener Loyalität geäußerten – Lügen, entsteht ein Geflecht, in welchem kaum mehr zu unterscheiden ist, was an den dramatischen Geschehnissen nun Schicksal ist und was schicksalhaft den eigenen Fehlern der handelnden Figuren entspringt.

Wollte man Hardys Text in modernen Kontexten lesen, müsste man den Roman als eine Warnung vor der Unehrlichkeit in Liebes- wie Geschäftsbeziehungen bezeichnen. Zudem ist es ein Roman im Konjunktiv: Ständig müssen die Protagonisten abwägen, welche Reaktionen ihre Handlungen hervorrufen könnten, wie die in ihrem Umfeld Lebenden mit ihren Handlungen umgehen, wie sie sie betrachten. Tief innerlich ist all diesen Figuren Unsicherheit und Zweifel. Zweifel am eigenen Da-Sein, am eigenen Handeln, an der Stellung, die man in der Welt einnimmt. Es gelingt Hardy trefflich, die vollkommen unterschiedlichen Weisen dieser Figuren zu skizzieren, damit umzugehen. In diese ungemein genauen psychologischen Beobachtungen eingebettet gelingt ihm die Beschreibung eines Gesellschaftssystems, in dem die Korsette der eigenen Schicht eng begrenzen, was sich schickt und was nicht.

An Henchards Niedergang, der von den im Roman kaum näher beschriebenen Bürgerlichen der Stadt mit Gleichmut hingenommen, von den Arbeitern und dem stark beschriebenen Lumpenproletariat mit Häme und Spott begleitet wird, wird ebenfalls deutlich, daß man nicht nur seinem Schicksal, den eigenen Fehlern, nicht entkommen kann, sondern auch nicht seiner Klasse. Hardy würdigt dies nicht zuletzt dadurch, daß er Henchard sofort mit Stolz seine angestammte Tätigkeit als Heubinder wieder einnehmen lässt. Doch Henchards Charakter ist der profanen Frage nach Klasse und Schicht (die man im englischen Roman gerade des 19. Jhd. nie unterschätzen sollte) übergeordnet. Er scheint nicht an Klasse und Schicht gebunden, er ist ein Melancholiker und er ist ein Romantiker in seiner Hoffnung auf Erlösung und seiner ambivalenten Zerrissenheit zwischen dem Hass auf das Leben, das er gern gehabt hätte, jedoch nicht verwirklichen konnte, und der Freude und der Hoffnung, genau dieses Leben eben doch noch leben zu können – immer nur eine kleine Lüge, eine weitere letzte Wendung und Verwicklung entfernt. Henchard ist damit aber auch eine tragische Figur im klassischen Sinne, eine Figur, für die die Moderne keine Verwendung mehr haben wird. Hardy scheint das sehr genau antizipiert zu haben.

Die Literaturwissenschaft weist darauf hin, daß THE MAYOR OF CASTERBRIDGE zwar mitten in der Hochphase der englischen Industrialisierung geschrieben wurde, inhaltlich aber noch vor deren Beginn angelegt ist. Doch ist die Figur des Donald Farfrae bereits als die eines Vertreters der neuen Zeit angelegt. Wo Henchard brutal, aber eben auch leidenschaftlich, ungehobelt, aber auch ehrlich und tief empfindend ist, muß man den Schotten Farfrae als seicht bezeichnen. Er versteht die moderne Technik, er versteht die moderne Mathematik, er versteht vor allem das Geschäft in seiner modernen Form des Über- und Unterbietens, als Abwägen abstrakter Werte. Doch ist er ohne Tiefe, ohne die Leidenschaft, die Henchard auszeichnet. Und diese Seichtheit, ja Beliebigkeit schlägt sich auch in Farfraes Beziehungen nieder. Er mäandert von Henchards Tochter zu Henchards früherer Verlobten; ebenso verfährt er mit seinen Plänen: Mal will er in die Ferne schweifen, dann entschließt er sich kurzerhand, zu bleiben.

Dieser Selbst-Ungewissheit entspricht Hardys stilistischer Zugriff auf die Figur: Gemessen an der Funktion, die Farfrae im Kontext der Narration einnimmt, bleibt er seltsam unscharf, ja diffus, selten nähert sich Hardy Farfrae persönlich, wir werden so gut wie nie Zeuge seiner Gedanken, sondern nehmen ihn meist durch die Augen Dritter wahr. So bleibt er im Grunde ein Phantom, ein Zeichen der Veränderung, das Henchard als solches zwar erkennt, aber nicht zu deuten versteht, weil er – charakterlich vollkommen anders gestrickt: zielstrebig, willensstark, durchsetzungsfähig – mit Uneindeutigkeit, Ambivalenz und Doppeldeutigkeit nicht zurecht kommt. Und so ist er auch den eigenen Widersprüchlichkeiten nahezu hilflos ausgeliefert, chargiert er ständig zwischen abgrundtiefer Ablehnung und uneingeschränkter Zuneigung zu seiner Umwelt; mal verstößt er die eigene Tochter, mal lädt er sie überschwänglich wieder in sein Leben; mal empfindet er zu Farfrae eine Mischung aus brüderlicher Liebe und väterlicher Fürsorge, dann wieder fordert er ihn zu einem Zweikampf auf Leben und Tod heraus. Es kann letztlich aber der zornige Furor nicht bestehen gegen die reine Sachlichkeit. Mit Henchard geht auch die alte Zeit.

Man spürt Hardys Sympathien für diesen Charakter, zugleich weiß er aber eben auch um dessen spezifische Widersprüchlichkeit und seine Abgründe und er versteht es brillant, diese psychologisch genau und wahrhaftig auszuarbeiten und darzustellen. Um Henchard wiederum kreist ein Universum von Figuren – seine Exfrau, die gemeinsame Tochter, Newson, der Mann, dem er sie einst verkauft hatte, Farfrae natürlich und eine Menge namentlicher Figuren aus Casterbridge und Umgebung und nicht zuletzt Lucetta, die er einst diskreditierte, dann verstieß und die sich, zu Reichtum gekommen, in Casterbridge niederlässt – , welches Hardy ermöglicht, eine Gesellschaft an der Schwelle einer Zeitenwende zu beschreiben, in der ein gewisser Typus Mann eben nicht mehr gefragt sein wird. Es ist an dieser Stelle nicht verwunderlich, daß der Filmemacher Michael Winterbottom Hardys Roman als Vorlage zu seinem außergewöhnlichen Spät- oder Neo-Western THE CLAIM (2000) nutzte, lässt sich doch gerade dieser Aspekt des Romans trefflich auf das Genre übertragen.

In Farfrae beschreibt Hardy jenen kommenden Typus, der die Industrialisierung vorantreiben, die neue Zeit mit seinem Pragmatismus und seiner Nüchternheit prägen wird. Lucetta ist eine neureiche, oberflächliche Erbin, die mit ihrer Naivität und ihrem Leichtsinn einerseits zu einem Mann wie Farfrae passt, andererseits aber auch für Unheil sorgt, bringt sie gewachsene Strukturen doch vollends durcheinander, erklimmt sie gesellschaftlich doch einen Platz, der ihr von Herkunft und Geschichte her nicht zusteht. Daran lässt der Roman wenig Zweifel. Überhaupt geht Hardy hier nicht sonderlich freundlich mit dem weiblichen Personal seines Werkes um. Sieht man einmal von Elizabeth-Jane, Henchards Tochter, ab, die eine erstaunliche Entwicklung durchlebt, in der Bildung und Akkuratesse aber auch an Klasse und Stellung gekoppelt werden, sind sowohl Susan, Henchards erste Frau, als auch Lucetta und eine Reihe weiterer weiblicher Randfiguren durch Dummheit, Naivität, Durchtriebenheit und gelegentlich Bösartigkeit gekennzeichnet. Dies vielleicht ist neben den die Geduld des Lesers doch arg strapazierenden Wendungen und Rückwendungen, Umwegen und Überraschungen, die die Story prägen, der eine wahre Wermutstropfen in einem ansonsten wundervoll angerichteten Sprachkonstrukt.

Doch mehr noch als ein Gesellschaftsroman, ist Thomas Hardy hier ein tiefer Einblick in die menschliche Seele gelungen, in ihr Ringen mit sich selbst, um ihr Heil. Es ist dies eine Liebesgeschichte, wie es eine Coming-of-Age-Geschichte ist, es ist ein Vater-Sohn-Konflikt, manchmal eine Racheerzählung und immer eine darüber, wie wir von unseren eigenen Versäumnissen und Verfehlungen eingeholt werden. Damit ist es einer jener Romane, die sich grundlegend den Bedingungen menschlichen Daseins widmen, vielleicht auf eine Art, wie sie so nur das 19. Jahrhundert hervorbringen konnte.

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