DER LETZTE ZUG VON GUN HILL/THE LAST TRAIN FROM GUN HILL

John Sturges liefert seine Version eines älteren Klassikers

Eine Indianerin und ihr Sohn werden unterwegs in die Stadt von zwei Kerlen überfallen und angehalten. Der Junge kann fliehen, die Frau wird vergewaltigt und stirbt. Der Junge informiert seinen Vater, Matt Morgan (Kirk Douglas), der Sheriff in einer kleinen Stadt ist. Anhand des Sattels eines der Pferde, die der Junge den Halunken entwendet hat, stellt Morgan fest, daß sein alter Freund Craig Belden (Anthony Quinn) in den Vorfall verwickelt sein muß.Wahr ist, daß dessen Sohn Rick (Earl Holliman) den Sattel entwendet hatte, er und sein Kumpel waren die Übeltäter.

Morgan reist nach Gun Hill, in dessen Nähe die Ranch seines alten Freundes liegt, bringt dem den Sattel und kündigt ihm an, die Verbrecher zu fangen und mitzunehmen, sie sollen vor ein ordentliches Gericht gestellt werden. Belden appelliert an ihn, Rick sei sein einziger Sohn (den er allerdings, das konnten die Zuschauer zuvor sehen, für einen Feigling und Weichling hält).

Morgan fährt in die Stadt und es gelingt ihm schließlich, Rick festzusetzen. Er verbarrikadiert sich in einem Hotelzimmer um auf den 9-Uhr-Zug, den letzten aus Gun Hill, zu warten. Er weiß, daß die ganze Stadt auf Beldens Seite ist. Dem gehören hier die Hotels, die Geschäfte und die Saloons. Seine alte Geliebte Linda (Carolyn Jones) traf mit demselben Zug wie Morgan in Gun Hill ein. Sie wird Zeugin der Auseinandersetzung und stellt sich auf Morgans Seite, schmuggelt ihm sogar ein Gewehr ins Hotel.

Schließlich wagt Morgan den Ausbruch, wird auf dem Weg zum Bahnhof jedoch sowohl von Beldens Leuten und ihm selbst, als auch von Ricks Freund angegriffen. Nur Morgan überlebt, er kehrt nach hause zu seinem Jungen zurück.

LAST TRAIN FROM GUN HILL (1959) ist im Grunde eine sofortige Neuverfilmung des zwei Jahre älteren Klassikers 3:10 TO YUMA (1957). In beiden Filmen muß sich ein Mann, der einen Gefangenen bewacht, verschanzen und warten, bis der Zug kommt, um sie fortzubringen. Die Unterschiede hingegen sind beachtlich. Ist es dort Glenn Ford, der den aufreizenden Bösewicht gibt, seinem Bewacher weit überlegen, dieser Bewacher wiederum ist Van Heflin, der gar kein Sheriff ist, sondern den Job lediglich ausführt, um seine Schulden zu bezahlen und nicht als Feigling da zu stehen; hier ist es Kirk Douglas als Sheriff, der sich aber hochprofessionell zu geben weiß. Er und Quinn sind angemessene Gegenspieler. Zwei Machos bei der Arbeit. Man traut jedem dieser zwei Kerle zu, den anderen ohne mit der Wimper zu zucken umzubringen. Quinn in seinem Salon, der mit all den Hörnern und ausgestopften Tieren vom ewigen Töten erzählt, ist der Inbegriff des testosterongeschwängerten Cowboys, der es zu etwas gebracht hat. Douglas strahlt die Ruhe und Selbstsicherheit eines Mannes aus, der mit sich im Reinen ist. Er ist bescheiden, will keinen Reichtum, nicht einmal Rache im herkömmlichen Sinne: Er will, daß dem Gesetz Geltung verschafft, daß es durchgesetzt wird. Keiner der beiden wird wirklich als Bösewicht gezeichnet. Sie sind gleichwertige Gegenspieler, deren Tragik sich natürlich auch daraus ableitet, daß sie einmal Freunde waren, mehr noch: Belden hat Morgan einst das Leben gerettet.

So hat man es hier mit einem jener Western zu tun, die schon von jenseits der Wildnis erzählen. Niemand in Douglas Heimatstadt scheint zu mißbilligen, daß der Sheriff eine Indianerin zur Frau hat, der Junge ist integriert, die Jungs wollen vom Sheriff Heldengeschichtchen hören. Es ist zudem ein Stadtwestern, kaum sehen wir weites Land oder die Steppe. Die Stadt wird durchaus als eine wirkliche Ansiedlung, nicht als Ansammlung von Bruchbuden gezeigt. Auch verfügt man schon über Telefon usw. Wir haben es definitiv mit einer zivilisierten Stadt und GEsellschaft zu tun. Dementsprechend schwelgt der Film auch nicht, wie viele andere Western, in übermäßiger Gewalt oder gar Sadismus. So ist denn die brutalste (und vielleicht eindringlichste) Szene des ganzen Films jene, in der weder Gewalt wirklich passiert noch jemand verletzt wird: Douglas und der junge Rick reden im Hotelzimmer miteinander und Douglas macht dem jungen Kerl, der ihn zu provozieren versucht (und ihn auffordert, ihn doch einfach umzubringen) klar, was den erwartet: Der Strang. Doch so, wie Douglas dies schildert – lang und breit und sehr bedrohlich legt er dar, wie das so ist, wenn man mit einem Sack über dem Kopf auf dem Galgen steht und wartet, daß sich die (letzte) Klappe öffnet und man fällt und fällt und fällt und dann die Luft wegbleibt usw – wird es das exakte Gegenstück zu seiner anfangs erzählten Räuberpistole, wie er eine Bande Banditen über den Haufen geschossen hat. Da erzählt er den Jungs seiner Stadt eine Story, Rick hingegen schildert er etwas vollkommen Unheroisches, etwas, das für Erwachsene, nicht für Kinder ist: Die Wahrheit darüber, wie man sein Leben vertun kann und dann dafür zahlt. Ganz nebenher auch eine Szene, die zeigt, was für ein guter Schauspieler Kirk Douglas immer war.

John Sturges, der für Klassiker wie THE MAGNIFICENT SEVEN (1960) oder BAD DAY AT BLACK ROCK (1955) verantwortlich war, liefert hier einmal mehr ein Meisterstück erzählerischer Ökonomie ab: Ab der ersten Szene werden wir gnadenlos in die Handlung gezogen, kein Bild, kein Satz zuviel werden geredet oder gezeigt. Es passiert etwas und dagegen wird etwas unternommen. Wenn es erledigt ist, gehen die Überlebenden nach hause und der Film ist zuende. Daß er dafür zwei Schauspieler wie Kirk Douglas und Anthony Quinn zur Verfügung hat, sichert ihm die Klasse, die eine einfache Geschichte wie diese braucht. Deshalb funktioniert der Film auch ganz eigenständig. Wo „Zähl bis drei und bete“ die Psychologie noch und nöcher heranzieht und schließlich das Drama eines feigen Mannes ausstellt, wirft Sturges all diesen Ballast über Bord und zeigt uns das Duell zweier alter Freunde, die erst zu Feinden werden, wenn die Familie ins Spiel kommt. Damit nämlich, so scheint es, können sie nicht umgehen. Beide sind Witwer, der eine schon lang (Quinn), der andere gerade geworden. Der sterbende Quinn fleht seinen alten Kumpel an: „Mach einen Mann aus ihm!“ – und meint damit Douglas‘ Sohn. Er nämlich hat dies, so seine Annahme, nicht geschafft bei seinem Sohn. Kein Machonachwuchs….

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