DER MANDANT/THE LINCOLN LAWYER

Ein Gerichtsthriller um den abgeklärten L.A.-Anwalt Mike Haller

Mick Haller (Matthew McConaughey) verrichtet seine anwaltlichen Geschäfte von der Rückbank seines schwarzen Lincoln aus. Dazu lässt er sich von seinem Chauffeur Earl (Laurence Mason) durch das sonnige Los Angeles von Bezirksgefängnis zu Bezirksgefängnis kutschieren, um seine Mandanten vor den jeweiligen Richtern zu verteidigen oder Deals für sie abzuschließen.

Eines Tages bekommt er durch den professionellen Kautionssteller Val (John Leguizamo) den Fall des jungen Louis Roulet (Ryan Philippe) zugeschustert, der explizit nach Haller gefragt hatte, wie sich später herausstellt. Roulet soll eine Prostituierte halb tot geprügelt haben, beteuert aber auf fast aggressive Art und Weise seine Unschuld. Haller übernimmt den Fall und kann für Roulet eine, wenn auch hohe, Kaution herausschlagen. Roulet kommt auf freien Fuß.

Gemeinsam mit seinem Ermittler Frank Levin (William H. Macy) beginnt Haller, im Leben der Beteiligten zu stochern. Beiden ist der Fall zu glatt, beide glauben nicht an die reine Unschuld ihres Mandanten. Zudem spielt die Staatsanwaltschaft ein falsches Spiel, als sie Haller durch dessen Exfrau Maggie (Marisa Tomei) eine gefälschte Tatakte zukommen lässt.

Bald fällt Haller auf, daß der Fall Ähnlichkeiten mit einem seiner länger zurückliegenden aufweist. Damals war es ihm nicht gelungen, den Mordverdächtigen Jesus Martinez (Michael Peña) vor dem Gefängnis zu bewahren, vielmehr rechnete Haller es sich als Verdienst an, ihn durch ein  – wie sich herausstellt falsches – Geständnis vor der Todeszelle bewahrt zu haben. Martinez, den Haller in San Quentin besucht, erkennt auf einem Bild Roulet wieder.

Haller versteht, daß er einem Komplott aufsitzt: Roulet hat mindestens einmal zuvor gemordet und Martinez dafür büßen lassen, nun hat er Haller in vollem Bewußtsein, daß dieser seine möglichen Erkenntnisse nicht gegen seinen Mandanten verwerten darf, da das amerikanische Gesetz dies nicht zulässt, als Strafverteidiger gewählt.

Obwohl er Roulet verachtet und zunehmend auch fürchtet, nachdem dieser ihm nachts einen Besuch in seinem Haus abgestattet und damit gedroht hat, Hallers Familie etwas anzutun, setzt Haller zunächst alles daran, seinen Mandanten bestmöglich zu verteidigen. Eines Morgens jedoch wird er von der Polizei in Person von Detective Lankford (Bryan Cranston) in Kenntnis gesetzt, daß sein Freund Frank Levin ermordet wurde. Die Tatwaffe ist ein Kaliber, das auch Haller besitzt. Es stellt sich heraus, daß seine Waffe weg ist. Offenbar hat Roulet sie geklaut, als er in Hallers Haus eingedrungen ist.

Mit einer Finte gelingt es Haller, den Prozeß platzen zu lassen, so daß sein Mandant ohne jede Strafe davonkommt, liefert der Polizei aber zugleich die nötigen Hinweise, damit die den älteren Fall erneut aufrollt. Zumal Frank Levin einen Beweis gefunden hatte, der Martinez´ Alibi stützt.

Roulet wird direkt vor dem Gerichtssaal erneut verhaftet.

Als Haller heimkehrt, wird er von Roulets Mutter (Frances Fisher) in Empfang genommen. Diese bedroht ihn mit einer Waffe und gesteht, daß sie es gewesen sei, die Levin getötet habe. Sie schießt auf Haller, der sich mit einer Waffe wehrt, die er sich zuvor von Earl hatte besorgen lassen.

Nach einer gewissen Genesungszeit, kann Haller zu seinem Anwaltsleben zurückkehren und sich seinen alten, von ihm „Stammgäste“ genannten Klienten – Drogendealer, Prostituierte, Diebe – widmen.

Zu einem coolen, langsamen Hip-Hop-Beat gleitet ein schwarzer Lincoln durch die sonnendurchfluteten Straßen von Los Angeles. Im Wagen sitzt hinter dem Fahrer, in einem Wust aus Unterlagen, Akten, Fotos, der Anwalt Mick Haller, immer auf der Suche nach Mandanten, immer auf dem Weg zur nächsten Verhandlung. Er ist eine Figur aus dem L.A.-Kosmos des Thriller-Autoren Michael Connelly, dem dieser mittlerweile eine eigene kleine Reihe an Romanen gewidmet hat. In einer Mischung aus Hochstapelei und manchmal an Zynismus grenzendem Selbstbewusstsein wird er hier gespielt von Matthew McConaughey. Haller ist ein L.A.-Wesen: Erfolgreich, umtriebig, rastlos und bereit, im Zweifelsfall über Leichen zu gehen. Meint man.

Was als Erstes auffällt an Brad Furmans Verfilmung von Connellys Erfolgsthriller, sind die Eleganz des Schnitts und die der Montage. Unmerklich nimmt der Rhythmus der Bilder den des Beats, der aus der Musikanlage des Autos dringt, auf, und unmerklich zieht er uns hinein in das Straßenbild dieser Stadt. Vielleicht ist THE LINCOLN LAWYER (2011) mehr als alles andere ein Film über diesen urbanen Auswuchs, unübersichtlich an die Küste Kaliforniens geklatscht, sich scheinbar ins Unendliche ausbreitend, ohne Möglichkeiten des Rückzugs, ohne Versteck, ohne einen Ort, zur Ruhe zu kommen. Und dementsprechend ist der Wagen selbst auch Hallers Büro, letztes Refugium für den vom Höhlenbewohner zum Autobewohner mutierten Angelino. Denn die Häuser, die Wohnungen und Appartements, das wird der Film nach und nach beweisen, sind längst keine sicheren Behausungen mehr, sondern die Orte, an denen uns das Elend, das Leid und der Tod einholen.

Leider können die folgenden knapp zwei Stunden Laufzeit nicht ganz halten, was der fulminante Auftakt des Films verspricht. Es entspinnt sich ein herkömmlicher Plot um einen Mandanten, Typ reicher Sohn, der in Verdacht gerät, eine  junge Prostituierte halb tot geprügelt zu haben. Natürlich leugnet er, natürlich ist Haller brillant genug, ihn gegen die Widerstände der Staatsanwaltschaft gegen Kaution aus dem Knast zu holen, natürlich wachsen nach und nach Zweifel an der Unschuld des Bübchens und schließlich wird der erfolgsverwöhnte Anwalt mit eigenen Unzulänglichkeiten konfrontiert, als er merkt, daß der aktuelle Fall mit einem anderen, älteren Fall in Verbindung zu stehen scheint. Wie es sich für einen zünftigen Gerichtsthriller gehört, kennt Haller natürlich die Finten und Tricks des amerikanischen Rechtssystems so gut, daß am Ende ein jeder der Gerechtigkeit zugeführt wird, die er verdient. Todesstrafe inklusive, da kennen Connellys Vorlage und der Film kein Pardon. Nebenbei scheint Haller aber trotz all seiner Selbstzweifel, die ihm im Laufe der Handlung kommen, seine zerbrochene Ehe kitten zu können, andererseits muß er aber auch den Verlust eines Freundes beklagen, denn natürlich macht der Killer auch keinen Halt vor der Privatsphäre des Juristen.

Ab der Mitte des Films ist das recht alles überschau- und vorhersehbar, die Frage ist also nur, wie es Haller anstellt, den Fall vom Kopf auf die Füße zu stellen. Leider leidet darunter die Spannung doch arg, zumal die Bedrohlichkeit seine Widersachers selten bis nie überzeugend wirkt. Was dem Film seinen wirklichen Charme gibt, sind die Figuren, die bis in die Nebenrollen gut bis sehr gut besetzt sind. Neben William H. Macy als Hallers Ermittler und Maria Tomei als Exfrau, sind es Charakterdarsteller wie Bryan Cranston, Frances Fisher oder Michael Peña, die selbst kleinere Nebenrollen mit Leben und Charisma ausfüllen. Leider fällt Ryan Philippe als undurchschaubarer Verdächtiger dagegen so ab, daß Cranstons Detective Lankford weitaus bedrohlicher wirkt, wenn er Haller des Mordes an seinem Freund verdächtigt. Doch entsteht gerade durch das Spiel dieser hervorragenden Nebendarsteller das Portrait einer verrottenden Gesellschaft, eines Lebens auf der ökonomischen Überholspur, einer Welt, in der alle auf welche Art auch immer, nach mehr streben. Vor allem mehr Geld. Da Hallers Beruf ihn mit allen Schichten der Stadt in Berührung bringt, da sein rollendes Büro Bezirksgrenzen nicht kennt und er Gebiete von Beverly Hills bis Inglewood absteckt, können Buch und Regie ein im grellen Sonnenlicht Kaliforniens ausgestelltes Panorama düsterer Seelen, verlorener Träume und gnadenloser Gewalt zeichnen.

Der Kontrast ist augenfällig zwischen der Helligkeit, in der sich wesentliche Teile des Films abspielen und der inneren Dunkelheit dieser Figuren, egal ob reich oder arm, schwarz oder weiß, jung oder alt. Gut und Böse sind längst in ein tristes Grau vermischt, niemandem ist zu trauen und niemand hier scheint auch nur annähernd glücklich oder zufrieden zu sein. Selbst Hallers exemplarisch zur Schau gestellte Selbstgewißheit ist eher Teil seiner Strategie als Anwalt, als daß sie seinem Inneren entspräche. Furman nutzt die Szenen zwischen Haller und seiner Exfrau und dem gemeinsamen Kind, um auch in diesen Menschen die Sehnsucht und die Verletzungen auszuleuchten. Und generell scheint es dem Film eher ein Anliegen zu sein, diese menschlichen Abgründe zu erforschen, als eine spannende und wirklich überzeugende Geschichte zu erzählen.

Man kann ihn, was gern getan wird, durchaus dem Genre des Neo-Noir zurechnen. Doch wie das bei Genrefilmen meist so ist – Eindeutigkeit gibt es nur selten. Furman wechselt gekonnt die Spuren und changiert zwischen Thriller, Gerichtsfilm, Krimi und Drama und bespielt alle Klaviaturen mit ähnlicher Finesse. Unterstützt von Lukas Ettlins Kamera und Jeff McEvoys Schnitt und Montage, gelingt ihm ein durchaus fulminanter Film, der überzeugt, wenn er auch nicht fesseln kann.

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