DES TEUFELS LOHN/MAN IN THE SHADOW

Die Provinz gebiert Monstren

Der Texaner Renchler (sic!) – gespielt von Orson Welles, der zu dem Zeitpunkt pleite war und jede Rolle annahm, die sich ihm bot – dem die riesige Golden Empire Ranch gehört, herrscht wie ein König über den Landkreis. Als er seine Vorarbeiter einen der illegalen mexikanischen Arbeiter derart zusammenschlagen läßt, daß dieser stirbt, will der alte Cisneros (Martin Garralaga) diese Willkür nicht weiter hinnehmen. Er wendet sich an den Sheriff des nahe gelegenen Städtchens Spurline, Ben Sadler (Jeff Chandler), der sich der Sache zunächst widerwillig annimmt. Doch wachsen seine Zweifel an den Aussagen der Betroffenen mit den voranschreitenden Ermittlungen. Und je mehr Sadler ermittelt, desto unruhiger werden die Honoratioren der Stadt. Schließlich ist man in Spurline auf Renchler und die Golden Empire Ranch angewiesen…

In den Weiten des Mittelwestens und der sogenannten ‚Great Plains‘, in den Steppen, Wüsten und in den texanischen Ebenen verlieren sich in Anbetracht der gültigen Naturgesetze, der Notwendigkeiten und der scheinbar endlosen Öde und Einsamkeit menschliche Regung und menschliches Gesetz, werden aufgegeben zugunsten billiger Kameraderie, des schnellen Gewinns oder des grausamen Scherzes. Da, wo der Rest des Landes, des Staates, der Nation so weit weg scheint wie der Mond am Firmament, verschwinden Recht und Unrecht schnell in den Grauzonen (männlicher) Vorstellungen von Ehre, Stolz und Verrat. Die Provinz gebiert Monster und die Monster gebären Gewalt. 1955 hatte John Sturges in seinem Meisterwerk BAD DAY AT BLACK ROCK (1955) Spencer Tracy in achtzig ebenso intensiven wie aufwühlenden Minuten die Erfahrung machen lassen, daß die Provinz aber nicht nur schlicht dumpfe Gewalt, ausgehend von dumpfen Männern, sondern strukturell genau jene Systeme hervorbringt, die Gewalt sowohl fördern als auch nutzbringend einzusetzen wissen, Systeme, die man in Europa gerade eben erst besiegt zu haben glaubte – den Faschismus, totalitäres Denken und gnadenlose Repression Fremder und Andersdenkender. Im vorliegenden MAN IN THE SHADOW (1957) gelingt Regisseur Jack Arnold mit Hilfe seiner Autoren Gene L. Coon und des in den Credits ungenannten Orson Welles eine durchaus zeitgenössischere Analyse der Provinz mit einer strukturell sehr amerikanischen Variante eines autoritären Systems.

Arnold, in unseren Breitengraden eher berühmt für seine Science-Fiction und Horrorklassiker wie CREATURE FROM THE BLACK LAGOON (1954) oder TARANTULA (1955), legt mit diesem nominell dem B-Spektrum Hollywoods zuzurechnenden Film, der gern als Neo-Western ausgegeben wird, auch wenn er eher einem Krimidrama in den Weiten des ‚Lone State‘ entspricht, eine durchaus treffende Beschreibung der amerikanischen Provinz dort vor, wo der Weg zum nächsten Bezirksgericht weit ist, wo auch ein Sheriff eben nur ein Mensch ist, der möglicherweise sehr allein steht, wenn sich die Amtsträger der Stadt, auf die er aufpassen soll, lieber wieder in besorgte Bürger verwandeln und ihm in den Rücken fallen. Jeff Chandler versteht es, diesen Sheriff mit anfänglichem Widerwillen, der den die Tat anzeigenden Mexikaner zwar ernst nimmt, jedoch allzu genau weiß, wie es in seiner Stadt ankommt, wenn ein weißer Sheriff aufgrund der Anschuldigungen eines Illegalen gegen den lokalen Großgrundbesitzer vorgeht. Umso mehr glauben wir seiner Empörung, wenn er nach und nach begreift, mit welcher Art Unmenschlichkeit er es zu tun hat. In Renchler hat er dabei einen angemessenen Widerpart. Welles hatte zunächst Meinungsverschiedenheiten mit dem Regisseur, war dann aber bereit, selbst Hand am Script anzulegen. So arbeitete er an den Dialogen des Films und vor allem an seiner Rolle des Virgil Renchler, die dadurch und durch Welles Darstellung vielschichtiger und mehrdimensionaler wird. So ist dieser Despot eben auch ein liebender Vater, ein manchmal zweifelnder Vorgesetzter und aus einem Provinzfürsten, der meint, sein Wort sei Gesetz, wird so ein Getriebener, der der eigenen Macht nicht recht traut.

Es ist erstaunlich, welch genaue Beobachtungen der Film bereits in so frühen Jahren wie nebenbei verpackt bietet: Da sind die illegalen Einwanderer, die über die Grenze aus Mexiko kommen und bereit sind, für kleines Geld noch den miesesten Job zu erledigen; da gibt es den schon erwähnten Provinzfürsten, doch gelingen dem Film auch sehr gute, wenig im Klischee verhaftete Darstellungen jener Typen, ohne deren Hilfe der mächtigste Fürst nichts ist – willfährige Helfer, die sich von der Speichelleckerei und der Bereitschaft, Befehle ohne Fragen auszuführen, allerhand versprechen und ihre eigenen Vorteile suchen, beim kleinsten Zeichen von Schwäche aber sofort die Seite oder den Standpunkt wechseln können; ebenso fängt der Film nonchalant den mit dieser Einstellung einhergehenden, den von diesen Männern ausgehenden alltäglichen Rassismus ein und stellt ihn aus; vor allem aber gelingt es dem Film, vollkommen unprätentiös zu beschreiben, wie gefährlich eine kapital-ökonomische Monopolstellung für das Gemeinwohl in jenen provinziellen Gegenden ist, die auf dem Papier zwar in der Gegenwart angekommen, in Wirklichkeit aber tief im 19. Jahrhundert und seinem Raubtierkapitalismus verhaftet geblieben sind. Hier legt der Film den Finger in eine spezifische Wunde der amerikanischen Gesellschaft seiner Zeit. Daß er dabei Stellung bezieht, und zwar klar für die Namen- und Rechtlosen, mag vor allem der politisch deutlich linken Haltung seines Hauptdarstellers geschuldet sein, doch die Anlage des Films war von Anfang an die, Renchler und seine Leute deutlich als Täter zu zeigen.

Gerade das B-Picture war in Hollywood oft ein Gradmesser des gesellschaftlichen Fiebers, gesellschaftlicher Aggregatzustände. Was die großen Major-Produktionen oft nicht zeigen konnten, waren sie doch auf Gedeih und Verderb auf kommerziellen Erfolg und damit auf das Massenpublikum angewiesen, konnten jene kleinen, eher kurzen, weil für die sogenannten Double-Bills der Vorstadt- und Autokinos gedachten Billigproduktionen durchaus kritische Blicke werfen, sie konnten weiter gehen in der Darstellung gesellschaftlicher Probleme und auch in der Darstellung von Gewalt, Willkür oder Sexualität auf der Leinwand. Arnold hat das genau erkannt und so sind seine Filme immer wieder voller Anspielungen oder sogar sehr direkter Darstellungen des in Hollywood eher Abseitigen. Hier nutzt er seine Freiheiten, stellt Gewalt als uramerikanisches Thema, als Methode und durchaus anerkannte Lösung von Konflikten aus, er denunziert den amerikanischen Spießer und entlarvt ihn als das, was er ist/war: feige und erst dann bereit, Aktion zu ergreifen und Stellung zu beziehen, wenn die eigentliche Schlacht bereits geschlagen ist. Und dank eines großartigen Orson Welles gelingt eben auch ein vielschichtiges Portrait und Psychogramm eines jener Männer, die die amerikanische Mythologie so gern als Gründer der Nation feiert, deren Methoden allerdings eher ungern hinterfragt.

Schade ist, daß all die Bemühungen von Leuten wie Welles, Arnold oder auch Chandler, der als politisch bewußter Schauspieler galt, wenig bis nichts gefruchtet haben, erleben wir den gleichen Geist kleinstädtischen Provinzialismus doch seit Jahr und Tag, wenn wieder ein Schwarzer bei einem „Routineeinsatz“ getötet wurde, wieder ein Mexikaner an einem Highway liegen geblieben ist. Vielleicht ein Zeichen dafür, daß Filme wie MAN IN THE SHADOW auch heute noch wichtig sind und man nur hoffen kann, daß die entsprechenden Filmemacher von heute immer noch bereit sind, Derartiges zu produzieren.

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