IM KREUZFEUER/CROSSFIRE: Es war nicht alles Gold, was glänzt

Edward Dmytryk spürt dem Antisemitismus in der amerikanischen Armee nach

Joseph Samuels (Sam Levene) wird tot in seinem Appartement aufgefunden, er wurde Opfer eines Gewaltverbrechens. In einer Rückblende, die jene Dame erzählt, die den Toten fand und den Abend in seiner Gesellschaft verbrachte, erfährt Captain Finley (Robert Young) davon, daß ein Soldat, mit dem Samuels sich in der Bar unterhalten habe, mit ihm in der Wohnung war. Als sie zurückkam, weil sie sich wunderte, daß Samuels nicht ans Telefon ging, als sie ihn anrief, traf sie Sergeant Montgomery (Robert Ryan), der ihr den Namen des Soldaten nennt, der bei Samuels war: Corporal Mitchell. Dieser habe die Wohnung vor Montgomery und einem weiteren Soldaten, Floyd Bowers, verlassen, er, Montgomery habe Mitchells Brieftasche gefunden und wolle sie ihm zurückgeben. Aufgrund dieser komplizierten Ausgangslage befragt Finley verschiedene Kameraden des zunächst unauffindbaren und deshalb verdächtigen Mitchell. Sergeant Keeley (Robert Mitchum), der eng mit Mitchell befreundet ist, sucht mit weiteren Kameraden auf eigene Faust nach Mitchell, der depressiv ist und um den Keeley sich sowieso schon sorgt. Da Mitchells Frau in der Stadt aufgetaucht ist, glaubt Keeley, ein gutes Argument zu haben, Mitchell aus seinem Versteck zu locken. Derweil fragt sich Finley, was das Motiv für den Mord an Samuels sein könnte. Niemand derer, die kein Alibi vorweisen können – also die Soldaten – hätte einen Grund den Mann zu töten, niemand kannte ihn vor diesem Abend, beklaut wurde er nicht. In den diversen Gesprächen mit den Soldaten fällt ihm jedoch auf, daß  sich Montgomery einer sehr groben und oft rassistisch geprägten Sprache bedient. Und einer antisemitischen. Mithilfe des durch Keeley herbeigeschafften Zeugen Leroy und des verdächtigen Mitchell kann Finley Montgomery eine Falle stellen. Als der Täter fliehen will, erschießt Finley ihn.

1947 – der Krieg war vorbei, die Truppen wurden demobilisiert – wartete Hollywood u.a. mit zwei Filmen zum Thema Antisemitismus auf, die jeweils im Militärmileu spielten oder es zumindest berührten: Darryl F. Zanucks 20th Century Fox brachte mit GENTLEMAN`S AGREEMENT eine A-Produktion hervor, Regie führte Elia Kazan, in der Hauptrolle Gregory Peck. RKO Pictures produzierte CROSSFIRE, Regie führte der damals als Regisseur gerade Fuß fassende Edward Dmytryk, Robert Young, Robert Mitchum und Robert Ryan gaben äußerst überzeugende Vorstellungen als ebenso coole wie desillusionierte, leicht verrohte Soldaten. Während Kazans etwas überambitionierter Film ein Drama bietet, in dem Antisemitismus nicht nur gesellschaftlich sogar in vermeintlich liberalen Kreisen virulent ist, sondern auch eine junge Liebe bedroht, inszeniert Dmytryk sehr ökonomisch einen dem Film Noir zurechenbaren Kriminalfilm. Kazan spürt mit feinen Strichen jenem vielleicht gefährlicheren Antisemitismus nach, der sich nicht laut und brutal äußert, sondern vor allem in Vermeidung, Schweigen und Ignoranz besteht. CROSSFIRE bietet so etwas wie den Unterbau dazu: Hier führt das blanke Ressentiment zu Hass und Gewalt.

Dmytryk inszeniert extrem dicht und straff: das erste Drittel des Films besteht aus zwei aneinander gereihte Rückblenden, die uns die wesentlichen Protagonisten – Mitchell, Montgomery und Keeley – nahe bringen und erklären, dann gleitet die Handlung in eine schnell montierte Suche nach dem Verdächtigen Mitchell hinüber, die durch schwarz-weiße Bars, in einen Kinosaal und die Nebenstraßen Washingtons führt. Schließlich führt Finley die Kriminalhandlung und die scharfe Beobachtung der haßerfüllter Person Montgomery mit seiner Motivsuche zusammen. Es gelingt Dmytryk – besser: dem Script, das John Paxton auf der Basis des Romans von Dmytryks Regiekollegen Richard Brooks geschrieben hat – das Motiv des Hasses so auszuweiten, daß eine generelle und universell gültige Anklage gegen Ressentiment, Rassismus und unreflektierte Vorurteile daraus entsteht. Doch bleibt das Motiv letzten Endes eben schlicht ein Motiv für ein Gewaltverbrechen. Anders als Kazan in GENTLEMAN`S AGREEMENT geht Dmytryk nicht der Frage nach, in welchem Maße das Ressentiment in der Gesellschaft verankert ist und schon gar nicht, warum dem so ist. Montgomery ist ein haßerfüllter Mensch, der ein Verbrechen begeht, das heute in den USA mit dem Begriff „Hate Crime“ belegt würde; er führt eine Sprache, die Judith Butler in einer  klugen Untersuchung die „Sprache des Hasses“ nannte. Und dieser Haß richtet sich ebenso gegen Schwarze oder Südstaatler, wie er sich gegen Juden richtet. Warum aber der Haß in den Geist eines einzelnen so einsickert, daß er ihn einen Mitbürger jüdischen Glaubens am Ende einer feucht-fröhlichen Nacht totprügeln läßt, beantwortet der Film nicht, er geht der Frage aber auch – anders als Kazans Werk zumindest ansatzweise – auch nicht nach. Wenn Finley gegenüber dem Soldaten Leroy von seinem Großvater erzählt, der als katholischer Ire oder irischer Katholik – so oder so war man im Amerika des 19. Jahrhunderts nicht sonderlich wohl gelitten – sein Ende als Opfer eines Verbrechens aus Haß wurde, zeigt dies wohl das Universelle des Hasses, erklärt aber ebenfalls nicht, wieso es dazu kommt.

Doch sollte man mit einem Film von 1947 nicht zu streng ins Gericht gehen. Anstatt – wie so oft – Gier, Rache oder Leidenschaft als Grund für ein Gewaltverbrechen heranzuziehen, sondern ein antisemitisches Vorurteil als Motiv zu präsentieren, ist an und für sich schon ein mutiger Zug. Daß der Film den gesamten Fall um eine Gruppe Soldaten herum konstruiert, die auf ihre Entlassung warten, gibt ihm eine zusätzliche Brisanz. Auch GENTLEMAN`S AGREEMENT deutet diese Brisanz an. Dort ist es der Jude Dave Goldman, ein Soldat, der hochdekoriert aus dem Krieg heimkehrt, der immer wieder Opfer antisemitischer Anwürfe wird, was geradezu ein Paradox beschreibt, hat man doch soeben das antisemitisch befeuerte Regime Hitlers bekämpft und gestürzt; hier lassen zwei Soldaten der U.S.-Army ihren Vorurteilen freien Lauf. Unterschwellig stellt Edward Dmytryk damit natürlich schon auch die  Frage nach der Verrohung des Soldaten. Diese Frage blendet Kazan in seinem Film vollkommen aus. Ihn scheint eher das Paradox zu interessieren, daß eine vom Virus des Antisemitismus befallene Gesellschaft nicht nur eine andere, die diesen Virus lediglich offensiver ausstellt, bekämpft; hinzu kommt sein Interesse daran, wie sich vermeintlich Liberale ihre eigenen Ressentiments schönzureden versuchen. Die Welt der Soldaten in CROSSFIRE ist eine raue; Mitchum gibt dem in einem Monolog Ausdruck, wenn er versucht, bei Finley für Mitchell Stellung zu beziehen und dazu erklärt, daß dieser trotz der Liebe zu seiner Frau, von der er sich entfremdet habe, die Nacht vielleicht mit einem Mädchen verbracht habe, einfach um die Nähe einer Frau zu spüren. Diese Einschätzung trifft sogar zu, geht aber fehl in der Annahme, daß es zu Intimitäten gekommen sei. Mitchell hatte von einer Taxifahrerin (Gloria Grahame), die nachts arbeitet, den Schlüssel zu ihrem Appartement erhalten, damit er sich dort ausruhen könne. Als die Polizei und Keeley sie aufsuchen in der Hoffnung, daß sie Mitchell ein Alibi verschaffen könnte, beteuert sie, daß es lediglich um einen Akt der Nächstenliebe gegangen sei, Mitchell habe ihr leid getan. CROSSFIRE legt subtextuell durchaus nahe, daß die Geschehnisse dieser Nacht (der Film spielt in einer einzigen Nacht), vor allem eben der so sinnlos erscheinende Mord an Samuels, durchaus mit der harten Männerwelt der Armee zu tun haben könnte.

Es soll bei all diesen Überlegungen nicht vergessen werden, daß Dmytryk mit CROSSFIRE auch einen weiteren, äußerst gelungenen Film Noir vorgelegt hat, der mit Atmosphäre, gewagten Kameraeinstellungen und v.a. hinreichend liederlichen Charakteren aufwartet, um den Zuschauer zu fesseln. Robert Young und Robert Mitchum geben gute Performances ab, doch Robert Ryan zeigt in diesem Film sein außergewöhnliches Talent, extrem unsympathisch erscheinen zu können. Was er in späteren Klassikern wie BAD DAY AT BLACK ROCK oder THE WILD BUNCH variantenreich ausarbeitete, kann man als Anlage in CROSSFIRE durchaus erkennen. Als er Bowers erwürgt, weil dieser nicht in der Lage ist, seine, Montgomerys, Story zu decken, gibt Ryan ihm eine solch brutale Aura, daß sie den Zuschauer frösteln läßt. Dmytryk unterstreicht die bedrohliche Atmosphäre dieser verlorenen Nacht durch seine extremen Licht/Schatteneffekte, er läßt die Bilder oft derart im Dunkeln, daß lediglich die Bildmitte noch beleuchtet scheint. Permanent droht in den Schatten und der Dunkelheit etwas zu lauern, das durchaus alle Beteiligten mit sich in den Untergang reißen könnte. Zudem geht er in gewissen Momenten fast unangenehm nah an die Gesichter der Protagonisten heran – so hat man bei ein, zwei von Montgomerys Tiraden den Eindruck, den Geifer des Hasses als Hauch im Gesicht spüren zu können. Und das Buch bietet zudem leicht Bizarres: Als Mitchell in Ginnys Appartement versucht, zur Ruhe zu kommen, trifft er dort auf einen seltsamen Mann, der sich als ihr Ehemann, dann als ihr Bruder ausgibt, beides schließlich für falsch erklärt und uns auch später, wenn Finley und Keeley versuchen, bei Ginny ein Alibi für Mitchell zu bekommen, im Dunkeln darüber läßt, wer oder was er eigentlich ist. Paul Kelly – fast nur voll frontal oder aber aus Untersicht beleuchtet, gibt diesem „seltsamen Mann“ eine unterschwellig bedrohliche Note, obwohl die Figur im Grunde nichts verwerfliches tut. Allein die Andeutung, daß wir es hier möglicherweise mit einem noch ganz anderen – größeren? – Verbrechen zu tun haben könnten, macht diese ganze Episode des Films surreal und beängstigend. Zugleich wirft sie aber auch ein Licht auf die sozialen Bedingungen im Nachkriegsamerika: Sollte die hart arbeitende Ginny eben doch noch etwas „anderes“ sein, als eine Taxifahrerin? Sollte sie möglicherweise auf männlichen Schutz angewiesen sein? Der Regisseur verschließt die Augen nicht vor den Härten des Lebens.

Edward Dmytryk ist ein vielschichtiger Film gelungen, ein Film subtextueller Ebenen und Bedrohung, ein atmosphärisch dichter Noirthriller, der sich einiges traut, von dem man aber nicht mehr verlangen sollte, als er einlösen kann. In erster Linie hat man es mit einem Spannungsfilm zu tun, der seinen Mördern ungewöhnliche Motive an die Hand gibt, eine tiefgreifende Analyse gesellschaftlicher Vorurteile ist es nicht. Gerade deshalb aber kann man den Mut der Macher – sowohl Dmytryks, als auch Paxtons und Adrian Scotts als Produzent – nur bewundern, es sich nicht allzu leicht gemacht zu haben bei der Verfilmung von Brooks Bestseller.

Interessant ein letzter Hinweis: Beide Regisseure, sowohl Elia Kazan als auch Edward Dmytryk, gerieten in Konflikte mit HUAC, jenem Ausschuß für unamerikanische Umtriebe, der sich Ende der 40er Jahre auf Kommunistenhatz in Amerika begab, beide verweigerten zunächst die Aussage, beide waren später bereit zu widerrufen und andere zu denunzieren. Allerdings war es bei Kazan Überzeugung, bei Dmytryk das nackte Elend, stand er doch auf der berühmten „Schwarzen Liste“, die die sogenannten ‚Hollywood Ten‘ umfasste – Männer, die die Aussage verweigert hatten und darob keine Arbeit mehr in Hollywood fanden. Zwei an sich liberale Geister, die beide gesellschaftlich relevante Filme drehen wollten und in gewisser Weise als Renegaten, vielleicht Gescheiterte endeten. Kazan wurde seine Kehrtwende nie verziehen, Dmytryk hatte zumindest eine Weile dagegen gehalten, doch war auch er für viele zum Paria geworden.

Hollywood schreibt seltsame Geschichten, oft seltsamere, als seine Drehbücher und Scripts je hervorgebracht haben…

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