DIE FRANZÖSISCHE KUNST DES KRIEGES/L`ART FRANCAISE DE LA GUERRE

Ein wuchtiges Romanwerk voller geschichtsphilosophischer Implikationen

Der namenlose Erzähler schildert uns in sechs „Romanen“ (Romanteilen wäre wahrscheinlich die angebrachtere Bezeichnung) und sieben davor-, dazwischen- und nachgeschalteten Kommentaren die Lebensgeschichte des Victorien Salagnon, dessen, der immer übelebt („siegt“), auf seinen Stationen von der Résistance, über die Jahre in der regulären Armee, dann im Fallschirmspringerkorps, welche ihn erst nach Indochina, dann nach Algerien und schließlich an der Seite von Euridice, einer jüdischen Algerierfranzösin, in die Außenbezirke Lyons verschlagen, wo die beiden ihren Lebensabend verbringen. Die Kommentarteile, teils länger als die regulär so genannten „Romane“ schildern einerseits das Leben des Erzählers, dem bei den Bildern des ersten Golfkrieges 1991 der gesamte Lebensmut, der Lebenswille vielleicht, abhanden kommt und der seinen recht gut bezahlten Posten in einer nordfranzösischen Provinzstadt aufgibt, um in seine Heimatstadt Lyon zurückzukehren; andererseits schildern diese „Kommentare“ die Freundschaft dieses Mannes zu eben jenem Victorien Salagnon. Der soll dem Erzähler nämlich das Zeichnen mit Tusche beidbringen, da der Erzähler den Dingen lieber Ausdruck verliehe in einem Strich, als sie beschreibend zu schildern, eben zu erzählen. Zumal er eh den „Tod der Worte“ erahnt im Reigen der Taten, der Gewalt, der Auslöschung. Die Tötung eines Menschen ist immer auch die Tötung eines Wortes, eines Begriffes, eines Begreifens der Welt.

Da kamen in den vergangenen Jahren aus unserem westlichen Nachbarland ja ungeheure Werke sowohl der abstrakteren Betrachtung europäischer Kriegs-, Gewalt- und Vernichtungsgeschichte (Littells DIE WOHLGESINNTEN sei hier ebenso erwähnt wie Mathias Énards ZONE) als auch der engeren Betrachtung der Abgründe jüngerer französischer Vergangenheit und Geschichte (Laurent Mauvigniers DIE WUNDE soll hier exemplarisch genannt sein). Alexis Jenni, so scheint es, hat es geschafft, die beiden Ebenen zusammenzubringen und in einer Engführung sowohl der französischen Geschichte vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart unter Berücksichtigung der Stationen „Indochina“ und „Algerien“ gerecht zu werden, als auch einer abstrakteren Betrachtungsweise dessen, was Krieg, Vernichtuung, Kolonialismus und vor allem Rassismus ausmachen und auch für jene bedeuten, die zu den Tätern gehören.

Folter, so könnte man es ausdrücken, macht einen wesentlichen Teil der „französischen Kunst des Krieges“ aus. Folter.

So werden wir also Zeugen dieses Lebens eines Kriegers im 20. Jahrhundert, in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Was heroisch beginnt – als Kämpfer im Widerstand gegen die Frankreich besetzenden Nazis – entwickelt sich mehr und mehr zum Leben eines Söldners, eines Kämpfers eben nicht mehr „gerechter“ Sachen, entwickelt sich hin zum Leben eines „natürlichen“ Faschisten. Das sagt Salagnon an einer Stelle des Buches ganz deutlich: Nicht die Ideologie ließ ihn und seinesgleichen zum Faschisten werden, sondern die Maßnahmen, die sie bereit waren zu ergreifen, um ihre dreckigen Kriege in der Dritten Welt zu führen, in denen der Gegner schlichtweg nicht als gleichwertiges menschliches Wesen betrachtet wurde. Und so verrät die „Grande Nation“ ihre eigenen Ideale in ihren kolonialen Rückzugsgefechten der 50er und 60er Jahre. Und mit diesen Werten verlieren zugleich jene Männer, die diese Kolonialkriege führten, immer mehr ihrer Menschlichkeit. Salagnon nimmt für sich in Anspruch, daß das wortlose Malen/Zeichnen seine Seele gerettet habe, ihm irgendwo in sich selbst einen Zufluchstort geborgt habe, der einen Teil des Menschen Victorien Salagnon erhalten und geschützt habe vor dem, was der übrige Mensch Victorien Salagnon zu tun in der Lage war. In Salagnons Freund Mariani kommt „das andere“ zum Ausdruck: Dieser, den der Erzähler ebenfalls einige Male erleben darf, hat sich mit einigen Getreuen, sehr jungen und wütenden Männern, im obersten Stock eines Lyoner Hochhauses eine Art Trutzburg gebaut, verschanzt und bis an die Zähne beewaffnet, von wo aus die SIFF, eine Art rechtsradikale Bürgerwehr gegen die „Überfremdung“ Frankreichs, ihre Aktionen plant. Mariani ist vollkommen gefangen in den Worthülsen und rassistischen Ideologien des kolonialen Krieges gegen die Menschen der Dritten Welt. Seine Seele ist sozusagen durch und durch schwarz und vergiftet.

In der Figur des Mariani wird auch der Zirkelschlag des Romans personal verdeutlicht: Der Reigen der Gewalt beginnt in Frankreich, als eine Art der Notwehr gegen die feindlichen Besatzer (obwohl es Janni weder sich noch seinen französischen Lesern hier einfach macht, zu deutlich hebt er hervor, daß in den besetzten Teilen Frankreichs keineswegs ALLE in der Résistance waren, ganz im Gegenteil: Allzu viele waren auch hier bereit, mitzumachen), setzt sich dann weit von Daheim in Asien fort, sodaß diese Kämpfe noch nicht wahrgenommen werden als das, was sie sind: Vernichtungskriege gegen sich zurecht auflehnende Bevölkerungen; schließlich rückt die Gewalt, der Krieg, das, was Frankreich da tut, immer näher, wenn sich Algerien erhebt und nun auf einmal sich der Krieg praktisch im eigenen Hinterhof abspielt. Marianis Ängste und wahnhafte Vorstellungen eines „rassisch“ verseuchten Frankreichs, das es zu erretten gelte, vollendet dann den Zirkelschlag: Die Gewalt ist in Gestalt jener, die man zwar ins Land gelassen hat, die man aber nie wollte und die man niemals als „Franzosen erster Klasse“ anzuerkennen bereit ist, ins Land zurückgekommen. Oder, besser ausgedrückt: Sie ist in der Wahnvorstellung, in den Projektionen der Franzosen bezüglich dieser Zugezogenen ins Land eingesickert. Es sind ja eben Leute wie Marianis Semiguerilla, die schließlich das Leid in die Familien tragen, wenn sie bereit sind, zu den Methoden von Terroristen zu greifen, um ihren vorgestrigen Ideen Ausdruck zu verleihen, sie durchzusetzen.

Alexis Jennis Roman ist ein schwerer Brocken, keine Frage. Es ist ein Roman, der beim Rezensenten eine seltsame Lesebewegung auslöste: Es war sehr schwer, in das Buch reinzukommen, dann wurde das Lesen ein immer stärkerer Sog und die letzten ca. 250 Seiten musste ich nahezu verschlingen. Ein Buch also, das erst mit zunehmender Seitenzahl seine Wirkung entfaltet. Zu Anfang schienen die Kommentare doch manches Mal zu wohlfeil, zu aufgeplustert intellektuell, ohne wirklich etwas zu sagen zu haben. Das ändert sich allerdings, spätestens, wenn die Freundschaft zu Salagnon und dessen Ideen und Erzählungen in den Mittelpunkt rücken. Ab diesem Moment hat man es mit einem Roman zu tun, der zugleich eine große abstrakte Abhandlung über Frankreich ist(das der Autor einen warmen, trägen Sonntagnachmittag nennt): Über die Kriege, die es führen musste und wie sie alle eine Reaktion auf den Ersten Weltkrieg gewesen sind, jenen, in dem Frankreich Sieger war, ohne je gesiegt zu haben und dessen Verlauf und Ausgang tief in der französischen Kollektivpsyche eingegraben sind und zu einem steten Minderwertigkeitskomplex führten; über den immanenten Rassismus der französischen Erfolgsgeschchte seit 1789 und darüber, was er und die aus ihm resultierende Kriegsführung, die Bereitschaft alle Mittel, vor allem die der Folter, anzuwenden aus denen machte, die diese Kriege kämpfen, die diese Mittel anwenden mussten.

Jenni wagt eine Geschichtsbeschreibung ebenso, wie eine Interpretation, wenn er also zeigt, wie in dem oben beschriebenen Zirkelschlag der Gewalt das, was uns weit entfernt dünkt, immer näher und näher rückt und schließlich in Form unserer ungeliebten Vororte, in den No-go-Areas der unpersönlichen Massenwohnsilos der Banlieues, in den plötzlichen, eruptiven Ausbrüchen von mobartiger Gewalt in den Vorstädten der Arbeitermetropolen historisch auf uns zurückfällt. Und in diesem Wagnis, das er besteht, gelingt dem Autor eines der wortgewaltigsten und klar duchdachtesten Werke zum Thema Geschichte, Krieg und dem Einfluß auf die Gegenwart, das der Rezensent lange gelesen hat. Unbedingt empfehlenswert!

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