DIE GLENN MILLER STORY/THE GLENN MILLER STORY

Ein wunderbarer Musikfilm, derbe Propaganda

Die 30er Jahre in den USA: Die „Große Depression“ hat das Land in ihren eisernen Klauen, kaum wer findet noch Arbeit, was man hat, landet immer häufiger in Pfandleihhäusern oder wird direkt versetzt. Obwohl die Menschen Ablenkung von ihrem tristen Alltag und diese neben dem Kino im Radio und bei musikalischer Abendunterhaltung suchen, leben auch Musiker schlecht.

So ergeht es auch dem jungen Posaunisten Glenn Miller (James Stewart), der, hat er mal ein Engagement, meist seine Chefs dadurch verärgert, daß er sie mit seinen eigenen, vollkommen neuartigen Arrangements bekannter und beliebter Stücke für Orchester und Kapelle nervt. Glücklicherweise ist der Pfandleiher, bei dem Miller regelmäßig sein Instrument versetzen muß, nicht nur ein Musikliebhaber, sondern auch aufmerksam: Er verrät Miller und dessen Kumpel, dem Pianisten Chummy MacGregor (Harry Morgan), von einem Big-Band-Vorspiel. Und wirklich: Nicht nur werden beide als Instrumentalisten engagiert, auch Millers Arrangements kommen der Band zugute.

Auf Tour in Denver kontaktiert Miller seine alte Freundin Helen Berger (June Allyson), die er 2 Jahre nicht gesehen hat, die er aber ungeachtet derer Versicherung, verlobt zu sein, zu heiraten gedenkt. Er zieht mit der Band weiter nach New York, wo er aussteigt, hoffend in der großen Stadt mit seinen Arrangements Erfolge zu feiern. Nach 2 weiteren Jahren meldet er sich erneut bei Helen, sie solle bitte sofort kommen, denn nun sei es soweit, er wolle sie heiraten.

Und wirklich kommt Helen und die beiden heiraten sofort. Helen glaubt an Glenn und seine Ideen, gibt ihm ihr Erspartes, damit er eine eigene Band gründen kann, was allerdings mißlingt, als sie ein Engagement nicht rechtzeitig erreichen und zudem Helen schwer erkrankt ins Hospital muß.

Nun aber taucht der Nachtclubbesitzer und Produzent Si Schribman (George Tobias) auf. Er gibt Miller Geld, damit dieser seine Ideen, an die Schribman glaubt, ausprobieren kann. Allein schon die Anzahl der Saxophone (fünf) entlockt Schribman das Stoßgebet, dies sei zwar noch kein Qualitätsmerkmal, auf jeden Fall aber „extravagant“ – und extravagant hatte Schribman es haben wollen. Doch am Abend vor der Premiere verletzt sich der Trompeter. Da die Trompete damals das klassische Soloinstrument war, steht die Produktion im Grunde vor dem Aus. Doch Miller entscheidet sich, die Klarinette die Soloparts spielen zu lassen. Neben dem enorm groovenden, fließenden Swing, den Millers Band zu produzieren im Stande war, wurde genau mit dieser Umstellung – laut des Films aus der Not geboren – der typische „Glenn-Miller-Sound“ geboren. Von nun ab eilt das Orchester von Erfolg zu Erfolg.

Schließlich meldet sich Miller bei Ausbruch des 2. Weltkriegs freiwillig, kann hinter der Front für Kurzweil und vorübergehende Freude bei den Soldaten sorgen. Die Big Band soll ein Konzert im befreiten Paris spielen, wofür Glenn Helen eine Neuerung ankündigt. Doch das Flugzeug, mit dem er der Band voraus in die französische Hauptstadt fliegen soll, kommt dort nie an, Glenn Miller stirbt mit gerade einmal 41 Jahren. Helen erfährt kurz vor der Liveübertragung des Konzerts von ihrem Verlust. Doch die Band kündigt an, daß sie das Konzert exakt so spielen werde, wie von Miller arrangiert.

Und so spürt Helen, als sie die ersten Töne jenes Lieds über den kleinen braunen Krug hört – jenes Lied, das Miller niemals mit der Band spielen wollte, da er es nicht mochte – daß Glenn Miller ab nun für immer leben wird, weil er etwas hinterlassen hat, das größer als ein einzelnes Leben ist…

Das Duo Anthony Mann/James Stewart steht heute in der Filmgeschichte vor allem für jene fünf Western, in denen sie eine Art Kanon des Westerngenres in seiner klassischen Phase schufen. Mindestens WINCHESTER 73 (1950) und THE NAKED SPUR (1953) sind Filme für die Ewigkeit. Daß das Gespann allerdings auch außerhalb des Westerngenres reüssieren konnte, wissen heute die wenigsten. THE GLENN MILLER STORY (1954)  war sicherlich die erfolgreichste und beliebteste dieser Kooperationen. Vielen gilt er sogar als der eigentliche Höhepunkt der Zusammenarbeit dieser beiden Giganten des Hollywoodkinos – worüber allerdings zu streiten wäre. Zweifelsohne ist da ein hervorragender Film entstanden, bestimmt von der Musik, von der er erzählt, rhythmisch in einem perfekten Timing, treibend, in bestimmten Szenen brillant, das Ganze schauspielerisch großartig dargeboten. Und als Schmankerl ist er gespickt mit Cameoauftritten eben jener Größen des Showbiz, von denen er u.a. erzählt – Louis Armstrong, Gene Krupa, Frances Langford oder Ben Pollack u.v.a.

Wenn Hollywood Biographien verfilmt – sogenannte Biopics herstellt – weiß man meist, daß man wenig über die betreffenden Personen erfahren wird, dafür allerhand Erbauendes bis Propagandistisches, daß sozusagen Fabellebensläufe ausgestellt werden, an denen sich der gemeine Amerikaner ein Vorbild nehmen kann, ja, ein Vorbild nehmen soll. Natürlich ist Millers Biographie geglättet, natürlich ist ein seine Posaune verpfändender Musiker sehr viel interessanter, als ein schlicht seinem Handwerk nachgehender, der relativ früh Erfolg hatte als Berufsmusiker und seine eigenen Ideen gut an den Mann brachte. Daß Miller auch ein ausgezeichneter Geschäftsmann war, läßt der Film vollkommen außer Acht, allein schon, weil es nicht wirklich zu Jimmy Stewarts Leinwandpersona passte, war er doch meist der etwas vertrottelt wirkende Träumer, der nur seine – natürlich immer die Menschheit beglückende – Idee vor Augen hat und die Welt kaum wahrnimmt. So auch hier. Als geschäftstüchtig wird eher sein Vater dargestellt, der in einer langen Szene minutiös errechnet, was sein Sohn bei einer Beteiligung von 3 Cent pro verkaufter Einheit so verdient.

Obwohl weder das Drehbuch noch Stewarts Darstellung Miller als Nerd, Besessenen oder als verrückt zeichnen, nicht mal als sonderlich von seiner Profession besessen, wird deutlich, daß dieser Mann gar nicht anders konnte, als diesen neuen Sound zu kreieren. Die größte Extravaganz, die der Film Miller zugesteht, ist seine doch sehr eigene Auslegung dessen, was man „Freien“ und „Treue“ nennt. Stewart gelingt es gekonnt, in seinem Spiel offen zu lassen, ob Miller um die Unverschämtheiten seines Verhaltens gegenüber Helen weiß – oder eben nicht. Daß Miller Helen praktisch zwei mal zwei Jahre lang „sitzen“, diese sich dieses aber gefallen läßt und schließlich bereit ist, ihm überall hin zu folgen, sich dann aber auch einbringt und somit Teil der Unternehmung wird, weist sie nicht nur als liebende Ehefrau, sondern als „moderne“ Frau generell aus. Dies ist jene Generation, die durchaus bereit für eine Art von Gleichberechtigung war, in der aber ein jeder Partner auch durchaus noch zu wissen schien, was sich „geziemte“. So verhandelt THE GLENN MILLER STORY weitaus mehr, als daß sie lediglich das Leben einer bekannten Person ausstellt. Mitte der 50er Jahre wird hier eine gängige, moderne Paarbeziehung dargestellt. Wobei erstaunlich bleibt, daß mit June Allyson eine eher unbekannte Darstellerin die weibliche Hauptrolle bekam und keine der damals gängigen weiblichen Stars.

Doch daneben eignete sich Millers Bereitschaft, in der Armee zu dienen, natürlich auch zur Darstellung eines großen Patrioten. Da gibt es eine Szene, in der die Band in England auf einer Gartenparty spielt und dies auch weiterhin tut, als mit einem Bombeneinschlag zu rechnen ist und dieser schließlich auch eintritt. Eine Nebensächlichkeit, die jedoch Mitte der 50er Jahre – die USA befanden sich einerseits mitten im Kalten Krieg, andererseits auf dem Höhepunkt einer antikommunistischen, patriotischen Welle – jedoch deutliche Aussagekraft hatte und auch so wahrgenommen wurde. Das Leben Glenn Millers eignete sich schlicht hervorragend, eine typische amerikanische Erfolgsstory zu erzählen, ohne größere Brüche, dafür aber mit einem ebenso dramatischen wie tragischen Ende. Das Ganze konnte perfekt als exemplarisch verkauft werden.

Doch kann man heute von diesen politisch-ideologischen Implikationen absehen und stattdessen einen wunderbaren Musikfilm betrachten, der nicht nur die wesentlichen Stücke seines Protagonisten – CHATTANOOGA CHOO CHOO, MOONLIGHT SERENADE oder IN THE MOOD u.a. – präsentiert, sondern in einigen Szenen atemberaubende Jams, Schlagzeugduette und Auftritte jener Musiker präsentiert, die einst die Geschichte der amerikanischen Populärmusik maßgeblich mitgeschrieben haben. Es ist sowohl das Timing des Films an sich, wie es im Speziellen die Auftrittsszenen der Musiker wie der Band sind, die diesen Film auch heute noch bestehen lassen. Mann zeigt uns die Jams, läßt die Stücke meist ausspielen und bricht nicht nach dem ersten Refrain oder einmaligem Durchspielen des Themas ab. Vielmehr hat man den Eindruck, daß der Film, der seine Geschichte zügig und in manchmal großen, kaum näher erklärten Zeitsprüngen erzählt, bewußt um diese Auftritte herum gebaut wurde. Dadurch hat man es eben nicht nur mit einem leidlich spannenden, manchmal etwas oberflächlichen Unterhaltungsfilm zu tun, sondern momentweise sogar mit einer Dokumentation, die einige der Größen des amerikanischen Showbiz seiner Zeit in Aktion festhält.

Anthony Mann – sonst eher im Bereich des Spannungs- und Aktionsfilms daheim – gelingen Einzelszenen, die auch filmisch brillant aufgebaut sind. Ob die Nachtclubszenen, die teils an jene Astaire/Rogers-Musicals erinnern, die in den 30er Jahren so populär waren und den Big-Band-Sound maßgeblich mit beeinflusst haben und zu seiner Popularität beitrugen, ob der Auftritt vor den Soldaten hinter der Front, wo ein ganzes Hangarkonzert nachgestellt wurde, oder ob die Enge eines Aufnahmestudios in der frühen Zeit dieser Technologien – die Bilder, die der Film liefert, sind zwingend. Sie sind dicht, manchmal überbordend, erfassen visuell das, was diese Musik auch so besonders macht, die Choreographie der Musiker zum Beispiel.

THE GLENN MILLER STORY ist schlicht einer der besten, elegantesten und schönsten Musikfilme aus jener Ära vor der modernen Rock- und Popmusik heutiger Prägung. Es ist ein guter Film mit sehr guten Darstellern und das Manifest einer sich ihrer Überlegenheit bewussten Nation. Ideologisch sagt der Film – wie so oft im klassischen Hollywood – weitaus mehr über die Zeit seiner Herstellung aus, denn über jene Jahre, von denen er eigentlich berichtet. So schön das alles anzusehen und vor allem zu hören ist – daß man es hier auch und gerade mit einem Propagandafilm der 50er Jahre, in denen er entstand, zu tun hat, sollte man nicht vergessen.

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