DIE HAND, DIE MAN NICHT BEISST/LA MANO CHE NON MORDI

Ornela Vorpsi wirft mit viel Humor Schlaglichter auf das Leben einer Entflohenen, auf die Widersprüche zwischen alten und neuen Heimaten und reflektiert die Differenzen, die sich zwangsläufig ergeben

Albanien…was weiß man schon über Albanien? Ein bettelarmes Land, lange ein kommunistisches Supplement hinter dem Eisernen Vorhang, aus dem wahlweise sogenannte Albaner-Clans kommen, die den Drogenmarkt in den europäischen Metropolen beherrschen, oder aber Nomadenvölker, denen nicht zu trauen ist…mit anderen Worten: Man weiß im Grunde nichts über Albanien. Stattdessen hegt man Ressentiments, setzt stattdessen auf Vorurteile und Klischees, die gern in Vorabendkrimis bedient werden.

Da kommt ein Roman wie Ornela Vorspsis DIE HAND, DIE MAN NICHT BEISST (Original Italienisch LA MANO CHE NON MORDI; erschienen 2007; Dt. 2010) gerade recht. Die Künstlerin, die wahlweise in Paris und Mailand lebt, schreibt auf Italienisch, lehnt eine Veröffentlichung ihrer Romane in ihrem Heimatland ab, und hatte bereits in ihrem Debut DAS EWIGE LEBEN DER ALBANER (IL PAESE DOVE NON SI MUORE MAI; 2004/2007) von einer Kindheit im kommunistischen Albanien in den 70er und 80er Jahren berichtet. Nun, in ihrem zweiten Roman, erzählt die 1991 nach Mailand ausgewanderte Autorin mit einem manchmal grimmigen, nie aber zynischen Humor von einer Rückkehr auf den Balkan und davon, wie diejenige, die das Land hinter sich gelassen hat, auf dieses reflektiert. Dabei kehrt sie nicht nach Albanien selbst zurück, sondern trifft in Sarajevo auf eine Reihe alter Bekannter, andere Exil-Albaner, die alle unterschiedliche Sichtweise und Perspektiven auf ihr Heimatland einnehmen.

Die Erzählerin reist nach Sarajevo, da ihr dort ansässiger Freund Mirsad das Haus nicht mehr verlässt, offenbar unter einer Depression leidet und seine Freunde sich um ihn sorgen. Der Anlaß der Reise spielt auf den gut 110 Seiten des Buchs allerdings kaum eine Rolle. Mirsad entzieht sich auch der Erzählerin, nachdem er sie einmal kurz getroffen hat, fühlt er sich gleich besser und entschwindet – die Freunde können nur erahnen, wohin. Ist er in den Urlaub gefahren? Oder hat er selber eine weitere Reise angetreten? Möglicherweise in den ebenso verklärten wie verhassten Westen? Nach Italien? Wer weiß. Wirklich kümmert es niemanden sonderlich und die Erzählerin will dann auch schnell wieder zurück nach Paris, wo sie mittlerweile lebt.

So sollte man also keine Geschichte, gar eine Erzählung von Freundschaft und Zueinanderstehen erwarten, sondern eine dezidiert subjektive Reisebeschreibung, die zunehmend von Flashbacks, Reflektionen auf die eigene Kindheit und manchmal schon sehr sarkastischen Betrachtungen der eigenen Vergangenheit überschattet wird. Erinnerungsfragmente an eine manchmal bitter realistisch beschriebene, manchmal verklärte (und noch zu verklärende) Kindheit und Jugend im heimatlichen Tirana wechseln sich mit Reflektionen auf den Kulturschock ab, der die junge Frau, die diese heimatliche Welt einst hinter sich ließ, im Westen ereilt hat. Ein Westen, der der titelgebenden „Hand, die man nicht beißt“ entspricht, weil sie/er einen füttert und führt. In eine bessere Zukunft, zu mehr Wohlstand, in eine neue Art der Abhängigkeit führt. Ein bitter-ironischer Blick auf einen Sehnsuchtsort, der nie erfüllen kann, was er verspricht und dessen Stärken zugleich als bedrohlich wahrgenommen werden, weil sie neben vielem Rechten auch Pflichten, Verpflichtungen bedeuten, Anstrengungen.

Hinzu kommt die Auseinandersetzung mit alten und neuen Bekannten, dem Neid, der Bewunderung und der Verachtung, die der einst Entflohenen entgegenschlagen. Neid auf das Leben in eben jenem verklärten (und weiter zu verklärenden) Westen, den man ja meist nur aus der Werbung und Erzählungen kennt, wechselnd mit der Bewunderung dafür, es dort „geschafft“ zu haben (wobei die Ich-Erzählerin und die Autorin weitestgehend deckungsgleich sind, Künstler sind, die eine auch für den Westen eher ungewöhnliche Karriere gemacht haben) und Verachtung für die vermeintliche Dekadenz, die Konsumgeilheit, die den Westen angeblich bestimmen, ihn oberflächlich machen und zugleich den Zugang zur Seele, der eigenen eigentlichen Identität verstellen – eine Art der Selbstverteidigung, eine Art Notwehr gegen den reellen Blick auf das eigene Elend.

Vorpsi nutzt das vielleicht einzige stilistische Mittel, mit dem man einem inneren und äußeren Konflikt beikommen kann, der sich als Dilemma, als nicht lösbar entpuppt, ohne in Zorn, vielleicht sogar Hass zu verfallen – die Ironie. Schon die Beschreibungen ihrer Flugangst, die den Aufbruch nach Sarajevo überschattet, nutzt sie, um dem Unterfangen dieses Romans, seinem Thema und den Untiefen dieses Themas die Spitzen zu nehmen. Sie stellt sich damit selbst radikal in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen und verdeutlicht dabei immer, daß alles, was da beschrieben wird, immer der subjektiven Sicht entspricht; markiert aber auch eine Bruchstelle derer, die eine radikal andere Heimat hinter sich gelassen haben. Denn wie kann man verbindlich von dieser Heimat, von dem Widerspruch von Liebe und Verlust, von der eigenen Identität und dem Wunsch, genau dieser zu entkommen, von der Flucht vor ihr (der Heimat, der Identität) und hin zu neuen Möglichkeiten, wenn man es denn so nennen will, von diesem Aufbruch, wie soll man von all dem erzählen? Wahrscheinlich kann man es nicht. Zu unterschiedlich die Geschichten, zu individuell die Erlebnisse und Wahrnehmungen einer völlig fremden Welt und ihrer vermeintlichen Verlockungen.

Vorpsi markiert damit aber auch eine Grunderfahrung aller Ausgewanderten, Emigranten und Exilanten: So kollektiv diese Geschichten auch auf Außenstehende wirken mögen – für den einzelnen selbst sind sie immer einzigartig. So ist dies auch eine Mahnung an jene, die schon immer in der völlig fremden, entfremdeten Welt des Westens, an den Sehnsuchtsorten der radikal anderen gelebt haben. Man sollte den eigenen, eben auch radikal subjektiven Blick auf das Fremde, auf Fliehende, auf Exilanten, Emigranten, Ausgewanderte differenzieren, ihren Geschichten lauschen und die Unterschiede begreifen, von denen sie erzählen. Die Unterschiede zwischen ihrer Heimat und unserer Heimat ebenso, wie die Unterschiede zwischen all diesen Menschen.

Und Albanien? Nein, wirklich mehr weiß man nicht über Albanien, wenn man Vorpsis Buch gelesen hat. Vielmehr hat man eben diesen subjektiven Blick auf ein Land, das sich als Mittelpunkt der Welt begreift (wie die Autorin dem Balkan generell attestiert, sich als Mittelpunkt der Welt und der Geschichte zu begreifen) und aus dieser Perspektive heraus – einer Perspektive, die letztlich natürlich der des durchschnittlichen Westlers und seinem Eurozentrismus, der immer ein West-Zentrismus ist, entspricht – das Schicksal, das Leben, das Leiden, vor allem aber das Ich definiert.

Vorpsi wird all dieses menschliche Sein, diese Conditio humana, wenn nicht gerade zu einem Witz, so aber doch zu einem Fluchtpunkt, dem man vor allem mit Humor begegnen sollte. Sie spürt den Widersprüchen ihrer verschiedenen Heimaten und jenen zwischen diesen Heimaten nach, sie deckt recht gnadenlos – und resistent gegen jedwede sentimentale Anwandlung – die kleinen Lügen auf, die sich ihre alten wie neuen Bekannten, die Bewohner der einen wie der anderen Welt, selbst erzählen, um dem Druck des Daseins ein anderes, vielleicht besseres, vielleicht auch noch schlechteres Narrativ entgegen zu setzen, das die eigene Jammerei im Zweifelsfall auch rechtfertigen kann. Daß die Autorin in dem, was sie da aufdeckt, was sich ihr entpuppt, vor allem ein tiefsitzendes, fast grollendes, meist aber heiteres Gelächter findet, das uns auch daran erinnert, wie klein und unwesentlich das individuelle Schicksal eben auch ist, macht ihren Text ebenso lustig wie nachdenklich. Und vor allem: Lesenswert, da er vor allem sehr, sehr unterhaltsam ist. Unterhaltsam im Sinne von kurzweilig. Die großen Fragen in der kleinen Form – das gelingt Ornela Vorpsi hervorragend.

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