KOMPASS/BOUSSOLE

Ein brillanter Roman europäischer Bildung und Wissbegier

Es sind interessante Zeiten, in denen wir leben. Alte, längst abgetane Konflikte – wie die zwischen Religionen – brechen erneut auf, Demagogen und Populisten machen sich nicht näher bestimmbare Unruhe und Ängste in der Gesellschaft zunutze, um ihr das Gift der Zersetzung einzuträufeln, Elitenhass und Demokratieverachtung zu schüren und den einen Teil der Menschen gegen einen anderen aufzuhetzen. Ja, es scheint sogar möglich, das wir uns darauf einrichten sollten, in absehbarer Zeit wieder mit den Folgen von Krieg, Not und Zerstörung umzugehen – und zwar nicht in Form von Flüchtlingen, viel mehr könnte es uns selbst demnächst in die Flucht schlagen. Die aufgeheizte Stimmung wird zusätzlich dadurch angefacht, daß auch die Klügeren – Philosophen wie Peter Sloterdijk, Autoren wie Michel Houellebecq seien einmal stellvertretend genannt – beginnen, auf den populistischen Zug aufzuspringen und ihre apokalyptischen Ideen und Prophetien unter die Leute zu bringen. Dabei ist nicht immer ganz klar, was die Motivation dahinter ist: Ist es die Lust alter Männer (die da meist ins Horn des Untergangs tuten) am Untergang, da sie ihr eigenes Ende nahen spüren? Oder doch eher der Veitstanz auf dem Haufen des eigenen Weltekels, der sich in der „islamischen“ Bedrohung nicht nur bestätigt fühlt, sondern diese regelrecht braucht, um die eigene Weltsicht abzusichern?

In all das Gedröhn hinein einen stilleren Ton zu setzen, die Stimme nicht zu erheben, sondern einer ruhigen Betrachtungsweise das Wort zu reden, es scheint kaum mehr möglich – dem Franzosen Mathias Enard ist es aber doch gelungen. Mit KOMPASS (im Original BOUSSOLE) setzt er kontrapunktisch einen Text in den Strom, das Gelärm, das weiße Rauschen des Hasses, der Indifferenz, der Hetze, einen Text, der sich Aufmerksamkeit dadurch erkämpft, daß er das allergenaueste Lesen erfordert, sich gnadenlos abgehoben in der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte umtut und schlußendlich die These aufstellt, daß der „Orient“ inklusive seiner Religion(en) für uns nur begreifbar ist, wenn wir bereit sind, uns in ihm zu spiegeln und zu begreifen, daß es immer unsere Projektionen auf den Nahen und Fernen Osten und den auch auf den Islam waren und sind, denen wir aufsitzen, ja, denen wir geradezu erliegen. Okzident und Orient sind nicht trennbar, mehr noch: Das eine ist ohne da andere nicht zu haben. Und wir müssen begreifen, so die weiterführende These, daß es neben dem real existierenden Nahen Osten, einen „Orient“ gibt, der rein kulturell konstruiert wurde – im Westen. Von den Kreuzzüglern über die ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL, Goethes WEST-ÖSTLICHEN DIVAN bis zu Karl May, zwischen GESCHICHTEN AUS TAUSENDUNDEINER NACHT, T.E. Lawrence und jenen von Beamten des Commonwealth einst im Britischen Museum willkürlich in den Wüstensand geritzten Grenzen, haben wir eine übergenaue Phantasie davon, wie der Orient beschaffen sei: Als Fluchtpunkt unserer eigenen Phantasie, als Traumland unserer Sehnsüchte, die gerade im moralisch engen Korsett des 19. Jahrhunderts weite Horizonte brauchten. Den Beweis tritt Enard an, indem er seinen Ich-Erzähler, den Musikologen Franz Ritter, den wir eine Nacht lang begleiten in seinen Erinnerungen nicht nur an seine Reisen auch und gerade nach Syrien, in den Iran oder nach Jordanien und in den Irak, sondern vor allem bei seinen Reminiszenzen an Sarah, eine französische Doktorandin, die er einst, vor Dekaden, bei einem Aufenthalt in Aleppo kennen- und lieben lernte, in einer endlosen Assoziationskette über die wechselseitige Befruchtung orientalischer und westlicher Kunst und Kultur sinnieren lässt.

Ritter, der sich als wandelndes Lexikon hinsichtlich der europäischen Kunst-, Kultur- und Musikgeschichte entpuppt, fristet sein mittlerweile eher beschauliches, um nicht zu sagen langweiliges Leben als Dozent in Wien. Zu Beginn des Textes geht ein für ihn wesentlicher Tag zuende: Er hat eine wahrscheinlich tödliche, uns nie näher erläuterte medizinische Diagnose bekommen und geht davon aus, daß er bald wird sterben müssen. Anlaß, sich in die verschachtelten Labyrinthe seiner Erinnerung zu begeben, ist auch eben jene Sarah, eine nun langjährige Freundin, der er schreiben und den Befund mitteilen will, die ihm aber just am Morgen dieses so wichtigen Tages einen Aufsatz hat zukommen lassen, der ihn nachhaltig verstört, greift sie darin einige Fragen moralischer wie intellektueller Natur auf, die beide bereits seit Langem beschäftigen. Beide, so wird uns im Laufe des Textes deutlich, sind an Wegscheiden ihres Lebens angelangt, beide müssen grundlegende Entscheidungen treffen, beide müssen sich fragen, wie, wo und auch ob sie die noch verbleibenden Jahre verbringen wollen. Und beide scheinen Rechenschaft ablegen zu wollen, obwohl Ritter dieser Aspekt seines Sinnierens erst nach und nach zu Bewußtsein kommt.

Diese Sarah ist eine fantastische literarische Figur. Selten wurde ein Charakter derart genau, doch ohne prätentiöse Beschreibung allein aus seinem Reden und Denken entwickelt. Das erinnert in seiner Präzision, in der Tiefe und Genauigkeit an Saul Bellows HERZOG. Sarah – eine Orientalistin, die zwar durch und durch Wissenschaftlerin ist, zugleich aber auch mit Haut und Haar dem Gegenstand ihrer Forschungen verfallen und darin ein ästhetisch empfindsamer Mensch, dem das Forschen selbst schon ästhetischer Akt, ein Akt der Schöpfung ist – ist eine derart überzeugende und vielschichtige Figur, die uns natürlich nur durch das Prisma eines sie Liebenden vermittelt wird, daß wir bereit sind, den uns mitgeteilten Ansichten zum Orient als Spiegel eines okzidentalen Unterbewussten, das sich nur zu gern auf die exotischen Geschichten aus TAUSENDUNDEINER NACHT etc. stürzt, zu folgen. So entsteht ein hoch intellektuelles Spiel mit Versatzstücken europäischer und nahöstlicher Kulturgeschichte, das von Franz Liszt bis Nietzsche, von Beethoven und Mozart bis zu Wagner und Arnold Schönberg, betrachtet durch Thomas Manns Figur des Adrian Leverkühn, reicht und zugleich durch die Schichten der eigenen Emotionen, Sehnsüchte und Träume reflektiert wird.

Man sollte bei dieser Lektüre bereit sein, sich einem assoziativen Strom endloser Wissensfetzen hinzugeben, Ritter zu folgen in seiner Melange aus Bildung, das einem Intellektuellen wie ihm wie die Luft zum Atmen gereicht, das ihn durchdringt und sein Leben mindestens so ausmacht und bestimmt, wie die Verrichtung alltäglicher Dinge. Belohnt wird man mit einem essayistischen Regenbogen tiefgreifender Überlegungen zu eben jenem Thema, das die Schlagzeilen nun seit weit mehr als einer Dekade beherrscht. Ein Buch wie Enards ist weitaus schwieriger zu lesen, erfordert viel mehr Aufmerksamkeit und Bereitschaft zum Mitdenken, als es Houellebecqs alarmistisches Werk benötigt, doch zugleich ist es auch viel intellektueller, gebildeter, gewillt, hinzuschauen und zu erkennen, mehr, als es all jene Werke sind, die so unbedingt einen Kulturkampf, ja gar einen echten Zusammenstoß der Kulturen herbeisehnen, die so unbedingt auf Trennendes und voneinander Differentes setzen, ohne auch nur ein Gran an echtem neugierigen Interesse für dieses vermeintlich ach so Fremde aufzubringen.

Enards Text ist durchtränkt von eben dieser Neugier. Und weil er gelehrt ist und sich für Geschichte interessiert und Willens ist, auch komplizierten Sachverhalten zu folgen, kann er Sarahs Theorie des Okzidents, der den Orient als Projektionsfläche für alle seine unterdrückten Ängste, aber auch Triebe und Lust-, wie Gewaltphantasien braucht, nur allzu gut unterfüttern, kann sie belegen mit Beispielen aus der Musik-, der Literatur- und Kunstgeschichte, aber auch mit politischen Zusammenhängen und Beispielen historischen Ausmaßes. Da ist viel Bekanntes dabei – der Völkermord an den Armeniern oder Atatürks Versuche, ein orientalisch geprägtes Land westlichen Werten zu unterwerfen und zu welchen Verwerfungen das auch geführt hat, wobei Enard/Ritter immer vor allem offen für die Differenzierung bleibt und somit brillant aufzeigen kann, daß auch all diese politisch-historischen Abläufe selten ohne EInfluß des Westens und auf den Westen betrachtet werden können – , dann wieder berichtet der Text von Abseitigem, Situationen und Begebenheiten, die sich im Unterbau der europäische Geschichte abgespielt haben und dennoch Wesentliches als Schlaglicht auf das Verhältnis von West und Ost und Ost zu West werfen. Das Buch rekurriert ebenso auf die unmittelbare Gegenwart und jüngste Vergangenheit (und liefert ganz nebenher eine ebenso gewagte wie einleuchtende Erklärung für die Kopf-ab-Methoden des IS und wie diese Fürchterlichkeiten eben auch aus der westlichen Erwartung orientalischer Grausamkeit hervorgehen), wie es eben auch tief in die Geschichte des Verhältnisses des Orients zum Okzident und vice versa eintauchen kann, sich in dieser Historie auskennt und sie literarisch zum Leben zu erwecken versteht.

Literarisch aber ist dieser Text vor allem, weil Enard es versteht, ihn mit einer hinter all dem Assoziationsfluß immer hervorlugenden Geschichte aufzuladen: Einer tiefgreifenden, tiefgehenden Liebesgeschichte, die geprägt ist von der Melancholie der mittleren Jahre, wenn man langsam begreift, welche Chancen man verpasst hat und erkennt, daß die Zeit womöglich zu kurz ist, um begangene Fehler und Auslassungen noch zu korrigieren. Dieser Franz Ritter gibt sich allerdings nicht dem Selbstmitleid hin – wenn er es tut, endet das schließlich in einer Reflektion des Gegenstands in der Musik, was selbst den Laien atemlos durch die Zeilen huschen lässt – , er analysiert lediglich gnadenlos ehrlich und nicht ohne Humor, der selbst natürlich wieder einer vergleichenden Reflektion unterzogen wird, die eigene Situation und legt sie offen. Es ist Enards literarischem Vermögen, seinem Rhythmusgefühl, seinem Sinn für das Assoziative mit gleichzeitiger, kaum spürbarer, Ordnungstendenz geschuldet, daß wir diesem Text manchmal atemlos wie einem Kriminalroman folgen. Da entsteht ein Spannungsbogen, den zu benennen kaum möglich ist, so fein ist das Wortgeflecht gesponnen, das gedankliche Gewölbe errichtet, so zart die Verästelungen, wie es im europäischen Roman momentan selten ist. Staunend folgt man, wie organisch und damit einem „echten“ Gedanken entsprechend der Autor es schafft, Fäden wieder aufzugreifen, die man im Verlauf des Textes fast vergessen hatte und im rechten Moment doch wieder erinnert, um über Dutzende, manchmal Hunderte von Seiten hinweg das kohärente Bild einer ebenso emotionalen wie intellektuellen Freundschaft und Liebe zu zeichnen. Dabei wird das Geistige niemals zugunsten frivoler oder gar ordinärer Pointen preisgegeben. Enard bietet uns keine Abziehbilder der verklemmten Wissenschaftler, die bei erster Gelegenheit doch nur das „Eine“ im Kopf haben. Ganz im Gegenteil macht er sich die Mühe, dem Leser eine Freundschaft zu skizzieren, deren Basis gerade dies Geistige ist, die ohne dieses Geistige gar nicht bestehen könnte, wahrscheinlich nie begonnen hätte. Enard entwirft ein bleibendes Liebespaar der Weltliteratur.

Der Leser hat es bei KOMPASS also mit einem Liebesroman, aber eben auch einem Gelehrtenwerk und einem wie leicht dahin gehaucht erscheinenden aber wohl mit heißem Herzen geschriebenen Bekenntnis zum Geist, dem Intellekt, der Bildung, der differenzierten Betrachtung, der neugierigen Sicht auf die Welt, ja mit einem Manifest des schwierigen Weges des Sich-Verstehens, der Erkenntnis und der reflexiven Selbstbefragung zu tun, kurz: einem Manifest für das, was gemeinhin AUFKLÄRUNG genannt wird. Dies ist jedoch kein Thesenroman geworden, kein didaktisch sich überlegen gebendes Werk, sondern ein Stück lebhafter Literatur, die das Denken und die Bildung, sogar den Intellektualismus zurück holt in den Raum des Ästhetischen. Das ist große französische, nein, in Anbetracht der Tatsache, daß hier ein Franzose aus der Sicht eines Österreichers schreibt, der sich stark an deutschen Traditionen orientiert und in sehr internationalen Zusammenhängen gearbeitet hat, muß man davon sprechen, daß dies große europäische Literatur ist. Ein wichtiger, weil nachdenklicher und bedächtig seine Perspektive ausbreitender gedanklicher Kontrapunkt zu all den Werken, die den Untergang des Abendlandes schon für ausgemacht halten. Besinnen wir uns darauf, daß sich Geschichte noch nie an Drehbücher, Grenzen, Regionen oder Lokalitäten, nicht an Ideen oder ideologische Vorgaben und auch nicht ans fromme Wünschen gehalten hat – sie geschieht und wir können immer nur, wie Benjamins ‚Engel der Geschichte‘, von hinten auf die Trümmer dessen blicken, was die Vergangenheit ausmacht – gleich, ob wir dabei das historisch Große und Ganze oder aber nur unser eigenes kleines, scheinbar so unbedeutendes Leben betrachten.

Es ist schön, daß Mathias Enard dieses Buch mit einem Hoffnungsschimmer in der heraufziehenden Morgenröte des neuen Tages enden lässt. Es ist folgerichtig und tut bitter Not, in all den Katastrophenmeldungen nicht zu vergessen, daß es Hoffnung ist, die Menschen  weitermachen lässt, selbst in den hoffnungslosesten Momenten. Also ist es auch folgerichtig all den Katastrophenmeldungen etwas anderes, unerwartetes entgegenzusetzen.

Literatur, beispielsweise.

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