DER EXORZIST/THE EXORCIST

Wie William Friedkin seine Zeitgenossen das Fürchten lehrte...

Der Jesuitenpater Merrin (Max von Sydow) stößt bei Ausgrabungen im Irak auf diverse Artefakte, die ihn zutiefst verstören, darunter nicht nur verschiedene Dämonenskulpturen, sondern auch ein Medaillon, dessen Symbole sich ihm zunächst nicht erschließen. In dem Nobelviertel Georgetown in Washington D.C. ist die Schauspielerin Chris MacNeil (Ellen Burstyn) mit ihrer halbwüchsigen Tochter Regan (Linda Blair) für die Dauer der Dreharbeiten an ihrem neuesten Film in eine Haus gezogen, wo die beiden mit einem Hausmeisterehepaar und der Assistentin Sharon (Kitty Winn) gemeinsam leben. Der Psychiater und Jesuitenpater Damien Karras (Jason Miller), leidet darunter, daß seine sehr gläubige Mutter allein und hinfällig in einem New Yorker Slum lebt und er sie weder öfters besuchen kann, es ihm jedoch auch nicht gelingt, sie in einem Seniorenheim unterzubringen. Als sie stürzt und sich verletzt, läßt ihr Bruder sie in eine Psychiatrie einweisen, da alle herkömmlichen Krankenhäuser Geld kosteten und er dieses nicht habe. Die alte Dame stirbt, was Pater Karras in eine tiefe Glaubenskrise stürzt. Derweil läßt Chris Regan medizinisch und neurologisch untersuchen, zeigt diese doch zusehends auffälligeres Verhalten. Doch die Ärzte können nichts feststellen, trotz Rückenmarkspunktion und allerhand mehr oder weniger schmerzhafter Untersuchungen. Auch ein Hirnscan und weiterreichende neurologische Untersuchungen bringen nicht viel. Regan behauptet, ihr Bett wackle und sie könne in ihrem Zimmer nicht schlafen. Die Ärzte vermuten pubertäres Verhalten, da die Familienverhältnisse der MacNeils nicht unproblematisch sind. Als Chris jedoch Zeugin wird, wie Regan auf ihrem Bett wirklich hin und her geworfen wird, glaubt sie nicht mehr daran, daß die Ursache für das Verhalten ihrer Tochter organischer Natur ist. Der Regisseur des Films, an dem Chris mitarbeitet, ein oft trinkender Mann, wird eines Abends am Fuß einer langen Treppe, die unterhalb von Regans Fenster entlangführt, tot aufgefunden. Er sollte auf Chris Tochter aufpassen, während diese unterwegs war, soll das Haus jedoch verlassen haben und auf der Treppe gestürzt sein. Erstmals mißtraut Chris ihrer Tochter und den Angaben ihrer Umgebung. Als der Polizist Kinderman (Lee J. Cobb) sie in ihren Vermutungen unterstützt, wird Chris noch mißtrauischer. Doch die Ärzte wissen nicht mehr weiter. Sie sprechen davon, daß vielleicht ein Exorzismus helfen würde, wenn das Opfer sich einbilde, besessen zu sein. So wendet sich Chris an die katholische Kirche und gelangt so an Pater Karras, der eigentlich vom Priesteramt zurücktreten wollte, zu tief ist sein Glauben erschüttert. Nun jedoch nimmt er den Kampf um Regans Seelenheil auf und wird nach anfänglichen Zweifeln bald damit konfrontiert, es hier offenbar wirklich mit einem Dämon namens Pazuzu, einer Inkarnation des Teufels, zu tun zu haben. Er bittet um den Beistand eines erfahrenen Priesters, allein könne er die Austreibung nicht vornehmen. Es wird ihm Pater Merrin zur Seite gestellt, der den eigentlichen Exorzismus durchführt. Während der Stunden im Zimmer bei dem ans Bett gefesselten Mädchen, müssen beide Priester nicht nur äußerst ekelerregende An- und Auswürfe, extrem ordinäre und obszöne Reden und durchaus in die Tiefe ihrer Psyche dringende Anschuldigungen über sich ergehen lassen, sondern Merrin kommt bei seinen Versuchen, den Dämon aus dem Mädchen mit allen Mitteln zu vertreiben, auch zu Tode. Karras stürzt sich auf das Kind und prügelt auf es ein, dabei brüllt er wieder und wieder „Nimm mich! Nimm mich!“, bis der Dämon tatsächlich in den Körper des Priesters schlüpft. In einem letzten Akt des Willens stürzt sich Karras aus dem Fenster auf die Treppe darunter und kommt so zu Tode. Sterbend kann er bei Pater Dyer (Reverend William O’Malley) noch die Beichte ablegen, wodurch der Dämon endgültig bezwungen ist. Regan wird wieder zu dem Mädchen, das sie einmal war.

Fünf Jahre, nachdem Roman Polanski Mia Farrow – stellvertretend für alle werdenden Mütter im Besonderen, aber auch den Rest der Menschheit allgemein – mit der Niederkunft des Leibhaftigen in Angst und Schrecken versetzt hatte, servierten William Friedkin und William Peter Blatty die Vulgärversion satanischer Umtriebe auf Erden. Blatty, der bereits die Vorlage geschrieben hatte, lieferte das Drehbuch, Friedkin, zuvor als Regisseur des Polizeifilmklassikers THE FRENCH CONNECTION (1971) zu Ruhm und Ehren gelangt, inszenierte. Das Ergebnis, zwei Tage nach dem Wiegenfeste des Heilands 1973 dem amerikanischen Publikum serviert, avancierte binnen kürzester Zeit zu einem DER Kassenschlager der frühen 70er Jahre und gilt Vielen bis heute als der beste Horrorfilm aller Zeiten. Weiß der Teufel, warum…

Denn mit dem Abstand von mittlerweile über 40 Jahren fragt sich der geneigte Zuschauer, wodurch THE EXORCIST es je zu diesem Prädikat gebracht hat? Schaut man dem ganzen Teufelstreiben nüchtern zu, stellt man recht schnell fest, daß man es mit einem erstaunlich eindimensionalen Film, mit teils erschreckend billigen Effekten und vor allem einem Drehbuch zu tun hat, das teils mit brutal weit klaffenden Logiklöchern aufwartet. Am erstaunlichsten ist vielleicht, daß der Film mit relativ wenigen Schockmomenten und nahezu ohne exzessive Gewalt auskommt. Der Horror liegt zum einen darin, dieses niedliche Mädchen mit der Stimme einer lebenslangen Alkoholikerin (im Original die von Mercedes McCambridge) die übelsten Obszönitäten aussprechen zu hören, hinzu kommen Momente, in denen sie tut, was kleine Mädchen nicht tun sollten, schon gar nicht mit Kruzifixen, zum anderen sehen wir Regan/Blair (die die Rolle nicht durchgehend spielte, was einer Minderjährigen sicherlich auch nicht zumutbar gewesen wäre) in den verschiedenen Stadien und Inkarnationen ihrer Besessenheit. Wahlweise hängt ihr die Zunge einen halben Meter aus dem Hals, bricht ihre Haut auf, erbricht sie grünen Schleim, schaut sie aus nahezu toten Augen oder dreht ihren Kopf um 180 Grad. Höhepunkt der neuen Fassung, die ca. 10 Minuten länger als das Original dauert, ist der ‚Spinnengang‘, wenn sie körperlich in sich verkehrt die Treppe heruntergelaufen kommt. Hinzu kommen gezielt gesetzte Schocks, wie jene Rückenmarkspunktion, die uns in aller Ausführlichkeit präsentiert wird. Seine eigentliche Stärke hat der Film in der ersten Stunde, wenn die drei Handlungsstränge um Merrin im Irak, Pater Karras und seine Glaubenskrise und jener um Chris und Regan MacNeil parallel laufen und Friedkin teils Bilder findet, die vielleicht nicht gleich unheimlich oder verstörend, atmosphärisch und in ihre kühlen Distanz allerdings durchaus unheilvoll wirken. Vor allem jenes, in dem Merrin in der untergehenden Wüstensonne Auge in Auge einer Dämonenstatue gegenübersteht, kann beeindrucken. Umso gruseliger dann später jener Moment, wenn genau diese Statue in Regans Zimmer im Schwarzlichtgewitter während der Austreibung wieder auftaucht. Auch die offenbar ‚on location‘ in New York gedrehten Einstellungen in dem Wohnblock in den Slums und später in der Psychiatrie, wo Karras jeweils seine Mutter besucht, schaffen ein Gefühl von Entfremdung und Ausweglosigkeit. In diesen Momenten entdeckt man durchaus den Regisseur der FRENCH CONNECTION wieder, der das kalte New York so brillant eingefangen hatte.

Doch so zwingend Friedkins Bilder und Plots in seinem Polizeithriller waren, so zwingend sie später in CRUISING (1980) und zumindest noch in TO LIVE AND DIE IN L.A. (1985) sein sollten – in THE EXORCIST geht das alles nicht wirklich auf. Das hat sicherlich schon mit den Schwächen des Buchs zu tun, das uns nie erklärt, warum der Dämon sich ausgerechnet den (schwachen) Körper einer 12jährigen wählt, um sich zu manifestieren, auch, warum er ausgerechnet in Georgetown, Washington D.C., zuschlägt und auch, wie der Zusammenhang zwischen Pater Merrins verstörenden Funden zu Beginn des Films, einer Kirchenschändung im Einflußbereich Pater Karras und der Besessenheit von Regan zustande kommt, bleibt weitestgehend im Dunkeln und so interessante Ansätze der Film gerade mit der Glaubenskrise bei Karras bietet, genutzt werden sie nicht. So wirken die immerhin an die 40 Minuten Filmzeit dauernden Expositionen um die beiden Priester, die durchaus Spannungspotential haben, nahezu verschenkt in Anbetracht der Tatsache, daß sie dann während des eigentlichen Exorzismus keine Rolle mehr spielen, sieht man einmal davon ab, daß Karras sich mit recht widerlichen Aussagen hinsichtlich dessen, was seine Mutter im Jenseits so treibt, konfrontiert sieht. So wirkt der Film schlicht oberflächlich und lediglich auf Schock und Terror hin konstruiert. Sowohl Polanskis (sowieso um Meilen besserer und tiefgründiger Film) ROSEMARY’S BABY (1968) als auch das schlicht zur kommerziellen Ausschlachtung gedachte Plagiat (das dann viel mehr war) THE OMEN von 1976 erzeugen mehr Furcht und Schrecken und sind beide in sich schlüssiger. Hier verpassen es die Macher sogar, uns glaubhaft zu erklären, warum Regan anfangs überhaupt ärztlicher Diagnostik und Behandlung bedarf. Und die Hysterie ihrer Mutter Chris wird nicht gesteigert, sondern ist von allem Anfang an vorhanden. Die ansonsten großartige Ellen Burstyn hat hier nicht viel zu tun, schauspielerisch betrachtet.

Das Interessanteste an THE EXORCIST bleibt zum einen seine (damalige) Wirkung, andererseits die ambivalente Haltung gegenüber dem Zeitgeist, die er zeigt. Wobei das eine wahrscheinlich massiv mit dem anderen zusammenhängt. Zur Wirkung muß man sagen: In gewisser Weise erscheint der Film eher wie ein Psychothriller im Gewande eines Horrorfilms. Ein wenig scheint es so, daß man es hier mit einem Horrorfilm für Leute zu tun hat, die eigentlich keine Horrorfilme mögen oder schauen. Dabei wäre es sehr interessant, festzustellen, wie hoch der Anteil der Katholiken bei jenen ist, die dies hier für den „besten Horrorfilm aller Zeiten“ halten. Noch interessanter allerdings sind die subtextuellen Implikationen, die der Film zweifelsohne hat. Mitten in jener Phase gedreht, die einige für die zweite dessen halten, was oft ‚New Hollywood‘ genannt wird – also jene Jahre, in denen Hollywood sich konsolidierte, indem es jungen, ambitionierten, oft linken Filmemachern entgegenkam und sie „machen“ ließ – und dabei von einem jener Regisseure inszeniert, die man zwar nicht direkt zum engeren Zirkel der ‚New Hollywoodianer‘ zählen würde, der aber durchaus gerade in seinem THE FRENCH CONNECTION einen Beitrag dazu geliefert hatte, mit den Mitteln dieser Bewegung, die keine war, auch das Genrekino zu erneuern, liefert THE EXORCIST einen sehr ambivalenten Blick auf „seine“ Zeit. Man kann Vieles in diesen Film hineininterpretieren, daß er im Kern reaktionär ist, wird man einzugestehen wahrscheinlich nicht umhinkommen. Allerdings ist der Horrorfilm dies im Kern fast immer. Er liefert uns herrliche Schurken und fieses Verhalten, doch zeigt er uns auch meist, wohin moralische Verfehlung führt: Im Horrorfilm werden wir der Bestrafung für fehlgeleitetes Verhalten/Benehmen ansichtig. THE EXORCIST gibt einerseits einem tiefsitzenden Mißtrauen gegenüber der (Post)Moderne und ihrer Technikgläubigkeit Ausdruck, reagiert jedoch zugleich auf den Zeitgeist einer „entfesselten“ Jugend, die sich durch Drogenkonsum, Lebensstil und sexuelle Freizügigkeit von der Elterngeneration entkoppelt und abgegrenzt hat. Nichts kann Regan helfen – keine Ärzte (Wissenschaft), kein Gerät (Technik), keine Medikamente (Drogen). Erst der Rückgriff auf den Glauben, die Religion, das Sich-Übergeben in die Hände „höherer“ Mächte, kann Abhilfe schaffen. Es sind (ältere) Männer, denen es schließlich gelingt, dem Mädchen zu helfen. Männer katholischen Glaubens, die sich allen Anwürfen und Beleidigungen entgegenstellen. Daß das von heute aus gesehen an und für sich schon einen Hautgout hat, wenn katholische Priester sich körperlich an Obszönitäten ausstoßenden Mädchen (Kindern) zu schaffen machen, konnte damals natürlich niemand ahnen (?), ein Treppenwitz der Geschichte bleibt es dennoch. In seinem zeitgenössischen Kontext plädiert der Film klar dafür, daß eine aus dem Ruder laufende Generation sich doch bitteschön wieder an einer patriarchal-paternalistischen Gesellschaft orientieren sollte. Obwohl die Jugendkultur als „Gegenkultur“ 1973 längst nicht mehr als homogen zu bezeichnen war, vor allem die Hippies mit ihrem freien, libertären Lebensstil kein Leitbild mehr prägten, dämonisiert der Film genau dies: eine Jugendliche, die moralisch entgrenzt scheint; eine Jugendliche, der mit den herkömmlichen Mitteln einer säkularen, zukunfts-, also technikgläubigen, Gesellschaft nicht mehr beizukommen ist; eine Jugendliche, der nur noch mit den spirituellen/religiösen Mitteln der Alten zu helfen ist. Daß in den ebenso protestantischen wie prüden USA der Katholizismus zum Retter in der Not wird, hat dabei natürlich ein ganz eigenes Geschmäckle.

Letztendlich – und da wird THE EXORCIST im Eigentlichen dann eben doch wieder zu einem Horrorfilm – ist dies alles ein Seismograph tiefsitzender Ängste. Nach Jahren des Umbruchs, sozialer und politischer Ungewißheiten, drückt THE EXORCIST ein tiefsitzendes Bedürfnis nach Klarheit, Einfachheit und Führung aus. Eine erschöpfte Gesellschaft findet in dieser Teufelsgeschichte eine passende Metapher für die eigene Unsicherheit, zugleich aber auch für die Unfassbarkeit der Brutalisierung und Lüge, die sie gewärtigen muß. Auf dieser Ebene funktioniert der Film dann eben perfekt. Als Horrorfilm eher und immer weniger.

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