DIE TÜRME VON BARCHESTER/BARCHESTER TOWERS

Anthony Trollopes zweiter Band der Barchester Chronicles

Im Jahr 1855, als bisher nicht allzu erfolgreicher Autor, veröffentlichte Anthony Trollope mit THE WARDEN (1855; Dt. SEPTIMUS HARDING, SPITALVORSTEHER) den ersten Band der Barchester Chronicles, die schließlich auf sechs Bände anwachsen sollten. Es sollte auch sein erster bescheidener Erfolg werden, der zugleich Anklang bei Publikum und Kritikern fand. Trollope, der als Postbeamter in Irland arbeitete, entschloß sich erst jetzt, es weiterhin mit der Schriftstellerei zu versuchen. Und so erschien kaum zwei Jahre später der Folgeband BARCHESTER TOWERS (1857; Dt. DIE TÜRME VON BARCHESTER, hier: Zürich 2005 in der Neuübersetzung von Andrea Ott).

Da Trollope zunächst auf das Personal des Vorgängers zurückgreift, könnte man BARCHESTER TOWERS für einen direkten Anschlußband halten, jedoch erzählt der Autor hier doch in weit ausholender Manier eine eigenständige Geschichte von den Ereignissen in der Stadt, die eine fiktionalisierte Version Winchesters ist. Der Leser spürt, daß der Autor sich mittlerweile besser in seinem Universum auskennt, er arbeitet die gesellschaftlichen Strukturen deutlicher heraus, gibt uns mehr Details über die Stadt und das Umland und führt eine viel größere Anzahl von Figuren in die Handlung ein als im doch deutlich schmaleren ersten Band der Chronicles. So lernen wir diesmal nicht nur die Menschen aus der unmittelbaren Umgebung des ein wenig naiven, doch rechtschaffenen Septimus Harding, dem nun ehemaligen Vorsteher des Spitals der Stadt, kennen, sondern auch führende Mitglieder der Oberschicht und sogar des Adels, die die Stadt prägen und beherrschen. Der Kreis der Figuren geht nun deutlich über den der kirchlichen Würdenträger des ersten Bands hinaus.

Die Handlung ist schnell wiedergegeben: Der alte Bischof – Hardings Freund und zugleich Vater eines seiner Schwiegersöhne, des Erzdiakons Grantly – ist tot. Da sein Ableben in eine Zeit politischer wie gesellschaftlicher Umwälzungen fällt, sieht die Stadt, allen voran der Erzdiakon selbst, mit bangem Interesse dem neu zu bestimmenden Nachfolger entgegen. Als der benannt ist, stellt sich bald heraus, daß es kaum dieser selbst sein wird, der die Amtsgeschäfte führt, sondern hinter den Kulissen ein Kampf zwischen seiner Gattin und dem Kaplan Slope tobt, die beide ihren Einfluß auf den Bischof zu erweitern suchen. Daraus resultiert ein regelrechter Krieg um Ämter, Posten und die Herzen der entscheidenden Beteiligten – oder besser gesagt derer, die für entscheidend gehalten werden. Denn Hardings jüngere Tochter, mittlerweile verwitwet, steht mit ihrem Ansehen, mehr noch aufgrund ihres guten Jahreseinkommens, recht hoch auf der Liste der noch oder neu zu vergebenden Damen der Stadt. Und nichts würde Erzdiakon Grantly mehr ärgern, als die Vermählung seiner Schwägerin mit dem windigen Slope, der offenkundig um sie wirbt und dem sie – in Grantlys Augen zumindest – viel zu viel Aufmerksamkeit widmet.

Es entsteht ein vielschichtiges Spiel aus Intrigen, Gerüchten und Tratsch, welches zu immer komplizierteren Verwicklungen der verschiedenen Parteien führt, zu Brüchen und Wiedervereinigungen zwischen Freunden, gar Familienmitgliedern, zu tiefen Verletzungen und echter Rachsucht bei mindestens einem Beteiligten. Doch ist es weniger dieser Haupthandlungsstrang, der das Buch so interessant und lesenswert macht, sondern die vielen, vielen Nebenhandlungen und Nebenfiguren sind es, die den eigentlichen Reiz der Lektüre ausmachen. Allen voran ist es die Familie Stanhope, deren Oberhaupt zwar eine Pfründe in der Umgebung von Barchester innehat, mit den seinen aber ganzjährig in Italien lebt und sich somit einen entsprechenden Ruf eingehandelt hat. Die Stanhopes sind nun aber gezwungen, nach Barchester zurückzukehren, da die Anwesenheit des Pfarrers zur Stärkung der jeweiligen Fronten gefragt ist. In seinem Gefolge treten auch Bernie, sein Sohn, ein Tunichtgut, der gern das Geld anderer Leute ausgibt und seines Zeichens als Künstler – Bildhauer – durchs Leben geht, und die Tochter Madeline Neroni auf. Letztere ist sicherlich der dem Leser am deutlichsten in Erinnerung bleibende Charakter dieses literarischen Reigens.

Einst mit dem Grafen Neroni verheiratet, der sie derart mißhandelt hat, daß sie aufgrund einer Paralyse ihrer Beine nicht mehr laufen kann, hat sich die außergewöhnlich schöne Frau darauf verlegt, ihre Umwelt einerseits mit ihrem Aussehen und ihrem zweifellos vorhandenen Charme zu becircen, zugleich aber auch ohne Rücksicht auf Etikette, Anstand oder Verhaltensregeln nach Strich und Faden ihrem Spott auszusetzen und, wenn möglich, zu ihrem persönlichen Vergnügen etliche Intrigen zu spinnen. Sie macht die Männer verliebt, spielt sie gegeneinander aus, verrät ihre Geheimnisse und konfrontiert sie nur allzu gern mit allerlei Wahrheiten, die jene nur ungern hören wollen. Madeline Neroni ist außerordentlich klug, versteht sehr viel von der menschlichen Seele und der Psyche und fast genauso viel von den Herzen der Menschen. Und das obwohl der Erzähler dem Leser mehrfach versichert, daß die ganze Stanhope-Sippe schlicht kein Herz habe. Niemand von ihnen. Sie sind, auch dies wird explizit erwähnt, nicht böse, auch nicht verschlagen oder hinterhältig, sondern schlicht frei von jeglicher Empathie. Das macht sie vielleicht unsympathisch aber ausgesprochen interessant.

Seinerzeit war Madeline Neroni eine Skandalfigur und es lässt sich gerade an ihr herrlich ablesen, wie die Rezeption von Literatur sich im Laufe der Zeiten ändert. Wo Trollope sie eben auch als Skandalfigur anlegt, eine Gestalt, die Unruhe, gelegentlich sogar Chaos in die Kreise der besseren Gesellschaft Barchesters bringt – und dies zu einer Zeit, in der die bessere Gesellschaft sowieso schon in Aufruhr ist ob all der politischen Umwälzungen – wird sie dem modernen Leser zu einem Anker des Gegenwärtigen im doch fernen 19. Jahrhundert des englischen Viktorianismus. Denn eine solche Figur heute gelesen, ist nicht nur ausgesprochen witzig, sondern vor allem sehr, sehr emanzipiert. Dieser Frau macht keiner und keine etwas vor und sie ist furchtlos in ihrer Bereitschaft, die meisten Menschen mit dem, was sie wahrnimmt, auch zu konfrontieren. Trollope braucht sie gerade mit dieser Charaktereigenschaft allerdings auch, denn nur durch sie und ihre vermeintliche Weisheit gelingt es, den Roman nach fast 870 Seiten zu einem befriedigenden Ende zu bringen. Und das meint in diesem Fall ein Happyend. Es bedeutet allerdings auch, daß der Erzähler seine eigenen Andeutungen hinsichtlich des Charakters der Dame in Frage stellen muß, denn sie beschließt, das in ihren Augen richtige zu tun, woraus ein durchaus intakter moralischer Kompass abzuleiten ist.

Trollope nutzt – stärker noch als in THE WARDEN – das Spiel um die Kirchenämter – im Laufe der Handlung müssen auch etliche Pfarrstellen, Vikar- und Kaplanposten und schließlich auch noch die des Diakons neu ausgeschrieben und bestellt werden – als Parabel auf die zeitgenössische Politik und ihre Auswüchse auf die gehobenen Kreise der Gesellschaft. Es ist ein Spiel von konservativen und (markt)liberalen Kreisen, das ununterbrochen im Hintergrund auf der großen Bühne nationaler Politik, also in London, spielt, dessen Auswirkungen aber in Barchester deutlich zu spüren sind, nicht zuletzt durch die Besetzung des Bischofssitzes mit einem der Low Church eher zugeneigten Mann. Und in der Auseinandersetzung jener beiden theologischen Strömungen – eben der Low Church, also eher protestantischer Natur, und der High Church, die die anglikanische Kirche eher sakramental und damit katholischer geprägt sehen wollte – kann Trollope die grundsätzliche Auseinandersetzung zwischen Konservativen und Liberalen in England zur Mitte des 19. Jahrhunderts anschaulich machen. Und er kann sich über das Ziehen und Zerren um Traditionen und die durch Traditionen geschützten Pfründe der Beteiligten – also recht weltlichen Wohlstand und vor allem Macht – trefflich lustig machen. Ohne dabei selbst eine Haltung beziehen und verteidigen zu müssen.

Trollope ist, anders als bspw. Elizabeth Gaskell oder Thomas Hardy, auch Dickens, kein sozialkritischer Beobachter seiner Zeit. Trollope ist ein bürgerlicher Schriftsteller, seine Protagonisten entstammen eben diesem Bürgertum, oft auch der Upper Class, und seine Beobachtungen sind auch da am genauesten, wo er genau diese Menschen beschreibt. In der Art, wie er sie auftreten und wie er sie agieren lässt. Allerdings sieht der Autor durchaus die Zeichen seiner Zeit und man kann seine Romane schon als – eben bürgerliche – Gesellschaftskritik lesen. Kaum ein Autor seiner Zeit sieht so genau, inwiefern Geld und Macht sich bedingen und daß er ausgerechnet kirchliche Themen nutzt, hat auch mit der spezifischen Struktur der anglikanischen Kirche zu tun, deren Wohl und Wehe stark von weltlichen Entscheidungen abhängt. So kommen in den beschriebenen Konflikten Politik und Kirche als ausgesprochen starke gesellschaftliche Institution zur Deckung.

Was neben dem Humor, der Ironie, zudem besonders modern heraussticht, ist Trollopes Erzählstil. Sein Erzähler – der namenlos bleibt, dessen Hintergrund nie genauer erläutert wird, der aber viel vom Beobachten und vom Schreiben versteht – tritt immer wieder direkt an den Leser heran, teilt ihm seine persönlichen Ansichten mit, weist deutlich darauf hin, wo sie sich von den „objektiven“ Ansichten, womit zumeist gesellschaftlich sanktionierte gemeint sind, unterscheiden und gibt hier und da preis, daß er bei einigen der beschriebenen Situationen und Begebenheiten zugegen gewesen ist. Dies kollidiert dann allerdings mit seiner oftmals wirklich auktorialen Position, die es ihm erlaubt, in die Köpfe aller Beteiligten zu blicken und uns auch an Momenten teilhaben zu lassen, in denen sich nur zwei Personen gegenüberstehen.

So bleibt die Erzählerposition prekär, daß hier der Autor Trollope direkt zum Leser spricht, deutet sich an, denn nur er kann als wahrlich „göttlicher“ Erzähler fungieren. Zugleich unterläuft er diese Annahme, indem er – darauf weist Doris Feldmann in ihrem ausgesprochen informativen Nachwort deutlich hin – in Mr. Harding eine Figur installiert, die die teils auch moralisch geprägten Anmerkungen des Erzählers konterkarieren und ihn als strenge Instanz ausweisen, während Harding zwar naiv sein mag, doch immer, in allen, auch ihm zuwiderlaufenden, Situationen menschenfreundlich bleibt und auch seinen erklärten Feinden (also jene, die sich zu seinen Feinden erklärt haben) freundlich gesinnt bleibt. Er ist ein Korrektiv zur Erzählung (des Erzählers) selbst, der zugleich eine zwar passive, jedoch ausgesprochen wichtige Rolle im Gesamtkonstrukt des Romans spielt. In ihm kommt vielleicht Trollopes Sehnsucht nach einem Humanismus zum Ausdruck, den sich die aktiv Handlenden des Romans nicht leisten zu können meinen.

Ähnlich verhält es sich mit den Erklärungen des Erzählers zum Roman und dem Verfassen längerer Texte. Daß Trollope seinen Erzähler überhaupt auf eine Metaebene treten lässt, wo dieser sich – am stärksten ausgeprägt ist dies sicher am Ende des Romans, wenn wir mitgeteilt bekommen, welche Schwierigkeiten das Verfassen eines ebensolchen macht – nicht nur seine Gedanken zum Schreiben generell macht, sondern etwaige Schwächen des Romans als Gattung reflektiert und selbstkritisch darüber sinniert, inwiefern dieser dann überhaupt Realität abbilden kann, zeugt von einem äußerst modernen Stil (manche würden vielleicht schon von postmodernem Stil sprechen, da im Grund echte, wenn auch ironisch verpackte, Gattungsreflektion und -kritik stattfindet).

BARCHESTER TOWERS gilt heute als einer der großen Romane der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts, die an großen Romanen nun wahrlich nicht arm ist. Und nach wie vor ist es ein höchst vergnüglicher, gut lesbarer Roman, der vor allem unterhält, wer sich für die englische Provinz, die englische Politik und die englische Gesellschaft des Viktorianismus interessiert. Man sollte sich ein paar Kenntnisse der politischen Umwälzungen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England aneignen, man sollte zumindest rudimentäre Kenntnisse davon besitzen, was High Church und was Low Church innerhalb der anglikanischen Kirche für Bedeutungen hatten und man sollte verstehen, daß dies auch und vor allem ein Unterhaltungsroman war, der sich heutzutage komplett anders liest, als zur Zeit seines Erscheinens. Doch kann man anhand eines Romans wie diesem auch begreifen, daß neben dem unvermeidlichen Charles Dickens, neben Thomas Hardy, George Eliot, Jane Austen, den Schwestern Brontë und all den britischen Schriftstellern, die zum Glanz der englischen Literatur beigetragen haben, auch Anthony Trollope zu den Großen in diesem Reigen gehört und es verdient hätte, mehr übersetzt und mehr gelesen zu werden.

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