FREAKS

Tod Brownings Meisterwerk ist ein einsamer Monolith

Basierend auf der Kurzgeschichte „Spurs“ von Clarence Robbins, entwarf er das Szenario eines Zirkus‘, der u.a eine „Freakshow“, ein ‚Kuriositäten- und Monstrositätskabinett‘ präsentiert: Menschen, die unter den absonderlichsten Mißbildungen leiden, wobei Kleinwuchs noch mit Abstand die „normalste“ Behinderung ist. Da gibt es die ‚Frau mit Bart‘ (Olga Roderick), drei schwachsinnige Schwestern, die sogenannten ‚Pin-Heads‘ (Jenny Lee, Elvira Snow und Schlitzie), den lebenden Torso (Prince Randian), den ‚Mann ohne Unterleib` (Johnny Eck) oder auch siamesische Zwillinge (Daisy und Violet Hilton) und einige mehr. Auch das kleinwüchsige Pärchen Frieda und Hans (Daisy und Harry Earles). Er jedoch verliebt sich in die Trapezkünstlerin Cleopatra (Olga Baclanova). Diese – verbandelt mit dem ‚starken Mann‘ Hercules (Henry Victor) – verachtet die „Mißgestalteten“ (so der deutsche Untertitel des Films), läßt sich von Hans jedoch reichlich beschenken. Schließlich bittet er sie um ihre Hand und als sie erfährt, daß er Erbe eines Vermögens ist, willigt sie ein. Doch auf der  Hochzeitsfeier kommt es zum Eklat: Die Gäste – größtenteils eben jene verachteten „Freaks“ – wollen sie, Cleopatra, symbolisch zu einer der ihren machen und reichen dazu eine Schüssel Bowle herum, aus der sie alle nach und nach trinken. Cleopatra jedoch verweigert den Trank und beginnt, ihre Gäste zunächst zu beschimpfen, schließlich schmeißt sie sie hinaus. Sie und Hercules beginnen umgehend damit, ihren Plan, Hans zu vergiften, in die Tat umzusetzen. Der jedoch – gewarnt durch die Vorkommnisse auf seiner Hochzeit – verweigert das Gift und mit Hilfe seiner Freunde begeht er schreckliche Rache an Hercules, der dies nicht überleben wird, und Cleopatra, die die „Freaks“ nun wirklich zu einer der ihrigen machen – diesmal keineswegs symbolisch.

Tod Browning hatte 1931 für Universal Pictures dem Fürsten der Dunkelheit DRACULA ein Denkmal gesetzt und damit nicht nur einen Filmmythos geschaffen, sondern seinem Hauptdarsteller Bela Lugosi dessen Lebenssinn und -zweck gegeben und selbst schon den Höhepunkt der eigenen Karriere erlebt, was er damals naturgemäß noch nicht wusste. Schuld daran, daß seine Karriere bald enden sollte, war sein zweiter Film nach DRACULA, den er im Auftrag Irving Thalbergs für die MGM Studios realisierte. Es sollte erneut ein Horrorfilm werden und er sollte schrecklich sein. Das war die Aufgabe.

 

Browning nutzt das phantastische Moment seines früheren Films und erzählt ein Märchen, eine Parabel: Hässlich sind nicht die so offensichtlich Hässlichen, also die „Mißgestalteten“ und „Freaks“, sondern jene, die zwar oberflächlich schön erscheinen mögen, darunter jedoch einen Abgrund an Gemeinheit und Brutalität offenbaren. Der Zirkus wird in den ersten 40 Minuten als ein Ort gezeigt, hinter dessen Kulissen sich Menschen, die die Gesellschaft eher ausstoßen würde, gleichberechtigt begegnen können. Hier sind Phroso (Wallace Ford) und Venus (Leila Hyams) den Pin-Heads und ihrer Beschützerin Madame Tetrallini (Rose Dione) vollkommen gleichgestellt, heiratet der Stotterer eine der siamesischen Zwillinge, der Romantiker die andere (was für einen Running Gag nach dem anderen sorgt hinsichtlich der Aufteilung der Freizeit und dessen, was man so zu viert miteinander treiben kann). Hier, in dieser geschützten Enklave, begegnen uns die „Freaks“ der Show als Menschen in einem vollkommen normalen (so normal ein Zirkusleben eben ist), alltäglichen Leben. Es wird Wäsche gewaschen und aufgehängt, es werden die Dinge des Lebens verhandelt, es wird Karten gespielt. Ein nicht unerheblicher Teil des Schocks, den der Film auslöste, mag genau in diesem Aspekt gelegen haben. Sich in Menschen, die man nur allzu gern von sich distanzieren möchte, gespiegelt zu sehen, kann durchaus traumatisch sein.

 

Um diesen Ort der Normalität für die zu schaffen, die als so „unnomral“ angesehen werden, um diese Enklave zu behaupten, spielt die Exklusivität wohl eine wesentliche Rolle. Browning zeigt uns nie den Zirkus bei der Arbeit, nie bekommen wir die Manege oder gar Zuschauer zu sehen, nie wird uns gezeigt, wie die Freaks zu „Freaks“ gemacht werden, indem man sie zu Objekten der Belustigung degradiert. Alles spielt sich nur in den Wagen und am Wagenplatz ab, also hinter den eigentlichen Zirkuskulissen. Und alles dreht sich um ein „Wer mit Wem?“. Ein Beziehungs- und Heiratsreigen wird vor unseren Augen eröffnet. Und der betrifft nahezu alle im Zirkus: Cleopatra und Hercules ebenso wie Phroso und Venus, die einander natürlich längst lieben usw. Und dadurch, daß wir Zeuge der Situation zwischen Hans und Frieda werden, Zeuge derer Eifersucht und ihrer Beziehungsgespräche, lernen wir, daß die Freaks schlichtweg genau die gleichen Probleme haben, wie alle anderen auch: Sie sind eifersüchtig, sie gehen fremd, die betrügen einander, begehren einander und – das wohl ist das Wichtigste – sie lieben einander. Und alle – Mißgestaltete wie die sogenannten „Normalen“ – respektieren einander. Sie sind Künstler, sie treten vor Publikum auf und das ist ihre Profession. Wenn also die „bärtige Frau“ ein Kind kriegt, ist es vollkommen selbstverständlich, daß Phroso z.B. sofort an das Bett der Mutter eilt und sich mit ihr freut, daß die Tochter ebenfalls einen Bart kriegen wird, dem stolzen Vater gratuliert man mit einem kräftigen: „Vielleicht reichts ja mal für einen bärtigen Jungen!“.

 

Wirklich hässlich und mißgestaltet sind Hercules und v.a. Cleopatra. Die ganze Szene auf der Hochzeit entblößt sie als das, was sie ist: Eine mißgünstige Hassende, eine hässliche Frau unter der Oberfläche ihrer blonden Haare und des glatten Teints. So wird diese Szene – neben der abschließenden nächtlichen, wenn die „Freaks“ ernst machen mit ihrem „Gobble, gobble, we accept her one of us“ – auch zur einzig wirklich grausigen im ganzen Film. Denn dies ist bei mehrmaligem Sehen eindeutig: Von einem Horrorfilm im eigentlichen Sinne ist Brownings Film weit entfernt. Es ist ein Märchen, das sich gewisser psychologischer Kniffe und eines schrecklichen Endes bedient, um seine (heute durchaus eher klischeehafte) Message unter das Volk zu bringen. Browning bediente sich echter „Freaks“, die er mit Hilfe seines Hauptdarstellers, Harry Earles, der Hans spielt und den Browning bereits kannte, weltweit zusammensuchte. Zärtlich und liebevoll stellt er sie dar, gibt ihnen so viel Menschlichkeit und Zuneigung zueinander und zu anderen, daß sehr schnell deutlich wird, wer hier die eigentlich „menschlichen“ Wesen sind.

 

1932 war das ein Skandal. Der Film wurde und blieb (u.a. in Großbritannien) jahrzehntelang verboten. Mißgeburt oder Mißgestaltung wurden als ein moralisches Übel betrachtet. Das drückte sich leider auch darin aus, daß ursprünglich vorgesehene Schauspieler wie Victor McLaglen, Myrna Loy oder Jean Harlow, die die Rollen der nicht Behinderten spielen sollten, ablehnten, sie wollten nicht an der Seite Mißgestalteter spielen. Abneigung und Angst vor Schaden an der eigenen Karriere ließen sie offenbar zurückschrecken.

 

Was man Browning ganz besonders anrechnen muß, ist die Wendung am Ende. Sie wirkt wie eine vorweggenommene Reaktion auf die Reaktion des Publikums und der Zensurbehörden auf seinen Film. Wenn die Freaks sich schließlich zur Wehr setzen, erfüllen sie exakt jene Projektion, für die sie schon immer herhalten mussten. Jetzt werden sie kriechende, quallende, sich monströs durch den Schlamm einer Regennacht windende Gestalten, die sich ihrem Opfer langsam aber unerbittlich nähern. Jetzt sehen wir die „Freaks“. Da wir zuvor fast eine Stunde beobachten durften, wie sie ihr normales, alltägliches Leben genießen und wissen, daß sie nun einmal nicht so sind, wie die Gaffer sie gern hätten, zeigt Browning uns hier, wie derjenige, der Zeit seines Lebens für ein bestimmtes Merkmal herhalten musste, gar stigmatisiert wird, die ihm zugedachte Rolle so gut spielen kann, daß er sie dann auszufüllen weiß, wenn er sie wirklich einmal für sich nutzen kann. Cleopatra hätte den Schwur der Freaks nicht unterschätzen sollen: Wer einen von ihnen beleidigt, beleidigt sie alle…

 

Tod Browning konnte sich von diesem Film nicht mehr erholen. Zwar drehte er noch vier weitere Filme, darunter den B-Klassiker MARK OF THE VAMPIRE (1935), erneut mit Lugosi, doch dann war Schluß für ihn. Er wurde abgestraft für eines der großen Meisterwerke des frühen Tonfilms, welches erst im Laufe von Jahrzehnten sein Publikum fand und schließlich zu einem Kultfilm avancierte.

 

Ursprünglich angelegt auf die Länge von ca. 90 Minuten, ist der Film in der heute zugänglichen Fassung noch ca. 60 Minuten lang. Vielleicht hätte eine längere Fassung uns die Artisten in der Manege gezeigt, wer weiß. Vielleicht hätten wir mehr Schreckliches zu sehen bekommen. Doch vielleicht ist es in diesem einen Fall gut so, wie es ist. FREAKS funktioniert, so wie er ist, er überzeugt in den Figuren und im Plot, er findet einen perfekten Rhythmus und ist atmosphärisch so dicht, wie die besten Werke seiner Gattung. Ein wunderbar zärtlicher „Horrorfilm“, dessen „Horror“ darin besteht, uns Menschliches und Allzumenschliches ebenso träumerisch wie gnadenlos vorzuführen.

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