WHITE ZOMBIE

Der erste Zombiefilm: Ein Kleinod aus Atmosphäre, Schocks und schleichendem Terror

Das Brautpaar Neil Parker (John Harrow) und  Madeleine Short (Madge Bellamy) kommt nach Haiti, um dort auf Einladung des Großgrundbesitzers Charles Beaumont (Robert Frazer) von Dr. Bruner (Joseph Cawthorn) getraut zu werden. Was niemand ahnt: Beaumont liebt Madeleine und will unbedingt verhindern, daß die Hochzeit stattfindet.

Neil und Medeleine sind auf der Kutschfahrt zu Beaumonts Anwesen einem seltsamen Herrn begegnet, der sich Madeleines Halstuch bemächtigte und dem eine Schar scheinbar willenloser Gestalten folgte – Zombies, wie der Kutscher ihnen mitteilt.

Während der Hochzeitsvorbereitungen gesteht Beaumont, bei dem das Paar auch in der Schuld steht, weil er Neil einen Job besorgt hat, Madeleine seine Liebe, die sie jedoch ablehnt.

Zuvor hatte Beaumont den seltsamen Mann konsultiert – Murder Legendre, scheinbar Herr über Leben und Tod, der eine Armee von Scheintoten in seiner Zuckerrohrfabrik schuften läßt. Er gab Beaumont jenes Mittel, mit dem dieser Madeleine mittels einer Rose in einen scheintoten Zustand versetzen kann.

Zwar hat die Hochzeit noch stattgefunden, doch beim Hochzeitsmahl verfällt Madeleine in die Starre, die Legendre zwecks einer Voodoopuppe hervorrufen kann. Er hilft mit seinen Sklaven Beaumont, die tote Madeleine aus der Gruft zu befreien und auf sein Schloß zu bringen. Dort allerdings merkt Beaumont schnell, daß dieses Wesen nicht mehr die Frau ist, die er einst liebte.

Während er feststellen muß, daß Beaumont nie näher erläuterte „andere“ Pläne mit Madeleine hat, nehmen der verwundete Neil und Dr. Bruner, als Missionar seit über dreißig Jahren auf der Insel tätig und mit den einheimischen Kulten und Riten vertraut, die Verfolgung auf. Im Schloß des grausamen Legendre kommt es schließlich zur finalen Auseinandersetzung, bei der Beaumont seine Frevel reuen kann, indem er sich mit dem Unhold in die Tiefe stürzt. Madeleine ist frei von Legendres bösem Zauber und der Zukunft des Paares steht nichts mehr im Wege…

Lang vergessen war dieser kleine Horrorfilm aus dem Jahr 1932. Als erster Zombiefilm der (Film)Geschichte bot er dem ein Jahr zuvor in der Rolle des Grafen DRACULA zum Star aufgestiegenen Bela Lugosi die Möglichkeit, sein Repertoire ebenso auszuweiten, als auch zu verfeinern. War er im ungemein berühmteren Vampirfilm eben der Herr der Düsternis, verkörpert er hier im Grunde den Teufel selbst. Lugosi spielt Murder Legendre, der in einem düsteren Schloß hoch über der Karibikinsel Haiti residiert und einem Sonnenkönig, einem Diktator gleich über sein Reich herrscht.

Die elf Jahre jüngere Tourneur/Lewton-Produktion I WALKED WITH A ZOMBIE (1943) gilt heute gemeinhin als der Klassiker der frühen Zombie-Filme Hollywoods. Im Vergleich sicherlich der ambitioniertere, poetischere der beiden Filme, muß man dennoch anerkennen, es hier mit einem Horrorfilm zu tun zu haben, der – anders als der berühmtere Nachfolger – wirklich auf Schock, Terror und eine gehörige Portion Sadismus setzt und mit dieser für seine Zeit eher untypischen Härte auch heute noch zu überzeugen weiß. Und interessanter Weise wirkt dieser Film weniger rassistisch als der Tourneurfilm, der, in sich kein rassistischer Film, durchaus rassistische Klischees bedient. Zwar stellt Lugosi auch hier wieder – wie in DRACULA – den europäischen Dandy und Liebhaber aus, der mit seinen diabolischen Kräften scheinbar jeden in seinen Bann zu ziehen vermag, doch ist dies der Zeit geschuldet und der Funktion des klassischen Horrorfilms im Hollywood jener Tage: Er dient als Ventil für so ziemlich jede neurotische Angst des weißen, männlichen Durchschnittsamerikaners vor dem Fremden. Ob hier oder in Schoedsack/Coopers KING KONG (1933), ob im erwähnten Zombiefilm Tourneurs oder in Schoedsacks späterem DR. CYCLOPS (1940)  – rassistische und xenophobe Untertöne schwangen dabei fast immer mit. Man kann das nicht entschuldigen, auch und erst recht nicht mit dem Hinweis auf den Zeitgeist etc. Im amerikanischen Horrorfilm kommen momentweise sehr hässliche Seiten der amerikanischen Gesellschaft und ihrer Kultur zum Ausdruck. Nicht immer gewollt, selten reflektiert.

Doch Regisseur Victor Halperin und seinem Kameramann Arthur Marinelli gelingen in den beeindruckenden Kulissen[1] teils derart abstrus-surreale Bilder, daß die gesamte Handlung schon nach einigen Minuten Filmhandlung derart komplett ins Reich des rein Phantastischen verwiesen ist, daß man weiß: Hier hat man es mit einem Märchen, eher einer Moritat zu tun. Dazu trägt aus heutiger Sicht vor allem das theatralisch übertriebene Spiel des Ensembles bei. Lediglich Cawthorns Dr. Bruner gemahnt an einen herkömmlichen Filmschauspieler. Ob Frazer, Madge Bellamy oder gar John Harrow, dessen Neil Parker innerhalb eines Schnittes zum Trunkenbold verkommt und anschließend durch die verbleibenden 30 Minuten, also die Hälfte des Films, eher wankt denn schreitet – sie alle sind so offensichtlich Theater- oder Stummfilmschauspieler, daß der Eindruck entsteht, man habe es eher mit einer Aufführung des Grand Guignol zum Ende des 19. Jahrhunderts statt mit einem Tonfilm der frühen Hollywoodära zu tun.

Was heute noch überzeugt – neben der konsequent im Phantastischen gehaltenen Handlung – ist die Härte des Films. Wenn Lugosi den Kopf der Voodoopuppe, die Madeleine darstellen soll, in einer Flamme verbrennt; wenn er später neben dem dieser Behandlung hilflos ausgelieferten Beaumont an dessen Puppe schnitzt und sein Opfer fragt, wie sie Symptome so seien, schließlich hätte noch nie ein Opfer gewußt, was ihm widerfahre; wenn Neil im finalen Kampf auf die ihn bedrohenden Zombies schießt und wir dabei die Einschußlöcher in Großaufnahme zu sehen bekommen, damit wir uns selbst überzeugen können, daß aus diesen Wesen kein Blut fließt, dann hat man es inhaltlich wie formal mit Schauwerten zu tun, die ihrer Zeit weit voraus waren und auch heute noch in ihrer Kompromißlosigkeit überzeugen.

Dieser Film verhält sich zu seinen Cousins aus der A-Film-Liga, wie der etwas schrullige  Vetter, der einmal im Jahr zu Besuch kommt: alles ist etwas schriller, etwas „lauter“, bedrohlicher und brutaler, alles schreit etwas mehr nach Aufmerksamkeit heischend. Das ist aber nicht schlimm – denn es macht schlicht Spaß, das anzuschauen. Wie ein früher Vorgänger der Roger-Corman-Filme aus den 50er und 60er Jahren mutet dieses B-Movie an, ist man eben bereit, über die zeitgemäßen Ressentiments hinwegzusehen, was schwierig ist.

Um den Kreis zu schließen, sei ein Wort zu den Zombies selbst angemerkt: Sie sind im Grunde wirklich tote, aus den Gräbern wieder auferstandene Tote. Damit sind diese Zombiefiguren den modernen Zombies eines George A. Romero, Erschaffer der düsteren Welt der NIGHT OF THE LIVING DEAD (1968), sogar verwandt. Und wurden Romeros Untote gern als Allegorie auf den  modernen Menschen gelesen, der im Konsumterror vollends abgestumpft ist, so werden wir der Zombies hier immer in dienender Funktion, teils als Arbeitssklaven gewahr. Das Zombiemotiv als Allegorie auf soziale Zu- und Mißstände zu nutzen, scheint sich immer schon angeboten zu haben. Die Erklärung für den unnatürlichen Zustand der Toten ist letztlich wissenschaftlich – doch anders als Tourneur in seinem atmosphärisch so dichten Film, läßt WHITE ZOMBIE das magische Moment durchaus zu und unterstreicht damit Legendres teuflische Bosheit, aber auch seine Macht.

Macht ist das zentrale Motiv, der Movens der gesamten Handlungsbewegung. Macht zu erlangen – Liebesmacht, entsprechend dem magischen Moment – und Macht auszuüben – wie Legendre über seine toten Arbeitssklaven, was einem ökonomischen Motiv entspricht, sind die Pole zwischen denen sich hier die Spannung erzeugt. Die (aristokratische) Klasse der Besitzenden, beutet die entseelte Schicht der Unterprivilegierten skrupellos aus. Und droht an der Entfesselung purer Leidenschaft zu Grunde zu gehen. Was aber könnte die geschundene Klasse besser symbolisieren, als der tote, seelenlose Körper? Willfährig und manipulierbar, ist er dem Wohl und Wehe seiens „Herrn“ ausgeliefert. Der aber, der „Herr“, ist hier deutlich als Diktator, weil allein und autoritär herrschend, charakterisiert. Ohne Regisseur Victor Halperin tiefreichende Absichten unterstellen zu wollen, man kann hier durchaus eine Kritik an den Arbeitsbedingungen des „einfachen Mannes“ ablesen. Oder gar an den Kolonialbedingungen. Der Aspekt des Aristokratischen und Legendres Name sind in Hollywood natürlich die Rückversicherung mit dem Publikum, daß kein demokratisch gesinnter Amerikaner je auf die Idee käme, sich so oder ähnlich zu verhalten.

Bei aller kritischen Distanz zu einem der sicher deutlicheren Beispiele für die reaktionäre Haltung und den spezifischen Rassismus der frühen Horrorfilme Hollywoods, bleibt WHITE ZOMBIE ganz sicher ein atmosphärisch dichter, manchmal brutaler, durchaus furchterregender und fast durchgängig surrealer Film, der auch auf formaler Ebene mit ‚split screen‘ und ungewöhnlichen Kamerawinkeln zu überraschen weiß. Empfehlenswert ist er zumindest für jeden, der sich für die Genese des Horrorfilms interessiert. Wirklich ernst nehmen konnte man den Film schon 1932 nicht, zu entfremdend geht er sein Publikum an, heute geht von seiner zynischen Haltung wohl kaum mehr Gefahr aus. Man kann ihn also getrost als Kleinod bezeichnen.

 

[1]Es war dem Autor nicht möglich, dies genauer zu recherchieren, doch sind v.a. die Innenausstattungen sowohl in Beaumonts Villa als auch Legendres Schloß derart grandios, daß dies darauf hindeutet, daß man es hier mit der Zweitnutzung einer bereits bestehenden Kulisse zu tun hat. Da der Film in atemberaubenden elf Tagen abgedreht worden sein soll, deutet auch das auf ein Budget hin, daß den Bau eines solchen Dekors eher nicht erlaubt hätte.

 

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