FREIE GEISTER/THE DISPOSSESSED

Ein utopisches Angebot voller Zweifel und Skepsis

Als Ursula K. Le Guin 1974 ihren Roman THE DISPOSSESSED (dt.: FREIE GEISTER; erstmals unter dem Titel PLANET DER HABENICHTSE 1976; Neuübersetzung von Karen Nölle 2017) veröffentlichte, war die Zeit der großen Utopien eigentlich schon vorbei. Zwar hatte sich mit den sogenannten 68ern noch einmal eine Generation unter dem Banner des Sozialismus versammelt, um auch ideologisch die Welt zu verbessern, wirkliche Durchschlagskraft entwickelte diese Generation aber erst, als sie sich von den allzu utopischen Zielen verabschiedete und unter Zur Kenntnisnahme der Realität den „langen Marsch durch die Institutionen“ antrat. Auch Le Guin wusste um die brüchige Fassade utopischen Denkens und versah ihren Science-Fiction-Roman mit dem Untertitel Eine zwiespältige Utopie.

Anders, als in vielen Besprechungen ihres Romans behauptet, hat man es hier keinesfalls mit einer Allegorie auf die beiden damals herrschenden Konzepte und Systeme – der kommunistischen Utopie des Ostblocks und der kapitalistischen Idee des Westens – zu tun, als vielmehr mit dem Angebot einer strukturellen Weiterentwicklung. Le Guin bietet zwei Nachbarplaneten – Anarres und Urras – die einander wie Monde erscheinen und deren ersterer, Anarres, ein vergleichsweise öder Planet ist, auf dem sich die Gemeinschaft der Odonier niedergelassen hat, die einst vom Urras, einem schönen, vielfältigen Planeten geflohen ist, um eine anarcho-sozialistische Gesellschaft, basierend auf den Lehren von Odo, ihrer ideologisch-philosophischen Ideengeberin, zu gründen. Urras seinerseits ist ein Planet, auf dem sich verschiedene Nationen entwickelt haben, meist mit den uns bekannten kapitalistischen Strukturen, unterschiedlich autoritär, einige davon leidlich demokratisch. Der Kontakt zwischen den Welten ist spärlich, man betreibt Handel, da auf Anarres Rohstoffe abgebaut werden können, die auf Urras rar sind und deren synthetische Herstellung teurer wäre, als der Import. Ansonsten hält man sich voneinander fern. Die Anarresier fürchten eine Invasion vom Urras, sollte dort bekannt werden, wie schwach die dortige Gesellschaft aufgrund eines harten Überlebenskampfes teils ist; auf dem Urras interessiert man sich wenig für das Gesellschaftsexperiment der Odonier, die Lehre Odos kursiert zwar im Untergrund und führt gelegentlich zu Aufständen, im Großen und Ganzen hat man auf dem Urras die unterschiedlichen Schichten und Kasten jedoch im Griff.

Die Gesellschaft, die sich, auf den Lehren Odos basierend, auf dem Anarres herausgebildet hat, ist eine besitzlose, in der der einzelne sich immer dem Kollektiv unterordnet, allerdings nicht aufgrund von Zwang, sondern aufgrund besserer Einsicht, von Erziehung und – wenn man so will – gesellschaftlicher Konditionierung. Darin erinnert Le Guins Modell ein wenig an jenes, das der Psychologe und führende Vertreter des Behaviorismus B.F. Skinner in seinem utopistischen Roman FUTURUM II. DIE VISION EINER AGGRESSIONSFREIEN GESELLSCHAFT (WALDEN TWO. AN UTOPIAN NOVEL; 1948 – Deutsch 1970; Neuübersetzung von Harry T. Master unter dem Titel WALDEN TWO. DIE VISION EINER BESSEREN GESELLSCHAFTSFORM; 2002) angeboten hatte. Die Menschen auf Anarres wollen sich dem Kollektiv unterordnen, die empfinden dies nicht als Repression, wenn einzelne aber ausscheren und „egoisieren“, wie es im Buch heißt, wird dies hingenommen. Es herrschen weder Unterdrückung noch Strafdrohungen, sondern eher ein gesellschaftlich-moralischer Anspruch, der durchaus Druck ausüben kann, dem sich der oder die einzelne aber auch widersetzen und entziehen kann.

Der Temporal-Physiker Shevek ist ein solches Individuum, das durch seine besondere Befähigung zum mathematischen und darüber hinaus physikalischen Denken in der Gesellschaft von Anarres ein Außenseiter bleibt. Seine Theorien, Theoreme und Annahmen gehen weit über das hinaus, was herkömmlich in den wissenschaftlichen Kreisen des Anarres gedacht und geforscht wird und obwohl die Gesellschaft hier – nach immerhin 170 Jahren, die vergangen sind, seit man der Individual-Gesellschaft des Urras entflohen ist – eigentlich weder Neid noch Egozentrik kennt, erregt Sheveks Denken die Eifersucht anderer, allen voran die seines Mentors und Vorgesetzten im entsprechenden Syndikat, Sabul. Da es keine Regierung gibt – Anarres versteht sich als anarchistisch und in diesem Sinne revolutionär – sondern mit der KPD – der Koordinationsgemeinschaft für Produktion und Distribution – lediglich eine Verwaltungseinheit existiert, die die verschiedenen Syndikate, die ein jeder gründen kann, koordiniert und eben verwaltet, gibt es im engeren Sinne auch weder Vorgesetzte, noch eine herrschende Klasse. Doch Ansehen, Informationsvorschuß und Kenntnis der Verwaltungsarbeit begünstigen ein bürokratisches System, in dem ein Mann wie Sabul immer Vorteile hat und sie in seinem Sinne nutzen kann.

Shevek, dessen Arbeit für alle bekannten Planeten interessant ist, da sie mit den Möglichkeiten der Überlichtgeschwindigkeit spielt und somit Kommunikation und sogar Reisen jenseits zeitlicher Begrenztheit ermöglichen könnte, interessiert sich wenig für die bürokratischen Feinheiten der Verwaltung, merkt aber, daß ihm auf Anarres nicht nur die ihm entsprechenden Ansprechpartner fehlen, sondern auch, daß ihm immer wieder Steine in den Weg gelegt werden. Als er die Möglichkeit hat, zum Urras zu reisen, nimmt er sie wahr, um mit dortigen Wissenschaftlern seine Theorien zu erläutern, auszuformen und zur Vollendung zu bringen. In seinen Erkenntnissen über die Gesellschaften des Urras und seiner Kenntnis über die des Anarres, wird er zu einem Mittler und Wanderer zwischen den Welten, der eben nicht nur die Vorteile beider erkennt, sondern vor allem beider Nachteile zu spüren bekommt.

Le Guin baut ihren Roman ebenso komplex wie hintersinnig auf. Es wechseln sich Kapitel vom Urras mit solchen ab, die auf Anarres spielen, wobei letztere in der Vergangenheit angelegt sind und Sheveks Werdegang erzählen, während jene auf Urras von seiner gegenwärtigen Reise berichten und seine Reflektionen auf seine Erlebnisse dort und auf seine Vergangenheit beinhalten. Da seine Theorie der Temporalphysik unter anderem die Idee vertritt, daß die Zeit immer existiert, also nicht vergeht, sondern Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – wie ein Buch – als Gesamtheit existiert und wir sie lediglich – unsrem Leben/dem Lesen  entsprechend, das seriell verläuft – linear wahrnehmen, gelangt der Roman FREIE GEISTER an seinem Ende, nach 424 Seiten, strukturell wieder an seinem Ausgang an: Sheveks Aufbruch nach Urras.  Die Kreisbewegung in Sheveks Theorie und der Zirkelschlag des Romans ergänzen und bedingen einander. Sheveks Reise ist schließlich das  Ergebnis seiner Auseinandersetzung mit und seines Unbehagens an der gegenwärtigen  Gesellschaft auf Anarres. Die Struktur des Romans entspricht also in etwa der Theorie der temporalen Physik, die Shevek vertritt und die auf Urras sehr gefragt ist – vor allem, weil sie dem, der sie besitzt, immense Vorteile gegenüber anderen Gesellschaften, ja, anderen Planeten gegenüber verschafft.

Bedenkt man, daß die anarchistische Gesellschaft auf Anarres auf den Ideen einer Frau beruht, die lange, bevor jene Urrasier, die ihrer Lehre anhingen, zum Anarres aufbrachen, starb, liegt die Analogie zu Marx und seinen kommunistischen Ideen nah. Wie Marx kein „Marxist“ gewesen ist, ist Odo keine Anarchistin, gleich gar keine Odonierin, gewesen. Le Guin versteht es also auf ausgesprochen subtile Weise, dialektische Ideen in ihre literarische Kreiskonstruktion einzubauen, indem sie die Vergangenheit, Gegenwart und die Zukunft nicht nur inhaltlich, sondern auch formal aufeinander Bezug nehmen lässt und damit das Spiel aus These, Antithese und einer möglichen Synthese auf unterschiedlichen Ebenen betreibt. Dies führt sie weiter, indem sie der Physik als äußerstem rationalen Prinzip einen quasi-religiösen Status auf Anarres zukommen lässt. Die Gesellschaft der Odonier versteht sich als atheistisch, wenn auch nicht als a-spirituell. Doch die Art, wie Le Guin ihre Protagonisten über Physik reden, den Stellenwert, den sie der Physik auf Anarres zukommen lässt und die Ausschließlichkeit, bzw. Hervorhebung, mit der sie sie gegenüber anderen Entwicklungen auf dem Planeten behandelt, geben ihr eben einen fast göttlichen Status. Dieses Modell erinnert an die rational-psychologische Obsession, die ihrerseits religiösen Charakter besitzt, welche Stanislav Lem in SOLARIS (1962; dt. 1972) in Bezug auf den titelgebenden Planeten beschreibt. Shevek muß, solange er nicht auf die besser ausgerüsteten Möglichkeiten auf Urras zurückgreifen kann, glauben, daß seine Theorie funktioniert. Da er ein reiner Theoretiker ist, ist der Glaube an das, was er in Formeln und Gleichungen errechnet, so oder so sein allererster Antrieb. Auch wenn er zu wissen meint, daß sie richtig sind. Damit aber ähnelt er den Gläubigen aller Religionen, die ebenfalls zu wissen vorgeben. Er, der „Mann vom Mond“, als der er auf Urras angepriesen wird, ist auch ein Heilsbringer, versprechen  sich seine wissenschaftlichen Ansprechpartner doch immense Vorteile von den Ergebnissen seiner Theorie.

Gelegentlich wird Le Guin unterstellt, ihr Roman sei feministisch. Darüber ließe sich streiten. Sicher, mit Odo ist es eine Frau, die die grundlegenden Prinzipien, nach denen auf Anarres gelebt wird, entworfen und niedergeschrieben hat. Sie wäre auch – bedenkt man den Status ihres Gesellschaftsentwurfs – nicht nur analog zu Marx und seinen Ideen zu lesen, wobei Le Guin mehrfach darauf hingewiesen hat, daß sie vor allem die Lehren von Kropotkin herangezogen hat, um Odos Entwurf zu unterfüttern, sondern auch zu Christus und dessen Lehre. Ein weiterer dialektischer Zirkelschlag, vereint Le Guin in dieser im Buch nie auftretenden Frau doch damit das christlich-religiöse Prinzip und das atheistische Prinzip des Marxismus, dem ja oft genug nachgesagt wurde, eine Art säkulares Heilsversprechen zu sein. Odo scheint also in ihrer menschenfreundlichen Lehre die besten Prinzipien beider Theorien oder Ideologien vereint zu haben, vielleicht eine Leistung, die eher einer Frau gelingen konnte, denn einem Mann. So gesehen, könnte man FREIE GEISTER als feministische Literatur betrachten.

Andererseits ist die Hauptfigur im Roman ein Mann und Le Guin beschreibt vor allem seine Gefühle, Zweifel und Ängste. Takver, seine Frau, bzw. die Mutter seines Kindes – auch die Sexualität und daraus resultierende Elternschaften werden auf Anarres weitestgehend besitzfrei und gleichberechtigt behandelt – ist eine starke Figur, die maßgeblich zu Sheveks Entwicklung beiträgt, doch folgt die Erzählung auch in jenen Kapiteln, die Anarres gewidmet sind, seinen Erlebnissen. Der feministische Aspekt ist also, wenn er überhaupt eine Rolle spielt, kein wirklich das Buch bestimmender. Le Guin baut allerdings auch hier eine Vielzahl dialektischer Hinweise in ihre Erzählung ein. Denn durchaus verstehen wir die Unterschiede zwischen Frauen und Männern und die unterschiedlichen Herangehensweisen an das Leben und seine Bedingungen, auch in einer Gesellschaft, wie Anarres sie hervorgebracht hat. Daß Takver dabei meist duldend gezeichnet wird, widerspricht allerdings einem all zu deutlichen feministischen Anspruch.

Kann man Le Guins Roman eine letztlich gültige Utopie entnehmen? Eher nicht. Der Untertitel, der bereits erwähnt wurde, weist ja schon auf die skeptische Haltung des Romans und seiner Autorin hin. Und so stellt sich ihre Beschreibung der zwei Planeten auch dar: Die Gesellschaftsformen auf Urras entsprechen weitestgehend den uns bekannten auf der Erde, inklusive der internationalen Krisen, Machtverhältnisse und herrschender Kriege, die teils ausbrechen, während Shevek Gast in dem Land A-Jo ist. Seine Zeit dort ist zunächst durch die Verleihung eines Preises und einer Stelle als Dozent an einer angesehenen Universität geprägt. Er wird herumgereicht, bewundert und eingeladen, ist Gast auf Diners, Empfängen und Symposien. Es dauert, bis ihm auffällt, daß er im Grunde nur mit Vertretern der Oberschicht verkehrt. Da es Klassenunterschiede auf Anarres nicht gibt, braucht es seine Zeit, bis er überhaupt begreift, daß es eine Unterschicht gibt, eine Arbeiterschicht, deren Funktion als dienend und beherrscht angesehen wird. Als er schließlich versteht, auf welchem Fundament diese Gesellschaften beruhen – Ausbeutung und Unterdrückung – und welch dekadente Auswüchse das hervorbringt, schließt er sich zunächst einer Untergrundorganisation an, die ihrerseits den Lehren Odos folgt, schließlich flieht er in die Botschaft des Planeten Terra.

Terra ist unschwer als unsere Erde zu erkennen und Le Guin beweist mit den Beschreibungen, die die Botschafterin von ihrem Heimatplaneten gibt, ein waches Gespür für ihre Zeit. Terra ist ein weitestgehend unbewohnbarer Planet geworden, auf dem nur noch eine halbe Milliarde Menschen lebt, da Kriege und Umweltzerstörung die Bewohner dahingerafft und aus einem einst wunderschönen Planeten einen verödeten Ort gemacht haben. Von der terristischen Botschaft aus unternimmt Shevek einen Versuch, nicht nur seine Theorie zu retten, sondern auch, die verschiedenen Bewohner und Völker verschiedener Planeten zusammen zu bringen. So bricht er am Ende des Buches wieder auf, nimmt einen erneuten Anfang, als er um einige Erfahrungen reicher, zum Anarres zurückkehrt, nicht wissend, wie man ihn dort empfangen wird.

Es gelingt Le Guin – und das sollte man wirklich als Leistung herausstellen – ihre Geschichte organisch und literarisch packend zu erzählen, ohne allzu thesenhaft oder didaktisch zu wirken. Man folgt Shevek und seinen Erlebnissen und ist schon einfach von seiner Befremdung und den Überraschungen, die er erlebt, gefesselt. Natürlich bleibt es nicht aus, daß einige Dialoge dann eben doch in ihrer Erklärungswut, die notwendig ist, um die Systeme zu erläutern, mit denen man es auf Anarres und Urras zu tun hat, didaktischen Charakter haben. Dennoch liest sich der Roman flüssig und behält seine Grundspannung bei, er ist psychologisch genau und einleuchtend und seine Sympathie gehört zwar Anarres und den dortigen Versuchen, eine andere, eine bessere Gesellschaft zu errichten, unkritisch gegenüber dieser Gesellschaft ist er allerdings nicht. Auch die Hauptfiguren sind sympathisch und man fiebert mit ihnen, wodurch das Lesevergnügen umso größer wird.

FREIE GEISTER ist ein äußerst geschickt angelegter Science-Fiction-Roman, der – seiner Kreiskonstruktion entsprechend – zu mehrmaliger Lektüre herausfordert und vielleicht in Zeiten, in denen uns Utopien und der Glaube an Verbesserung weitestgehend abhanden gekommen sind, erneut breitere Aufmerksamkeit erfahren sollte.

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