GEFESSELT – LIEBE. EHRE. GEHORSAM/DEADLY VIRTUES – LOVE. HONOUR. OBEY

Ein Home-Invasion-Thriller der etwas anderen Art

An einem Freitagnachmittag betritt Aaron (Edward Akrout) ein ihm fremdes Haus. Die Eigentümer – Tom (Matt Barber) und Alison (Megan Maczko) – sind gerade beim Liebesspiel, als sie überrascht werden. Aaron schlägt Tom nieder, betäubt Alison und fesselt ihren Gatten dann und legt ihn in die Badewanne.

Als Alison zu sich kommt, ist sie in der Küche kunstvoll an die Decke gefesselt. Aaron macht deutlich, daß sie und Tom sich in seiner Gewalt befinden: Bei Alisons leisester Gegenwehr, schneidet er Tom ein Fingerglied ab.

Aaron erklärt Alison, daß er erreichen wolle, daß sie ihn will. Das kommende Wochenende wolle er in die Rolle ihres Ehemanns schlüpfen. Er beginnt ein Verführungsprogramm, dem sich die junge Frau nur schwer entziehen kann. So schlafen die beiden in der Nacht von Freitag auf Samstag im Ehebett, allerdings kommt es zu keinen sexuellen Handlungen, obwohl Aaron Alison berührt und ihr erklärt, daß es Untersuchungen gäbe, die behaupteten, daß Menschen – egal ob männlich oder weiblich – sich sexueller Erregung nicht einmal entziehen könnten, wenn sie unter Zwang oder gar Gewalteinwirkung stehen.

Als Alison versucht, Tom zu befreien, kostet ihn dies ein weiteres Fingerglied.

Aaron findet allerhand Sexspielzeug in den Schränken. Er bittet Alison, einen Catsuit für ihn anzuziehen. Später, Alison ist ans Bett gefesselt, entdeckt Aaron Home-Videos des Paars, auf denen zu sehen ist, wie Alison sich weigert, genau dieses Teil für Tom anzuziehen, woraufhin dieser sie schlägt. Desweiteren ist zu hören, daß ein Kind im Hintergrund schreit. Alison will sich kümmern, Tom reagiert darauf extrem aggressiv.

Als Alison zu Tom ins Bad flieht, folgt Aaron ihr und bricht Tom die Nase, indem er Alisons Hand nutzt. Er lässt auch heißes Wasser über den wehrlosen Mann laufen.

Am Samstag verbringen Aaron und Alison den Tag wie ein Ehepaar: Sie lesen, schauen fern, Aaron kocht für beide ein vorzügliches Mahl. Beim Essen kommen die beiden wahrhaftig ins Gespräch. Dabei erfährt Aaron, daß Alison und Tom ein Kind hatten, das durch eine Unaufmerksamkeit Alisons zu Tode kam. Tom habe sie weder in den Stunden, bevor die Kleine starb, noch später in ihrer Trauer unterstützt.

Der Versuch, Aaron zu vergiften, den Alison unternimmt, schlägt fehl, es bleibt unklar, ob Aaron ahnt, was sie vorhat oder durch Zufall nichts von seinem Wein trinkt.

Später setzt sich Aaron zu Tom. Er fragt ihn, weshalb dieser Alison schlecht behandle? Aaron hat Toms Handy gefunden und weiß daher, daß dieser Alison mit einer gewissen Sarah betrügt. In plötzlicher Wut zerdrückt Aaron ein Bild und nutzt eine der Scherben, um Tom damit das Wort Cheater (Betrüger) in die Haut des Bauches zu ritzen.

Den Sonntag verbringen Aaron und Alison erneut wie ein Paar. Sie unterhalten sich und Alison merkt, daß Aaron ein durchaus kultivierter Mann ist. Er erklärt ihr, wie sehr er Frauen möge, sie verehre, daß Männer oft keinen Blick für Frauen hätten, keinen wirklichen. Männer wie Tom, den er offensichtlich verachtet und immer wieder verhöhnt.

Auch in der folgenden Nacht kommt es zu keinen sexuellen Handlungen zwischen Aaron und Alison. Als sie am Montagmorgen wach wird, ist Aaron fort.

Alison befreit sofort Tom, der blutend und verkrampft immer noch in der Wanne liegt. Sie will einen Krankenwagen rufen, doch Tom hat anderes im Sinn: Sofort beschuldigt er sie, mit Aaron geschlafen zu haben, sie habe für ihn freiwillig den Catsuit getragen, offenbar habe Aaron ihr gefallen. Alison beschwört ihn, zu verstehen, daß sie alles nur getan habe, um sie beide zu schützen. Tom will davon nichts wissen. Schließlich wird er handgreiflich, nur, um sich sofort wieder dafür zu entschuldigen. Er liebe sie und habe nur Angst gehabt. Doch einen Krankenwagen will Tom immer noch nicht.

Alison entdeckt sein Handy, das Aaron auf dem Kaminsims positioniert hat. Es ist so eingestellt, daß Alison sofort auf einen Chatverlauf stößt, in dem eine Sarah und Tom Liebesschwüre austauschen. Sarah aber ist Alisons beste Freundin.

Die Haustür öffnet sich und eben diese Sarah (Helen Bradbury) steht im Flur. Sie sieht, was los ist und will Tom ebenfalls helfen. Doch der ist mittlerweile außer sich und beginnt, auch sie zu schlagen. Als er sie ernsthaft würgt und erklärt, er hasse sie alle beide und werde sie umbringen, nimmt Alison einen Hammer und rammt Tom das spitze Ende in die Brust. Zur entsetzten Sarah sagt sie, daß nicht sie, sondern ein fremder Eindringling Tom umgebracht habe.

Irgendwo in der Stadt sitzt Aaron in seinem Laden. Er ist Schuster und stellt auch Schlüssel her. Eine Frau kommt in den Laden und bittet ihn, ihr einen Ersatzschlüssel anzufertigen. Sicher, entgegnet er, er brauche nur einige Daten von ihr. Während sie ihre Kontaktdaten aufschreibt, betrachtet er die Frau mit tiefer Verehrung.

 

Manchmal werden Filme auch schlicht Opfer der Marketing-Kampagnen, die man ihnen angedeihen lässt. Wenn man auf ein Plakat oder einen Klappentext etwas von „Mischung aus 50 SHADES OF GREY und einem Torture-Porn à la I SPIT ON YOUR GRAVE faselt, dann sollte man sich nicht wundern, daß ein Film wie DEADLY VIRTUES: LOVE. HONOUR. OBEY (2014) kaum das Publikum finden wird, das er verdient hätte und bei denen, die aufgrund der Bewerbung harten Sex und noch härtere Gewalt erwarten, Enttäuschung hervorruft. Hingegen wird ein solcher Film das Publikum, das er eigentlich verdient hätte, wahrscheinlich nicht finden.

Ate de Jongs kleines Kabinettsstück – eher Psychothriller als Horrorfilm – bietet weder erotische Fesselspiele, wie man sie aus dem Yuppie-Porno 50 SHADES OF GREY (2015) kennt, noch die unfassbare Gewalt, die I SPIT ON YOUR GRAVE (2010) zu einem feuchten Traum aller Zensurbefürworter gemacht hat. Zwar wird hier gefesselt und das, was ein junger, gutaussehender Mann einem Pärchen an einem Wochenende antut, ist durchaus ekelerregend brutal, doch spielt ersteres nur eine untergeordnete Rolle und zweitere wird kaum explizit ausgespielt.

Vielmehr bietet de Jong, der ein Drehbuch von Stuart Morse verfilmt hat, eine Studie über die Abgründe hinter bürgerlichen Fassaden, darüber, wie schnell wir an unsere eigenen Abgründe gebracht werden können und zudem ein Psychospiel darum, wie Peiniger und Gepeinigte, Täter- und Opferrolle sich verkehren können. Dazu nutzt er das Format des Home-Invasion-Thrillers, das im Horrorfilm immer beliebter wird. Ein junger Mann dringt in das Haus eines Pärchens ein, während diese gerade beim Liebesspiel sind, fesselt die Frau kunstvoll in der Küche, den Mann effektiv in der Badewanne. Er lässt beide wissen, daß er es ernst meint und bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen. Dann aber will er die Frau vor allem verführen, er will von ihr gewollt werden. Schon diese Volte ist verstörend.

Der Eindringling ist ein sehr schöner Mann, offenbar kultiviert, ein Verführer. Sein Hass richtet sich weniger gegen die Frau, der er allerdings ebenfalls Gewalt anzutun bereit ist – zumindest sagt er das – als vielmehr gegen den Ehemann, der drei Tage unter fürchterlichen Schmerzen in der Badewanne liegen muß. Der Eindringling schneidet ihm, um sein destruktives Potential zu unterstreichen, gleich mal ein Fingerglied ab, später ein zweites, da die Ehefrau sich immer noch renitent zeigt, schließlich ritzt er ihm, als er begreift, daß der Kerl in der Wanne seine Frau regelmäßig betrügt, das Wort CheaterBetrüger – mit einer Glasscherbe in den Bauch. Er bricht ihm die Nase und lässt kochend heißes Wasser über ihn laufen. Die meisten dieser Handlungen zeigt der Film allerdings nur indirekt. Ate de Jong ist es also offensichtlich nicht darum zu tun, größtmögliche Schocks oder Ekel auszulösen.

De Jong will eine Psychostudie bieten. Denn nach und nach findet der Eindringling nicht nur heraus, daß der Ehemann ein Betrüger ist, was der Eindringling in Anbetracht der von ihm verehrten Ehefrau zutiefst ablehnt, sondern er spürt auch den tieferen Verwerfungen dieser Ehe nach. Anhand von Videos stellt er fest, daß der Gatte offenbar an härteren Sexspielen interessiert ist, die die Frau nicht mitmachen will, zudem hatten die beiden ein Kind, das offenbar gestorben ist. In den zwei Tagen, die der Eindringling die Rolle des Gatten übernimmt, zwei Tage, in denen er die Frau verwöhnt, ihr Frühstück ans Bett bringt, hervorragend für sie kocht, ihr seine ganze Aufmerksamkeit widmet, sie verführt, ohne ein einziges Mal mit ihr zu schlafen, ihr auch nie sexuelle Gewalt androht, spürt er der tiefen Verletzung in der Seele dieser Frau nach. Er merkt, wie verbittert sie durch das Verhalten ihres Mannes ist.

De Jong lässt es nicht soweit kommen, daß es zu einer Übereinstimmung, gar einer Fraternisierung, zwischen Eindringling und der Ehefrau kommt, was auch unglaubwürdig wäre in Anbetracht dessen, was der Mann in den ersten Minuten und Stunden, die er sich im Haus aufhält, ihrem Gatten antut. Eher gibt es eine Variante des Stockholm-Syndroms, wenn die Frau, um sich und ihren Mann irgendwie zu retten, scheinbar auf die Verführungen des Eindringlings eingeht. Sie isst mit ihm und es gelingt ihm schließlich, aus ihr die Verletzung heraus zu schälen, die tief in ihr sitzt. Als das gemeinsame Kind starb, war ihr Mann nicht für sie da, sie war mit ihrem Schmerz allein. Der Eindringling, der so sensibel und empfindsam wirkt, scheint ein Mann zu sein, der in einer solchen Situation vollkommen anders reagiert und gehandelt hätte.

Auch sein Verzicht auf explizite sexuelle Handlungen, macht aus diesem Eindringling einen viel interessanteren – und zudem geheimnisvollen – Mann, als es der gefesselte Gatte, den wir vor allem auf Videobändern sehen, je gewesen ist und jemals sein wird. Der nämlich wirkt eher wie ein Grobian, er schlägt seine Frau, zwingt sie zu Handlungen, die sie ablehnt und unterhält zudem eine Affäre mit der besten Freundin seiner Angetrauten. Sicher fragt sich der Zuschauer irgendwann, wieso diese Frau es so lange bei diesem Kerl ausgehalten hat, andererseits: Die Wege der Liebe sind unergründlich. Mehrfach versucht sie, ihm zu helfen, sein Leiden in der Wanne zu mildern, ihn zu beruhigen und versichert ihm, daß sie alles tun wird, damit beide unbeschadet aus dieser Situation herauskommen.

Umso bedenklicher, daß, nachdem der Eindringling ebenso heimlich, still und leise wieder verschwunden ist, wie er kam, der nun befreite Gatte nichts anderes zu tun hat, als seiner Frau Vorwürfe zu machen. Sie habe ihn betrogen, sie habe mit dem Fremden geschlafen, sie habe ihn hintergangen. Nun erst, nachdem sie – aufgrund eines späten Hinweises des Eindringlings – auch noch herausgefunden hat, daß ihre Freundin mit ihrem Mann schläft, begehrt sie auf, was schließlich tödlich für den Gatten endet. Denn der weiß seiner Demütigung, seinen Schuld- und Hassgefühlen nicht anders Ausdruck zu verleihen als durch Gewalt. Erst schlägt er seine Gattin, dann, nachdem sie plötzlich im Haus aufgetaucht ist, auch die Freundin.

So erfüllt der Ehemann all jene Vorgaben, die man in einem Home-Invasion-Thriller eben dem oder den Eindringling(en) zuschreiben würde. Es ist diese Verkehrung der Erwartungen und Rollenklischees, die DEADLY VIRTUES zu einem interessanten Film macht. Aaron, wie der Eindringling heißt, scheint ein Programm zur Befreiung von Frauen zu verfolgen. Er scheint das Weibliche wirklich zu verehren, als Ganzes, aber auch in jeder individuellen Erscheinung. Er kennt sich in Literatur, Musik und Poesie aus, er beherrscht die Kunst des Kochens ebenso, wie die japanische Kunst der Fesselung, die er an Alison, der Frau, zu Beginn praktiziert. Er verehrt die japanische Kultur, in der er Klarheit, Ordnung, Demut und einen ästhetischen Willen entdeckt. Er steckt voller überraschender Ansichten, er unterhält sich ernsthaft, ist an seinem Gesprächspartner interessiert, will wissen, was sein Gegenüber bewegt. Er liebt die Frauen. Im Grunde ist er ein Mann, wie sich eine moderne Frau ihn nur wünschen kann.

De Jongs Film bietet aber nicht viel darüber hinaus. Eine Verkehrung von Erwartungen, sicher, eine Auseinandersetzung mit dem, was neuerdings gern „toxische Männlichkeit“ genannt wird, ja. Allerdings ist das Ganze nur mäßig spannend. Man wartet auf den großen Knall, man fürchtet einen Ausbruch von Gewalt und verliert dabei das eigentlich Wesentliche des Films schnell aus den Augen, eben weil man durch die Erfahrungen mit ähnlichen Filmen auf eine gewisse Art von Dynamik eingestellt ist. Und diese Erwartung wird komplett unterlaufen. Das ist an sich ein kluger und intelligenter Ansatz, doch reicht er wirklich, um einen nahezu 90minütigen Film zu füllen? Bedingt. So bleibt man nach diesen anderthalb Stunden etwas ratlos zurück. DEADLY VIRTUES ist sicherlich ein guter Film, der aber aus seinen Möglichkeiten vielleicht mehr hätte machen können.

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