THE FRIENDLY BEAST/O ANIMAL CORDIAL

Ein verstörendes kleines Meisterwerk aus Brasilien

Es ist spät am Abend, die Beschäftigten eines Restaurants bereiten sich auf den Feierabend vor, die Küchengehilfen putzen ihr Refugium, Djair (Irandhir Santos), der Koch, bereitet letzte Speisen für den kommenden Tag vor, die Kellnerin Sara (Luciana Pes) wäscht die Gläser, der Chef, Ignácio (Murilo Benício), zählt die Einnahmen. Er ist aufgeregt, denn am folgenden Tag soll ein Restaurantkritiker bei ihm einkehren und er erhofft sich eine sehr gute Besprechung. Ein letzter Gast, Amadeu (Ernani Moraes), bestellt noch einen Whiskey. Dann kommen zwei allerletzte Kunden ins Restaurant. Es sind der Staatsanwalt Bruno (Jiddu Pinheiro) und seine Frau Verônica (Camila Morgado).

Bruno bestellt Wein, unterstellt Sara jedoch, keine Ahnung von selbigem zu haben, weshalb er ihre Empfehlung ausschlägt. Inácio kümmert sich selbst um die vornehm tuenden Gäste. Auch ihn lässt Bruno spüren, daß er ein Kenner sei, während Inácio keine Ahnung von Wein und davon habe, wo dieser herkommen muß. Verônica zeigt sich weder am Wein, noch am Essen und gleich  gar nicht an den Angestellten des Lokals interessiert. Stattdessen verwickelt sie ihren Mann in ein für ihn unangenehmes Gespräch.

Die Küchenangestellten wollen endlich heimgehen, weshalb sie – da die Hintertür des Lokals verschlossen ist – den Müll mit sich tragen, durch den Lokalraum. Inácio teilt ihnen mit, daß sie nicht wieder zu kommen bräuchten. Djair ergreift Position für seine Kollegen, die müssten zur U-Bahn, die bald nicht mehr fahre. Es entwickelt sich ein Schlagabtausch zwischen dem Koch und seinem Chef. Djair kehrt in die Küche zurück, um das letzte Essen des Abends zuzubereiten.

Inácio bittet Sara, nicht auf die teils schon beleidigenden Äußerungen der Gäste zu achten. Verônica erklärt Bruno, daß sie das Fleisch nicht möge, es sei nicht, wie von ihr gewünscht, medium, sondern roh. Da öffnet sich die Tür des Restaurants und es kommen zwei Räuber ins Lokal. Sie wollen zunächst Geld, doch schnell machen sie sich an Verônica heran und werden sehr zudringlich. Während sie sie praktisch schon vergewaltigen, greift Sara trotz ihrer Abneigung gegen die Kundin ein. Die Situation droht zu eskalieren, als einer der Räuber mit der Waffe auf Sara zielt, der andere Verônica weiterhin mit dem Messer bedroht. Inácio greift unter den Tresen und zieht seinerseits einen Revolver. Er schießt auf den Räuber mit dem Messer. Kurz kommt es zu einer Patt-Situation, doch schließlich gibt der bewaffnete Räuber nach, da sein Kumpel zu sterben droht. In der Annahme, Inácio würde die Polizei und einen Krankenwagen holen, lässt er die Waffe sinken. Sara fesselt ihn.

Djair, der aus der Küche dazu gekommen ist, fordert Inácio auf, schnell die Polizei zu informieren, doch der wiegelt ab. Die Polizei täte nichts, er wisse das von einem früheren Überfall auf das Lokal. Deshalb besitze er auch die Waffe, um sich selbst zu helfen. Er fordert Sara auf, nun auch die Gäste und Djair zu fesseln. Inácio verdächtigt den Koch, mit den Gangstern unter einer Decke zu stecken. Sara folgt der Aufforderung. Sie und Inácio bringen die Gefangenen in die Küche. Dann beginnen sie, um den sterbenden Räuber herum, das Lokal aufzuräumen und den Boden vom Blut zu reinigen.

Verônica bittet Sara, auf die Toilette gehen zu dürfen. Inácio erlaubt es und Sara bringt sie in die Räumlichkeiten. Verônica versucht Sara zu überreden, ihr zu helfen und sie gehen zu lassen. Sie entschuldigt sich auch bei ihr für ihre vormaligen unbeherrschten und unfreundlichen Äußerungen und bedankt sich bei ihr für das Eingreifen. Sara verhöhnt sie und erklärt, sie habe fünf Minuten, um ihr Geschäft zu erledigen, sie, Sara, lasse sich nicht einlullen.

Im Lokal fragt sie Inácio, was der nun tun wolle. Er wisse es nicht, aber er habe die Schnauze voll, erklärt er. Seine Freundin ruft ihn an, es gibt Streit zwischen ihm und ihr. Er wirft das Telefon weg und zerschlägt damit einen Spiegel, in dem er sich häufiger betrachtet.

Sara holt Verônica aus der Toilette und wird von dieser mit einem Messer verletzt, das die sich während des Chaos im Lokal aneignen konnte. Verônica zerschneidet auch Inácio das Gesicht und versucht, aus der Tür auf die Straße zu fliehen. Bevor sie die Tür öffnen kann, erschießt Inácio sie.  Sara betrachtet fast schadenfroh den Leichnam und legt der Toten eine Feder, die sie auf dem Boden findet, auf die Oberlippe, um zu überprüfen, ob die noch atmet. Das ist nicht der Fall. Sara und Inácio bringen die Tote in den Lagerraum.

Während der Chef und seine Kellnerin weiterhin den Laden zu säubern versuchen, entspinnt sich zwischen den Gefangenen ein Gespräch. So erfahren die andern, daß Amadeu ein Ex-Polizist ist, daß Djair und Inácio sich nicht leiden können und daß Bruno kürzlich seine Stelle als Staatsanwalt gekündigt habe. Sie überlegen, wie sie der Situation entkommen könnten.

Der verletzte Räuber stirbt schließlich unter Qualen. Inácio und Sara schleppen auch ihn in den Lagerraum. Zurück im Lokal trinken sie einen Schluck und Sara küsst ihn. Dann schlafen die beiden miteinander. Voller Blut, auf dem Boden des Lokals, sitzt Sara auf ihrem Chef und stöhnt laut, während sie zum Höhepunkt kommt. Nach dem Akt steht sie nackt an der Theke, Inácio bedeckt sie mit seiner Jacke. Sara bietet ihm an, gemeinsam zu fliehen, in den Dschungel, wo sie niemand suche, niemand fände und wo sie immer nackt leben könnten. Doch Ignácio sagt, niemals gebe er das Lokal auf. Stattdessen schlägt er vor, die Toten zu zerstückeln, in der Tiefkühltruhe zu verstauen und nach und nach den Gästen zu servieren. Sara wendet ein, daß es aber Menschenfleisch sei. Inácio antwortet, das stimme, aber es sei ja immerhin Fleisch.

Amadeu konnte sich befreien und versucht zu entkommen. Inácio stellt ihn und schickt Sara zu den anderen Gefangenen. Dann beginnt er, auf Amadeu, der ihm ins Gesicht sagt, er sei kein Mörder, einzuprügeln. Während er immer brutaler auf ihn einschlägt, sagt er, er sei nicht, wofür Amadeu ihn halte, sondern er sei, was er sein wolle. Dann greift er nach einer Statuette und prügelt den Alten zu Tode. In der Küche lauschen Sara und die Gefangenen den fürchterlichen  Geräuschen. Sara isst derweil die Reste des letzten Essens und lässt dabei alle Manieren fahren. Sie nagt an dem Knochen wie ein Tier. Djair versucht, sie davon zu überzeugen, daß Inácio verrückt sei und sie niemals verschonen würde. Als Sara gerade bereit zu sein scheint, ihm zu glauben, kommt Inácio dazu und bringt mit ihrer Hilfe Djair und den verbliebenen Räuber ins Lokal.

An Stühle gefesselt, verhört Inácio seine Gefangenen. Der Räuber behauptet mit einem Mal, Sara sei seine Komplizin, sie habe den Überfall geplant, sie sei seine Freundin und habe ihn in den Schlamassel hineingezogen. Sara geht auf ihn los und schreit ihn an, er solle still sein. Das alles stimme nicht. Inácio nimmt ein scharfes Messer und schneidet dem Räuber die Kehle durch. Dann setzt er sich hinter Djair, der damit rechnet, nun ebenfalls zu sterben. Doch Inácio schneidet ihm lediglich die langen Haare ab, die er „schon immer gehasst“ habe. Dann bringt er den Koch zurück in die Küche, nimmt Bruno mit und fesselt auch ihn im Lokal an den Stuhl.

Zurück im Lokal greift er sich schließlich Sara und streckt sie nieder. Er glaube ihr kein Wort mehr, auch sie habe ihn verraten. Auf ihr liegend sticht er mit einem Messer auf sie ein. Als sie bewußtlos wird, lässt er von ihr ab, erschießt Bruno beiläufig, und geht in die Küche. Hier nähert er sich mit einem eben erst geschärften Messer Djair, der zuvor an ein Regal gefesselt war, und nun unter einen Tisch kriecht – offenbar konnte er sich befreien. Dann wird das Bild schwarz.

Sara kommt zu sich und wird von dem neben ihr stehenden Djair aufgefordert, mit ihm zu kommen, sie könnten einfach verschwinden. Doch Sara will nicht. Also geht Djair allein in den Morgen hinaus.

Sara geht in die Küche, wo sie den nun selbst gefesselten Inácio findet. Sie legt sich zu ihm und erzählt ihm von ihren Träumen vom Meer. Dann hievt sie ihn auf den Küchentisch, ersticht ihn und beginnt, den Leichnam mit einem elektrischen Küchenmesser auseinander zu schneiden.

Der Kinomarkt wird und bleibt von amerikanischen Produkten beherrscht, selbst das europäische Kunstkino, so es dies denn wirklich noch gibt, dringt nur noch sporadisch vor und verschafft sich in einigen tapferen, kleinen Kunstkinos sein Recht. Asiatisches Kino genießt in Europa einen gewissen Kult- und kulturellen Status, weshalb zumindest seine führenden Vertreter regelmäßig zur Aufführung kommen. Aber nahöstliches, südamerikanisches oder gar afrikanisches Kino findet auf deutschen Leinwänden praktisch nicht statt. Erst recht nicht, wenn es sich um Genrekino handelt – bis auf seltene Ausnahmen, wie einst die brasilianisch-französische Co-Produktion CIDADE DE DEUS (2002).

Dank gebührt den vielen, vielen kleinen und mittleren Festivals, die sich dem Fantasy-, Horror- und Science-Fiction-Film verschrieben haben, oder Vertriebs- und Verleihfirmen wie Bildstörung oder Pierrot le Fou, denen es ein Anliegen ist, abseitiges, weniger gefälliges Kino an ein kritisches, aber immer begeisterungsfähiges Publikum zu vermitteln. Möglicherweise hätte ein Film wie O ANIMAL CORDIAL (2017) der brasilianischen Regisseurin Gabriela Amaral Almeida in Europa nie einen einzigen Zuschauer gefunden, wäre er nicht erfolgreich auf einschlägigen Festivals in Kanada und Großbritannien gelaufen. Bildstörung vertreibt ihn unter dem Namen THE FRIENDLY BEAST in einer ungeschnittenen Fassung. Der Film lohnt jedoch, genauer hinzuschauen.

O ANIMAL CORDIAL wird gern als Horrorfilm bezeichnet. Wahr ist, daß er gewisse Motive aufweist, die gerade in den letzten Jahren auch im amerikanischen und europäischen Horror- und Terrorfilm häufig aufgegriffen wurden, allen voran das der sogenannten Home-Invasion. Dabei dreht es sich darum, daß Eindringlinge – mal mit, mal ohne Motiv – in das Heim einer Familie, WG, bei Millionären eindringen und die Bewohner bedrohen. Allerdings handelt es sich in diesem Fall um ein Restaurant. Kurz vor Feierabend tauchen hier letzte, späte Gäste auf, die sich schlecht benehmen, das Personal herablassend behandeln und sich aufspielen. Währenddessen gibt es Spannungen zwischen dem Chef des Restaurants und seinen Angestellten, vor allem jenen in der Küche. Als die Situation dadurch eskaliert, daß die Küchenhilfen das Lokal durch den Speiseraum verlassen wollen, dabei den Müll mitschleppen, während die Gäste noch essen, brechen die Konflikte zwischen dem Koch und dem Chef offen aus. Und dann erscheinen zwei vermummte Räuber, die das Lokal überfallen, das Geld stehlen, aber auch die Frau vergewaltigen wollen, die mit ihrem Mann ein spätes Mahl genießt.

Soweit also alles wie gehabt. Doch stimmt das nicht so ganz, denn das ebenfalls von Almeida geschriebene Drehbuch gibt sich schon bis hier hin sehr viel Mühe, die Figuren genau und differenziert zu zeichnen. Die Konflikte zwischen dem Chef Inácio, der Kellnerin Sara und dem Koch Djair, sowie das Spannungsverhältnis zu den späten Gästen Verônica und Bruno werden sorgfältig ausgearbeitet und nichts deutet zunächst darauf hin, daß der Zuschauer es mit einer Gewalteskalation zu tun bekommt. Hier wird ein Querschnitt durch eine Gesellschaft geboten, die sich klar in Klassen und Schichten unterteilt und in der jede dieser Klassen und Schichten ihre Stellung verteidigen, ihre Position halten will und andere spüren lässt, wo sie in diesem System stehen. Inácio begegnet den Gästen freundlich aber bestimmt, Sara gegenüber benimmt er sich auf joviale Art als freundlicher Chef, mit Djair herrscht hingegen eine Art Kleinkrieg. Der Blick auf die Küche ist durch ein großes Fenster aus dem Lokal möglich, was ein gewisses symbolisches Potential birgt. Die verschiedenen Klassen sehen einander, bleiben aber doch immer voneinander getrennt. Die dienende Klasse – der Koch und das Küchenpersonal – können bei ihrer Arbeit beobachtet werden, sie selbst können die Gäste beim Verspeisen dessen betrachten, was sie in der Küche gekocht haben, zusammen kommt man nicht.

Almeida gelingen hier mit wenigen Sätzen und sehr starken Bildern vielschichtige Aussagen. Blicke, die sich kreuzen, sich ergänzen, aber auch Blicke auf sich selbst: Immer wieder werden Inácio und Sara gezeigt, wie sie in Spiegel schauen, sich selbst ausgesprochen kritisch beäugen, offensichtlich nicht wirklich mögen, was sie da sehen. Die Blicke, die der arrogante Koch Djair seinem Vorgesetzten, wie auch Sara, die er nicht mag und die ihn nicht zu mögen scheint, zuwirft, sind voller Verachtung, seine Sätze sind oft schneidend und schmerzhaft für diejenigen, an die sie sich richten. Und dennoch ist Djair der einzige der Anwesenden, der Empathie, Verständnis und vor allem eine realistische Einschätzung der Situation zeigt, als diese eskaliert. Es ist diese Eskalation, die die Anwesenden ebenso, wie das Publikum, aus der Bahn wirft. Vor allem aus der Bahn der Genre-Konventionen. Denn sie verläuft gänzlich anders, als man es aus einschlägigen Werken kennt und folglich erwartet.

Inácio setzt sich gegen die Eindringlinge zur Wehr, er greift zu einer versteckten Waffe, als die Verbrecher sich Sara nähern – Verônica verteidigt er hingegen nicht! – und schießt einen der Angreifer nieder. Doch anstatt nun, wie von Djair gefordert, die Polizei zu holen und die Situation juristisch klar zu regeln, setzt Inácio seine Gäste und Angestellten fest und nimmt sie als Geiseln. Was als hartes, sozial- und gesellschaftskritisches Drama mit Kammerspielcharakter – der Film verlässt die Räumlichkeiten des Lokals nicht ein einziges Mal – begann, wendet sich nun vollends zu einem fast surreal anmutenden Schocker, der dem Zuschauer nur wenig Interpretationsmöglichkeiten an die Hand gibt. Warum Inácio sich verhält, wie er sich verhält, wird nie näher erklärt. Es gab einen im Film erwähnten früheren Überfall auf sein Lokal, was ihn wohl feststellen lässt, die Polizei „täte nichts“. Auch unterschwellige Wut – seine Frau oder Freundin ruft ihn mehrfach an und beschimpft ihn am Telefon als Schlappschwanz und Versager – mag ein Impuls sein, der ihn handeln lässt, wie er es tut. Vielleicht hat Inácio auch einfach die Schnauze voll am Ende eines langen Abends, zudem steht er unter beruflichen Druck. Am Beginn des Films sehen wir ihn in heller Aufregung, ein Restaurantjournalist hat sich angekündigt und er will von Djair ein ganz besonderes Gericht, um den Mann zu überzeugen. Das Restaurant scheint Inácios eigentlicher Lebensinhalt zu sein. Umso weniger versteht man, wie er Personal, Gäste und Verbrecher alle gemeinsam zu Gefangenen macht. Wie will er sich aus der Situation befreien? Will er es überhaupt oder nimmt er eine zufällige Konstellation als Fanal, um ein und für alle Mal der Welt zu zeigen, daß er sie nicht mag? Oder aber bricht da aus ihm schlicht „das Tier“ hervor. Das „beast“, auch wenn es in seinem Fall nicht „friendly“ ist. Im Gegenteil: Inácio scheint ein Beispiel dafür, wie brüchig der so häufig zitierte „dünne Firnis der Zivilisation“ in Wirklichkeit ist.

Im Verlauf des Abends wird Inácio sich als kalter Killer entpuppen. Er lässt den von ihm angeschossenen Räuber auf dem Boden des Lokals verbluten, er prügelt Djair, er prügelt einen weiteren, zufällig anwesenden Gast schließlich zu Tode, er erschießt Bruno, den arroganten Mann von Verônica, beiläufig und auch Verônica selbst tötet er, als sie versucht, sich aus dem Restaurant zu befreien. Die einzige, die zunächst keine Gewalt von ihm zu befürchten hat, ist Sara. Die Kellnerin wird sowohl von Bruno und Verônica, aber auch von Djair ob ihrer vermeintlichen  Hässlichkeit verhöhnt. Die Räuber zeigen sich an ihr nicht interessiert, obwohl sie beide sexualisiert gezeigt werden und sofort über Verônica herfallen und sie mehr als belästigen. Sara scheint eine Paria zu sein. Und so verhält sie sich zunächst auch. Djair bezichtigt sie an einer späteren Stelle des Films als Schleimerin, als Opportunistin, die sich immer an den gerade im Vorteil Befindlichen heranschmeiße. Sara wird von Almeida auch ansatzweise so inszeniert. Doch macht diese Figur – die man als heimliche Hauptfigur des Films betrachten sollte – eine wesentliche Veränderung durch.

Auch sie erscheint kalt und vor allem schadenfreudig. Als Verônica stirbt, legt sie der Frau eine Feder auf die Oberlippe, um feststellen zu können, wann sie aufhört zu atmen. Von Inácio darum gebeten, die andren zu fesseln, macht sie sich zur willfährigen Mittäterin. Doch langsam, zunächst unmerklich, ebenfalls eher an ihren Blicken zu registrieren, übernimmt Sara das Kommando. Sie verführt Inácio, schläft mit ihm und dieser Akt wird sehr explizit und deutlich dargestellt. In dem Blut ihrer Opfer gebadet, reitet Sara ihren Chef, sie grunzt und stöhnt, ihr Körper erzittert in orgiastischen Konvulsionen. Nach dem Akt zeigt sie sich nackt und lasziv an der Theke lehnend. Ihre Nacktheit, die großen, schweren Brüste, der schöne, trainierte Körper, stehen in maximalen Gegensatz zu ihrer von allen andern behaupteten Hässlichkeit. Sie offenbaren aber auch eine neu erwachte Macht. Inácio legt ihr seine Jacke um, als wolle er nicht nur sie vor der Kälte, sondern auch sich vor diesem be-herrschenden Körper und seiner Macht schützen.

In der Folge chargiert sie, begreift durchaus, daß Inácios Verhalten keinen Ausweg mehr zulässt, sie will offensichtlich nicht von ihm mit in den sich vor ihm auftuenden Abgrund gerissen werden, bietet ihm jedoch mehrfach an, gemeinsam zu fliehen und irgendwo anders – im Dschungel, „wo es keine Kleidung braucht“ – neu anzufangen. Doch Inácios Paranoia, wird durch die Verbrecher, denen er von Anfang an unterstellt, nicht allein, sondern in Djairs Auftrag gehandelt zu haben, erst recht angestachelt, als einer der Räuber behauptet, Sara sei seine Freundin und sie sei eigentlich der führende Kopf hinter dem Überfall. Die Wut, mit der Sara auf den Gangster losgeht, lässt zumindest den Interpretationsspielraum, daß dies stimmen könnte. Da sie sich aber ernsthaft in ihren Chef zu verlieben scheint, wäre es nicht mehr opportun, dies zuzugeben. Doch Inácio glaubt ihr nicht und verletzt sie schwer. Als es Djair – in der einzigen logisch nicht nachvollziehbaren Situation des Films – gelingt, sich zu befreien und an seiner Statt Inácio zu fesseln, fordert er Sara auf, mit ihm das Lokal zu verlassen, was sie aber ablehnt. Stattdessen legt sie sich zu Inácio und erzählt ihm von ihren Träumen. Und tötet ihn dann. Schließlich seziert sie ihn, nimmt ihn Stück für Stück auseinander und zumindest steht im Raum, daß sie ihn anschließend aufisst.

Diese letzten Einstellungen von Sara in einer sterilen, kühlen Küche, umgeben von Fliesen, Chrom und Stahl, bewehrt mit einem elektrischen Küchenmesser, mit dem sie langsam und zu einem wunderbar melancholischen Lied der amerikanischen Band Mercury Rev. beginnt, ihren ehemaligen Chef zu zerlegen, erinnert an jene Szenen in Peter Greenaways Küchen-Thriller THE COOK, THE THIEF, HIS WIFE & HER LOVER (1989), in dem Helen Mirren ihrem Gemahl, einem Londoner Gangster, schließlich ihren ermordeten Liebhaber von ihrem Freund, dem Koch, genüßlich zubereitet, zum finalen Mahl vorsetzt. Almeida gelingen den ganzen Film hindurch großartige, eindringliche, intensive und manchmal verstörend schöne  Bilder; dieses Schlußbild aber ist ein wahrlich ebenso ästhetischer wie grausiger Abschluß eines durchaus verstörenden Films. Barbara Alvarez zeichnet für die Kameraarbeit verantwortlich, Rafael Cavacanti unterlegt den Film mit einem eindringlichen, langsamen, fast raunenden Soundtrack, der der Geschichte etwas Schicksalhaftes, Melancholisches, Tieftrauriges beimischt. Und ein wirklich großartiges Schauspieler-Ensemble bringt diese seltsame Geschichte glaubhaft und vor allem in den kleinen Gesten und Blicken überzeugend auf die Leinwand.

Womit hat man es bei O ANIMAL CORDIAL nun eigentlich zu tun? Wahrscheinlich mit der Geschichte einer Emanzipation. Jeder in dieser Handlung scheint sich seiner Sache sehr sicher: Verônica ihrer Schönheit, Bruno seines sozialen Status, Inácio seiner Autorität als Chef, Djair seiner Künste als Koch und Mensch, die Verbrecher ihrer Macht durch die Waffen, die sie tragen, und der zufällige Gast – eine ehemaliger Polizist, der nach eigener Aussage „auf eine schiefe Bahn geraten ist“ – ist sich zumindest seines Versagens sicher. Nur Sara scheint ein Wesen ohne Geschichte und damit ohne Standpunkt, ohne Selbstbewußtsein zu sein. Der Hilfskoch, der zu Beginn des Films das Lokal verlässt, später zurückkehrt, weil er sein Handy verloren hat und Sara gegenüber aus seiner auch erotischen Sympathie keinen Hehl macht, wird von ihr abgewiesen, sie erwähnt eine Freundin irgendwo in einer fernen Stadt, doch ihr Verhalten und ihre Handlungen weisen sie als einen bindungslosen Menschen aus. Ihr fehlt es an dem Mut, für sich selbst einzustehen, es fehlt ihr an der Überzeugung, sich zu ihrer selbst, ihrem Körper, ihrem Wesen zu bekennen, sie verhält sich Inácio gegenüber lange unterwürfig. Doch nach und nach legt sie all diese Eigenschaften ab. Und wie bei Inácio durch die Zufälle dieses Abends eine unterschwellige Wut, vielleicht gar ein Hass zum Vorschein tritt, der sich in Gewalt gegen alles und jeden entlädt, wird auch Sara zum Tier, alleerdings zum „friendly beast“. Sie braucht weder Gewalt noch Demütigung anderer. Sie nimmt Inácios Taten hin, das ja, doch ihr Ausbruch, ihre Enthemmung besteht vor allem in einem sexuellen Akt, der etwas von einer Vergewaltigung hat und dennoch vom vermeintlich Vergewaltigten genossen wird. Saras Befreiung und Emanzipation ist vollkommen anders, als die Enthemmung bei Inácio. Sie bekennt sich zunehmend, sie entwickelt das zunächst fehlende Selbstbewußtsein, sie zeigt sich, zeigt ihren Körper, aber damit auch ihren Charakter. Sie begreift ihre Stärke, ja die Macht, über die sie verfügt. Als Frau, als Mensch.

Es ist interessant, zuzusehen, wie eine Frau eine solche Geschichte inszeniert und welche Bilder eine Frau findet, um sie zu erzählen. Es sind gänzlich andere Schwerpunkte, auf die Almeida und ihre Kamerafrau Gewicht legen. Die Inszenierung des sexuellen Akts ist nicht weniger erotisch, als in anderen Filmen und doch ganz anders, ehrlicher, mutiger. Almeida ergötzt sich nicht an der Gewalt und zeigt sie nur bedingt. Man(n) sollte hier also nicht auf Splatter und Ekel hoffen, der wird nicht geboten. Vielmehr wird die Ästhetik des Bösen, die Ästhetik, die auch der Gewalt innewohnt, eingefangen und ausgestellt, wenn die Kamera bspw. immer wieder den Wischer beobachtet, mit dem Inácio und Sara sich bemühen, das Blut vom Holzboden aufzunehmen. Die Intensität der Blicke, kleiner Gesten, einer manchmal nur rudimentären Mimik, die aber – gerade in Djairs Fall ist dies wunderbar beobachtet, was aber auch an der Qualität von Irandhir Santos liegt, der den Koch spielt – ungeheuer aussagekräftig ist. Es ist die ganze verfahrene Situation, das Binnenverhältnis in der Belegschaft, die Spannung zu den Gästen, es sind die Andeutungen und stillen Hinweise, die den Film tragen und sehenswert machen.

Es ist ein spannender, bedrückender und sehr intensiver Film, der sein Publikum bis zu einem gewissen Grade ratlos zurücklässt und doch nachhallt und nachwirkt. Ein starker Film.

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