VINTAGE

Eine wundervolle Hommage an den Blues, eingepackt in eine durchschnittliche Thrillerhandlung

Fast kann man von einem Subgenre im Thrillergewerbe sprechen: Die Suche eines interessierten Fans oder beruflich verstrickten Verehrers nach wahlweise dem letzten Song eines legendären Musikers, dem verschollenen Film eines sagenumwobenen Regisseurs oder einem Beweis, daß Murnau mit geheimen Mächten im Bunde war – immer sind es Fetische der Popkultur des 20. Jahrhunderts, die in mal mehr, mal weniger geschickt konstruierte, in den besseren Fällen mit wahren Fakten angereicherte und ausgeschmückte Stories verpackt werden. Fast immer muß man davon ausgehen, daß die Helden dieser Geschichten auf Geheimnisse stoßen, deren Kern meist aus den unheilvollen, oft übernatürlichen Kräften dieser Fetische bestehen. So hat man es also manchmal wirklich mit dem Übernatürlichen, dann oft Satanischen, meist aber mit menschlichen Schwächen, Abseitigkeiten und Perversionen zu tun. Und man wird immer Zeuge einer Schnitzeljagd nach Hinweisen, Schnipseln und Mosaiksteinchen, weshalb diese Stories in ihren Mustern auch recht schnell und recht einfach zu durchschauen sind und darob schnell ihre Spannung verlieren. Der Leser folgt eher dem Aufbau als der eigentlichen Narration, fragt sich eher, wie der Autor von Handlungsstrang A nach Handlungsstrang B kommt, als daß er sich wirklich für die ihm präsentierten Schicksale der Figuren interessiert.

Nach eher enttäuschenden Erfahrungen wie Marisha Pessls NIGHT FILM (2013), freut man sich, diesen kleinen, schnell gelesenen Roman aus Frankreich in Händen zu halten, der aus seiner Verehrung für den klassischen Blues keinen Hehl macht, der sich kaum bemüht, die Einfältigkeit seiner Klammer einer weit hergeholten Kriminalhandlung zu kaschieren, sich dafür aber sehr schnell in ein Geflecht begibt, daß den Blues als Musikrichtung ernst nimmt, ebenso wie seine Bedeutung für die Entwicklung der Rockmusik, aber auch seine Legenden, seine Narrative, das Geflecht aus Mythos, Sozialgeschichte und Beschwörung eigener Stärke, das Beharren auf dem eigenen Ich, das ein schwarzer Mann lange nur in der Musik artikulieren konnte – lautete die Bezeichnung für schwarze Männer jeden Alters im Alltag der Südstaaten der USA doch „boy“.

Grégoire Hervier lässt all diese Ebenen in seine Geschichte einfließen und bleibt aber doch nah genug an Trivia und Pulp, um dem Leser ein unterhaltsames wie spannendes Lesevergnügen zu bereiten. Allerdings merkt man seinem Roman an, daß er sich sehr viel lieber mit den mythischen Ebenen befassen mag, als bspw. mit den Rassismus betreffenden Seiten des Blues.

Hervier schickt seinen Helden Thomas Dupré – verhinderter Rock-Gitarrist, Musikjournalist und Gelegenheitsrestaurator älterer Saiteninstrumente – auf eine Reise in den Süden der USA; zunächst auf den Spuren der geheimnisumwitterten ‚Gibson Moderne‘, die als verschollener Prototyp aus dem Hause des legendären Gitarrenherstellers gilt und deren Existenz ein windiger Rockimpresario gern bewiesen hätte, wofür er eine Million Dollar zu zahlen bereit ist; dann aber viel mehr auf der Suche nach einem selbst wirklichen Kennern und Insidern nur rudimentär bekannten Bluesmusiker namens Li Grand Zombi Robertson, der offenbar im Besitz des Kultinstruments war, es auf den wenigen Aufnahmen, die noch von seinem erstaunlichen Blues künden, gespielt hat und mit dem er auf einem rissigen Cover seiner einzigen Veröffentlichung abgebildet ist. Gemeinsam mit neu gefundenen Freunden dringt Thomas immer weiter zum Kern des Geheimnisses vor, reißt dabei etliche Hundert Meilen zwischen Chicago, St. Louis, New Orleans und Dutzenden von Juke Joints, irgendwo in Kleinstädten im Delta, ab und lernt mehr und mehr über die Wurzeln und die Entwicklungen der „teuflischen“ Musik, die in Kirchen nicht gespielt werden durfte – den Blues.

Und mit dem Ich-Erzähler Thomas Dupré lernt auch der Leser zusehends zu unterscheiden zwischen der Frühform, dem Delta-Blues, der aus den sogenannten ‚field hollers‘ – dem Singsang der Sklavenarbeiter auf den Baumwollfeldern – hervorging, dann in den Coffee Houses verfeinert wurde und – als die Schwemme schwarzer Menschen, die ihr Heil in den Städten des Nordens suchten, Chicago erreichte – elektrifiziert und verstärkt seine volle Wucht entfalten konnte und schließlich ein Baby gebar – den Rock´n´Roll. Li Grand Zombi Robertsons Sound wird von Dupré als „frühe Form des Heavy Metal“ beschrieben, er vergleicht einzelne Riffs mit denen der frühen Black Sabbath und schlägt somit einen weiten Zirkel zu heutigen Blues-Avantgardisten wie John Spencer, der sich mit seiner ‚Blues Explosion‘ an die Ränder der Kakophonie heranwagt und dort Anschluß an die rockmusikalischen Dekonstruktionen der ‚Sonic Youth‘ herstellt. Grégoire Hervier gelingt dieser Zirkelschlag bravourös, es macht unglaublichen Spaß, seinem Spiel mit den Fäden gut recherchierter Musikgeschichte und dem Garn seiner eigenen Erzählung zu folgen.

Man hätte sich bei aller Freude an den Legenden von den ‚Crossroads‘ – an denen ein Mann wie Robert Johnson einst seine Seele dem Leibhaftigen übertrug, dafür aber ein Gitarrenspiel sein eigen nennen durfte, das geradezu….diabolisch zu nennen war – dennoch ein wenig mehr den klaren Blick auf die sozialen und historischen Bedingungen gewünscht, die den Blues geprägt haben und aus denen er sich nährt. Hervier verweist darauf und lässt auch immer mal wieder Anklänge zwischen den manchmal eher trivialen Begebenheiten seiner Story aufblitzen, auch kann man diese Seiten des Lebens im Saitenspiel Li Grand Zombis wohl vernehmen, doch in der Auflösung – und da gleicht VINTAGE dann eben doch seinen eingangs erwähnten Verwandten im Subgenre – sind es dann doch die im Blues ja ebenfalls typischen, von persönlichem Leid und Betroffenheit geprägten Motive, die sich in seiner Musik Ausdruck verschaffen. Die wiederum verweisen zurück auf die Rahmenhandlung, den Auftraggeber und dessen Motive.

An dieser Stelle, der Rahmenhandlung, dem Movens des ganzen Unternehmens VINTAGE, gelingt Hervier – ob gewollt oder aus reiner Nachlässigkeit sei dahingestellt – dann leider nur noch Durchschnittliches. Sowohl die Handlung als auch Duprés Erzählung derselben unterscheiden sich nicht nur nicht sonderlich von etlichen ähnlich gelagerten Thrillern und Krimis, sondern sie reicht kaum an die meisten davon heran. Zu gleichförmig, zu unoriginell und auch zu brav muten Erzählung und Erzähler an, zu wenig bedrohlich, auch atmosphärisch nicht eindrucksvoll genug, was ihm widerfährt und auch, wie es ihm widerfährt.

Nein, Grégoire Hervier – ironischerweise geboren im Jahr des Punk 1977 – wollte ein Buch über den klassischen Blues, die Rockmusik, die alten Helden und die Entwicklungsgeschichte vom einen zum andern erzählen und hat dies, anstatt ein weiteres Sachbuch zum Thema vorzulegen, in eine etwas biedere Handlung eingewickelt. Das sei ihm verziehen, denn den Geist dessen, worum es ihm geht, den hat er erfasst, seiner Geschichte injiziert und ihm damit ein wahres literarisches Ehrenmal gesetzt.

Chapeau!

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