DAS ZITTERN DES FÄLSCHERS/THE TREMOR OF FORGERY

Patricia Highsmith wirft einen Blick nach Osten und sieht westliche Neurosen

Man kann noch so häufig betonen, daß Patricia Highsmith viel mehr sei als die Autorin reiner Kriminalromane, bzw. von Thrillern. Erhört wird man zumeist nicht. Daß Highsmith ihre literarischen Konstellationen nutzt, um sehr genaue und pointierte, dabei treffsicher formulierte und nicht allzu optimistische Aussagen über die amerikanische Gesellschaft – meist im Kontrast zu europäischen Kulturen – , aber auch dezidiert zur Moderne zu treffen, wird schnell übersehen. Wie hätte Patricia Highsmith einem damals noch viel strikter in Genres und literarischen Konfektionen denkenden Kunst- und Literaturbetrieb oder erst recht einem Publikum, das sich unterhalten lassen wollte, vermitteln sollen, daß auch innerhalb strikter Genrekonventionen durchaus Essenzielles über die ‚conditio humana‘ auszusagen sei?

 

Nur selten verließ die Autorin ihr angestammtes Terrain. In THE PRICE OF SALT erzählte sie bereits 1952 mutig von einer lesbischen Liebe, 1977 berichtete EDITH´S DIARY ergreifend nüchtern von der seelischen und psychischen Zerrüttung einer Frau, die an den Anforderungen einer kalten, desinteressierten und harten Umwelt zugrunde geht. Obwohl es in diesem späten Schlüsselwerk der Autorin keine Morde oder tödliche Unfälle zu beklagen gibt, nutzt Highsmith doch die Regeln des Genres, um ihrer Geschichte Drive und Spannungselemente zu geben. Dasselbe Prinzip hatte sie schon 1969 im vorliegenden THE TREMOR OF FORGERY angewandt. Dabei entstand einer von Highsmith´ besonders interessanten Romanen. Auf unbestimmte Art flirrend wie die Hitze über der Wüste, hält der Roman eine fragile Balance, wiegt den Leser in Sicherheiten und führt ihn doch auf gefährliches Glatteis. Zudem werden hier deutlich wie selten der Autorin wichtige politische wie gesellschaftspolitische und kulturelle Themen zusammengebracht.

 

Lange, bevor soziologische Studien zu postkolonialen, eurozentrischen Blicken auf uns vollkommen fremde und immer fremdgebliebene Kulturen vorlagen, erfasste Patricia Highsmith die Probleme und Schwierigkeiten, die Westler wohl immer haben werden, wenn sie versuchen, anderen Kulturen besonders „offen“ und „tolerant“ und „interessiert“ zu begegnen. Selbst der gebildete, intellektuelle Reisende kommt nicht umhin, die ihm fremde Welt mit eben jenen Klischees und allgemeinen Vorbehalten zu bedenken, die ihm kulturell vermittelt worden sind. Die Konstellation verschiedener Amerikaner und Europäer, die sich in einem kleinen Strandressort an der tunesischen Küste zusammenfinden, sich anfreunden und unter den gegebenen, vor allem fremden Umständen schnell bereit sind, Geheimnisse zu teilen, wird der Autorin zu einer Versuchsanordnung über den aktuellen Stand der Dinge in den westlichen Gesellschaften in der Krise am Ende der 1960er Jahre.

 

Berichtet wird dem Leser die Geschichte des Schriftstellers Howard Ingham, der nach Tunesien reist, um das Drehbuch für einen Film zu verfassen. Doch taucht sein Kompagnon, Regisseur und Kameramann des Projekts, nie in Afrika auf. Auch Inghams Freundin meldet sich so gut wie nie. Ingham beginnt also, statt des Drehbuchs einen Roman zu schreiben. Er macht die Bekanntschaft des in Tunesien lebenden, undurchsichtigen Francis Adams – ein Amerikaner, dessen eigentliches Tun und Trachten dem Leser nie näher erläutert werden. Er sendet in geheimen Auftrag Propagandasendungen gen Russland, die den amerikanischen Lebensstil feiern. Ingham – und mit ihm der Leser – ist sich nie sicher, ob er es bei Adams mit einem astreinen Vertreter der John-Birch-Society oder aber mit einem harmlosen Spinner zu tun hat. Mit dem homosexuellen Maler Jensen freundet Ingham sich ebenfalls an. Eines Nachts stolpert er auf dem Rückweg von Jensens Behausung in der Innenstadt des kleinen Küstenortes, wo sich all dies zuträgt, über die Leiche eines Arabers, dem man die Kehle durchgeschnitten hat. Die Anzeichen, daß etwas Seltsames, Verborgenes vorgeht, mehren sich: Jensens Hund wird entführt, Ingham wird bestohlen, einige Wertgegenstände wurden ihm entwendet. Als nachts jemand versucht, in seinen Bungalow einzudringen, wirft Ingham mit seiner Schreibmaschine nach dem Betreffenden und verletzt ihn offenbar. Doch nie findet er einen Hinwies, ob er den Einbrecher verletzt oder gar getötet hat. Die Hotelangestellten schweigen oder geben ausweichende Antworten. Allerdings schöpft Adams verdacht und beginnt, Ingham moralisch zuzusetzen. Als dieser erfährt, daß der Mann, auf den er die ganze Zeit wartet, sich in New York umgebracht habe, unerwiderte Liebe zu Inghams Freundin Ina ausschlaggebendes Motiv gewesen sei, verliert Ingham langsam den Boden unter den Füßen. Und dann kündigt Ina an, ihn in Tunesien zu besuchen…

 

Ein Mord? Ein Totschlag? Weder wird der Leser erfahren, ob es je einen Toten gegeben hat, noch, wie sich die Einheimischen zu einem ermordeten Landsmann verhalten. Highsmith streift den Suspensethriller und bewegt sich dann ebenso zielstrebig wieder davon fort. Das Geheimnis um den Einbruch ist Anlaß für die in der zweiten Hälfte des Romans entstehenden Verwerfungen zwischen den Protagonisten, doch anders als andere Highsmith-Helden bedrängt Ingham seine Tat kaum. Unterstützt von Jensen, der einen toten Araber mehr oder weniger nicht weiter schlimm findet, schließlich habe man hier ein anderes Verhältnis zum Tod, als im Westen, gelingt es Ingham, die Tat zu verdrängen. Der tote Araber, den er vor Jensens Tür fand, verstört ihn weitaus mehr, als der möglicherweise von ihm selbst Getötete. Doch beide Vorkommnisse gereichen Ingham vor allem zu weiterer Entfremdung. Es scheint, als gehe man hier in der Fremde des Orients mit Leben und Tod, dem Vergehen und Zurückbleiben vollkommen anders um, als es ein Westler gewohnt ist. Ingham empfindet seine Umgebung zunehmend als bedrohlich, ebenso aber zeigt er sich fasziniert.

 

Arabien, die Wüste – heiß, weit, tödlich – und tausend Geschichten erzeugen spätestens seit T.E. Lawrence, über Paul Bowles oder William S. Burroughs bis zu Michelangelo Antonioni eine perfekte Fläche, die ganzen widersprüchlichen Gefühle innerer Verlorenheit, des Identitätsverlusts, der Entfremdung und Angst zu projizieren, die das moderne (westliche)  Individuum erleiden kann. Inghams Hinübergleiten in einen anderen Aggregatzustand, begleitet von einem Zerfallen seiner anfangs wohlorganisierten Zeit – Paul Ingendaay weist in seinem Nachwort explizit darauf hin – korrespondiert perfekt mit diesem schier unendlichen Kontinent, den Tunesien gleichsam krönt. Ebenso verloren wie Ingham selbst – im Grunde gestrandet, abgebrannt und ohne Perspektive – in dieser Unendlichkeit aus Raum und Zeit, sind die Beziehungen zwischen ihm und Ina, ihm und seiner Exfrau Lotte, die zu den Einheimischen und auch jene zu Adams, der immer undurchsichtiger wird im Verlauf der Handlung. Am eindeutigsten scheint die Verbindung zu Jensen zu sein, dessen sexuellen Avancen sich Ingham zwar widersetzt, mit dem er aber schließlich eng zusammenlebt und im Alltag nahezu alles teilt – Essen,  Trank, Gedanken und Gefühle. Eine Partnerschaft lebt.

 

Homosexualität – die hier oftmals und explizit thematisiert wird – war Highsmith ein wichtiges Anliegen. Sicher ein Zeichen der Zeit, hatte sie aber auch genug unter den Tabus und sozialen Sanktionen gelitten, denen Schwule und Lesben bis dato ausgesetzt waren. Jensen und, wie wir schließlich erfahren, auch Ingham, greifen auf Strichjungen zurück, wovon Highsmith erstaunlich offen und nüchtern berichtet. Nach außen verlagerte Sexualität scheint eine gute Voraussetzung für eine funktionierende Beziehung zu sein. Den Umgang der beiden Männer miteinander, vielleicht gerade weil Sexualität scheinbar keine Rolle spielt, stellt die Autorin erstaunlich unkompliziert dar. Homosexualität als Utopie? Gleichgeschlechtliche Liebe als Vervollkommnung des ohnehin Schönen, bei Vermeidung der gegengeschlechtlichen Komplikationen? Eine Überwindung des Körperlichen gar? Man mag all das – als subtile Hoffnung am Ende eines bewegten Jahrzehnts – hineinlesen, doch es kommt auch – da war Highsmith ihrer Zeit wahrlich weit voraus – ein kulturimperialistischer, spätkolonialer Aspekt hinzu: So sehr Homosexualität in den westlichen Ländern auch verpönt gewesen sein mag, Arabien bietet einen scheinbar freien Umgang damit, allerdings nur, weil hier immerzu Jungen verfügbar scheinen. Man hat es nicht mit einer Frühform des Sextourismus zu tun, soweit sollte man nicht gehen. Doch gelingt es Highsmith anhand solcher kleiner, scheinbarer Nebensächlichkeiten, zu verdeutlichen, daß sich Westler der Dritten Welt wohl nur in einem hierarchischen Verhältnis von oben nach unten annähern können. Ein Verhältnis, in dem 400 Jahre Kolonialgeschichte und Unterdrückung immer mitschwingen. Diese Menschen leben (vorübergehend) in einem arabischen Land, halten es aber weder für sonderlich angebracht, die Sprache zu lernen, noch, sich mit der Kultur auseinander zu setzen. Werden die tunesischen Sehenswürdigkeiten erwähnt – und Highsmith erwähnt sie nur, diverse Ausflüge, die Ingham, Jensen, Adams und Ina unternehmen werden so gut wie nie beschrieben – gemahnen diese Erwähnungen an Einträge in Reiseführern. Highsmith wiegt den Leser in Sicherheit, und stößt ihn doch wieder auf Zeichen kulturellen Dünkels: Jensen – unkompliziert, freidenkerisch, dem Rausch und den Lüsten nicht abgeneigt, ein „Beatnik“, wie Ina einmal halb entgeistert, halb fasziniert ausstößt – wird uns immer sympathischer, sobald Ingham sich entscheidet, ihn ins Vertrauen zu ziehen. Zugleich entpuppt er sich als ein lupenreiner Rassist. Highsmith spielt ein böses Doppelspiel, wenn sie den im Westen Stigmatisierten nun in der Dritten Welt mit der gleichen Herrenmenschideologie auftreten läßt, die Schwulen oft entgegenschlägt.

 

Es ist ein hochexplosives Gebräu, das Patricia Highsmith da zusammenmischt und der Leser verheddert sich dauernd in Fallstricke und tritt auf verborgene Minen, die die Autorin ihm hinlegt und die ihn mit seinen eigenen Ressentiments und Vorurteilen konfrontieren. Selten war ein Roman der Autorin dabei so reflexiv, spiegelt sie auch die eigenen vermeintlichen Unzulänglichkeiten. Inghams Roman, der den Titel THE TREMOR OF FORGERY trägt, handelt von einem Bankangestellten, der im großen Stil betrügt, erwischt wird und nach Verbüßung seiner Strafe einfach genau da weitermacht, wo er aufgehört hat. Viel gibt Highsmith nicht preis über das Buch, doch gibt sie Einblicke in das Handwerk des Schriftstellers. Und was Ingham da schreibt, gemahnt deutlich an Highsmith eigene Romane um den Mörder und Betrüger Tom Ripley. Wenn sie Ingham also als indifferenten und kulturblinden Westler auftreten läßt, reflektiert sie durchaus auch die eigene Situation als westliche Autorin, die sich bei einem Aufenthalt in Tunesien wahrscheinlich nicht viel anders verhalten hat, als es die Westler in ihrem Roman tun. Nordafrika war schon Sehnsuchtsort der Beatniks, war aber literarisch ebenso Hort der absoluten Entfremdung, wie es Camus in L´ÉTRANGER darstellt – literarische Referenzen allenthalben. Gerade in Bezug auf Camus Werk werden bei Highsmith der Blick auf die Araber und das westliche Unverständnis für deren Kultur, Sitten und Riten thematisiert. Der moderne Mensch der Industrienationen wird hier wie selten als verloren gekennzeichnet. Alles, so scheint es, alles was ihm bleibt, ist das verzweifelte Festhalten an vermeintlicher kultureller Überlegenheit.

 

Voller Anspielungen auf zeitgenössische Politik – der Sechstagekrieg 1967 wird wie auch der Vietnamkrieg immer wieder thematisiert, vor allem aber genutzt, um Adams selbstgerechte moralische Haltung zu reflektieren – , randvoll mit Themen, die der Autorin unter den Nägeln brannten und doch frei von den Highsmith-typischen Wendungen der Story und auch frei von den üblichen Spannungselementen, hat es der Leser bei THE TREMOR OF FORGERY mit einem außergewöhnlichen Werk Patricia Highsmiths zu tun, das neue, andere Facetten dieser so lang unterschätzten Autorin ausstellt. Man sollte sich nicht scheuen, sich ihr vollkommen unvoreingenommen auf ganz andere Art und Weise als gewohnt anzuvertrauen.

 

 

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