ICH BLEIBE HIER/RESTO QUI

Marco Balzano erzählt nüchtern vom Politischen im Privaten - und wie man sich nicht entziehen kann, wenn das Private politisch wird

Für Nicht-Tiroler ist die Geschichte dieses nördlichen Zipfels Italiens – oder südlichen Zipfels Österreichs – nur schwer nachvollziehbar. Man liest dies und das, er entsteht der Eindruck, da ist ein weiteres Völkchen unbedingt um die eigene Unabhängigkeit bemüht in einer Zeit, in der Kleinstaaterei eigentlich wenig bis keinen Sinn mehr macht, in der aber der Nationalismus sein Haupt ein (hoffentlich) letztes Mal erhebt. Die bewegte Geschichte Tirols zu verstehen, müsste man also Geschichtswerke wälzen, möglichst konfrontative, um ein genaues, umfängliches Bild zu bekommen. Den Panoramablick, sozusagen. Man kann aber auch zu Marco Balzanos Roman ICH BLEIBE HIER (2020; Original erschienen 2017 unter dem Titel RESTO QUI) greifen, um das geboten zu bekommen, was guter Literatur so oft gelingt: Das Historische in der (scheinbaren) Fiktion, im Dramatischen zu entdecken und damit auf anderen Wegen verstehen zu lernen.

Balzano leiht Trina die Stimme. Trina ihrerseits verfasst einen Bericht an ihre Tochter, eine Tochter, die sie letztmalig vor Jahrzehnten gesehen hat, bevor das damals pubertierende Mädchen sich entschloß, mit Tante und Onkel ins damalige Deutsche Reich auszuwandern. Nun berichtet die wahrscheinlich alte Trina von ihrem Leben in (Alt)Graun im Langtauferer Tal, unweit der Grenzen zu Österreich und der Schweiz. Sie berichtet davon, wie sich das bäuerliche Leben dort oben in den Bergen durch den Sieg des Faschismus in Italien verändert hat, wie die Schwarzhemden es der einheimischen Bevölkerung u.a. verboten, Deutsch zu sprechen oder zu unterrichten, weshalb die angehende Lehrerin Trina schon bevor sie auch nur eine Stelle antreten kann, weiß, daß sie ihren Beruf nie auf normalem Wege wird ausüben können. Also schließt sie sich dem (kulturellen) Widerstand an, sie unterrichtet die Bauernkinder in geheimen Schulen. Zugleich geht das normale Leben weiter. Ihr Vater stellt den Kontakt zu Erich her, den Trina heiratet und der glücklich ist, wenn er mit seinen Ziegen und Kühen hinauf auf die Almen ziehen kann. Erich ist ein Bauer, aber zugleich ein Mensch mit einem wachen Sinn für die Veränderungen um ihn herum. Und eine dieser Veränderungen ist der geplante Stausee, der das Dörfchen Graun unter Wassermassen begraben könnte.

Dieser Stausee ist der rote Faden in Balzanos Erzählung von Trinas Leben, von dem diese in einer einfachen – bäuerlichen – Sprache berichtet. Der Krieg, Die Auseinandersetzungen im Dorf darüber, ob man bleiben oder dem Angebot der Deutschen, ins Reich überzusiedeln, folgen soll, die Verwerfungen, die diese Entscheidungen in der Dorfgemeinschaft, aber auch – siehe Trinas Tochter – in einzelnen Familien anrichtet, Erichs Einzug zum Militär, seine Rückkehr als Versehrter und die anschließende Flucht in die Berge, um bloß nicht noch einmal an die Front zu müssen. All das wird uns erzählt und immer wieder dräut der Bau des Staudamms und der See, der Graun verschlucken wird. Und es schließlich auch getan hat, wie das Titelbild des Romans beweist, das den einsam aus der Wassermasse hervorragenden Kirchturm zeigt, der heute noch zu betrachten ist als ein surreal anmutendes Wahrzeichen einer untergegangenen Ordnung.

Hoch anzurechnen ist es Marco Balzano, wie es ihm gelingt, Weltgeschichte und persönliches Schicksal, Generationenportrait und das einer kleinen Gemeinschaft in diesem Bericht zusammenzuführen. Dabei wird Trinas Erzählung nie larmoyant, gar kitschig. Davor bewahrt sie (und uns, als Leser) eben die einfache, klare und direkte Sprache, die die Geschehnisse nüchtern und oft fast schon unterkühlt berichtet. Da werden durchaus Jahre in Zeitraffer über wenige Absätze hinweg zusammengefasst, anderes bekommt viel Raum. Es ist die gekonnte, nie gekünstelt wirkende Balance, die Balzano zu halten vermag, die den Reiz, in gewisser Weise den Zauber dieses Romans ausmacht. Aber ist das zauberhaft? Nicht in einem poetischen Sinne. Doch gelingt es Trina/Balzano, den Leser spüren zu lassen, weshalb diese Menschen ihre Heimat lieben. Die Schönheit der Natur, der Berge, des einfachen Lebens. Und zugleich kontrastiert der Bericht diese Schönheit mit der Härte dieses Lebens, mit der Armut, aber auch der Angst, die die Südtiroler in Anbetracht einer Staatsmacht befällt, die ihnen ihre kulturellen Eigenheiten, in gewisser Weise die Identität rauben will. Ein typisches Merkmal faschistischer Herrschaftsausübung und faschistischen Machtanspruchs. Man kennt es ähnlich aus Francos Spanien, wo Katalanen, Basken und anderen Minderheiten die ureigene Sprache verboten wurde.

Es ist eine der Paradoxien der Geschichte des europäischen Faschismus, daß in Fällen wie dem im Buch geschilderten, plötzlich der Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben wäre. Die Tiroler hoffen auf Hitler, der sie „heim ins Reich“ holen soll und von dem sie sich eine Art Befreiung vom italienischen Joch – dem Joch des Faschismus – versprechen. Ungeachtet der Koalition zwischen Nazi-Deutschland und dem Italien Mussolinis soll ausgerechnet der deutsche „Führer“ die Tiroler vor dem italienischen „Duce“ schützen. Erich, der seiner Einberufung zur Armee nicht entgehen kann, muß an der Front erkennen, daß der italienische Faschismus und der deutsche Nationalsozialismus sich in der Konsequenz dessen, was ihr Handeln bedeutet, wenig unterscheiden. Beide Regime suchen die Konfrontation, fordern den Tod und bringen Not, Elend und Zerstörung über alles, das sie berühren.

Die Spezifik des Problems der Tiroler und Süd-Tiroler kann in Balzanos Roman erfahren werden, sie ist spürbar, sie grundiert das Buch, sie wird aber nie didaktisch, mit einem erhobenen Zeigefinger oder gar thesenhaft behandelt. Es ist die Realität dieser Menschen, es ist ihr Hintergrund, die Bedingung ihres Lebens. Aber das Leben besteht natürlich aus mehr. Es besteht aus Liebe und Zuneigung, aus Angst und Hass, aus Familie und Freundschaft. Und meist sind diese Dinge den Protagonisten näher, bestimmten ihr Leben weitaus mehr, als Ideologie oder Politik. Bis die Politik dann plötzlich mitten im Dorf steht, zunächst in Form von Anordnungen, dann als Befehl und schließlich in Form konkreten Handelns, das Reaktion erfordert, ein Verhalten, eine Haltung. Und diese Haltung muß sogar in den Familien selbst eingenommen werden – wenn bspw. die eigenen Kinder sich den Nazis anschließen und auf die „neue Zeit“ hoffen.

Balzano macht es sich und seinen Figuren nicht einfach, indem er sie als hehre Widerstandskämpfer erscheinen lässt, als Menschen, die immer schon wussten, wo ihr Platz im Weltengeschehen ist. Diese Menschen werden zu Widerständigen durch eigenes Erleben, oftmals erst, als sie höchst persönlich betroffen sind. Damit entsprechen sie dem Durchschnitt, den wir alle bilden. Erichs Flucht in die Berge, wohin Trina ihm folgt und wo sie höchstselbst mit letzten, tödlichen Entscheidungen konfrontiert wird, ist eine Flucht aus purer Verzweiflung. Unterwegs treffen sie auf andere Flüchtlinge, aber auch auf Bauern und Bergbewohner, die ihnen – manchmal selbstlos – helfen. Und wenn all das einmal überstanden ist, dann müssen die verschiedenen Fraktionen im Dorf irgendwie wieder zueinander finden, miteinander auskommen, ihren Frieden schließen. Der Kampf aber – nun also wieder gegen den Stausee – geht weiter und viel hat sich nicht geändert, immer noch stehen die Bewohner Grauns einer weitestgehend anonymen Staatsmacht gegenüber. Aber vielleicht – und das ist einer der Schlüsse, die Trina aus den Erlebnissen ihres Lebens zieht und ihrer Tochter, die sie für immer verloren hat, mitteilt – ist auch einfach die Zeit selbst über eine Gemeinde wie Graun hinweggezogen.

Balzano lässt diese Frage offen. Er beschreibt in einem Nachwort, wie er sich der Geschichte genähert hat, wie er einst den aus dem See ragenden Kirchturm entdeckt hat, sich alles Wissen, dessen er habhaft werden konnte, angelesen hat. Sein Roman ist ein wundervolles Zeichen, wie Geschichte Literatur werden kann und bei aller Erfindung, die einem solchen Text zugrunde liegt, eben unsere Herzen und unser Hirn erreicht und uns mehr über das Leben anderer verraten kann, als jedes trockene Sachbuch.

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