MORD IN LOUISIANA/IN THE ELECTRIC MIST

Liebhabereien...

Dave Robicheaux (Tommy Lee Jones) ist ein trockener Alkoholiker, der im Bayou Louisianas seinen Dienst tut. Der Hurricane Katrina hat New Orleans verwüstet, die Menschen im südlichen Louisiana leiden immer noch unter den Folgen. Robicheaux sucht einen Serienmörder, der Prostituierte tötet. Während er von einem Tatort zurückfährt, hält er einen Raser an, der sich als der Schauspieler Elrod Sykes (Peter Sarsgaard) entpuppt, der in der Gegend seinen neuesten Film abdreht. Er erzählt Dave, daß er im Sumpf die mit einer Eisenkette umwickelte Leiche eines Schwarzen gesehen hätte. Robicheaux läßt sich die Leiche zeigen und weiß unmittelbar, worum es sich hier handelt: Das Opfer eines Mordes von vor 40 Jahren, den der damals junge Dave Robicheaux seinerzeit heimlich beobachtete. Er ist der Meinung, daß der Fall von damals und die aktuellen Fälle des Prostituiertenmörders zusammenhängen. Doch ermittelt er in alle Richtungen, als er erfährt, daß sein Schulfreund, der Gangster Julie ‚Baby Feet‘ Balboni (John Goodman), nicht nur zurück in der Gegend, sondern auch massiv an der Finanzierung von Sykes Film beteiligt ist. Als Robicheaux in eine Falle gelockt wird, bei der eine Informantin stirbt, wird er erstmal suspendiert. Mit Hilfe der FBI-Agentin Rosie Gomez (Justina Machado) gelingt es ihm jedoch, nach und nach die Vorwürfe gegen sich zu entkräften. Es gelingt den beiden, dem Mörder 17 Morde in den vergangenen Jahren nachzuweisen. Als der merkt, daß es eng für ihn wird, entführt er Robicheaux‘ Adoptivtochter und droht, diese zu töten. Es gelingt Dave und Rosie, das Mädchen zu befreien, wobei der Mörder getötet wird. Robicheaux – der es bedauert, daß er seinen alten Kumpel Julie nicht mit den Morden in Verbindung bringen konnte – verhaftet nun Twinky Lemoyne (Ned Beatty), der der Mörder des Schwarzen war, der von Sykes im Sumpf gefunden wurde.

Dies ist die äußere Handlung des Films, zu der sich eine zweite gesellt, in welcher Robicheaux nach der ungewollten Einnahme einer Substanz von dem Südstaatengeneral John Bell Hood (Levon Helm) „heimgesucht“ wird, mit dem er nicht nur das Wesen des Krieges (Robicheaux ist ein Vietnamveteran) erläutert, sondern auch, wie sich ein wahrer Mann in gewissen Momenten zu verhalten habe. Und auch, daß es unsinnig sei, für die falschen Dinge in den Krieg zu ziehen oder zu sterben…

Es gibt sie ja, diese Filme, von denen man weiß, objektiv gesehen sind sie nicht wirklich Knüller, haben Drehbuchschwächen oder Längen, sind uneinheitlich oder die Figuren können nicht wirklich überzeugen – und dennoch mag man sie. Der vorliegende Südstaaten-Thriller ist im Falle dieses Rezensenten genau ein solcher Film. Basierend auf einem Roman von James Lee Burke (IN THE ELECTRIC MIST WITH CONFEDRATE DEAD) wird eine Begebenheit aus der Reihe um den Detective Dave Robicheaux erzählt.

Bertrand Tavernier, Regisseur der Meisterwerke UN DIMANCHE À LA CAMPAGNE (1984), AUTOUR DE MINUIT (1986) oder LA VIE ET RIEN D`AUTRE (1989), hatte einst mit dem Polizeifilm L 627 (1992) versucht, einen nahezu authentischen Film über die Wirklchkeit der Polizeiarbeit zu drehen. Das hatte ihm u.a. den Vorwurf des Rassismus eingebracht, da sich die von ihm beschriebenen Polizisten durchaus abfällig über Marokkaner oder Algerier äußern konnten. Hier nun schlägt er die entgegengesetzte Richtung ein und gibt in Form eines vollkommen unwirklichen und unglaubhaften Thrillersettings nicht nur eine Liebeserklärung an den Süden, seine schrulligen Figuren und seine Musik – Jazz, aber vor allem den Blues und auch die Cajunmusik – ab, sondern auch einen bitterbösen Kommentar auf ein Amerika, das sich nicht mit den Wunden beschäftigen will, die ihm die Geschichte gerissen hat. Seien es die seelischen, die durch die Sklaverei, den Bürgerkrieg und die über 100 unversöhnlichen Jahre, die seitdem vergangen sind, geschlagen wurden, seien es die physischen, die ein Wirbelsturm wie Katrina in den Städten, Sümpfen, Feldern und Wäldern des südlichen Louisiana hinterließ. Und ganz nebenbei gibt Tavernier den USA Geschichte. Denn er zeigt in den Szenen mit dem sehr lebhaften John Bell Hood ein Vergangenheit, die virulent ist, nicht ruhen will und auch die Heutigen durchaus in ihren Fängen hält (was ein sehr europäischer Blick auf die Geschichte ist). Ja, er erlaubt sich sogar einen Spaß, wenn er Robicheaux mit den Konföderationssoldaten für eine Photographie posieren und ihn später in einem Geschichtsbuch auf genau dieser Photographie auftaucheh läßt. Nebenbei auch ein Wink hinüber an den Kollegen Stanley Kubrick, in dessen Verfilmung des Romans „Shining“ genau derselbe Kniff genutzt wird.

Der Plot ist nicht wirklich kohärent, was als ein Thriller mit Seitenblick auf dekadente Hollywoodschauspieler beginnt, wird zu einer Räuberpistole um Serienmörder, dann zu einem Drama um einen lang zurückliegenden Mord und wird schließlich in einem nicht wirklich runden Finale aufgelöst. Zwischendurch gibt es Momente herzhafter Komik, die trockenen Sprüche werden gesetzt, als stammten die Dialoge von Raymond Chandler. Das Personal des Films könnte so auch in einer der Kleinstädte eines David Lynch oder Robert Altman auftreten. Das alles ließ den Film bei der Kritik nicht gut wegkommen. Und auch an der Kinokasse war er kein Erfolg. zu uneinheitlich, zu langatmig, nicht spannend genug. Was man dem Film sicherlich auch alles berechtigterweise vorwerfen kann. Und dennoch ist es schade, denn man übersieht so doch einiges.

Tavernier, der mit AUTOUR DE MINUIT seine Liebe zum Jazz und Blues schon deutlich dokumentiert hatte, hat mit IN THE ELECTRIC MIST im Grunde eine Ode an das Amerika gedreht, das er liebt: Das kleinstädtische, jenes mit den schrillen und schrägen Typen (deren einer hier unter anderem dargestellt wird von dem großen Bluesman Buddy Guy, dessen Sam ‚Hogman‘ Patin eine Art örtliche Instanz darstellt, bei der sich Dave Ratschläge holt, wenn er nicht weiter weiß; auch Goodmans Gangster ‚Baby Feet‘ ist eine solche Type) und eben der guten Musik in den kleinen, rauchigen Clubs im Bayou. Doch ist das nicht alles. Auch Louis Malle hat einige „amerikanische“ Filme gedreht, doch meist waren es Originaldrehbücher und sein Blick war der eines Europäers auf ein Amerika, das viel Traurigkeit bereit hielt. Tavernier bedient sich eines modernen amerikanischen Kriminalromans, der deutlich in der Tradition der hard-boiled-novels eines Chandler, Dashiell Hammett oder Jim Thompson steht. Zudem nutzt er alle Möglichkeiten des modernen amerikanischen Kinos, um teils atemberaubende Bilder der nächtlichen Sümpfe zu zeigen, aber auch der durch Katrina zerstörten Straßenzüge, der Kleinstadt am Morgen oder des Inneren eines Diners, der seit ca. 1950 nicht renoviert wurde.

Jedes Bild dieses Films kommt daher wie eine Interpretation eines bereits vorhandenen Filmbildes, wirkt wie ein Kommentar, eben nicht nur auf das real existierende Amerika mit all seinen Facetten, den guten, wie den schlechten (Rassismus ist im Film ein immer wieder aufgegriffenes Thema und er wird als dem Süden und seiner Geschichte immanent dargestellt), sondern auf die amerikanische Kultur, ihre Literatur und vor allem – natürlich – das amerikanische Kino. Das ist alles hochintelligentes Kino, das packt, das den Zuschauer verführt, ihn in diese Landschaften entführt und ihn die Hitze, die Feuchtigkeit und das Sirren der Zikaden spüren läßt. Es ist die Liebeserklärung eins europäischen Intellektuellen an das amerikanische Genrefach generell. Und das ist vielleicht nicht nervenzerfetzend spannend, aber es unterhält auf durchaus spannende und teils sehr komische Art und Weise, was diesem Rezensenten reicht.

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