SÜDLICH VOM HIMMEL/SOUTH OF HEAVEN

Jim Thompson entführt den Leser auf die Ölfelder in West-Texas: Brüllende Ungerechtigkeit unter sengender Sonne

West-Texas in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Der gerade einmal 21jährige Tommy Burwell berichtet dem Leser vom harten Leben auf den Baustellen für die Ölpipelines. Er und sein Kumpel Four Trey gehören zum Sprengkommando – eine besonders gefährliche Arbeit. Doch hat Tommy sich schon in allerhand verschiedenen Jobs auf den Baustellen betätigt. Er kennt also die Bedingungen, unter denen Gräben ausgehoben, Rohre verlegt, die Pipelines mit Schutzfilm beschichtet und die Gräben schließlich wieder zugeschüttet werden. Es herrscht ein rauer Umgangston unter den Männern, es kommt häufig zu Streit und Schlägereien, der Sicherheitsdienst der Baufirma macht den Männern das Leben schwer und häufig kommt bei der Arbeit oder auch im Umfeld der Camps, in denen die Arbeiter hausen, jemand um. Tommy, der über eine erstaunlich gute Bildung verfügt und durchaus literarisches Talent beweist, wird von den verschiedensten Menschen – allen voran Four Trey – aufgefordert, das Camp zu verlassen und aus seinem Leben etwas Besseres zu machen, es sei noch nicht zu spät für einen Jungen wie ihn. Er lernt Carol kennen, die mit ihrem Wohnwagen den Bau-Camps folgt und – auch wenn Tommy das zunächst nicht wahrhaben will – am Zahltag der Männer den großen Reibach macht, wenn die bei ihr „Schlange stehen“. Tommy verliebt sich überhaupt zum allerersten Mal in ein Mädchen. Als der Sicherheitschef Bud Lassen, mit dem Tommy bereits Ärger hatte, getötet wird, fällt der Verdacht auf Tommy, er verbringt einige Zeit im Gefängnis, bis er entlassen wird, es sei für ihn ausgesagt worden. Zurück im Camp, versteht er schnell, woran er ist: Carol, die mit ihren Brüdern einen Raub der Lohnkasse plant, hat diese gezwungen, Tommy zu decken, nicht zuletzt, weil die drei selber die Mörder des Sicherheitsmannes waren. So entwickelt sich ab der Hälfte des Buchs ein Plot, der eine wirkliche Kriminalhandlung aufweist und sich zu guter Letzt als Rachegeschichte entpuppt.

Jim Thompson, Meister der allerdüstersten Noirthriller, ungekrönter König des bitterbösesten, schwärzesten Weltbildes, Chronist einer Gesellschaft, in der sich Mörder, Psycho- und Soziopathen nur so tummeln, in der jeder versucht, jeden andern übers Ohr zu hauen, sich an allen andern zu bereichern, sich am Menschen selbst, der Idee „Mensch“ zu rächen für all die Unbilden, die ausgerechnet ihm widerfahren, was stellenweise mit groteskem Humor erzählt wird – dieser Jim Thompson konnte von Zeit zu Zeit durchaus auch anders. Dann waren es nicht die bizarr überzeichneten Gesetzeshüter, die sich als die größten Halunken entpuppen, dann geben sich die Killer aus Lust nicht die Klinke in die Hand, dafür berichtet uns der überzeugte Sozialist Thompson von den Schattenseiten des amerikanischen Lebens, aus den Bereichen, wo Frauen für ein paar Dollar ihren Körper verkaufen und Männer, um ihre Familien zu versorgen, nahezu jeden Job annehmen, sich jeder Demütigung aussetzen, immer bereit sind für die kleinen Gaunereien und immer gefährdet, sich auf Händel einzulassen, die ein paar Nummern zu groß für sie sind.

 

Thompson kannte diese Jobs, hatte er in jungen Jahren doch selbst eine Familie durchzubringen. Ob als Fahrer, als Arbeiter an den Bahngleisen, ob auf den Ölfeldern in Texas oder beim Bau einer Pipeline, wie im Roman beschrieben – Thompson hatte all diese Schindereien am eigenen Körper erfahren, kannte die Demütigungen und Momente tiefer Scham, wenn ein Mann bereit ist, sich auch noch die gemeinste Widerwärtigkeit gefallen zu lassen, weil er weiß, daß daheim Frau und Kind hungern. Gerade die späten 20er und natürlich die 30er Jahre, die Zeit der ‚great depression‘, sahen Hunderttausende, die durchs Land zogen, Arbeit suchend und bereit, nahezu alles zu tun für eine Mahlzeit oder eine Behausung. SOUTH OF HEAVEN (Originaltitel) berichtet wie kaum ein Roman Thompsons realistisch von genau dieser menschenunwürdigen Arbeit für einen Hungerlohn, schlechtes Essen und unter unsäglichen Bedingungen. Die eigentliche Handlung scheint nichts weiter als Staffage zu sein, reines Gerüst, um die Verhältnisse in diesen Camps beschreiben zu können. Allerdings sollte man anerkennen, wie es gelingt, die eindringlichen Beschreibungen des Bauarbeiterlebens und die Entwicklung um die Gang der bösen Brüder miteinander zu verzahnen und glaubwürdig letzteres aus ersterem entstehen zu lassen. Der Roman ist neben allem andern auch ein Beispiel für einen wirklich guten Plot.

 

Dabei wird Thompson deutlich wie selten, was seine politischen Überzeugungen angeht: Das Sein bestimmt das Bewußtsein. Natürlich, so sein Credo, natürlich ziehen Männergesellschaften wie die eines Bauarbeitercamps immer auch dunkle Gestalten, Betrüger, Hasardeure und Maulhelden an, aber dennoch sind die Bedingungen, unter denen diese Männer ihr Leben fristen – und teils sterben – schlicht nicht geeignet, um ehrlich zu bleiben. Und die Struktur der Bauphasen – riesige Camps mitten im Nirgendwo – fördert nicht nur die Gewalt innerhalb der Camps, sie fördert natürlich auch die Idee der Gewalt von außen, eines Raubs zum Beispiel; und egal, wie viele Einwände Tommy dagegen vorzubringen weiß – und es sind derer einige – wird die Versuchung immer die Vorsicht oder gar Vernunft überwiegen. Da bleibt sich Thompson treu. Die Idee des Raubes selbst verstört auch niemanden hier, in der Anlage ihrer Charaktere scheinen diese Männer alle jederzeit bereit und in der Lage zu sein, kriminelle Energie zu entwickeln, es ist immer nur eine Frage des Ertrags. Doch hart arbeitenden Männern die Löhne zu klauen, dient nicht nur zur Verdeutlichung der Schlechtigkeit dieser Gangster, sondern es ist auch ein Zeichen: Es sind so oder so die Schwächsten, die Ärmsten, die zu leiden haben – egal, ob unter den Verbrechen, die staatlich gedeckt sind (und wie sie die Baugesellschaft im Grunde fortwährend begeht) oder den illegalen Verbrechen einer Gang. Ausbeutung allenthalben.

 

Zwar läßt der Autor nicht seinen Icherzähler Tommy sozialistische Ideen verbreiten, doch sind dessen Reflektionen auf das Camp und die Männer, die dort leben, durchaus dazu geeignet, daß sozialistische Ideen in ihm fruchten könnten. Es ist der Koch des Camps, der ganz offen davon spricht, was nach der Revolution zu tun und zu lassen sei und wen es zu bekämpfen gilt. Tommy, und auch Four Treys, können gar nicht anders, als dem Mann zustimmen, decken sich ihre konkreten Beobachtungen, Erfahrungen und Erlebnisse doch schlicht mit dem, was der Koch theoretisch zu bedenken gibt. Die strukturelle Gewalt bedingt die konkrete, physische Gewalt – klassischer Marxismus, wenn man so will.

 

In Thompsons Romanen herrscht oft eine Gewalt, die in ihrer eiskalten Anwendung und auch in der Art der Beschreibung durch den Autor mit zum Brutalsten gehört, was der klassische Noirthriller je zu bieten hatte. Da werden Menschen teils aus Lust, öfters jedoch für nur geringfügige Vorteile umgebracht, manchmal nur, um die Spur eines anderen Verbrechens zu verwischen; Frauen werden systematisch zu Tode geprügelt, damit ihr Freund besser dasteht und sich als Trauernden ausgeben kann, da werden Männer von denen, die sie für Freunde halten, eiskalt umgelegt, weil andere Männer Alibis brauchen und manchmal wird auch nur getötet, weil jemand wissen will, wie sich das anfühlt, das Töten. Nichts davon jedoch in diesem Werk. Die strukturelle Gewalt, die Thompson hier beschreibt – ein Leben nur unter Männern, ein Leben weitab von jeder zivilisierten Behausung, mitten in der Wüste, ein Leben, das von Armut geprägt ist – , diese Gewalt reicht eigentlich vollkommen aus, der Autor muß sie nicht künstlich befeuern. Da stirbt ein Mann bei einem Arbeitsunfall und da niemand etwas über ihn weiß, wird er einfach in die zuzuschüttende Baugrube auf die Pipeline gelegt und verscharrt. Diese Szene steht einigen von Thompsons Mord-und Totschlag-Szenarios an Eiseskälte und beschriebener Menschenverachtung kaum nach. In gewissem Sinne jedoch ist sie schlimmer als Vieles, was sich zunächst brutaler lesen mag. Aber hier haben wir es eben nicht mit kalten Mördern oder gar Psychopathen zu tun, hier haben wir es „lediglich“ mit Arbeitern zu tun, die entweder extrem abgestumpft, ja verroht sind in dieser Arbeitswelt, oder mit Vorarbeitern, die ihr Soll zu erfüllen und deshalb keine Zeit haben für Erkundigungen zu Toten, die ihnen nichts mehr nützen und nur Ärger bereiten. Wenn dann aber die Gewalt – und dies bleibt am Ende ein Kriminalroman, eher ein Thriller, auf jeden Fall ein Stück Spannungsliteratur – losbricht, hält der Autor sich erstaunlich zurück. Hier wird die tödliche Gewalt nicht übertrieben brutal dargestellt, sondern als ein Akt der Notwendigkeit, den Tommy Burwell gleichsam gezwungen ist, zu begehen, um seine Lieben zu retten. Strukturelle Gewalt erzeugt konkrete Gewalt, die als strukturelle wahrgenommen und mit konkreter Gewalt beantwortet wird.

 

So kommt der geneigte Thompson-Leser also auch hier auf seine Kosten. Doch anders, als z.B. in POP. 1280 oder THE KILLER INSIDE ME, erschrickt man beim Lesen heftiger Passagen in SOUTH OF HEAVEN doch sehr viel deutlicher, da das Personal keineswegs überzeichnet ist. Tommy Burwell ist mit seinen einundzwanzig Jahren in einem Alter, in dem „das Immer kein Ende hat“. Er hat zuviel gesehen für sein Alter, und Thompson findet sprachlich gekonnte  Wege, das zum Ausdruck zu bringen. Doch ist Tommy nicht verloren, anders als so viele führende Charaktere aus Thompsons Schreibwerkstatt. Umso erschreckender, daß dieser junge Mensch im entscheidenden Augenblick dann eben doch fähig ist, recht kaltblütig tödliche Gewalt anzuwenden. Doch auch hier läßt Thompson keine Zweifel daran, daß es das Sein ist, daß das Bewußtsein bestimmt. Es sind die Kontexte, die Lebensumstände, die es eher erstaunlich machen, daß ein Kerl wie Tommy Burwell in seiner Seele derart rein geblieben ist, wie es den Eindruck macht.

 

Friedrich Ani weist in seinem kurzen Nachwort darauf hin, daß in Tommy, dessen Gedichte wir einige Male zu lesen bekommen und die spöttelnd das Leben im „äußersten Westen von Texas“, wie der Ort des Geschehens im Text immer wieder hervorgehoben wird, kommentieren, daß also in diesen Texten ein gut Teil Jim Thompson selbst steckt, dem Bildung, sicher sein Talent und seine Kreativität, aber eben auch der Wille, beides auszudrücken und umzusetzen, sehr geholfen haben, aus der Misere eben jenes Lebens zu entkommen, das in SOUTH OF HEAVEN beschrieben wird. Die Kunst als Spiegelung und Transzendierung der Realität, des Seins, wird in diesem Roman wie selten in einem Werk von Thompson bedeutet und hervorgehoben. Und zwar als Teil der Handlung. So wird SOUTH OF HEAVEN zu einem vielschichtigen und sehr ernsthaften unter den vielen Werken seines Autors. Entstanden in der Spätphase seines Schaffens, ist es doch Beweis dafür, wie weitreichend Thompsons Panorama war und wie sträflich unterschätzt er lange wurde. Ein Schicksal, das er mit einigen seiner Kolleginnen und Kollegen aus dem „Spannungsfach“ zu teilen hat. Ein Schicksal, aus dem ihn interessierte Leser schnellstens befreien sollten!

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