WEISSER TERROR/THE INTRUDER

Auf seinem Ausflug ins dramatische Fach rechnet Roger Corman mit dem Rassismus der Südstaaten ab

Louisiana zu Beginn der 1960er Jahre: In einer Kleinstadt steht die Aufhebung der Rassensegregation an der örtlichen Schule an. Die Bevölkerung ist gespalten in jene, die das Vorhaben rundweg ablehnen und einen kleineren Teil, der den Veränderungen zwar skeptisch gegenübersteht, geltendes Recht jedoch über eigene Voreingenommenheit stellt. In der aufgeheizten Atmosphäre kommt eines Tages Adam Cramer (Will Shatner) in die Stadt. Schnell knüpft er Kontakte zu Einheimischen, darunter zu der jungen Ella MacDaniel (Beverly Lunsford), Tochter des Chefredakteurs der lokalen Zeitung, und zu Verne Shipman (Robert Emhardt), Stadtrat und Patriarch des Örtchens. Zudem macht Cramer die Bekanntschaft von Sam Griffin (Leo Gordon), einem lebenslustigen Vertreter, der mit seiner Frau Vi (Jeanne Cooper) im selben Hotel lebt. Cramer gibt sich als Gesandter einer Vereinigung, vielleicht Partei – genau erfahren wir das nie – , der an der Erhaltung der Segragation gelegen ist. Während einer Ansprache vor der Town Hall, dem Rathaus des Städtchens, vertritt er offensiv die Haltung, die Regierung – gesteuert von ausländischen kommunistischen Mächten, die von einheimischen jüdischen Richtern unterstützt werde – habe es darauf abgesehen, die Weißen mit den Schwarzen zu durchmischen, um sie zu schwächen, vielleicht sogar komplett auszutauschen. Cramers populistische, hetzerische Rede fällt bei der an sich schon aufgepuschten Bevölkerung auf fruchtbaren Boden. Bald gibt es erste Anschläge auf Kirchen, ein Priester, der sich stark für die Aufhebung der Rassenschranken eingesetzt hatte, stirbt. MacDaniel, dessen Frau sich anders als er offen gegen die neuen Gesetze ausspricht, ergreift zunächst widerwillig Partei für die Schwarzen, als Cramer mit Shipmans Unterstützung ein hetzerisches Pamphlet in der Zeitung abdrucken lassen will, weigert MacDaniel sich, das abzudrucken, wird aber von Shipman, dem mehrheitlichen Anteilseigner der Zeitung, dazu gezwungen. Schließlich läßt der Ku-Klux-Klan Kreuze im Ghetto brennen. Nachdem MacDaniel sich in Anbetracht der Geschehnisse zur Aufhebung der Rassegesetze bekennt und die zehn farbigen Schüler sogar eigenhändig zur Schule begleitet um ihnen Schutz angedeihen zu lassen, wird er Opfer eines Angriffs, den er schwer verletzt zwar überlebt, der ihn aber ein Auge kostet. In der Stadt eskalieren nun die Ereignisse. Cramer redet Ella ein, sie solle einen der neuen schwarzen Mitschüler anklagen, sie vergewaltigt zu haben. Joey Greene (Charles Barnes), ein vernünftiger, ausgesprochen mutiger junger Mann, wird ihr Opfer. Ein Mob, angeführt von Cramer und Shipman, nähert sich der Schule, wo nur noch der Direktor und die Sekretärin zu Joey halten. beide glauben Ella deren Geschichte nicht. Joey stellt sich schließlich dem Mob und wird von Shipman, der sich zu Ankläger und Richter in einer Person aufschwingt, einem Verhör unterzogen, das der Patriarch gleich mal dazu  nutzt, dem Jungen die aus seiner Sicht nötigen Manieren beizubringen. Mehrmals schlägt er Joey ins Gesicht und demütigt ihn. Fast kommt es auf dem Spielplatz zu einem Lynchmord, bevor Griffin, der Cramer, welcher Vi verführt und damit aus der Stadt vertrieben hatte, zuvor schon ins Gesicht gesagt hatte, was er von ihm, seinen Ansichten, vor allem aber seinen Methoden hält – nämlich nichts – mit Ella auftaucht und die Lügen Cramers aufdeckt. Daraufhin wenden sich die Bewohner der Stadt inklusive Shipman von dem Hetzer ab. Griffin hilft ihm auf die Beine, doch bleibt der einst so eloquente Mann allein am Schauplatz seines Frevels zurück.

Wie aus dem Nichts setzt sich in einer kleinen Stadt ein Mann an die Spitze einer Bürgerbewegung. Er will verhindern, daß Fremde mit den eigenen Kindern in die gleiche Schule gehen, er will verhindern, daß Fremde die Macht übernehmen und schließlich die einheimische Bevölkerung verdrängt und ersetzt wird. In einer Ansprache an die Bürger der Stadt entwirft er dieses Schreckensszenario und weiß auch gleich, wer dafür verantwortlich: Die Regierung in der fernen Hauptstadt, welche Gesetze erläßt, hinter denen eindeutig ausländische Kräfte stünden, die nicht nur vom ideologischen Gegner gesteuert, sondern von einheimischen Juristen mit Namen wie Silber- unterstützt würden. Wenn die rechtmäßige Regierung die Stimme des Volkes vor Ort nicht hören wolle, dann liefe etwas Grundlegendes schief im Lande und man habe das Recht, sich die Demokratie wieder zurückzuholen, schlimmstenfalls durch Selbstermächtigung…

 

Der spätere Kommandant des RAUMSCHIFF ENTERPRISE, William Shatner (hier als Chatner im Vorspann genannt), ist der eloquente, charmante und gutaussehende Adam Cramer in Roger Cormans THE INTRUDER (dt. WEISSER TERROR), den dieser im Jahre 1962 auf die Leinwände brachte. Corman hatte eine Reaktion zeigen wollen auf die damals ihre ersten Höhepunkte erreichende Bürgerrechtsbewegung vor allem im Süden der U.S.A. Erstmals wurden in den späten 50er und frühen 60er Jahren Antisegregationsgesetze auch mit Staatsgewalt durchgesetzt, dennoch kam es immer wieder zu Protesten, die sich örtlich bis zu Ausschreitungen teils gegen Kinder steigerten. Speziell der Fall der ‚Little Rock Nine‘, in welchem der Gouverneur von Arkansas höchstselbst neun schwarzen Kindern den Zutritt zur Schule mit Waffengewalt verweigern ließ, hatte für enormes Aufsehen gesorgt und viele Intellektuelle wie Norman Mailer oder John Steinbeck mobilisiert. Die schwarze Bevölkerung, die immerhin als Sklaven vollends gegen ihren Willen nach Amerika gekommen war, blieb im Süden symbolisch das Fremde, das der engen, verbitterten weißen Gesellschaft Entäußerte. Folgt man einem Autor wie William Faulkner, sind sie das sichtbare Zeichen der verdrängten Schuld (Erbschuld? Ein Kainsmal?), die jeder Südstaatler in sich trage und spüre. Diesen Menschen ist fundamentales Unrecht geschehen, wurde fundamentales Unrecht angetan, doch soll man sie nun in der eigenen Mitte ertragen, als ewige Anklage? In bitterer Selbstgerechtigkeit verwahrte man sich gegen fundamentales Menschen- und Bürgerrecht für jenen Teil der Bevölkerung, den man sich vom Hals halten wollte. In jenen Jahren kam vieles zusammen in Amerika: Unterdrückte Schuld- und Hassgefühle, ideologische Verblendung, religiöse Erweckung im Süden, erwachendes Bewußtsein der unterschiedlichsten Bevölkerungsteile usw. Es entstand ein außen- wie innenpolitisch immer stärker werdender Druck, der sich erstmals im Attentat auf Präsident Kennedy im November 1963 gewaltsam entlud, in Vietnam und etlichen Unruhen weiteren Ausdruck fand und schließlich bis zu den Katastrophen der späten 60er und der 70er Jahre mit Massakern an Studenten, Ermordungen v.a. farbiger Oppositioneller und schließlich dem moralischen Bankrott der politischen Klasse im Watergate-Skandal führte.

 

Umso größere Ironie, daß der damals bereits immens erfolgreiche Exploitation-Regisseur und -produzent Roger Corman einen der wenigen Flops seiner langen Karriere ausgerechnet mit diesem Film hinlegte. Extrem unterfinanziert – angeblich mit einem Budget unter 100.000 Dollar gedreht – drehten Corman und sein Team an Originalschauplätzen hauptsächlich in Missouri. Der Film wird u.a. durch längere Autofahrten gegliedert, was neben einigen anderen dramaturgischen auch den Effekt hat, sehr viele Originalschauplätze – amerikanische Kleinstadtstraßen in der gleißenden Hitze; Südstaatenghettos der 60er Jahre; Diner und Liquor Shop; eine Schule – zu zeigen und auch eine  spürbare Atmosphäre von Angst und unterschwelliger, unterdrückter Gewalt abzubilden. Etliche Szenen, in denen man aus den Fenstern eines Wagens Menschen in Türen und vor Läden stehen sieht, zurückhaltend das vorbeifahrende Auto beobachtend, dürften authentisch abbilden, was der Filmcrew widerfahren ist. Einem also ausgesprochen realistischen Setting setzt Corman eine thesenhafte Geschichte entgegen. Die Figuren funktionieren, genau das sollen sie. Corman hatte nie Probleme, sich Klischees zunutze zu machen, also greift er auch hier zu damals vielleicht noch nicht gar so gängigen Südstaatenklischees; möglicherweise hat sein auf spätere Regisseure offensichtlich recht einflußreicher Film auch erst maßgeblich dazu beigetragen, diese Klischees zu verfestigen. Im Rückgriff auf den Topos des gewaltaffinen, für faschistisches Gedankengut anfälligen Süden, stellt der Film sich jedoch in eine Reihe  politischer Literatur/Filme, wie bspw. die eines Robert Penn Warren, der mit ALL THE KING`S MEN, 1946 erschienen, einen Roman veröffentlichte, der von einem sich diktatorisch gebenden Gouverneur in Louisiana erzählt, dabei auf die Geschichte von Huey Long rekurrierend, der in den 1920er Jahren als Gouverneur und Senator des Staates von sich reden machte. THE INTRUDER führt also nicht nur Klischees ein und hilft, sie zu verfestigen, sondern führt auch eine Tradition politisch bewußter Literatur fort.

 

Geschickt gelingt es dem Script von Charles Beaumont, das auf seinem eigenen Roman beruht, die Rolle Adam Cramers als Idealtyp des gerissenen, skrupellosen aber rhetorisch hochbegabten Menschenfängers mit der spezifischen Problematik des Südens der U.S.A. zu vermengen. Cramers Ankunft in der Stadt, seine ersten Schritte, sich ein Netzwerk aufzubauen, das natürlich auch eine Verbindung zum lokalen Patriarchen Verne Shipman  aufweist, sein direktes Anbandeln mit Tom MacDaniels Tochter: All dies erzählt Corman in wenigen Filmminuten, er stellt souverän eine Folgerichtigkeit des Ablaufs  her, den wir ihm, der uns gekonnt manipuliert, schlichtweg abkaufen. Die Typen, die uns begegnen, sind sofort in ihrer sozialen Rolle erkennbar. Corman hat etliche Statisten- und Nebenrollen mit Laien besetzt. Wir sehen Menschen aus bspw. Sikeston, Missouri, die sich vergleichsweise lange nicht darüber im Klaren waren, was für ein Film da gedreht wurde. Eine der oft wiederholten Geschichten um die Produktion ist die etlicher Fluchten des Teams, während der örtliche Sheriff anrückte. Doch dem Film verleiht dies alles eine hohe Authentizität. Eben nicht nur in den Bildern, sondern auch in der Atmosphäre.

 

Diese mit wenigen aber treffenden Skizzen hergestellte Stimmigkeit ermöglicht es Corman, uns ganz auf Cramers eigentliches Anliegen hinzuweisen. In einer ausgesprochen langen Szene, die kameratechnisch wie schauspielerisch einen Höhepunkt darstellt, bietet der Film uns Cramers gesamte Rede vor der Town Hall dar. Wurde zuvor im Grunde für die Figuren wesentliches in Zeitraffer erzählt, dehnt Corman den Film nun, wenn er uns Wort für Wort, lediglich aus verschiedenen Kameraperspektiven, oft Aufnahmen aus der Froschperspektive, Cramers charismatischen Auftritt präsentiert. Exemplarisch vermischt Cramer die damals schon gängigen Verschwörungstheorien der reaktionären Rechten: Ein vom ausländischen Systemfeind – dem Kommunisten – gesteuerter Maulwurf – der einen Namen trägt, der seine jüdische Religionszugehörigkeit betont – sorgt dafür, daß das eigene Volk geschwächt wird, durchmischt gar, weil es möglicherweise sogar durch ein leichter zu steuerndes – ein Sklavenvolk (sic!) – ersetzt werden soll. Daraus leitet Cramer ab, daß nun die Stunde gekommen sei, sich zu wehren, die Demokratie zu verteidigen, die schließlich mit Füßen getreten würde. Es wird einmal das gesamte Tableau des gemeinen Populisten vorgeführt und Shatner liefert eine Performance, die mit rassigem Temperament die offen feindseligen Parolen unterstützt. Corman geht jedoch noch einen Schritt weiter und zeigt die ganz normalen, durchschnittlichen Bürger dieses Kaffs als leichtgläubige, rassistische, ungebildete Gaffer, die sich nur allzu gern aufputschen lassen, allein schon, um Abwechslung in die Langeweile und Lethargie ihres Lebens zu bringen. Corman denunziert keineswegs nur die Verführer, er denunziert auch die Verführten. Wer sich einfangen läßt, so scheint er uns zumindest in den ersten zwei Dritteln seines Films zurufen zu wollen, wer sich so einfach einfangen läßt, ist ein Dummkopf. Allerdings haben unter den Dummheiten dieser Dummköpfe andere – die schwarze Bevölkerung nämlich – zu leiden.

 

Leider ist Corman allzu leicht bereit, die Schärfe seiner Analyse abzumildern, wenn er, inklusive Shipman, einen jeden Bürger sich von Cramer abwenden läßt, sobald die Lüge enttarnt, seine perfide Taktik entlarvt wurde. Allein, geschlagen, steht Cramer unter den Platanen des Spielplatzes, wo seine Getreuen eben noch einen schwarzen Jungen für eine vermeintliche Vergewaltigung lynchen wollten. Es ginge zu weit, wollte man dem Film unterstellen, in diesem Moment etwas wie Mitleid für Cramer aufzubringen, doch allein die Geste, mit der Sam Griffin dem Mann, der nicht nur Unschuldige an Bäumen baumeln sehen will, sondern auch seine Frau vertrieben hat, auf die Füße helfen will, kündet von Versöhnung. Ob Corman hier ernsthaft ein Bild nationaler Versöhnung oder ähnliches setzen wollte, man mag es sich kaum vorstellen. Aber definitiv kommen die Bewohner dieser Kleinstadt irgendwo im Süden, die bereit sind, für ihre rückständigen Ressentiments zu töten, zu billig davon. Eher machen sie den Eindruck, von der Lüge Cramers angewidert zu sein, denn von seiner offen rassistischen Lehre. Ähnlich zwiespältig ist Griffins Rolle zu betrachten: Er droht Cramer, ihn umzubringen, als er sein Hotelzimmer verlassen vorfindet und begreift, daß Vi weg ist. Er macht Cramer schlimme Vorwürfe, sein Zorn wird also angeheizt durch das Verhalten Cramers Vi und seiner selbst gegenüber. Doch dann läßt Griffin Cramer wissen, daß der nicht verstünde, daß man den Mob, einmal entfesselt, nicht mehr kontrollieren könne. Der Film greift auch hier nicht die eigentliche Ungeheuerlichkeit des rassistischen Ressentiments an, sondern eher Cramers Methode, so als sei ein Mob, den man kontrollieren könne, eigentlich in Ordnung. So bleibt Griffins Rolle – auch am Ende auf dem Spielplatz, als er Ellas und damit auch Cramers Lüge entlarvt – ambivalent. Handelt er aus Überzeugung oder aus persönlichem Hass gegenüber einem Mann, der seine Frau verführt hat? Aber vielleicht wollte Corman hier auch ein besonders perfides Statement zur conditio humana abegeben, denn selten handeln Menschen aus tieferer moralischer Überzeugung, öfters aus persönlicher Betroffenheit. So könnte man dem Filmende auch unterstellen, daß Corman einen bitterbösen Kommentar dahingehend abgeben wollte, daß sich hier sowieso nichts ändern wird, es muß nur der nächste Hetzer mit noch besseren Argumenten kommen und alles geht von vorn los.Vielleicht musste Corman aber auch ganz profane Zugeständnisse machen, da mit Pathé ein externer Finanzier beteiligt war, mag sein, daß er Angst hatte, gerade sein typisches Publikum – Autokinopublikum auch und vor allem im Süden und Südwesten – zu verprellen, jedenfalls zuckt er letztlich davor zurück, einen ganzen Bevölkerungsteil offen zu diffamieren. Da hatten  sich Fred Zinnemann zehn Jahre zuvor in HIGH NOON (1952) oder John Sturges in BAD DAY AT BLACK ROCK (1955) doch deutlich mehr getraut, waren kompromißloser vorgegangen. Allerdings taten sie es im Mythenraum des Western (Zinnemann) und in zeitlichem Abstand zum Sujet (Sturges). Corman griff in seinem Film ein wirklich äußerst heißes Eisen auf. Weniges war aktueller in jenen Jahren als die Rassendiskriminierung.

 

Der Erfolg blieb aus, Corman kehrte zu seinen atmosphärisch dichten, ausgesprochen schwarzhumorigen Horrorfilmen und Poe-Adaptionen zurück und feierte bald wieder gewohnte Erfolge. Die Kritik hingegen war begeistert. THE INTRUDER hatte inhaltlich wie formal eine Wegmarke gesetzt. Über IN THE HEAT OF THE NIGHT (1967) bis MISSISSIPPI BURNING (1988) ist die Ikonographie, sind die Typisierungen zu finden, die THE INTRUDER mit erschaffen hat. Als Zeitzeugnis überhaupt nicht hoch genug einzuschätzen, weiß der Film aber auch immer noch zu fesseln. Man muß ihm sein zugegeben schwaches Ende verzeihen und wird mit einem aufregenden und hochspannenden Südstaatendrama belohnt.

 

 

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