BEASTS OF THE SOUTHERN WILD

Pure Kinomagie

Erzählt wird die Geschichte von Hushpuppy (Quvenzhané Wallis), einem kleinen afroamerikanischen Mädchen, das mit seinem Vater Wink (Dwight Henry) in einer Siedlung namens ‚Bathtub‘ vor der Küste von Louisiana lebt. Den Raffinerien und den diese umgebenden Dämmen noch vorgelagert, kennt Hushpuppy die Welt „außen“ nur aus den Erzählungen des Vaters und der Lehrerin, Ms. Bathsheba (Gina Montana). Diese erklärt den Kindern, daß die Klimakatastrophe die Polkappen schmelzen lassen wird, was in Hushpuppys Fantasie Vorstellungen gigantischer Auerochsen auslöst, die sich aus ihrem Gefängnis im ewigen Eis befreien und gemächlich aber bestimmt auf Bathtub zubewegen. Unterwegs – immer wieder zeigt uns die Kamera Einstellungen auf die gewaltigen Tiere, die durch Hushpuppys Geist stromern – hinterlassen sie eine Spur der Zerstörung. Der Alltag hingegen besteht aus Schule, Feiern und Essen. Wink sorgt für ein kümmerliches Einkommen, indem er fischt, jagt und etwas Landwirtschaft betreibt. Er und seine Tochter pflegen ein eher kompliziertes Verhältnis zueinander: Beide leben in einem eigenen Haus und Wink schickt seine Tochter durchaus auch mal fort, wenn er – wie so oft – trinken will. Als er sie aufnehmen muß, weil sie in seiner Abwesenheit ihr Haus abgebrannt hat, fällt ihm das sichtlich schwer und er definiert genau die Linie, über die sie sich in seinem Haus nicht bewegen darf. Hushpuppys Mutter ist fortgegangen, was die Kleine aber nicht davon abhält, sich mit ihr zu unterhalten – und Antworten zu erlangen. Eines Tages holt Wink sie nicht wie gewohnt von der Schule ab und taucht erst Tage später wieder auf, nur mit einem Krankenhauskittel bekleidet. Als sich ein Sturm ankündigt, der Bathtub und Umgebung unter Wasser zu setzen droht, bleiben Hushpuppy und ihr Vater. Der Sturm bringt Wassermassen über den Ort und die beiden machen sich mit einem provisorischen Boot auf, Überlebende zu suchen. Der sich schließlich auf einem Hausboot zusammenfindende Trupp weiß den Widrigkeiten die Freude am Leben entgegen zu setzen. Dann aber kommen offizielle Männer des Staates und evakuieren den Ort. Im Auffanglager bemühen sich die Ärzte um Wink, so erfährt Hushpuppy, daß ihr Vater sterben wird, er leidet an einer Blutkrankheit. Die Bewohner von Bathtub können gemeinsam fliehen und kehren zurück in ihre Heimat. Hushpuppy und ihre Freundinnen machen sich auf, das Wasser zu überqueren, werden von einem Boot, das „immer dahin fährt, wo man hin will“ aufgegriffen und in einem schwimmenden Bordell abgeliefert. Hier arbeiten eine Reihe Frauen, die durchaus die „verschwundenen“ Frauen aus Bathtub sein könnten und die sich der Kinder liebevoll annehmen. Eine der Frauen bereitet Hushpuppy Krokodilfleisch zu – ebenso, wie es ihre Mutter einst für ihren Vater getan hatte. Hushpuppy und die anderen kehren nach Bathtub zurück. Kurz bevor sie den Ort erreichen, holen die riesigen Auerochsen sie ein, die Hushpuppy schon lang erwartet. Während die anderen Kinder ängstlich wegrennen, stellt sich Hushpuppy den Viechern entgegen, die vor ihr in die Knie gehen. Sie sagt, sie sei deren Freund, aber nun müsse sie weiter, sich um ihre Leute kümmern. Wink, der im Sterben liegt, kostet von dem Fleisch, das Hushpuppy ihm mitgebracht hat, befindet es für gut und bricht – obwohl er es war, der immer die Devise vertrat „Nicht weinen!“ – in Tränen aus. Vater und Tochter weinen gemeinsam, dann stirbt Wink. Hushpuppy bettet ihn – wie versprochen – auf seinem Boot und zündet es an. Er treibt dem Golf entgegen. Die Bewohner von Bathtub feiern seinen Heimgang.

Alle paar Jahre taucht aus dem Wust der CGI- Monster, bluttriefenden Außerirdischen, der Slasher und rasenden Rennautos ein Film auf, den man sieht und kaum versteht, dessen Bildsprache eine eigene ist, die sich den herkömmlichen Sehgewohnheiten widersetzt, dessen Geschichte ungewöhnlich ist, dessen Geschichte ungewöhnlich erzählt wird oder der schlicht keine Geschichte hat. Man sitzt staunend davor, folgt dem, was man sieht, und erst wenn das Licht des Kinosaals wieder aufleuchtet, spürt man die Tränen, die einem seit Minuten die Wangen hinunter rinnen, merkt man die Ergriffenheit, die einem die Geschichte eingeflößt hat und fühlt man, wie ungewöhnlich das eben Gesehene aufbereitet wurde.

Wie gesagt: Alle paar Jahre mal.

2012 war solch ein Jahr, das den Kinoliebhabern dieser Welt ein ebensolches Wunderding zu präsentieren wusste. BEASTS OF THE SOUTHERN WILD, eine amerikanische Independentproduktion, die auf einem Bühnenstück basiert und von der Autorin Lucy Alibar und dem Regisseur Benh Zeitlin für die Leinwand bearbeitet wurde. Ausgezeichnet mit dem Hauptpreis des Sundance Film Festivals, für vier Hauptoscars nominiert, weiß der Film ebenso zu berühren, wie er zu verstören und zu entfremden versteht. Mit Laiendarstellern besetzt, entwickelt sich so etwas wie eine „poetische Authentizität“, wie sie nur wenige Filme erreichen. Und gleich kaum mehr welche neuerer Produktion. Hier obsiegen Phantasie und Fabulierlust, ohne dabei den Blick auf die Realität zu verlieren. Erinnerungen an Fellini werden dabei ebenso geweckt, wie solche an den Surrealisten Alejandro Jodorowsky, ein Hauch von Bunuel, ein Hauch von Bergman weht durch diese Bilder, PAN`S LABYRINTH (2006) schwingt ebenso mit, wie auch ein wenig DROWNING BY NUMBERS (1988) von Peter Greenaway. Ein weites Feld wollte man meinen? Nein, ein äußerst ergiebiges Spannungsfeld! Denn die Kunst eines Films besteht ja vornehmlich darin, seine Einflüsse zu etwas eigenem zu verarbeiten, zu transferieren und – besser – transzendieren. Das ist hier mehr als gelungen. Das wird hier zu einem Fest des Kinos, wie man es lange nicht erlebt hat!

Konsequent erzählt Zeitlin die Geschichte aus der Perspektive seiner Hauptperson. Deren Darstellerin Quvenzhané Wallis sei direkt schon an dieser Stelle gesondert erwähnt: Selten hat man eine kindliche Laiendarstellerin so überzeugend gesehen, der Rolle so gewachsen, wie hier. Dies ist ein Film, der zwar durchaus Dialoge bietet, der aber sehr oft auf die Macht der Blicke, die Macht schweigender Blicke setzt. Das schwierige Verhältnis zwischen Vater und Tochter, diese Mischung aus Liebe, Zuneigung, Angst, manchmal Hass und häufig Sorge, wird oft überhaupt nur mit Blicken dargestellt und ausgedrückt. Und es sind Blicke eines Kindes, durch die wir die Welt von Bathtub sehen. Bathtub – ein fast schon mystischer Ort des Südens, der ganz jener fast sagenhaften Welt des Deltas angehört, der Welt der Cajun-People, jener französischstämmigen, französisch sprechenden Bevölkerung, die sich scheinbar im hohen Gras der Sümpfe versteckt; jener Welt, die eine eigene Musik, eigene Legenden, eigene Mythen hervorgebracht hat; einer Welt, die nicht wirklich mehr zum „Gran‘ Ol‘ South“ eines William Faulkner gehört, aber auch noch nicht in jene karibische Wirklichkeit eines René Depestre oder die magische Realität einer Gioconda Belli. Es ist – mit den Augen des distanzierten Zuschauers – eine Welt aus Dreck und Müll, voller Unrat, Schimmel und Verfall. Es ist eine Welt voller Gewalt – der Menschen untereinander aber auch des Menschen gegen Tiere, gegen die Natur, gegen die Schöpfung selbst. Der endlose Damm, der die Raffinerien, die Ölanlagen und die Industrien vor dem Wasser des Golfs von Mexiko schützt, wirkt wie ein Schandmal all dessen, was der Mensch der Natur anzutun bereit ist. Doch es ist die Welt, die Hushpuppy kennt. Es ist die Welt, die ihr Geborgenheit und die Möglichkeit gibt, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Die Welt, die sie nährt – konkret wie auch emotional und sozial. Zeitlin malt diese Welt durchaus konträr: Wir sehen eine Gemeinschaft von Menschen, die weißer, schwarzer und brauner Hautfarbe sind, die aber keine Rolle spielt, die also durchaus auch eine Utopie erfüllen, gerade im extrem rassistischen Louisiana. Eine Gemeinschaft erleben wir da, die sich von den Krebsen, den Garnelen, den Alligatoren und Fischen ernährt, die das Delta zu bieten hat. eine Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig stützt, in der Streitigkeiten untereinander ausgetragen werden, in der es keine übergeordneten Institutionen oder Instanzen zu brauchen scheint, um die Ordnung, die an sich eine anarchische ist, aufrecht zu halten. Es ist eine oft liebevolle Welt, deren Riten und Rhythmen aber auch durchaus brutal sein können: Wenn Hushpuppy lernen soll, Krebse zu essen, dann wird es uns nicht erspart zuzusehen, wie sie das Knacken der Tiere an lebenden Objekten übt. Es ist eine durchaus harte Welt armer Menschen, die sich nicht allzu viel Sentiment leisten können. So sehr der Film uns also in die fantasievolle Innenwelt eines Kindes entführt – er verschließt die Augen keineswegs vor der Realität, die dieses Kind erlebt.

Da der Film eben konsequent den Blick Hushpuppys einnimmt, wird uns recht unvermittelt sowohl jene Welt erwachsener Menschen gezeigt, wie auch ihre ganz eigene Realität der Fantasie. Dabei macht der Film schlicht keine Unterschiede, was den Zuschauer zusehends verwirrt. Oft müssen wir schwer arbeiten, um uns im Film zu verorten, wissen nicht, an welcher Stelle wir uns befinden und wo genau: In einer ‚objektiven‘ oder in einer von Hushpuppy wahrgenommenen, projizierten Realität? Es ist die Stärke des Films, diese Sicht gnadenlos durchzuhalten und dabei die äußerst realen Bedrohungen, wie die tödliche Erkrankung des Vaters oder auch seinen Suff und die damit verbundenen Ausbrüche oft vollkommen sinnloser Gewalt gegen Dinge, zu extrem verstörenden Szenen zu verdichten, Szenen, wie sie eben eine Acht- oder Neunjährige erleben muß, deren einziger Angehöriger unberechenbar ist und die ein Kind schlichtweg nicht verstehen kann. Selten wurde elterliche, erwachsene Gewalttätigkeit derart überzeugend aus Sicht eines Kindes aufbereitet. Hushpuppy ist aber weder seelisch noch psychisch krank, ihr fantasievoller Blick auf die Welt korrespondiert mit ihren oft lustigen oder schrulligen, vor allem aber kindesweisen Ansichten über das Leben, die sie uns in einer Over-Voice mitteilt. Dieses kleine Mädchen – das sich zu behaupten weiß, das mutig und angstlos ist in Anbetracht jener „Bestien der südlichen Wildnis“, die natürlich kommen, wie alles in ihrer Welt kommt, wie sie es ahnt und erwartet – dieses Mädchen nimmt den Zuschauer trotz seiner Sperrigkeit und seiner gelegentlichen Unergründlichkeit vollkommen für sich ein. Es nimmt uns mit in seine Welt, die für uns nicht nur befremdlich wirkt, sondern auch bedrohlich, die uns niemals ein Zuhause sein kann und dennoch für die 97 Minuten des Films beheimatet. Sie zeigt uns ihre Freunde, ihre Bekannten, die Gemeinschaft, die Bathtub belebt. Sie erzählt uns von ihren Ängsten und Wünschen, ihren Ahnungen und wir begreifen: Am Ende haben wir es einfach mit einem kleinen Mädchen zu tun, das sich trotz aller widrigen Umstände des Lebens, trotz allen Ärgers, das es mit seinem Vater hat, schlicht Sorgen um ihn macht und sich fragt, wo seine Mama ist.

Daß es Zeitlin gelingt, das alles unprätentiös – trotz der manchmal geradezu explodierenden Bilder, die eben an Fellini gemahnen, aber auch an die Bildfülle jener verwunschenen Siedlung im Süden Englands, die Greenaway einst als Kulisse für die Verschwörung seiner drei Frauen diente – und dennoch mit ebenso viel Fantasie, Wille zum Unwirklichen, Wille zum Überbordenden zu erzählen, das beweist nicht nur, daß er ein Geschichtenerzähler mit außergewöhnlichen Stilmitteln und Bereitschaft zum Risiko ist, sondern auch – und da wird BEASTS OF THE SOUTHERN WILD metaphysisch – ein Filmemacher, wie es sie nicht mehr allzu häufig gibt. So sehr wir begreifen, daß sich hinter all der Fantasie Hushpuppys schlicht eine tragische Geschichte verbirgt, so begreifen wir aber eben auch, daß hier einer die Bereitschaft hat, das Kino wieder in sein ureigenes Recht zu setzen. Das Recht, seinen angestammten Platz einzunehmen und seine Verwandtschaft mit dem Traum und der Logik der traumhaften Fantasie nicht nur zu behaupten, sondern überdeutlich auszustellen. Anschlußfehler? Schnitte und eine Montage, die scheinbar ins Nirgendwo führen? Brüche im Erzählfluß? Ja, das alles stimmt. Da werden wir unvermittelt aus einer dramatischen Situation direkt in eine vollkommen andere, im Grunde nicht weniger dramatische geworfen, die mit der vorherigen nichts zu tun hat. Das verwirrt? Stimmt. So ist Kino: Ein Schnitt, und wir haben Zeit, Raum und Logik überwunden. Daß das heute nicht mehr wirklich gefällt, ist verständlich. Vielleicht wird es dringend Zeit, wieder mehr den echten Träumern der Leinwand zuzusehen. Ein Film wie dieser lehrt uns schon mal wieder, zu schauen. RICHTIG zu schauen. Man muß sich einfach in diese Bilderwelten hinein und Hushpuppys immer freundlicher Fantasie über-lassen, muß sich tragen lassen von diesem wunderschönen Soundtrack, der Cajun-Motive und dramatischen Filmscore miteinander verbindet und man wird feststellen, daß man mit einem der besten, größten, fantasievollsten, schönsten, traurigsten, berührendsten und – JA – vollkommensten FILME der letzten Jahre belohnt wird.

Magie. Kino. Kinomagie.

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