DIE PERLE/THE PEARL

Ein schöner Text, ein fader Beigeschmack

Der Fischer Keno, der die Gabe besitzt, in jeder Sache deren spezifisches Lied zu hören, und seine Frau Juana kommen mit dem gemeinsamen Sohn Coyotito zum Arzt, das Kind ist von einem Skorpion gestochen worden. Der Arzt weigert sich, da die Familie zu den Ureinwohnern gehört und kein Geld hat. Keno taucht, wie sonst auch, nach Perlen und findet ein außergewöhnliches Exemplar – groß, schön, schimmernd und sehr wertvoll. Die Kunde von dem Fund breitet sich wie ein Lauffeuer aus und so ist nicht nur der Arzt plötzlich bereit, Coyotito zu behandeln, sondern Keno erfreut sich auch vieler neuer Freunde. Neid breitet sich aus und nachts muß er sogar das Haus bewachen, weil Nachbarn versuchen, einzudringen und die Perle zu stehlen. Juana will, daß sie die Perle gemeinsam zurück ins Meer werfen. Auch Keno hört das Lied des Bösen und es vermischt sich mit dem Lied der Perle, doch will er sie trotzdem nutzen, um sich mit einem Gewehr auszustatten, dann kann er mehr Geld verdienen und seinen Sohn zur Schule schicken. Dann könne dieser lernen und sei nicht mehr Menschen wie dem Arzt ausgeliefert oder aber jenen Perlenhändlern, die Keno und seinen Freunden schlechte Konditionen für ihre Schätze bieten. Doch die Gier seiner Bekannten, die Gier der Perlenhändler und seine eigene Gier danach, ein „besseres“ Leben zu leben, führt schließlich dazu, daß es zwischen Keno und einem ihm Unbekannten zu einem Kampf kommt, in welchem der Unbekannte getötet wird. Nun müssen Keno, Juana und das Kind fliehen. verfolgt von Häschern aus der Stadt. Keno wird sich dem Kampf mit diesen stellen müssen.

In THE PEARL bearbeitet John Steinbeck auf gerade einmal schmalen 90 Seiten ein altes mexikanisches Volksmärchen und entwickelt es zu einer ambivalenten Parabel über Glück, Neid, Gier und wie aus etwas scheinbar Gutem schnell das Allerschlechteste erwachsen kann.

Wie aus großem Unglück Glück entstehen, und wie dieses Glück sich wiederum in Unglück wandeln kann, wie in der Erfüllung unserer Wünsche auch immer schon die Zerstörung dessen, was wir uns gewünscht haben, liegt, wie uns Reichtum und der daraus entstehende Neid und die Gier nicht nur von unseren Freunden und Nachbarn, sondern eben auch von uns selbst entfremden kann – von all dem berichtet Steinbeck in einfachen Worten, in einer einfachen Sprache, die aber eindringlich zu schildern weiß, was in Keno, in Juana, aber eben auch im Dorf und der Stadt vor sich geht. Wachen Blickes gelingt es dem Autor, sowohl die Unterdrückung und die Folgen von Jahrhunderten des Kolonialismus und von imperialistischer Ausbeutung anzureißen und spürbar zu machen, wie es ihm auch gelingt, Glauben und dessen „Reichtum“ zu hinterfragen, wenn Juanas und Kenos Gebete mit dem Fund der Perle in Erfüllung zu gehen scheinen. Das gelingt derart gut, daß der Leser sich freut ob der Rundung der Erzählung. Die Parabel geht auf, selbst und gerade dann, wenn wir verstehen müssen, daß am Ende genau das, was Coyotito hatte retten sollen – die Perle als Symbol des Reichtums – dazu führt, daß Keno und seine Frau alles, vor allem das ihnen Wichtigste, ihr Kind, verlieren. Es ist die Bearbeitung eines Märchens, umso mehr bewundern wir Steinbecks Fähigkeit, daraus ein durchaus die Neuzeit und ihre ureigensten Befindlichkeiten treffende Erzählung zu generieren.

Erst der zweite Blick hinterläßt dann bei aller Reinheit und Klarheit der Sprache und der Erzählung doch ein eher ungutes Gefühl. 1947 erschienen, beweist THE PEARL ein frühes Bewußtsein für die historischen Verbrechen, die einem Land wie Mexiko angetan wurden, ein klares Bewußtsein für das Leid und den Schmerz, den die einstigen Bewohner dieses Landes erdulden mussten. Zugleich aber mischt sich in dieses Bewußtsein ein eher romantischer Sinn für die Gaben der „einfachen Leute“, der Armen. Keno, der das „Lied der Dinge“ hört, der mit der Natur selbst verbunden scheint. Ein friedlicher Fischer und Perlentaucher, der durch den plötzlichen Reichtum (der im Grunde keiner ist, denn es sind die Zwischenhändler – selber einem Monopol unterstellt – die die Preise machen und die Fischer natürlich übervorteilen) nicht nur den äußeren Veränderungen ausgesetzt ist, sondern auch dem inneren Verlangen nach mehr Reichtum, besserer Bildung, besserer Jagdausrüstung etc. Unberührt, arm aber glücklich – so scheint Steinbecks Tenor – ist allemal besser, als reich und umgehend infiziert mit den Begehrlichkeiten, die Wohlstand eben mit sich bringt. Wohlstand korrumpiert, scheint hier ein wesentlicher Aspekt der Erzählung zu sein. Es ist die Sicht eines wohlhabenden und erfolgreichen Amerikaners, der ein Fischerdorf wie jenes, daß laut des Textes vor den Toren von La Paz liegt, lediglich aus Magazinen, der Wochenschau oder einem kurzen, touristischen Besuch kennt, der dieses Leben mit all seinen Widrigkeiten niemals leben musste. Es aber geradezu verherrlicht.

So gelesen, bleibt dies zwar ein vor allem sprachlich schöner Text, der durchaus eine Perspektive auf eine fremde Kultur und deren Regeln und (Un)Arten wirft, der aber deutlich einem amerika(euro)zentrischen Blick auf den südlichen Nachbarn im Besonderen, das Leid der (damals noch so genannten) Dritten Welt im Allgemeinen wirft. Es ist ein schwieriger und komplizierter, weil im Grunde „falscher“ Blick, den man als solchen aber erst erkennen muß. Dies ist ein typisches Beispiel jener Texte, die in den 70er Jahren die Aufmerksamkeit jener Rasse- und Geschlechtstheoretiker geweckt haben, die in Folge des ‚linguistic turn‘, poststrukturalistisch-dekonstruktivistischer Perspektivverschiebungen und der Ausweitung der Soziologie zur (vorübergehenden) Leitwissenschaft, scheinbar unumstößliche Wahrheiten eurozentrischer (was die amerikanische Perspektive des WASP mit umschließt) Weltbetrachtung destruierten und neu definierten. Nach wie vor gut zu lesen und durchaus auch emotional ergreifend, bleibt einem aufmerksamen und für die Entwicklungen der Literaturwissenschaft wachen Leser ein zumindest fader Beigeschmack zurück.

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