LIEBE UND INTRIGEN/LOVE CRIME/CRIME D`AMOUR

Alain Corneau entführt uns in das Paris der Schönen und Reichen, in die Welt des Top-Managements und seine Verwerfungen

Christine Riviére (Kristin Scott Thomas) ist die Europa-Chefin eines internationalen Konzerns, dessen Führung in New York sitzt. Sie führt ihre Untergebenen in einer Mischung aus Charme, einer gewissen Härte und Forderungen. Sie unterhält ein amouröses Verhältnis zu ihrem Mitarbeiter Philippe Deschamps (Patrick Mille), von dem sie aber weiß, daß er in Schwierigkeiten steckt, da er in seiner Abteilung Gelder unterschlagen hat.

Isabelle Guérin (Ludivine Sagnier) gehört zu Christines engstem Assistenten- und Mitarbeiterkreis. Die junge Frau ist zwar etwas pedantisch, offenbar auch von allerhand Tabletten abhängig, aber vor allem ist sie ein brillanter Kopf. Sie legt die Strategie für einen Geschäftsabschluß in Kairo fest, den Christine anderntags vor Ort tätigen soll. Doch Christine schickt Isabelle selbst nach Ägypten, an ihrer Seite Philippe. Dies wird von Isabelle als Zeichen der Wertschätzung aufgefasst und soll es auch sein. Der Abschluß gelingt und Isabelle und Philippe kommen sich nach einer kleinen Feier näher.

Zurück in Paris muß Isabelle allerdings feststellen, daß Christine den Erfolg als ihren eigenen ausgibt. Gegenüber den Chefs in New York erklärt sie, auch die zugrundeliegende Strategie selbst entworfen zu haben. Aufgrund dieses Erfolges wird Christine ein neuer Job in New York in Aussicht gestellt. Als Christine merkt, daß Isabelle verletzt ist, nimmt sie sich der jungen Frau noch enger an. Sie gibt ihr Tipps hinsichtlich ihres Make-Ups, sie nimmt sie auf Empfänge mit, damit Isabelle lerne, wie man sich im Small Talk den „dicken Fischen“ nähert und vertraut ihr sogar an, daß sie einst immer die Bewunderung anderer gewollt habe, nun aber geliebt werden wolle. Auch erklärt sie ihrer Assistentin, daß es normal sei, wenn sie als Chefin die Strategie als ihre ausgebe – auf der Ebene, auf der sie sich bewegten, gäbe eine Hand die andere, man arbeite im Team, letztlich zahle sich das auch für Isabelle aus. Die fühlt sich zugleich geschmeichelt und dennoch auch abgestoßen. Sie kann ihre Chefin nicht wirklich einschätzen.

Philippe verhält sich Isabelle gegenüber, die sich mit Beziehungen immer schwergetan hat, seltsam, mal nähert er sich ihr, dann wieder ist er kalt und zurückweisend. Er ist es aber auch, der Isabelle vor Christine warnt – die glaube, die Gedanken ihrer Mitmenschen lesen zu können und wolle andere zerstören. Bestätigt wird dies durch Klatsch unter den anderen Mitarbeitern, die bspw. von einer früheren Assistentin wissen, die in der Psychiatrie gelandet sei.

Daniel (Guillaume Marquet), der wiederum Isabelle zuarbeitet und ebenfalls an Analysen und Strategien beteiligt ist, verachtet Christine. Er sorgt dafür, daß Isabelle und er einen weiteren Auftrag so bearbeiten, daß der Erfolg nicht mehr an Christine fällt, sondern eindeutig Isabelle zugeschrieben wird. Als die New Yorker Chefs bei einem Zwischenstopp in Paris bei einem Meeting Isabelle ganz besonders loben, zugleich Christine, die sich schon in New York gewähnt hatte, den Job in der Zentrale jedoch wieder absprechen, zieht Isabelle sich den Unmut, ja Zorn, ihrer Chefin zu.

Christine beginnt, Isabelle zu demütigen, schneidet sie von Informationen ab, sorgt dafür, daß Philippe sich endgültig von ihr trennt, lässt Isabelle auch wissen, daß sie dafür verantwortlich ist, und stellt sie schließlich auf einem Empfang der Führungskräfte bloß, als sie von der Überwachungskamera kopiertes Material zeigt, auf dem Isabelle in ihrem Schmerz zu sehen ist, nachdem Philippe sie abserviert hatte.

Isabelle, die offenbar immer mehr Tabletten – eine Mischung aus Schlafmitteln und Aufputschmitteln – nimmt, wirkt zusehends isoliert in der Firma. Sie beginnt, sich bei ihrer Schwester auszuweinen und gibt dieser einen Umschlag, den diese zu einem bestimmten Zeitpunkt in Paris abschicken solle.

Dann beginnt Isabelle nach und nach gewisse Spuren und Hinweise auszulegen. Schließlich wartet sie einen Abend ab, an dem Christine Gäste hat, die Zeugen werden, daß sie beim Abschied Streit mit Philippe hat. In dieser Nacht wird Christine ermordet. Es ist Isabelle, die den Mord begeht. Sie ordnet im Haus alles so an, daß sämtliche Spuren und Indizien auf sie selbst als Täterin hinweisen.

Schon am nächsten Tag wird sie verhaftet und dem Richter vorgeführt. Der sieht eine völlig aufgelöste und durch den Tablettenmißbrauch offensichtlich nicht klar denkende junge Frau vor sich. Dennoch ringt er ihr ein Geständnis ab. Ein paar Tage sitzt Isabelle in Untersuchungshaft, dann tauchen erste Zweifel auf. Sie zieht ihr Geständnis zurück und besteht darauf, daß in ihrem Haus noch einmal nach einem Schal gesucht wird, der entscheidend ist, denn in Isabelles Hand befand sich ein abgerissenes Stück davon.

In Folge gibt es immer mehr Hinweise, daß Isabelle möglicherweise doch nicht die Täterin gewesen sei. Daniel sucht auf ihre Bitte hin das Kino auf, wo sie zur Tatzeit angeblich einen Film gesehen hat, bei einer vom Richter erlaubten weiteren Durchsuchung des Hauses, bei dem sie anwesend ist, „findet“ sie den Schal schließlich, was als Hauptentlastungsbeweis gesehen wird, da er nicht beschädigt ist. Schließlich kulminiert alles mit dem von Isabelles Schwester abgeschickten Umschlag, in dem Philippes finanzielle Unstimmigkeiten belegt werden. Zugleich wird in seinem Auto der zerrissene Schal gefunden und zugleich wird festgestellt, daß Philippe offenbar die Originalakte aus dem Archiv der Firma entwendet hatte. Auch an den Streit können sich Gäste und Bedienstete erinnern. Nun fällt der Tatverdacht auf Philippe.

Isabelle wird entlassen, Philippe verhaftet. Isabelle steigt umgehend in der Firma auf und nimmt gemeinsam mit Daniel einen Termin in New York wahr. Nachdem die beiden einen weiteren Erfolg verbuchen konnten, bringt Daniel Isabelle ins Hotel. Unterwegs zieht er die von ihr eingenommenen Tabletten aus der Tasche und schluckt einige davon. Er lächelt und verdeutlicht Isabelle, daß er begriffen hat, was sie treibt. Bei Gelegenheit hatte er eine von ihren Tabletten analysieren lassen. Er weiß, daß es sich um Placebos handelt und hat aufgrund dieses Indizes Isabelles gesamten Plan durchschaut. Er vertraue auf ihre Diskretion und zukünftige gute Zusammenarbeit.

Alain Corneau entführt sein Publikum in dem Psychothriller CRIME D´AMOUR (2010) in die Welt des Top-Managements, dorthin, wo die Luft dünn wird und jeder und jede schauen muß, seinen oder ihren Platz nicht nur zu ergattern, sondern auch zu verteidigen. Wer hier über besondere Fähigkeiten – zur Markt-Analyse oder des Verständnisses jener Länder, in denen man investieren will – verfügt, ist vom Schicksal begünstigt und wird seinen Weg in die obersten Stockwerke der Konzernzentralen und Finanzberatungen machen. Genau dort ist Corneaus Film angesiedelt.

Kristin Scott Thomas und Ludivine Sagnier sind die Stars in einem Katz-und-Maus-Spiel, das eine Chefin (Thomas) mit einer ihrer Assistentinnen (Sagnier) spielt. Sie protegiert die eher unscheinbare junge Frau, gibt deren Erfolge aber als die eigenen aus. Als diese sich schließlich zu wehren beginnt, schlägt Madame mit der ganzen Härte der ihr zur Verfügung stehenden Mittel ihrer Position – sie ist Europachefin eines internationalen Konzerns – zurück und löst damit eine katastrophale Reaktion aus. Scott Thomas gibt diese Chefin mit einer gewissen Grandezza und Eleganz einerseits, einer fast klirrenden Unterkühlung andererseits, so daß es zwar durchaus Spaß macht, das zu beobachten, es aber leider auch immer wieder in Klischees erstarrt und den Betrachter an Stereotype denken lässt. Sagnier hingegen gelingt die Wandlung von der grauen Maus zur Rächerin, die sich Vergeltung verschafft, recht gut, allerdings gibt die Rolle dies, bis auf wenige etwas der Logik widersprechende Sprünge, auch her. Die junge Dame verfügt offenbar über eine enorme Intelligenz, die allerdings – da wird die Rolle dann leider ebenfalls leicht klischeehaft – mit einem fast obsessiven Hang zur Pedanterie gepaart ist. Allerdings nutzt sie genau diese schließlich, um sich in ihrem Rachekomplott abzusichern, um falsche Spuren und Fährten zu legen, die sie dringend braucht, um in diesem Kampf die Oberhand zu gewinnen.

Basierend auf einer Idee des Produzenten Saïd Ben Saïd verfassten Corneau und Natalie Carter ein Drehbuch, das der Regisseur gemeinsam mit Kameramann Yves Angelo in erlesene Bilder der Upper Class des feinen Paris übersetzt, für das Gérard Marcireau ebenso erlesene Hochglanzsets schuf. Eine Welt der Gutaussehenden und Reichen, bestehend aus der unterkühlten Schönheit von Chrom, Glas und Stahl. Über den Dächern von Paris einmal anders – nicht die graublauen Zink- und Schieferdächer sind hier zu bewundern, wie wir es aus etlichen Filmen über die Stadt der Liebe kennen, sondern die Glasfassaden der modernen Bürotürme. Angelo gibt sich Mühe, eben keine Wahrzeichen der Stadt im Bildhintergrund in Szene zu setzen und nur gelegentlich werden wir jener typischen Straßen und Boulevards ansichtig, die den Charme von Paris ausmachen. In der Welt von CRIME D´AMOUR gibt es nur glänzende Oberflächen, kaum reflektierendes Glas, blitzenden Stahl. Und diesem Setting entsprechend geben sich die, die darin arbeiten und leben. Die Atmosphäre der wohlanständigen Bourgeoisie setzt sich auch im Privatleben der Figuren fort. Während Scott Thomas als Chefin ein in moderaten Brauntönen gehaltenes Reihenhaus in der Innenstadt bewohnt, das eine atemberaubende Wohnung beherbergt, lebt Sagniers als aufstrebende Assistentin in einem der vielen gesichtslosen Vororte der Stadt, in einem ansehnlichen Neubauhäuschen. Alles hier ist geschmackvoll und dient damit der Fassade des Seriösen, aber auch der Machtdarstellung.

Darunter – und das wird schnell klar, wenn wir sehen, wie Madame sich mit den Lorbeeren ihrer Untergebenen schmückt und sich für sie daraus sogar weitere Karriereschritte ergeben – tobt ein wahrlich hässlicher Verteilungskampf. Da werden Hierarchien und Informationen ausgenutzt, da werden Menschen protegiert, fallen gelassen und gegeneinander ausgespielt und wirklich wirkt das, was diese Chefin da treibt, oft einfach wie ein Spiel – mal ist dieser ihr Favorit, mal jene, sicher kann und darf sich aber niemand sein. Dabei bedient Corneaus Film sich durchaus einiger Klischees die man dieser Welt zuordnet, ebenso aber bedient er sie. Wer sich in dieses Haifischbecken begibt, so lernen wir, kann schwerlich nur eine weiße Weste behalten und früher oder später korrumpiert der Umgang mit Millionen und Menschen jeden.

Man hätte daraus einen Wirtschaftsthriller basteln könne, der in seiner Haltung vielleicht an einen Roman von Patricia Highsmith erinnert hätte. Doch Corneau – und auch das erinnert an Highsmith, wäre von ihr aber vor allem psychologisch schlüssiger umgesetzt worden – gefällt es besser, seinen Plot etwa zur Hälfte des Films in einen wirklichen Thriller um einen Mord und dessen Aufklärung kippen zu lassen. Dabei scheut er sich nicht, das Publikum hinters Licht zu führen und auch ihm falsche Fährten und nicht nachvollziehbare Spuren zu legen, die sich erst später, in der Rückschau, erklären. Das ist methodisch etwas hinterhältig, da der Film uns, nachdem wir sehr nah an die Kleinkriege der Vorstandsetagen herangeführt wurden, plötzlich auf Abstand hält, damit er ein Spannungspotential entfalten kann, das nicht mehr, wie zuvor, psychologisch funktioniert, sondern nach den Maßstäben der Kriminalgeschichte. Die Vorbereitungen, die Sagnier trifft, um ihre Rache auszuüben, werden uns nur teilweise gezeigt, immer genug, daß eine gewisse Verunsicherung auftritt und wir begreifen, daß diese junge Frau etwas im Schilde führt, nie aber erraten können, was das sein sollte. Später im Film werden uns dann gewisse Handlungen präsentiert, von denen wir keine Ahnung hatten, die zuvor nicht gezeigt wurden, bei denen Corneau ausgeblendet hat. Das wirkt allzu billig, allzu sehr wie ein Clou zur Spannungssteigerung. Vor allem ist es ein stilistischer Bruch, den nachzuvollziehen der Zuschauer etwas braucht.

Corneau bietet also einen wohltemperierten Thriller, der uns schließlich und endlich den (nahezu) perfekten Mord präsentiert – um zu dem Schluß zu kommen, daß Verbrechen, wenn schon nicht gesühnt, so doch nicht unentdeckt bleiben. Irgendein Fehler schleicht sich auch in die perfekteste Planung ein. So bleibt ein leicht moralinsaurer Nachgeschmack, der allerdings anhand des vollzogenen Rollentauschs, den die Protagonisten im Lauf der Handlung begehen, ironisch gebrochen wird. Es gibt eine Reihe von Logikfehlern, die die Perfektion des Plans etwas ankratzen, zudem macht der Plot hier und da die bereits erwähnten Sprünge, die nicht zwingend glaubwürdig sind. So ist Sagnier plötzlich in der Chefrolle und ihr früherer Kollege, nun Assistent, kann sich auf Augenhöhe bewegen, weil er über entscheidende Informationen über ihren Plan verfügt. Diese wiederum hat er eher durch Zufall erhalten und durch scharfe Analyse. Seine Analysefähigkeiten wendet er also nicht nur auf Finanzplanung an, sondern auch in Hinsicht auf Kolleginnen, die sich seltsam verhalten. Auch das entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Informationen sind hier so oder so die wahre Währung. Wer im Besitz von Informationen ist, ist klar im Vorteil.  Insidergeschäfte, die zum Bumerang werden, geheimes Wissen über geheime Tätigkeiten und gefälschte Akten, um unliebsame Konkurrenten loszuwerden – vielleicht hätten sich Drehbuch und Regie auf diese Aspekte konzentrieren und einen Wirtschaftsthriller konstruieren sollen, der dann auch frei mit Klischees über miese Vorgesetzte, Bürointrigen und Konkurrenzdenken hätte spielen können. In der Mitte eines Films auf einen wirklichen Thriller, eine Kriminalhandlung, umzuschwenken, das kann schon gelingen, doch dazu braucht es dann wahre Meisterschaft, siehe oben unter „Patricia Highsmith“. Diese Meisterschaft muß man hier aber den am Drehbuch Beteiligten leider absprechen.

Unterschwellig deuten Corneaus Regie und der Titel des Films ein Liebesverbrechen an. Kurz, in einer der ersten Szenen des Films, wird diese Möglichkeit angedeutet. Da flirtet die Chefin mit ihrer Adjutantin, daß es nur so kracht. Und wie eine zurückgewiesene Geliebte setzt sie einen wahren Demütigungsfeldzug in Gang, um sich an ihrer Untergebenen zu rächen, als sie sich derer Loyalität, sprich: Zuneigung, sprich: Liebe, nicht mehr sicher ist. Die wiederum greift ebenfalls zu maßlosen und unverhältnismäßigen Maßnahmen, um ihre Vergeltung zu bekommen. Mag sein, daß sich in dieser Verquickung ein „Liebesverbrechen“ andeutet, doch so, wie der Film letztlich verläuft, bleibt dies bestenfalls eine Möglichkeit. Und zwar eine vergebene.

CRIME D`AMOUR hat seine Reize, er bietet leidlich Spannung, er vergibt aber eben zu viele Möglichkeiten zugunsten einer letztlich eher platten und althergebrachten Story. Das ist schade. Aber so bleibt dies eben ein Thriller unter vielen. Es fragt sich allerdings, was Brian De Palma veranlasst haben mag, ihn nur zwei Jahre nach Veröffentlichung in einer ebenfalls französischen Co-Produktion neu zu verfilmen. Wobei PASSION (2012) auch kein wirklich besserer Film geworden ist.

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