LOVECRAFT COUNTRY

Matt Ruff verhebt sich an einer Parodie auf den Großmeister des kosmischen Schreckens

Es gibt Bücher, die sind unglaublich zäh. Sie meinen es gut, sie machen viel richtig, sie wagen einiges – und dennoch kommen die Einzelteile nicht so zusammen, daß ein kohärenter, spannender Text dabei entsteht. Umso schlimmer, wenn ein solches Buch oberflächlich gesehen ein Unterhaltungsroman sein soll, auch, wenn unter der Oberfläche Untiefen lauern, die den Unterhaltungswert jederzeit auflaufen lassen. Matt Ruffs Roman LOVECRAFT COUNTRY (2016) ist genau diese Art von Buch. Und das ist sehr, sehr schade.

Ruff kam schon mit seinem Debut FOOL ON THE HILL (1988) zu Ruhm und Ehren, weil es ihm auf grandiose Art und Weise gelang, das Genre der Fantasy einerseits liebevoll zu persiflieren, aber auch um einige sehr berührende Figuren zu bereichern und es zudem zu erweitern. Er führte es in eine Gegenwart, die er sehr genau wahrnahm und deren Schrecken er keineswegs negierte, der er aber eine letztlich positive Botschaft – eine der funktionierenden Gemeinschaft, von Freundschaft, Loyalität und gegenseitigem Vertrauen – nicht entgegen setzen, sondern hinzufügen wollte. Und das ist ihm damals gelungen. Seine weiteren Werke bewegten sich weniger in Sphären spezifischer Genres, obwohl ihnen oft auch etwas von Science-Fiction oder Agententhrillern anhaftete. Was ihnen aber immer gelang, war Unterhaltung auf sehr hohem Niveau. Man kann sich in Ruffs Romanen wohl fühlen, selbst dort, wo seine Geschichten durchaus traurig, manchmal fast depressiv anmuten. So gesehen kann man seine Werke, seinen Stil, jenen Feel-Good-Stories zurechnen, wie sie auch ein Mark Childress, gelegentlich sogar Stephen King ihren Lesern immer wieder bieten.

Nun aber, mit LOVECRAFT COUNTRY, kehrt Ruff dezidiert zum Genre zurück. Er nimmt sich des Sujets der Horrorgeschichte an, dabei allerdings jener spezifisch amerikanischen Art, die nach Edgar Allan Poe vor allem durch den Neuengländer Howard Phillips Lovecraft geprägt wurde, zumindest in kultureller und öffentlicher Wahrnehmung. Über Lovecraft kann man Regalkilometer Sekundärliteratur finden – zu seinem Stil, seinen spezifischen Ängsten und Obsessionen, über die unterschiedlichen Ebenen phantastischer Geschichten, die er bediente – und über seinen Rassismus. Letzterer sorgt in der Lovecraft-Gemeinde bis heute für fürchterliche Auseinandersetzungen und Verwerfungen, wollen die einen sich der Tatsache doch durchaus stellen, während die andern hingegen versuchen, Lovecrafts rassistische Ausfälle, die er explizit auch in Essays vertrat, die aber ebenso sein belletristisches Werk durchwirken, manchmal bestimmen, als kulturelle Auswüchse seiner Zeit abzutun, ähnlich, wie der europäische Antisemitismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gern als etwas erklärt wird, das nun mal in den Salons verbreitet, aber nicht wirklich ernst zu nehmen gewesen sei. Allerdings war Lovecraft ein bekennender Anhänger sowohl des italienischen „Duce“ Benito Mussolini, als auch des deutschen „Führers“ Adolf Hitler. Dieser Umstand wird dann gern damit wegerklärt, daß Lovecraft 1937 starb und somit die schlimmsten Auswüchse dessen, was Hitlers Ideologie noch hervorbringen sollte, gar nicht erlebt habe. Man soll wohl zu Gunsten des Autors annehmen, daß er sich, wäre er im Bewusstsein dessen gewesen, was da kommt, abgewandt hätte. Viel hätte, wäre, könnte. Der Howard Phillips Lovecraft, der uns zugänglich ist, der in vielen Kurzgeschichten, einigen Novellen und wenigen Romane, in ein paar theoretischen Schriften und in vielen, vielen Briefen seine Gedanken dargelegt und ausgebreitet hat, war deutlich als Rassist kenntlich.

Da Matt Ruff als positives Personal seines aktuellen Romans fast durchgehend Schwarze präsentiert, darf man davon ausgehen, daß der Rassismus in Lovecrafts Werken das dem Roman zugrunde liegende Motiv gewesen ist. Ruff bedient sich geschickt Lovecraft´scher Konstruktionen, man hat es weniger mit einem Roman zu tun, als mit einer Aneinanderreihung von Kurzgeschichten, die durch einen roten Faden – einen recht dünnen roten Faden – miteinander verbunden sind und jeweils verschiedene Aspekte aus Lovecrafts Werken aufgreifen. Vor allem Hexerei, immer wiederkehrendes, uraltes Wissen, der Versuch, die Weltherrschaft mit Hilfe nie näher beschriebener Kräfte aus vorzeitlichen Äonen an sich zu reißen, Reisen durch Dimensionen, Zeit und Raum, Intrigen, Vatermord, Opferungen und Verrat sind wiederkehrende Motive der einzelnen Kapitel/Geschichten. In jedem dieser Kapitel steht eine andere Figur eines Verbands familiär und freundschaftlich miteinander verbundener Menschen im Vordergrund. Zum Glück persifliert Ruff nicht Lovecrafts Stil, der sich durch oft schwer erträgliche Adjektivgewitter auszeichnet, die aber oft Konkretes eher verbergen denn beschreiben. Ruff erzählt seine Geschichte direkt und recht unverblümt, frei heraus und stringent.

Der junge Atticus Turner reist Mitte der 1950er Jahre heim nach Chicago, wo er seinen mit ihm zerstrittenen Vater treffen soll. Dieser wurde kontaktiert und es wurde ihm mitgeteilt, daß Atticus durch seine Mutter letzter direkter Abkömmling eines alten Hexers und seines Geschlechts in Neuengland sei. Atticus´ Onkel, der einen Reiseführer für Schwarze herausgibt, in dem diese nachlesen können, welche Motels, Bars oder Restaurants Farbige fair behandeln, schließt sich seinem Neffen an, als der sich auf die Suche nach seinem mittlerweile verschwundenen Vater macht. In Folge dieses Trips nach Neuengland in den Ort Ardham (nicht Arkham, wie ein von Lovecraft eingeführter, verwunschener Ort und sein Verlag heißen) werden Atticus, sein Vater Montrose, sein Onkel George und die junge Letitia, eine Freundin der drei, in die Machenschaften von Caleb Braithwhite hineingezogen, der sich in Nachfolge seines Vaters, eines Großmagiers der dunklen Hexenkünste, ein sogenannter Naturphilosoph, um Macht und Vorherrschaft in den düsteren Hexenorden Nordamerikas bemüht.

Das klingt nach Trivialhorror, nach billigen Schauergeschichten. In Anbetracht der Tatsache, daß H.P. Lovecraft Zeit seines schriftstellerischen Lebens meist in sogenannten Pulp Magazinen wie den WEIRD TALES veröffentlichte – also genau jenen Journalen, die für das Triviale, Schauerliche und schnell Konsumerables stehen – also durchaus angemessen. Lovecrafts Schreiben war Unterhaltung, auch wenn der Autor von einem heiligen Ernst erfüllt war und seine Werke dementsprechend gewertet sehen wollte. Ja, gelegentlich kann man den Eindruck haben, daß Lovecraft, anders als bspw. J.R.R. Tolkien, der als Professor eine gesunde Distanz zu seinen fiktionalen Stoffen einnehmen konnte, die Erfindungen seiner Phantasie so ernst nahm, daß ihm die Trennlinie zwischen Fiktion und Wahrem ein wenig verwischte. Matt Ruff wiederum nimmt den trivialen Ansatz ernst, ohne sich über die Art von Literatur, die dahinter zu finden ist, lustig zu machen. Da er selber im Unterhaltungsfach reüssiert, versteht er nur zu gut, wie man sich reißerischer Plots und Figuren, bigger than life, bedienen kann, ohne dabei zwangsläufig in Klischees und reine Stereotype abzugleiten. Auch merkt man dem Roman an, daß sein Autor die Vorlagen genau kennt, man darf also annehmen, daß Ruff, wie gerade viele junge Männer, seinerzeit ein Anhänger, wenn nicht gar Fan von Lovecrafts ganz eigenem, oft bewusst altertümlichen Stil und seiner Kunstmythologie um den Gott Chthulu gewesen ist. Vielleicht ist es das, was ihn um- und angetrieben haben mag, diesen Roman zu schreiben: Die eigene Faszination an diesen Geschichten bei gleichzeitiger Kenntnisnahme, es hier mit politisch sicherlich nicht korrekten Ideen zu tun zu haben.

Ein bekanntes Phänomen für Genreliebhaber in Film und Literatur. Man stellt fest, daß man bspw. einen Film wie KING KONG (1933) faszinierend, verstörend und unglaublich spannend findet, zugleich muß man gewärtigen, daß es ein durch und durch rassistisches Machwerk ist; vielleicht seiner Zeit geschuldet, vielleicht ist es das vornehme Recht gerade des Horror- und Schauerfachs, auch mit ambivalenten Gefühlen, versteckten Ressentiments und verdrängten Ängsten zu spielen, die nicht immer dem entsprechen, was wir sein wollen, doch am Ende bleibt Rassismus Rassismus, egal wie wir es erklären wollen. Mag also sein, daß hier ein weiteres Motiv für Ruffs Roman zu finden ist.

Unverzeihlich allerdings bleibt es immer, wenn Unterhaltungsliteratur langweilt. Und genau das ist bei LOVECRAFT COUNTRY der Fall. Klischees darf man nutzen, immerzu, aber man sollte sie zumindest als solche kenntlich machen, sprich verfremden, mit ihnen spielen, sie dekonstruieren. Und sicherlich schwebte Ruff genau das auch vor. Aber das Personal lediglich von weißen Protagonisten in schwarze zu wenden und anhand dessen spezifische Situationen herauf zu beschwören, die sich dann als typisch für dieses Land und seine Literatur erweisen sollen, ist als Idee vielleicht gut, in dieser Umsetzung jedoch schlicht zu wenig. Die Story packt nicht, es kommt so gut wie nie Spannung auf, weil der Autor uns ja dauernd beweisen will, daß das Leben eines Schwarzen in Amerika – wohlgemerkt 1958/59, nicht 2018 in Charlottesville – sowieso gefährlicher ist, als es das je durch die Bedrohung durch Hexenmeister und Monster sein könnte. So schafft Ruff einzelne Situationen, in denen es ganz gelegentlich mal zu emotionalen Momenten für den Leser kommt. Doch wer sich ein wenig in der amerikanischen Literatur gerade der jüngeren Zeit, in der so großartige Autoren und Autorinnen wie bspw. Jesmyn Ward oder die in den USA lebende Nigerianerin Chimamamanda Ngozi Adichie ihr ganz spezifisches eigenes Augenmerk auf das Leben schwarzer Menschen in Amerika richten, den mutet es seltsam an, daß ein weißer Autor meint, sich dieses Themas in Form einer Parodie auf Trivialgeschichtchen annehmen zu müssen.

Nun darf jeder Autor auch einmal schwächere Leistungen abliefern, diese allerdings dürfte in Matt Ruffs Oeuvre eine der schwächsten gewesen sein. Lässt man alle intellektuellen, alle kulturellen Aspekte seines Romans außen vor, bleibt er schlicht langweilig. Und das ist das wahrscheinlich bitterste Verdikt, das über ein nominell der Unterhaltung verschriebenes Werk gefällt werden kann. Schade, denn es würde lohnen, einen Autoren wie H.P. Lovecraft genau so, wie Ruff es im Ansatz getan hat, unter die Lupe zu nehmen.

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