NACHTSCHICHT/NIGHT SHIFT

Eine Sammlung früher Kurzgeschichten des King of Horror

Kurzgeschichten sind nicht jedermanns Sache. Sie fordern viel Aufmerksamkeit, da sie meist auf jedes Komma genau konzipiert sind (Romane natürlich auch, funktionieren aber anders), von denen man keines falsch verstehen darf, weil man sonst möglicherwiese den Clou verpasst. Manche sind 40, andere nur 4 Seiten lang, man liest sie abends im Bett oder so zwischendurch, oft bleibt wenig hängen, außer man bezieht sich auf die, die Literaturgeschichte geschrieben haben.

Stephen King ist den meisten vor allem als Romancier bekannt, Autor teils überlanger Bücher, sein Output an Short Stories war über die Jahre dennoch recht groß. In Deutschland erschienen viele von ihnen über die Jahre und Jahrzehnte verteilt in den unterschiedlichsten Anthologien, weshalb der aufmerksame King-Leser auch bei dieser Sammlung auf einige Texte stoßen wird, die er bereits kennt. Doch NIGHT SHIFT (1977 Original erschienen, Dt. NACHTSCHICHT; 1988) ist eine Originalausgabe, die King selbst als Sammelband diverser früherer Veröffentlichungen in unterschiedlichen Magazinen lancierte. Ob Penthouse, Playboy oder Cosmopolitan – der in den 70ern noch junge Autor nutzte jede Möglichkeit, um seine Geschichten zu veröffentlichen.

Der Band bündelt also 20 frühe Stories des „King of Horror“, die einen guten Überblick über das frühe Werk bieten. JERUSALEM`S LOT (BRIEFE AUS JERUSALEM) macht den Anfang und bietet eine Studie für einen frühen King-Roman, der dann den Titel SALEM`S LOT (BRENNEN MUSS SALEM) erhielt. Hier hat man es mit einer Kurzgeschichte zu tun, die wie ein Briefroman aufgezogen im 19. Jahrhundert angesiedelt ist. Die Stadt Salem spielt in Kings Universum eine besondere Rolle, kehrt, wie Castle Rock oder Derry, immer wieder in seinen Romanen und Geschichten auf. Wer den Roman kennt, weiß um das Geheimnis, das die verlassene Stadt bietet. In NIGHT SHIFT kehrt King dann in ONE FOR THE ROAD (EINEN AUF DEN WEG) noch einmal nach Jerusalem´s Lot zurück, nun aber in der Gegenwart, und bietet uns eine Art Nachklapp zu SALEM`S LOT. So kann man auch anhand dieser Geschichten schon ein wenig nachvollziehen, wie der Autor seinen Kosmos schuf und erweiterte.

Viele der Geschichten, die der Band vereint, wurden später verfilmt. Ob GRAVEYARD SHIFT oder THE MANGLER, ob SOMETIMES THEY COME BACK, THE LAWNMOWER MAN oder CHILDREN OF THE CORN – sie alle erfuhren in den 80er und 90er Jahren Leinwandauftritte. Auch für den unsäglichen MAXIMUM OVERDRIVE (1986), für den King selbst den Regiestuhl enterte, findet sich hier die Vorlage unter dem Titel TRUCKS.

Nicht alle diese Geschichten können überzeugen, bei manchen merkt man, daß der Autor noch nach einem Stil, einer eigenen Sprache und Form sucht. JERUSALEM`S LOT in seiner Briefform ist natürlich an den berühmtesten Vampirroman der Literaturgeschichte, Bram Stokers DRACULA, angelehnt und kann durchaus als Hommage gelesen werden. Doch in den meisten der versammelten Stories findet man schon King pur. Vor allem den frühen King, der noch härter, düsterer und auch brutaler war, als der gegenwärtige King, der scheinbar altersmilde zu werden droht.

In diesen Geschichten arbeitet er oft mit dem Mittel abrupter, offener Enden, die den Leser mit einem unguten Gefühl zurücklassen. Seine Ich-Erzähler berichten bspw. aus einer Situation, die im Moment des Erzählens noch dauert und so bleibt oft offen, wie es für den oder die Protagonisten ausgehen wird. Wieder andere sind aus der Perspektive bereits restlos Verlorener und zum Untergang Verdammter erzählt. Und auch Kings Fähigkeit, aus sehr profanen, alltäglichen Situationen und Bereichen des modernen Lebens Grauen zu destillieren, ist hier schon ausgeprägt. So lernt man unter anderem eine todsichere Methode, sich das Rauchen abzugewöhnen – allerdings bekommt hier der Begriff „Passivrauchen“, bzw. der Aufdruck auf den Schachteln, daß Rauchen tödlich sei, eine ganz neue Bedeutung. So ist hier und da auch für Humor gesorgt. Ein Lachen hier, ein Lachen da – und meist bleibt es im Halse stecken.

Und plötzlich schiebt sich da sogar eine Story dazwischen, bei der der Gruselfaktor dem Leser zunächst verborgen bleibt, bis man merkt, daß es der realste Horror ist, den man sich vorstellen kann: Wie damit umgehen, wenn ein eigenes Elternteil furchtbar leidet und man darüber nachdenken muß, es zu erlösen. Und sich demzufolge schuldig zu machen? So ist die Abschlußgeschichte THE WOMAN IN THE ROOM die vielleicht grausigste, sicherlich aber die ernsthafteste, weil authentischste Erzählung in diesem Band.

King ist letztlich für seine Romane berühmt und das ist auch richtig so, Die Qualitäten, die er als Autor der Langform entwickelt – vor allem sein Gespür für Dialoge – kann er in der Kurzform so nicht ausleben, obwohl sie hier und da hervorblitzen. Doch sind dies gerade für jene Leser interessante Geschichten, die sich für das Gesamtwerk und die Genese dieses Universums aus Grauen und Schrecken begeistern können. Und man merkt den Stories eben auch an, daß ihr Autor – eine der besten Geschichten hier, SOMETIMES THEY COME BACK, erzählt von einem verzweifelten Lehrer – noch nicht der erfolgreiche Star ist, der er dann ab Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre werden sollte, sondern ein Englisch-Lehrer, der verzweifelt um sein Auskommen kämpft, der nachts schreibt und hofft, mit seinen Ergüssen irgendwo literarische Anerkennung zu finden. Diese damals wohl recht prekäre Lebenssituation spiegelt sich sicherlich auch in der Härte einiger dieser Stories wider. Der ehemalige Lehrer Stephen King wusste wohl in mancherlei Hinsicht sehr genau, wovon er da berichtet.

NIGHT SHIFT ist also denen zu empfehlen, die entweder die schnelle Unterhaltung suchen und hier mit einigen wahrlich grausigen Figuren und Situationen Bekanntschaft machen, oder jenen, die King epigonenhaft folgen und sein Universum bis in die letzten Winkel ausleuchten wollen. Nicht empfohlen sei es solchen, die auch in der Genreliteratur nach literarischen Perlen suchen, denn große Literatur wird man hier nicht finden. Die findet man dann eher in Kings Romanen. In voller Blüte.

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