BLOOD SIMPLE – EINE MÖRDERISCHE NACHT/BLOOD SIMPLE

Das Debut der Brüder Ethan und Joel Coen ist ein astreiner 'Film NOir', der auch nach 35 Jahren noch bestehen kann

Abby (Frances McDormand) ist mit dem Barbesitzer Marty (Dan Hedaya) verheiratet, betrügt diesen aber mit seinem Angestellten Ray (John Getz). Das erfährt Marty schließlich durch den Privatdetektiv Vlisser (M. Emmet Walsh).

Nachdem es eine Aussprache mit Ray gab, die nicht nach Martys Geschmack verlief, beauftragt er Vlisser, die beiden Liebenden umzubringen.

Vlisser nimmt den Auftrag an, manipuliert die Sache mittels eines gefälschten Fotos, kassiert Marty ab und erschießt diesen dann. Er haut vom Tatort ab, hinterläßt dort jedoch Abbys Waffe, die er ihr zuvor entwendet hatte, und vergisst allerdings auch sein Feuerzeug mit seinem Vornamen – Loren.

Ray kommt in die Bar, er will eine erneute Aussprache mit Marty und seinen noch ausstehenden Lohn, findet jedoch stattdessen die Leiche. Und Abbys Waffe. Ray säubert alles und will den Leichnam verschwinden lassen. Marty jedoch lebt noch und so muß Ray ihn entweder töten oder lebendig begraben. Er entscheidet sich für Letzteres.

Zurück bei Abby, zeigt diese sich von seinen Beteuerungen, alles aufgeräumt und gesäubert zu haben, befremdet. Sie schaut ihn mit „großen, unschuldigen Augen an und fragt ihn, wovon er eigentlich spreche“ – exakt die Zeilen, vor denen Marty Ray bei ihrer Aussprache gewarnt hatte.

Ray traut Abby nicht mehr. Diese wiederum fängt an, Ray zu mißtrauen und fährt zu Meurice (Samm-Art Williams), einem Kollegen Rays. Den hatte Marty noch angerufen und dessen Anrufbeantworter besprochen, so daß Abby denken muß, er lebe noch.

Sie hält Ray zusehends für verrückt.

Vlisser ist derweil an den Tatort zurückgekehrt, um sein Feuerzeug zu holen, kann dieses jedoch nicht finden, da es von eben jenen langsam verfaulenden Fischen verdeckt wird, die Marty als Alibibeleg für seinen angeblichen Angelausflug zur Tatzeit mitgebracht hatte.

Auch Ray kehrt zurück und findet das letzte Belegfoto, daß Vlisser Marty als Beweis für die Tat ausgehändigt hatte. Nun versteht Ray langsam die Zusammnehänge.

Er fährt zu Abby, die beiden streiten sich, während ihres Disputs erschießt Vlisser Ray durch das Wohnzimmerfenster. Abby verschanzt sich in ihrer Wohung, in die Vlisser nun eindringt, immer in der Annahme, sein Feuerzeug hier zu finden. Es kommt zum alles entscheidenden Showdown zwischen den beiden.

Heute sind sie die Helden von Hollywood, die postmodernen Macher, die uns Filme wie FARGO (1996) und NO COUNTRY FOR OLD MEN (2007) gegeben haben, sie sind mittlerweile Mainstream und jeder mag sie – die Brüder Ethan und Joel Coen. Das war allerdings nicht immer so. Als sie 1983 ihr Regiedebut BLOOD SIMPLE (1984) vorlegten, war dies ein kleiner, dreckiger, pechschwarzer und – für damalige Verhältnisse – äußerst brutaler Thriller, zwar der Tradition des ‚Film Noir‘ verpflichtet, diese allerdings auch bis zum Äußersten strapazierend.

Spätestens mit THE HUDSUCKER PROXY (1994) hatte sich im Werk der Coens das Skurrile, Komische, die Farce als Abbild und Verzerrung der Wirklichkeit stilbildend etabliert. Danach haftete allen ihren Filmen der ironische, oft auch parodistische Unterton an. Nur selten, wie in THE MAN WHO WASN`T THERE (2001) ließen sie ihn zu Gunsten größerer Ernsthaftigkeit fahren. In BLOOD SIMPLE, also ganz am Anfang ihrer Karriere, kann man hingegen keineswegs von Parodie oder postmodernem Pastiche sprechen, Begriffe, die ihrem späteren Werk ebenfalls gern angehängt werden. Es ist eine Verbeugung vor, in manchem auch ein Spiel mit einem Genre, das es eigentlich nicht gibt – dem ‚Film Noir‘. Sie haben damit wesentlich zur Entstehung des ‚Neo-Noir‘ beigetragen, der die 80er und frühen 90er Jahre durchaus prägte. Und sie meinten es ernst, todernst. Natürlich gibt es Momente, in denen man auflachen möchte ob der Irrsinnigkeit menschlichen Bestrebens, das hier, wie so oft im ‚Film Noir‘ in seiner dunklen Variante untersucht wird. Doch bleibt einem das Lachen genauso im Halse stecken, bedenkt man, wie weit die Beteiligten dabei zu gehen bereit sind und wie gnadenlos sie dabei vorgehen. Diese Momente gab es aber auch immer bei Howard Hawks, Billy Wilder und manchmal sogar bei Robert Siodmak – also den Machern der großen, originalen Noir-Filme.

Die Coens, ganz gelehrige Schüler, richten es so ein, daß der Zuschauer den Protagonisten – wie früher bei Alfred Hitchcock, ebenfalls ein Großmeister des ‚Film Noir‘ – voraus und im Endeffekt der Einzige hier ist, der die Zusammenhänge wirklich begreift. Und die sind – wie es im Noir meist der Fall ist – nahezu fatalistisch. Julian Marty, den Dan Hedaya mit der ihm eigenen Lakonie ausstattet, wird ein Opfer seiner eigenen Machenschaften, man könnte sagen, daß er sich mit dem Teufel einlässt, was in der Kulturgeschichte noch niemandem gut bekommen ist. Ray wiederum ist ein Opfer der Umstände, die er nicht oder nur zum Teil versteht, der Teufel in Gestalt des nie gebührend gewürdigten M. Emmet Walsh seinerseits wird ein Opfer seiner Opfer, die er unterschätzt. Und die von der damals schon wunderbaren Frances McDormand gespielte Abby wird zu einer Femme fatal ohne eigenes Zutun, einfach nur, weil sie sich einer Aussage ihres sie lieb-hassenden Gatten entsprechend verhält. Die Coens nutzen die Versatzstücke, die ihnen Filme wie Billy Wilders DOUBLE INDEMNITY (1944) oder Edgar G. Ulmers DETOUR (1945), dem BLOOD SIMPLE verwandter ist, als man zunächst annehmen wollte, bieten, sie nehmen sozusagen die gesamte Maschinerie des ‚Film Noir‘ auseinander und setzen sie dann neu zusammen – und was dabei herauskommt, ist seinem Vorbild, also seinem früheren Erscheinungsbild, einerseits zum verwechseln ähnlich, andererseits erstrahlt das alles auch in neuem Glanz. Im besten Sinne des Wortes eine Dekonstruktion.

Diese Monteure mit dem immensen Filmwissen fügen Zeitgenössisches so hinzu, daß es kaum auffällt und dennoch erneuert – allem voran die gelegentlich überbordende Gewalt. Sie wird zwar eher spärlich eingesetzt, dafür aber explizit und exquisit. Vor allem jene endlos lange Szene, in der Ray Marty im wahrsten Sinne des Wortes „unter die Erde bringt“, sucht ihresgleichen. Sowohl Hitchcock – in TORN CURTAIN (1966) – als auch Krzysztof Kieslowski – in seinem DEKALOG-Film KRÓTKI FILM O ZABIJANIU (Dt.: EIN KURZER FILM ÜBER DAS TÖTEN/1988) – haben, neben anderen, dem Kinogänger vorgeführt, wie schwierig und langwierig es sein kann, bis das Leben aus dem menschlichen Körper entfernt ist. Die Gebrüder Coen fügen dem noch eine ganz eigene und ähnlich mühsame Variante hinzu. Das alles zeigen sie in Farbe, was ein grundsätzlicher Unterschied zum klassischen Noir ist und für einige Puristen einen Frevel darstellen dürfte. Doch machen sie das auf eine Art und Weise, die eher eine Erweiterung des Repertoires darstellt, als einen Bruch mit der Tradition. Unter anderem zeigen sie, wie man mit Licht und Schatten – und Farbe! – unter Zuhilfenahme eines Trommelrevolvers auf der Leinwand abstrakte Malerei betreiben kann. Und schließlich der Clou, aus der „bösen“ Femme fatal des klassischen ‚Film Noir‘ eine echte „verfolgte“ Unschuld zu machen – auch wenn sie fremdgehen mag ist das ja noch kein hinreichender Grund, ihr einen Killer auf den Hals zu hetzen – kann man unter „filmischer Dekonstruktion“ verbuchen. Dies alles sind Elemente, die den Film außergewöhnlich machen, modern, in manchem sogar postmodern, und ihn dennoch klar in eine Reihe mit den klassischen Beiträgen der „Schwarzen Serie“ stellen.

Schwer zu sagen, ob das heute, 35 Jahre nach seiner Veröffentlichung und damit selbst bereits Geschichte, alles noch unterhält. BLOOD SIMPLE ist ein langsamer Film, es wird kaum gesprochen und statt schneller Schnitte bewegt sich die Kamera hier noch selbst. Wenn sie sich denn bewegt. Denn die Coens vertrauen ihrem Ensemble und lassen es vor der Kamera agieren  – zurecht! So beobachtet die Kamera die Darsteller, manchmal hat man den Eindruck, sie belauert sie geradezu. Und so entwickelt sich das Drama glaubwürdig im Ensemble. Der ewig mürrische Dan Hedaya, die noch sehr junge Frances McDormand, die hier ebenfalls ihr Debut gab, und natürlich M. Emmet Walsh machen es teils zum Vergnügen, einfach nur zuzuschauen. Gerade Walsh hat hier einige Szenen, die ihn unvergesslich machen. Die Blick- und Dialogduelle, die er und Hedaya sich anfangs liefern, gehören zur gehobenen Schauspielkunst und zum Besten, was das Kino der 80er Jahre zu bieten hatte. So werden die Liebhaber des ‚Film Noir‘ allemal auf ihre Kosten kommen, aber auch, wer etwas über das Kino der 80er Jahre erfahren will, kann anhand des Films einiges lernen. Wer „schnelle“ Unterhaltung sucht, sei allerdings gewarnt: Es ist ein Film zum Zuschauen und Zuhören. In seiner Art näher an seinen historischen Vorbildern der 1940er und 50er Jahre, ihnen auch zeitlich mittlerweile fast näher, als an unserem heutigen ultraschnellen und allzu oft auch ebenso schnell vergessenen Kino.

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