WIR SEHEN UNS DORT OBEN/AU REVOIR LÁ-HAUT

Pierre Lemaitre nutzt den Ersten Weltkrieg als Hintergrundpanorama eines Familienmelos

Der Kriminalautor Pierre Lemaitre erzählt uns die durchaus spannende Geschichte von Albert Maillard, der bei einem Sturmangriff kurz vor dem Waffenstillstand 1918 in einem Granattrichter verschüttet wird. Es rettet ihn Édouard Péricourt, Sproß einer hochangesehenen Familie der Pariser Bourgeoisie. Dieser zahlt seine Rettungsaktion nicht nur mit einem schwer verwundeten Bein, sondern – schlimmer noch, sehr viel schlimmer – mit dem Verlust seines Unterkiefers, der von einem Schrapnell weggerissen wird. Nunmehr für immer entstellt, bittet er Albert, der meint, sich um seinen Retter kümmern zu müssen, um eine neue Identität. Er will als tot gelten, seinem Vater und vor allem der geliebten Schwester Madeleine nicht mehr unter die Augen treten müssen mit seinem fürchterlich verunstalteten Gesicht, das praktisch nur noch aus der oberen Reihe Zähne, den Augen, einer zerfurchten Stirn und einem klaffenden Krater da, wo einst Unterkiefer, Mund und Zunge waren, besteht. Albert hilft seinem Freund und so sind die beiden unweigerlich aneinander gekettet. Albert schreibt der Familie, daß der Sohn gefallen sei. Die Zeit geht ins Land, doch Édouards Schwester will zumindest den Leichnam des Bruders heim holen und in der Familiengruft beisetzen. So nimmt sie Kontakt mit Henri d’Aulnay-Pradelle auf, jenem Hauptmann, der nicht nur den verhängnisvollen Angriff befohlen hatte, sondern als Angriffsgrund zwei tote Aufklärer anführte, die er selbst erschossen hatte, was zumindest Albert weiß. Nun verstricken sich diese Lebensläufe zusehends ineinander, denn die eher unansehnliche Madeleine verliebt sich in Henri, dieser wiederum kann die gesellschaftlichen Beziehungen, für die deren Vater steht, gut gebrauchen, hat zugleich jedoch Albert und seinen Kumpel in der Hand, die somit nichts gegen ihn unternehmen können. Zwei Jahre nach Kriegsende betreibt nun d’Aulnay-Pradelle ein lukratives Geschäft mit der Umbettung der Toten von den chaotischen Frontfriedhöfen auf die neuen, extra angelegten Soldatenfriedhöfe im Hinterland, wobei er jeden Centime zu sparen sucht und schließlich weder davor zurückschreckt, leere, mit Erde gefüllte Särge zu verschicken, noch, die Leichen entsprechend zuzurichten, damit sie in die viel zu kurzen Särge von nur 1,30 Metern >Länge passen. Zugleich müht sich Albert ab, für seinen und Édouards Lebensunterhalt, zusätzlich aber auch für dessen Morphiumsucht aufzukommen. Als Édouard eines Tages mit einem wahnsinnig erscheinenden Betrugsvorhaben an seinen Freund herantritt, weigert sich dieser zunächst, doch schließlich willigt er ein und so treiben die unterschiedlichen Interessen Henris, Alberts, Édouards, sowie die seines Vaters und seiner Schwester unweigerlich aufeinander zu und kulminieren schließlich in einem dramatischen Höhepunkt.

In der ‚Sueddeutschen Zeitung‘ wurde diesem Roman, immerhin Gewinner des renommierten ‚Prix Goncourt‘, des bedeutendsten französischen Literaturpreises, attestiert, zwar eine spannende Geschichte zu erzählen, die sich eines gewissen Zeitkolorits bediene – jenen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, da die zutiefst verwundeten Gesellschaften, die diesen „großen Krieg“ ausgefochten hatten, wenig mit den Überlebenden der Schlachtfelder anzufangen wussten – , die aber dennoch keine Geschichte aus dem Krieg erzähle. Zu einfach gestrickt, die Figuren zu eindimensional etc., so die Vorwürfe. Nach der Lektüre muß man sich und allen anderen Lesern eingestehen: Es stimmt.

Es ist eine spannende Geschichte, die vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs zunächst eine Dramatik ganz eigenen Zuschnitts erlangt. Es dauert, bis der Leser feststellt, daß genau diese Geschichte auch genauso gut zu jeder anderen Zeit, an jedem anderen Ort hätte spielen können. Vieles hier bleibt Behauptung. Die Schrecknisse des Krieges werden anfangs ganz gut eingefangen, doch kann es sich der Autor – oder die Übersetzung, die dann allerdings wirklich schwach wäre – schon hier nicht verkneifen, immer wieder in einen gewissen flapsigen Ton abzugleiten, der dem Beschriebenen kaum gerecht wird. Das geschieht auch im Folgenden immer wieder. Man fragt sich gelegentlich während der Lektüre, ob der Autor seine Geschichte ernst nimmt, wohin er eigentlich will, denn das Potential für eine Farce wäre hier durchaus gegeben, zugleich sollen wir aber mitleiden mit den beiden Kriegsversehrten Albert und Édouard. Dabei wird allerdings Albert auch immer wieder der Lächerlichkeit preisgegeben. Seine Bemühungen, Arbeit zu finden, seine gelegentlichen Zwiegespräche mit der imaginierten Mutter, die den Feigling Albert verhöhnt, seine Entscheidungsschwäche – all diese Attribute werden ebenso zur Charakterisierung des Mannes genutzt, wie sie dazu dienen, sich über ihn lustig zu machen.

Dabei läuft das ganze Unternehmen Gefahr, zu scheitern, denn was an Albert offensichtlich exekutiert wird, deutet sich in der Beschreibung sämtlicher Figuren an: Der Autor entwirft Pappkameraden, die eher Funktionen erfüllen, so wie er Konflikte und Beschädigungen „entwirft“, die für sich genommen enormes Potential hätten, doch immer nur Auslöser sind für Aktion der Protagonisten. Das beginnt mit der recht einfachen Zuweisung der Sympathien hier. Albert und Édouard sind unsere Helden, die sich zwar eines (vom Autor frei erfundenen) Betrugs mit Kriegsdenkmälern schuldig machen (mit dem einer von ihnen sogar davonkommt), die aber in ihrer Güte und in Alberts Fall leicht vertrottelten Art zu liebenswürdig sind, um ihnen zu zürnen. Henri d’Aulnay-Pradelle, der machthungrige und immer auf den eigenen Vorteil bedachte Hauptmann, wird ab seines ersten Auftritts im Roman als Bösewicht par excellence gezeichnet. Vater Péricourt macht eine grundlegende Wandlung durch, indem er erkennt, was er in seinem Sohn verloren hat und daß er diesen nie geehrt hat, wie er ihn hätte ehren sollen, Schwester Madeleine ist anfangs ein junges Mädchen, daß auf den charmanten und schnittigen Pradelle hereinfällt, dann aber seinen Fehler einsieht und sich natürlich von diesem abwendet. All diese Figuren sind jedoch letztendlich Klischees. Mehr noch trifft dies auf eine Reihe Nebenfiguren zu, vor allem Pradelles Handlanger sind sämtlich als typisch französische Spießer, Kleinbürger gezeichnet, wie sie einer welschfeindlichen Fibel der Boches ca. 1915 entsprungen sein könnten.

Eine einzige Figur in diesem Reigen erringt schließlich wirklich literarischen Rang, durchlebt eine Entwicklung, wird reflektiert und wirkt reflektierend, das ist der Ministerialbeamte Merlin. Er ist derjenige, der, einerseits herrlich fies gezeichnet als ewig schlecht gelaunter, jedweder Korruption abholder Bürokrat, andererseits dann aber eben als einer der wenigen in dieser Handlung einer menschlichen Regung Fähigen, schließlich Pradelles Betrug mit den Leiche und Umbettungen aufdeckt. In diesen Momenten bekommt der Roman auch die nötige Dichte, das (Be)Drängende, das man von einem Werk über den Weltkrieg erwarten würde. Merlins Streifzüge über die Friedhöfe, seine Erschütterung, die Wandlung, die er nach und nach durchmacht und wie er sich doch im Wesentlichen treu bleibt – das sind die mit Abstand besten Teile dieser Geschichte. Mit einem Mal hat der Leser den Eindruck, daß er ein Mehr geboten bekommt, mehr als eine Räuberpistole. Hier scheint der Autor bereit zu sein, in Bereiche vorzudringen, wo das Lesen wirklich schmerzhaft, wo die Erzählung zwingend und notwendig wird. Und zugleich drängt sich dem Leser, der sich ein wenig auskennt in Literatur und Film der Vergleich mit einer Figur in einem Film des großen Bertrand Tavernier auf: Philippe Noiret spielte in LA VIE ET RIEN D’AUTRE (DAS LEBEN UND NICHTS ANDERES; 1988) den Major Dellaplanne, der damit beauftragt wird, die Leiche eines wirklich absolut unbekannten Soldaten aufzutreiben, die in einem der Denkmäler für den unbekannten Soldaten bestattet werden soll. Dieser Mann, der sich schließlich sogar der Liebe verweigert, um den Dienst an den Toten zu versehen, ist eine der eindringlichsten Figuren im Panoptikum jener, die uns Literatur und Film in Bezug auf den Ersten Weltkrieg je geboten haben.

Doch sind das leider die raren Momente, die den Roman über den Durchschnitt eines Kriminalromans hinausheben. Alles hier bleibt Kolportage, jeder Konflikt, jede innere Bewegung der Figuren bleibt Funktion für die Betrügereien. So wird die an sich interessante Konstruktion zweier ineinander verflochtener Doppelbetrügereien zur eigentlichen Schwachstelle des Buchs, denn die Geschichte muß schließlich voran und zu einem Abschluß kommen. Dabei hätte das gebotene Konfliktpotential allein ausgereicht, für einen brillanten Roman: Frontheimkehrer, Traumata, der Umgang einer Gesellschaft, die die Toten mehr ehrt, als die Überlebenden, Kriegsgewinnler, die Distanz derer, die die Erfahrungen der Front teilen zu jenen, die diese Erfahrungen nicht gemacht haben, aber mit großen Worten drüber reden. Und schließlich und endlich ein veritabler Vater-Sohn-Konflikt, der sich in einem Vater-Schwiegersohn-Konflikt spiegelt. Im Grunde wäre jedes dieser Details einen Roman wert. Doch Lemaitre will unterhalten und also braucht er eine Story. Einfach die Verlorenheit jener zu beschreiben, die demobilisiert in Kasernen oder Lazaretten herumhingen, die das „Vaterland“, für das man aus den Schützengräben und in den Tod zu gehen bereit gewesen war, am liebsten vergessen würde, dies scheint dem Autoren nicht gereicht zu haben. Vielleicht hätte er zu all dem auch nicht wirklich etwas sagen können? So plastisch uns die fürchterliche Verstümmelung Édouards immer wieder beschrieben wird, nie wird uns wirklich glaubhaft vermittelt, was eine solche Verletzung mit der Psyche des Betreffenden macht. Édouard, der Künstler, verarbeitet sie eben künstlerisch, mit Hilfe der kleinen Louise. Das macht die Sache zwar nicht wieder gut, dennoch hat der Leser den Eindruck, daß der Mann damit irgendwie schon klar kommt. Ähnliches geschieht mit Albert: In einer Szene, die Potential für einen wunderbaren und großen Moment hätte, begegnet Albert, der kurzfristig als Fahrstuhlführer in einem Kaufhaus Arbeit gefunden hat, seiner alten Liebe. Die hat offenbar einen neuen Mann und schämt sich für den abgehalfterten Frontsoldaten so sehr, daß sie ihn zwar spüren läßt, sie hat ihn erkannt, redet jedoch kein Wort mit ihm. Doch wird diese Begegnung lediglich genutzt, damit Albert sich von der (zuvor plastisch beschriebenen) Sehnsucht nach dieser Frau befreien kann. Die Liste der möglichen Beispiele ist lang.

Es gibt eine lange Reihe hervorragender Literatur zum Ersten Weltkrieg. Natürlich die Klassiker, wie Erich Maria Remarques Jahrhundertroman IM WESTEN NICHTS NEUES, aber auch Werke neueren Datums, denen es gelingt, die Schrecken des Krieges plastisch einzufangen. Zu nennen wären da einmal die Trilogie der Historikerin Pat Barker (REGENERATION/NIEMANDSLAND – 1991; THE EYE IN THE DOOR/DAS AUGE IN DER TÜR – 1993; THE GHOST ROAD/DIE STRASSE DER GEISTER – 1995) aber auch BIRDSONG/DER GESANG VOM GROSSEN FEUER des Briten Sebastian Faulks. Die Franzosen wiederum haben in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe hervorragender Literatur zum Thema Krieg generell hervorgebracht – Mathias Énards ZONE muß ebenso dazu gezählt werden, wie Alexis Jennis DIE FRANZÖSISCHE KUNST DES KRIEGES. Umso trauriger, daß Lemaitres Werk da weder inhaltlich noch formal mithalten kann. Der Kritiker der Sueddeutschen Zeitung hat also letztlich recht, wenn er moniert, daß man es hier schlicht mit einem – durchaus spannenden – Unterhaltungsroman zu tun habe, der den Weltkrieg jedoch lediglich als sepiabraunes Zeitkolorit nutzt. Nichts gegen (gut gemachte) Unterhaltung, einen Beitrag zur Erinnerungskultur des Ersten Weltkriegs leistet dieses Werk allerdings nicht.

So ist WIR SEHEN UNS DORT OBEN (deutscher Titel des hier vorliegenden Buches) in recht flüssiger, gut lesbarer Sprache über gut 500 Seiten hinweg zumindest so zu unterhalten, daß der Leser wissen will, wie es ausgeht…nein, wissen will, wie der Autor den Weg zum erwarteten Ende seines Werkes findet. Aber immerhin – das ist ja auch schon mal was.

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