SCHLUMP

Ein Erfahrungsbericcht zwischen Jüngers STAHLGEWITTERN und Remarques IM WESTEN NICHTS NEUES

Natürlich gibt es eine Unmenge zeitgenössischer Bücher zum Ersten Weltkrieg, doch wenn man der Einfachheit halber einmal Remarques Jahrhundertroman IM WESTEN NICHTS NEUES und Ernst Jüngers Blut- und Bodenprosa IN STAHLGEWITTERN als äußere Referenzpunkte der ideologischen Spannweite zum Thema nimmt, dann könnte man das Werk Hans Herbert Grimms mit guten Grund in der Mitte zwischen diesen Extremen ansiedeln. Remarques Werk sprach sicherlich Millionen weltweit an, die das Grauen der Schützengräben, des Gaskrieges, des Massensterbens erlebt, betrachtet, wahrgenommen und die begriffen hatten, daß solche Gewalt sich niemals wiederholen dürfe; Jünger hingegen – auch wenn er selbst sich mit diesen sicherlich nicht hat gemein machen wollen – sprach die Hunderttausende ehemaligen Frontkämpfer an, die, demobilisiert, sich jedoch ungeschlagen fühlend, in die Reichswehren strömten und entweder im Baltikum oder bei der Zerschlagung der revolutionären Kräfte 1918/19 weiterkämpften. Es gab aber eben auch das unendliche Heer von ehemaligen Soldaten, die den Krieg erlebt, durchlitten und schließlich überlebt hatten und schlicht in ihre bürgerlichen Berufe zurückkehrten und weitermachten und versuchten, ihre Erlebnisse und Traumata irgendwie zu verarbeiten. Wenn Volker Weidermann in seinem Nachwort zur vorliegenden Ausgabe also auf die Kampagne verweist, die der Verlag für das Buch startete, als es 1928 erstmals erschien und die u.a. lautete: „Haben Sie Schlump schon gelesen? Diese Frage wird man bald in allen Männerkreisen zu hören bekommen.“, steckt darin auch ein Hinweis auf ein (männliches) Publikum, das sich scheinbar einfach damit unterhalten wollte, daß da einer erzählte, der so war, wie sie: ein einfacher Kerl, ein Frontsoldat, der den Schützengraben kannte, unpolitisch, daran interessiert, zu überleben und von den guten, weil „lustigen“ Seiten des Krieges in Anekdoten zu berichten. So schrecklich der Krieg auch gewesen sein mag – für die, die ihn ausgefochten und überlebt hatten, war er eben auch DAS prägende Ereignis ihres meist jungen Lebens gewesen. Und sicherlich die aufregendste Zeit ihres Lebens generell.

Vordergründig wirkt das Buch auch wie ein einfacher, schlichter Bericht. Schlump, der in jungen Jahren zu diesem etwas trotteligen Spitznamen gekommen ist (der aber im Aufbau des Romans auch ein Programm bedeutet), meldet sich als Siebzehnjähriger 1915 zur kämpfenden Truppe, indem er sich ein wenig älter macht; er kommt in die Reserve und erlebt als viel zu junger Mensch die Macht kennen – die Macht des Verwalters nämlich, wenn er direkt die Aufsicht über drei Dörfer weit hinter der Front erhält und sich gebärden kann,w ie ein junger Gott. Hier lebt es sich gut, es gibt für den Jungen allerhand amouröse Abenteuer zu bestehen, der Krieg entpuppt sich als ganz fideler Zustand. Es wird von allerhand Streichen berichtet, die Schlump, der jedwede kritische Situation einfach weglacht – mehrmals wird uns dieser Satz so hingeschrieben: „Und Schlump lachte“ – ausheckt; Schlump, den nichts tangieren kann, dem alles zum Abenteuer, zur Lebensbejahung und -freude wird. Fast denkt man an einen Schelmenroman, wo der Protagonist durch die irrsinnigsten Abenteuer stolpert und doch unberührt bleibt von allem Unbill, eher noch als ewiger Sieger aus den noch bedrohlichsten Situationen hervorgeht. Doch ist dem nicht so. Grimm erzählt seine Geschichte zwar fast durchgehend wie ein Märchen oder etwas Traumhaftes, doch läßt er die Realität nicht aus den Augen, sondern läßt sie momentweise einbrechen in diese scheinbare Unberührbarkeit und Unberührtheit seines Helden, damit sie den Leser dann umso heftiger treffen kann. Schlump bleibt zwar ein eher tumber, unreflektierter Kerl, der selten nach hinten blickend immer bemüht ist, die sich ihm gerade darstellende Situation auf für sich am besten geeignete Art und Weise zu klären, doch gibt es im Text Momente, Stellen, in denen auch diesem scheinbaren Toren das Grauen dessen, was sich da um ihn herum abspielt, durchaus bewußt wird. Und dann reagiert er darauf. Das geht schließlich soweit, daß er nicht nur die Gattung, die meint solche Konflikt über Jahre austragen und erleiden zu müssen, verdammt, sondern mehr noch denjenigen, der diese Art erschaffen haben soll. Und Grimm weiß sich auch zu helfen, wenn er berichten will, was Schlump weder erfassen noch reflektieren würde: Immer wieder wird Schlumps Geschichte unterbrochen von langen Erzählungen Dritter. Mal sind es Kameraden, mal sind es Frauen, die ihre Heimaterfahrungen schildern, mal Vorgesetzte oder Zufallsbekanntschaften, die Meinungen und Ansichten zu Kaiser, Volk und Vaterland zum besten geben. Und in dem Philosophen Gack, der mit Schlump und einigen anderen den Rückzug aus Frankreich und durch Belgien erlebt, schildert uns Grimm hellsichtig einen Vertreter jenes Denkens, das aus den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges jene Kollektivphantasien eines Volkskörpers ableiteten, der sich hinter einem Führer (deutscher Natur) zu sammeln und dann Europa zu einigen hätten. In den Jahren, die Grimm an seinem Werk schrieb, war dieser Typus natürlich zusehends bestärkt worden.

Dem Leser wird es – auch aufgrund der oft „einfachen“ und uns Heutigen eher fremden Sprache – nicht leicht gemacht, sich in den Text einzufinden. Und die erste Hälfte des Romans vermag auch kaum zu fesseln, zu sehr wirkt das alles wie „Klein Hänschen zieht in den Krieg“. Zu fäkal die lustigen Streiche, zu ordinär die Liebeständeleien. Zu groß die Distanz zwischen dem Geschehen und sowohl dem Leser als auch den Protagonisten. Doch wenn der Krieg und Schlump dann aufeinander treffen, versteht man Grimms Vorgehen umso besser: Da hat uns einer in Sicherheit gewogen, da hat uns einer vor Augen geführt, wie man den Krieg – gerade in der Etappe, fern von der Front – auch hat wahrnehmen können. Und dann bricht die Gewalt des Grabenkrieges, der Irrsinn eines Sturmangriffs unter Mörserbeschuß, das Pfeifen der heranfliegenden Granaten, das Blut, die Gedärme, die abgerissenen Gliedmaßen, aber auch das Surreale des Krieges – wenn zum Beispiel ein Leuchtspurgeschoß in einen Engländer getrieben, diesen von innen ausbrennt und dabei erleuchtet und Schlump dies einfach nur fasziniert als Schauspiel abstrakter Schönheit wahrnimmt – über den Leser herein. Roh, unvermittelt, brutal. Dazwischen wieder lange Strecken eher langwieriger Tändelei – Briefe in die Heimat, Liebschaften an allen Ecken und Enden, ein Festschmaus, wenn es den Soldaten gelingt, genügend Leckereien aufzutreiben. Zweimal muß Schlump, der doch durch all diese Sterben und Töten nahezu unberührt zu wandeln scheint, eine Verletzung hinnehmen und so wird uns auch das Grauen der Lazarette und die Erbarmungslosigkeit gegenüber den Hilflosesten genau geschildert. Wir verfolgen Schlumps Weg von der eher ruhigen Etappe des Jahres 1915 in die schrecklichen Schlachten von 1916 und 1917 und dann in die lange Agonie des Krieges hinein ins Jahr 1918. Wir erleben durch ihn mit, wie die Truppe sich wandelt, wie aus frohgemuten Freiwilligen zynische und abgebrühte Überlebende werden, die ihre Vorgesetzten nicht mehr ernst nehmen und bereit sind, nahezu alles zu tun, um nicht auf den letzten Metern einer immer nur tödlich zu denkenden Strecke doch noch das ihnen eigentlich zugedachte Schicksal zu erleiden.

Schließlich wird uns – dies sind fast die anschaulichsten und für die später Geborenen vielleicht sogar interessantesten Teile des Romans – der ellenlange, scheinbar nicht abreißende Strom von Rückzüglern geschildert, diese Masse aus Leibern, aus Dreck und zerrissenen Uniformen, die aus den Gräben Frankreichs und Flanderns in die Heimat zurückflutete. Die auf offenen Strecken stehenden Züge, übervoll mit Soldaten und Verletzten, das Chaos in den Grenzstädten und den dortigen Bahnhöfen und auch die Absetzbewegungen der Offiziere und das Gefühl, verraten worden zu sein, das so viele der einst willigen Kämpfer schon in den letzten Monaten des Krieges befallen hatte. Und auch geschildert wird uns Schlumps Erstaunen darüber, daß scheinbar alles noch funktioniert. Ihm selber gelingt es schließlich, sich jener Johanna zu erinnern, die ihn einst am Tage seines Abmarschs geküsst hatte und die ihm einen Brief geschrieben hat, in welchem sie ihm ihre Liebe eingestand und die ihm in einer Halluzination als Heilige Jungfrau erschien, die ihm versichert, nicht nur über ihn gewacht zu haben, sondern ihm letztlich auch immer, in jeder einzelnen Frau – und Schlump hatte derer einige bei all seinen Abenteuern – , begegnet zu sein. Da wird der Krieg dann plötzlich doch zu einem Erweckungserlebnis, einem gigantischen Reifungsprozeß, der in Widerspruch steht zu diesem ansonsten – da hat Weidermann in seinem Nachwort schon recht – wie ein Anti-coming-of-age-Roman wirkenden Werk. Schlump findet in diesem Krieg im Grunde eine Art Spielplatz, der dem Jungen bietet, was Jungen in dem Alter wollen: Abenteuer, Mädchen, die Freiheit der großen weiten Welt. Entwicklung, Reifung oder Reflexion hingegen findet er hier nicht. Er selber bleibt all diesem Geschehen weitestgehend entäußerlicht. Weder sucht er hier ein Stahlbad, daß aus dem Jüngling einen Mann macht, wie Jünger den Krieg wahrnahm, noch begreift er ihn als die Menschheitskatastrophe, die ein Remarque, ein Otto Dix oder Alfred Kubin in ihm sahen. So, wie der Krieg einmal angefangen hat, muß er eben auch wieder enden. Das Leben, so man es noch hat, geht weiter. Immer weiter.

Wenn man diesen gerade einmal 333 Seiten folgt, anfangs angestrengt, sicherlich auch eher geprägt von Leseerlebnissen wie eben Remarques Roman, der diesem Werk beizeiten sicherlich den Erfolg (mit) verstellt hat, dann aber langsam konfrontiert mit den „wahren Schrecken“, erhält man schon den Eindruck, daß hier sicher der Nerv jener getroffen wurde, die des Abends zusammensaßen und sich gegenseitig vom Kriege und ihren Erlebnissen mit selbigem berichteten. Vielleicht vergleichbar mit einem Film wie Oliver Stones PLATOON (1986), gelingt es Grimms Roman offenbar, die Gefühle und Wahrnehmungen des „einfachen Soldaten“ einzufangen und widerzugeben. Wie Stones Film, bleibt das Buch dabei in seinem Urteil über das Beschriebene zurückhaltend bis neutral. Weder werden politische Ursachen genannt, noch Dolchstoßlegenden gesponnen. Wenn die Soldaten z.B. auf die Offiziere oder gar den sich absetzenden Kaiser schimpfen, bzw. sich über diese lustig machen, ist dies immer der unmittelbaren Situation und dem Gegensatz des eigene Erlebens zu dem vermeintlichen der Großkopferten geschuldet. Der Krieg wird angeprangert als das schreckliche Blutbad, das er gewesen ist, doch findet der Roman – und auch sein Hauptprotagonist – keinen dafür Verantwortlichen, keinen Schuldigen. Der Krieg steht da wie ein Naturereignis. Wohl menschgemacht, doch eben geschehen, als sei er unabwendbar. Der Mensch, der solche Gewalt entfacht, ist dann eben seines eigenen Unglückes Schmied.

SCHLUMP ist also eine hervorragende Bereicherung für jeden, der sich mit der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts beschäftigen will und dabei nicht nur auf die ohnehin bekannten Werke der Literatur oder gar Fachwerke zurückgreifen will. SCHLUMP bietet wohl einen Einblick in die Wahrnehmung und das Erleben jener, die diesen Krieg ausfechten mussten, ohne über die verfeinerte Bildung und daraus resultierende Metabetrachtung eines Ernst Jünger oder die kritische Intelligenz eines Erich Maria Remarque zu verfügen. Hans Herbert Grimm verleiht denen eine Stimme, die schlicht in diesen Weltenbrand geworfen wurden und verzweifelt versuchten, ihn zu überleben. Irgendwie.

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