RÄUME DER GEWALT

Jörg Baberowski untersucht die Bedingungen, unter denen sich Gewalt entfalten kann

Was ist Gewalt? Wo beginnt sie, wie äußert sie sich – immer physisch, oder gibt es psychische Gewalt, die der physischen gleichzusetzen ist? – wer bedient sich ihrer und wie wirkt sie? Das Phänomen Gewalt wird seit geraumer Zeit in der Psychologie, der Soziologie und den Bereichen, wie bspw. der Sozialpsychologie, die permanent interdisziplinär arbeiten, als eigenes Phänomen untersucht; die Ergebnisse der Analysen sind, wie meist, wenn Phänomene untersucht werden, weit gestreut und äußerst divergent. Zuletzt war es Steven Pinker, der mit THE BETTER ANGELS OF OUR NATURE: WHY VIOLENCE HAS DECLINED (GEWALT: EINE NEUE GESCHICHTE DER MENSCHHEIT; dt. 2011) den Versuch unternahm, ein Standardwerk zu setzen, welches, an Norbert Elias´ DER PROZESS DER ZIVILISATION gemahnend, die These vertrat, daß der Mensch im Laufe seiner Zivilisierung auch seine Gewaltpotentiale unter Kontrolle gebracht und im Rahmen von Gesetzen, Militär und zivilen Institutionen eingehegt und weitestgehend befriedet habe. Pinker wurde neben den üblichen Vorwürfen, er habe unsauber gearbeitet, seine Daten seien willkürlich gewählt, die Begrifflichkeiten zu ungenau, sein Blickfeld zu weit und seriös nicht überschaubar, auch entgegnet, daß dies eine extrem eurozentrische Sicht sei, die die Gewaltpotentiale außerhalb der Gesellschaften, die nach nahezu 2000 Jahren Dauerkonflikten einfach ermattet seien, außer Acht ließe. Dies allerdings war ein nicht ganz unberechtigter Einwand.

In seinem vergleichsweise schmalen Band RÄUME DER GEWALT, blickt Jörg Baberowski u.a. auch kritisch auf Pinkers Thesen, ebenso auf die von Elias, auf jene von Zygmunt Baumann und die von Wolfgang Sofsky – gemeinhin alles anerkannte Koryphäen und Vertreter ihrer jeweiligen Zunft. Baberowski stellt in den ersten Kapiteln recht anschaulich, allerdings ebenso kritisch, die Ansätze der Genannten vor. Ob Elias Annahme, daß mit der höfischen Gesellschaft und ihrem oft rigid engen Regelwerk aus Anweisungen und Vorgaben zu Benimm und Anstand ein Zivilisationsprozeß ausgegangen sei, der sich bis in unsere Gegenwart hinzöge; ob Baumanns Verknüpfungen der Moderne mit Auschwitz als Chiffre für jene Menschheitsverbrechen, die in den Todeslagern der Nationalsozialisten verübt wurden, und die These, daß diese Epoche eine Gewalt ganz eigener (und einzigartiger) Qualität hervorgebracht hat; oder auch Sofskys Aussage, daß Gewalt ein kulturimmanentes Phänomen sei, welches durch verschiedene kulturelle Maßnahmen verstärkt oder abgemildert werden kann – Baberowksi hält ihnen allen entgegen, daß Gewalt dem Menschen, quasi einem anthropologischen Axiom gleich, inhärent sei und von ihm immer als Mittel (auch legitimes Mittel) betrachtet würde, eigene Ansprüche und den eigenen Willen zu behaupten und durchzusetzen. Atavistische Anwandlungen als unsere ständigen, unsichtbaren Begleiter? Der berühmte „dünne Firnis der Zivilisation“, der jederzeit reißen und die hässliche Fratze des Unholds freilegen kann?

Einmal davon abgesehen, daß Baberowski gelegentlich einen etwas anstrengenden, weil gefühlt schlecht gelaunten, Ton anschlägt, kann man seinen kritischen Anmerkungen zwar durchaus folgen und auch allerhand abgewinnen, stellt aber – zumal wenn man die kritisierten Werke ein wenig kennt – fest, daß er herausgreift, was seinen anthropologischen Ansatz stützt und schlicht ablehnt, gelegentlich gar spöttisch betrachtet, was diesen unterminiert, ohne dabei einen ähnlich umfangreichen Apparat und wissenschaftliche Quellen anzuführen, wie die von ihm Kritisierten dies tun. Hier tritt ein Essay gegen wissenschaftliche Werke an, ein von vornherein ungleiches Ringen, welches das vorliegende Werk denn auch auf die Seiten des Feuilletons verweist, die betrachteten Werke verbleiben jedoch auf den Wissenschaftsseiten. So haben wir es denn mit einer indirekten Kritik zu tun, wenn man so will. Baberowski macht dennoch die gleichen Fehler, wie seine Kollegen und Kontrahenten: Er hegt den Begriff nicht ein und so bleibt der gleiche fade Beigeschmack, den man auch bei Elias, Baumann, bei Sofsky, Reemtsma, Heitmann und schließlich auch (wenn auch eingeschränkt) bei Pinker hatte, bleibt doch allzu unklar, worüber man eigentlich spricht, wenn man den Begriff „Gewalt“ nutzt?

Foucault wird der Gewaltbegriff nahezu eins mit dem Machtbegriff, da war er beileibe nicht der einzige, Baberowski scheint sich diese Einschätzung zwar nicht zueigen zu machen, doch neigt er ihr zweifellos zu. In langen Passagen zitiert er jene fürchterlichen Eingangsseiten zu Foucaults SURVEILLER ET PUNIR (dt.: ÜBERWACHEN UND STRAFEN), in denen eine Hinrichtung mit vorausgehenden Martern minutiös beschrieben wird. Gewalt, so Baberowkis Ansatz, wurde vom Menschen früh als Mittel zum Zweck erkannt, sie festigt seine Macht in der Gruppe, im Staat, im Reich, zuvor hilft sie, die Macht zu erringen. Sie entwickelt ihre höchsteigene Dialektik. Gelegenheiten und – mehr noch – ein Regelwerk, das die Gewalt legitimiert, bzw. positiv sanktioniert, werden immer auch genutzt, Gewalt zu entfesseln und sogar zu enthemmen. Als Beispiele dienen ihm, wie in den vergangenen Jahren so vielen, jene Berichte der Polizeibataillone der Nazis, deren Mitglieder nicht nur nicht gezwungen waren, zu töten, sondern denen man ausdrücklich freistellte, sich zurückzuziehen, sollten die Massenerschießungen für den Einzelnen nicht erträglich sein, sowie jene Berichte aus den KZ, die von unglaublicher Lust an Folter und Erniedrigung künden. Wie Jan Philipp Reemtsma in seiner ansonsten sehr lesenswerten Studie zur Gewalt, VERTRAUEN UND GEWALT. VERSUCH ÜBER EINE BESONDERE KONSTELLATION DER MODERNE geht auch Baberowski nicht den nächsten Schritt und wagt sich in ein Gebiet, wo Gewalt nicht mehr als institutionelles und institutionalisiertes Phänomen betrachtet wird, sondern als rein psychologisches. Sicher werden Menschen, wenn es ihnen erlaubt ist, schneller Grenzen übertreten, doch solche, die sadistische Züge in sich tragen und vielleicht in einer Zivilgesellschaft im Geheimen ausleben würden, sind in einem System wie dem der KZ geradezu aufgefordert hervorzutreten. Die Unterscheidung zwischen institutioneller, militärischer, kriegerischer und Gewalt in Friedenszeiten, der Unterschied zwischen affektiver Gewalt und berechneter, zwischen physischer und psychischer, zwischen politischer und privater usw., wird kaum vollzogen oder definiert. Dadurch bleibt jedoch der Begriff „Gewalt“ derart schwammig und offen für jedwede Interpretation und Konnotation, daß ein Operieren damit eher oberflächlich bleiben muß.

Es gäbe neben den dargelegten eine Menge weiterer Möglichkeiten, einen Text wie Baberowskis auf ähnliche Art und Weise anzugreifen, wie er dies mit den von ihm kritisierten tut. Doch sollte man eher dankbar sein, daß sich aus so unterschiedlichen Richtungen und mit solch unterschiedlichen Mitteln und Instrumentarien am Gegenstand abgearbeitet wird. Es kann eigentlich nicht genug Denkanstöße geben, um sich dem Phänomen „Gewalt“ zu nähern, gerade in Zeiten, in denen Gewaltanwendung in ganz unterschiedlichen Bereichen wieder als probates Mittel der Konfliktlösung erscheint. Baberowski bietet einen bedenkenswerten Einwurf, der uns nicht entbinden sollte, die Werke von Elias, Baumann und vielen anderen ebenfalls wieder zur Hand zu nehmen und neu zu studieren, ein jedes wird uns etwas zur aktuellen Lage zu sagen haben. Leider.

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