ROT (HUNGER)

Senthuran Varatharajah mischt in seinem zweiten Roman ein schwer zugängliches Gebräu aus persönlicher Erinnerung und der Geschichte des "Kannibalen von Rotenburg"

Ich habe dich zum Fressen gern – ein geflügeltes Wort, über das genauer nachzudenken in seltsame, makabre und durchaus unangenehme Bereiche der menschlichen Psyche und Emotion führen kann. Einige meinen es ernst, todernst sozusagen. Und machen Ernst. So tat es der sogenannte „Kannibalen von Rotenburg“. Armin Meiwes, so sein Name, suchte und fand im Internet einen anderen Menschen – Bernd Jürgen Brandes – der sich ihm als Opfer anbot. Während Meiwes die Vereinigung mit einem Menschen wollte, den er komplett in sich aufnehmen und immer mit sich tragen wollte, wurde Brandes, der zuvor vollkommen unauffällig gewesen ist, im Prozess ein extremer Masochismus attestiert, bei dem die Vorstellung, von jemand anderem getötet, gegessen und vollkommen verinnerlicht zu werden, zentraler Bestandteil seiner Maximalphantasien war. Meiwes erfüllte ihm den Wunsch und erfüllte sich den eigenen. Als Mord wollte er den Vorgang auf keinen Fall verstanden wissen.

Der Fall ging einige Wochen durch die Presse und zog enorme Aufmerksamkeit auf sich. Mehrfach wurde er künstlerisch verarbeitet, wobei die nach Meiwes´ Geschichte entstandenen Filme vor allem an der Ausschlachtung der expliziteren Details interessiert schienen. Denn was fasziniert nach wie vor mehr als Sex & Drugs & Rock´n´Roll – Eros und Thanatos oder eben Blut und Liebe. Vor allem Blut. Und Kannibalismus ist und bleibt eines der letzten große Tabus westlicher Gesellschaften. Ein Faktum, über welches sich in Anbetracht einer Religion, bei deren Rituale der Gläubige Blut vom Blute und Fleisch vom Fleische seines Gottes – wenn auch symbolisiert durch Wein und eine Oblate – zu sich nimmt, durchaus bedenkenswert ist.

Man kann also nachvollziehen, daß der Fall des „Kannibalen von Rotenburg“ Künstler – gleich ob Filmemacher, Dramatiker oder Schriftsteller – fasziniert und vielleicht sogar inspiriert. So wird es dann auch bei Senthura Varatharajah gewesen sein. In seinem zweiten Roman ROT (HUNGER) (2022) widmet er sich in einer höchst komplexen und noch viel komplizierteren sprachlichen Anstrengung der Angelegenheit und schließt sie kurz mit einer offenbar autobiographischen Liebesgeschichte. Varatharajah ist tamilischer Herkunft, als kleines Kind kam er als Flüchtling nach Deutschland. Er schreibt auf Deutsch. Und schon in seinem hervorragenden ersten Roman VOR DER ZUNAHME DER ZEICHEN (2016) war es vor allem die Sprache, der er sich in einem ebenfalls hochkomplexen Debut widmete. Und so ist es auch hier.

Es ist die Sprache, auf die Varatharajah immer wieder zurückkommt, deren Macht und Ohnmacht er untersucht und immer wieder auf den Prüfstand stellt. Sprechen wir uns, wenn wir „ich“ sagen – oder müssen wir selbst in dem Satz „Ich liebe Dich“ immer auch die Abwesenheit, die Unerreichbarkeit des anderen erkennen? Sind wir in unserer subjektiven Sprache derart eingeschlossen, daß das Lieben an sich schon Illusion bleiben muß, weil sowohl „ich“ als auch mein Adressat immer schon eine eigene Vorstellung dessen haben, was mit der „Liebe“ eigentlich gemeint ist? Und wenn ich den andern essen will, mir einverleiben will, eine immerwährende Vereinigung zu vollziehen glaube – wenn ich jemanden also „zum Fressen gern habe“, ist das dann Ausdruck der Verzweiflung vor der Unüberwindlichkeit in der Sprache der Liebe? Es verwundert nicht, daß der Ich-Erzähler, der hier nahezu deckungsgleich mit dem Autor des Romans ist, an einer Stelle Roland Barthes´ FRAGMENTE EINER SPRACHE DER LIEBE (FRAGMENTS D´UN DISCOURS AMOUREUX/1977) bei sich trägt. Welches Buch käme dem Rezipienten bei einem solchen Thema eher in den Sinn?

Aber es verwundert auch nicht, wenn der Leser auf Sätze wie diesen in Varatharajahs Roman stößt:

Unsere Sprache der Liebe ist eine Sprache der Einsamkeit. Und diese Sprache erzählt nur davon: von der Trauer unserer Hände.

Ein Satz, der unmittelbar von Barthes beeinflusst ist und schließlich in diese Aussage mündet:

Die Strenge eines Satzes gehört zum Register seiner Empfindsamkeit.

Letzteres ein Satz, den der Autor im Verlauf der knapp 115 Seiten, die dieser Band nur umfasst, mehrfach variiert. Ein Satz, an dem der Leser zwangsläufig hängenbleibt. Und sich fragt, ob er es hier mit echtem Tiefgang oder doch Schwurbelei zu tun hat? Erschwert wird die Beantwortung dieser Frage – sie stellt sich im Laufe der Lektüre einige Male, um nicht zu sagen, häufig – dadurch, daß der Autor sich eines sehr eigenwilligen Schriftbildes, bzw. Seitenlayouts bedient. Mal werden Sätze durch große Wortabstände gedehnt und gestreckt; grundsätzlich ist der Text im Blockformat gesetzt, doch da er immer wieder durch eben diese Dehnungen und Streckungen, Absätze und Einrückungen unter- und aufgebrochen wird, fällt das Format vor allem dann ins Auge, wenn einzelne Wörter getrennt werden und dies nur und ausschließlich zu den Bedingungen des Formats geschieht. Keine Silbentrennung und auch kein Trennstrich, sondern das Wort wird bis zum Ende der Zeile ausgeschrieben und läuft in der nächsten Zeile einfach weiter. Verwirrend, wenn dann gelegentlich nur einzelne Buchstaben in den Zeilen verrutschen etc. Doch genau darauf verweist der Text ununterbrochen – auf die eigene Form, die so zu einer Art Beweisführung wird. Die Grammatik, die Regeln der Sprache und der Schrift, jene Konventionen, auf die wir uns dank Duden geeinigt haben, können a priori nicht das emotionale Geflecht durchdringen, das die Begegnung zweier Menschen immer bedeutet, je intimer desto intensiver und verschlungener. So muß die Sprache, müssen die Regeln der Sprache gebrochen und bewusst ver-rückt werden, um dem Anarchischen, der Wildheit und Ungebundenheit der Liebe an sich gerecht zu werden. Annähernd gerecht zu werden.

Wahrscheinlich sollte man ROT (HUNGER) als das lesen, was es dem Erscheinungsbild nach eigentlich ist: Ein Gedicht. Ein (post)modernes Lang-Gedicht, ungebunden, frei von jeglicher Lehre, Regel oder vorgegebenen Rhythmik, mäandernd, assoziativ, manchmal metaphorisch, gelegentlich explizit in seiner hyperrealistischen Drastik. Man denkt automatisch an Gedichte von Allen Ginsberg aus den späten 50er und den 60er Jahren; sprachliche Meditationen, Versuche, tief empfundene Wahrheiten sprachlich zu erfassen oder zumindest in einem ganz eigenen Duktus und einem eigenen Rhythmus auszudrücken. Jazz-Lyrik.

Das kann den Leser faszinieren, so er denn bereit ist, sich auf einen Meta-Text einzulassen, der sich seines Status´ als Meta-Text immer schon bewusst ist. Ein Text, der immer über sich selbst sinniert und sich und damit den Leser, mehr noch vielleicht den Autor, mit Fragen bombardiert, auf die niemand Antworten erwarten kann. Hier untersuchen sich Zeichensysteme selbst – womit Varatharajah beim Vorgänger anschließt. Da er nicht nur Philosoph, sondern auch evangelischer Theologe ist, ein Bibelkenner, und da am Anfang bekannterweise das Wort war, kann Varatharajah seinen Roman aber auch ausweiten auf die Kultur des Landes, in dem er heimisch geworden ist. Er vermittelt immer untergründig das christliche Moment des Opfers mit. Und es ist wohl diese Ebene, die ihn auf die Geschichte von Meiwes und Brandes – im Buch als A und B benannt – zurückgreifen lässt.

Denn inhaltlich wird hier nahezu nichts erzählt, eine Geschichte findet nicht statt. ROT (HUNGER) ist entweder das oben beschriebene Gedicht, es ist der Meta-Text in lyrischer Fassung, oder es ist schlicht eine Meditation über die Vergänglichkeit der Liebe und darüber, wie wir uns selbst in unseren intimsten, innigsten, geheimsten Wünschen, in jenen Regionen unseres Innern, in welche wir nur ungern und nicht allzu oft hinabsteigen, irren können. Der Erzähler berichtet, wenn auch fragmentarisch und ausnahmslos assoziativ von einer alten Liebe. Es ist das Zwiegespräch mit einer Ex-Freundin, wie es wohl jeder kennt, der eine tiefgreifende Trennung erlebt hat und nun in fast zwanghaften inneren Dialogen die Auseinandersetzung mit dem nun unerreichbar gewordenen Objekt der Begierde sucht, um wieder und wieder all das zu sagen, was immer gesagt werden musste, nie gesagt wurde und das doch so wesentlich scheint, um verstanden zu werden. Zugleich ist es auch Erinnerung an gemeinsame Reisen, kreuz und quer durch Europa, mal beruflich, mal privat. Darunter auch eine zu dem Anwesen von Armin Meiwes. Nichts wird dabei erklärt. Der Leser findet sich an der Stelle des Adressaten wieder, der die Informationen hat, die den Anspielungen und Beschreibungen von emotionalen Reaktionen auf unterschiedliche Situationen, Menschen und Momente zugrunde liegen. Und so ist alles – wie dieser gesamte Text hier – immer nur Interpretation. Womit Varatharajah grundlegende Erkenntnisse postmoderner Theorien, vor allem postmoderner, poststrukturalistischer Literaturtheorien, verarbeitet, nutzt und zur Prämisse seines Textes macht; ein Konvolut, das dann konsequenterweise eben auch „Text“ genannt werden sollte – und vielleicht eher nicht „Roman“.

Es erschließt sich dem Leser so natürlich keine Kausalität. In einander abwechselnden Kapiteln – oder Abschnitten oder Strophen, wie man will – wird die persönliche Liebesgeschichte, die sich aber auf Freundschaften und Leibesbeziehungen im Allgemeinen ausdehnt, des Erzählers verarbeitet und die Begegnung zwischen Meiwes und Brandes erzählt. Das ist nicht zwingend, schon gar nicht psychologisch oder analytisch nachvollziehbar. Es bleibt eine Aneinanderreihung von Ideen, Einschüben, Gedankensprüngen, Verweisen und Zitaten, das man sicher im Einzelnen auseinanderklamüsern könnte, doch fragt sich: Warum? Denn das ist das Problem dieses Texts und vergleichbarer Texte: Zumeist können sie ihre Leser nicht genug fesseln, binden, vereinnahmen, sich einverleiben (um im Kontext zu bleiben), damit diese sich der Mühe unterziehen, all diesen Verweisen und Zitaten, den Gedankensprüngen und Einschüben zu folgen. Ein Spiel, eine Schnitzeljagd, braucht schon Anreize, auch emotionale Anreize, damit man bereit ist, den ganzen Parcours zu gehen. Varatharajahs Roman aber ist zu hermetisch, lässt den Leser nicht wirklich ein, sondern hält ihn permanent in einer intellektuellen Spannung, die jedwedes emotionale Interesse an beiden hier präsentierten Geschichten – die letztlich auch nur in den Köpfen der skizzierten Protagonisten und damit irgendwann auch des Lesers zusammenfinden – erkalten lässt.

Dann aber ist dies nur noch eine fleißige Übung, eine Leistungsschau der eigenen Belesenheit, ein nicht uneitles literarisches Unterfangen. Doch besteht insofern Hoffnung, da es ja immer heißt, der zweite Roman sei der schwierigste. Vielleicht ist dies ein Freischwimmen, ein notwendiger Versuch, sich den Zeichen des Vorgängers zu entziehen. Und letztlich zu einer Geschichte durchzudringen.

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