THE LITTLE THINGS

Serien-Killer-Thriller? Psychodrama? Kriminalfilm? John Lee Hancocks Film kann sich nicht entscheiden

Im Jahr 1990 wird eine junge Frau nachts auf einem kalifornischen Highway von einem fremden Fahrzeug bedrängt. Der Fahrer folgt ihr, als sie an einer leider geschlossenen Tankstelle Hilfe sucht. Im letzten Moment gelingt es ihr, einen Truck anzuhalten. Sie entkommt.

Ein paar Monate später. Joe „Deke“ Deacon (Denzel Washington) ist ein Ex-Detective des LAPD, der mittlerweile in einer kleinen Stadt als Streifenpolizist arbeitet. Nachdem ihm bei der Fahndung nach einem Serienmörder ein fataler Fehler unterlaufen ist und er eine Geisel erschoss, ist er ausgebrannt und hat sich zurückgezogen.

Eines Tages schickt Deacons Chef ihn nach Los Angeles, um Beweismittel in einem Mordfall zu holen. Vor Ort lernt Deacon, der von den alten Kollegen trotz seines einst legendären Status´ eher zwiespältig begrüßt wird, den Ermittlungsleiter Jimmy Baxter (Rami Malek) kennen, der ebenfalls an einem Mordfall arbeitet, der sich offenbar zu einem Serienkiller-Fall auszuweiten droht. Baxter ist ein wenig verzweifelt, da es ihm nicht gelingt, neue Erkenntnisse zusammenzutragen.

Deacon, den der alte Fall, den er nie lösen konnte, in dem er nur Leid über eine Familie gebracht hat, immer noch beschäftigt, wagt einen Blick auf Baxters Ermittlungsunterlagen und stellt fest, daß es Analogien zu seinem alten Fall gibt. Baxter weiß durch Kollegen, wer Deacon ist und welchen Ruf er genießt. Doch erfährt er auch, daß Deacon an dem alten Fall, der die junge Frau das Leben gekostet hat, zerbrochen ist, einen Herzinfarkt erlitt, geschieden wurde und seitdem in Depressionen versinkt.

Baxters Vorgesetzte wissen, daß Deacon immer noch obsessiv von dem alten Fall besessen ist, weshalb sie wollen, daß er nicht in die Ermittlungen involviert wird. Doch Baxter hat mittlerweile mit seinem Chef gesprochen, Urlaub beantragt und beschlossen, Baxters Fall zu lösen – und damit vielleicht die eigenen Dämonen zu besiegen.

Als ein weiteres Opfer gefunden wird, begleitet Deacon Baxter zum Fundort der Leiche. Wieder wirkt es so, als habe man es mit einem Opfer des selben Täters zu tun haben: Eine Prostituierte, die erstochen wurde, wobei der Mörder sie mit einem Messer geradezu zerfleischt hat.

Während Baxter den herkömmlichen Ermittlungen vorsteht, geht Deacon nun den abseitigeren Spuren nach. So ist immer wieder ein Mann namens Albert Sparma (Jared Leto) aufgefallen, der an einigen Tatorten gesehen wurde und, da er in einem Geschäft arbeitet, das nah an allen Fundorten lag, ins Fadenkreuz der Fahnder geraten ist. Jedoch gibt es keinen Beweis, daß er etwas mit den Fällen zu tun haben könnte.

Deacon beschattet den Mann, bekommt ihn aber nie wirklich zu fassen. Er nimmt ihn für eine Befragung auf das Revier mit, wo Sparma sich über die Polizisten lustig macht und sie immer wieder provoziert, was schließlich dazu führt, daß Deacon ihn körperlich angeht. Daraufhin darf Sparma gehen und Deacon holt sich einen Rüffel seiner früheren Kollegen ab.

Während der Befragung ist jene junge Frau, die eingangs gerade noch einem Angriff entkam, auf dem Revier aufgetaucht und erklärt, sie habe den Täter wahrscheinlich gesehen. Es kommt zu einer Gegenüberstellung, bei der sie Sparma tatsächlich erkennt. Doch dann wird klar, daß sie gesehen hat, wie Sparma in Handschellen aufs Revier geführt wurde, wodurch sie als voreingenommen gilt. Ihre Aussage ist nichts wert.

Da Baxter und Deacon nicht vorankommen, droht Baxters Vorgesetzter, das FBI einzuschalten. Er gibt den beiden noch ein paar Tage, dann werde er die Bundesbehörde informieren.

Die beiden Detectives sind sich mittlerweile auch auf persönlicher Ebene nähergekommen. Baxter hat Deacon zu sich nachhause eingeladen, wo der Baxters Frau und Kinder kennengelernt hat. Eine ganz normale und scheinbar glückliche Familie, von der Baxter all das Unheil, das er auf den Straßen der Stadt sieht, fernzuhalten sucht. Deacon erklärt ihm, er solle immer auf die kleinen Dinge achten, denn die seien es, die zählten. In jederlei Hinsicht: Sie machten das Glück aus, bspw. in einer Familie, doch sie verrieten auch die Täter. Immer seien es die kleinen Dinge, mit denen Mörder sich verrieten.

Ein früherer Kollege teilt Deacon mit, daß Sparma ein unsicherer Verdächtiger sei. Jahre zuvor habe er sich eines Mordes bezichtigt, den er auf keinen Fall habe begehen können. Sparma sei offenbar jemand, der sich gern wichtigmache.

Ein Fingerabdruck des aktuellen Mörders konnte sichergestellt werden, auch von Sparma liegt ein Vergleichsabdruck vor, doch reichen die Übereinstimmungen nicht aus, um eine Anklage zu erheben.

Deacon und Baxter beschließen, in dessen Abwesenheit in Sparmas Appartement einzudringen, wo sie allerdings nichts von Interesse finden. Während er die kleine Wohnung durchsucht, geht Deacons Scanner der Saft aus. So kann Baxter ihn nicht warnen, als deutlich wird, daß Sparma ihnen eine Falle gestellt hat: Er hat einen polizeiinternen Notruf betätigt, ein Officer sei angeschossen worden, was den Einsatz eines Spezialkommandos auslöst.

Deacon kann aber rechtzeitig entkommen und damit verhindern, daß sein unerlaubtes Eindringen in Sparmas Wohnung entdeckt wird. Baxter beobachtet derweil Sparma, wie dieser wiederum den Einsatz beobachtet.

Baxter verfolgt und beschattet Sparma auf eigene Faust. Schließlich stellt er ihn und fordert ihn auf, ihm zu verraten, wo die Leiche der Joggerin Ronda Rathburn versteckt ist. Die war einige Tage zuvor verschwunden und von Deacon und Baxter dem gesuchten Mörder zugeschlagen worden.

Sparma willigt schließlich ein, Baxter zu zeigen, wo er die Leiche verscharrt hat. Er führt den Detective auf ein abgelegenes Gelände in der Wüste und lässt ihn dort graben. Irgendwann fällt ihm ein, daß es doch eine andere Stelle gewesen sein müsse. Das Spiel wiederholt sich mehrfach, bis Sparma Baxter verhöhnt und ihm erklärt, daß er nie irgendwen umgebracht habe und keine Ahnung habe, wo die Leiche – so es denn eine gebe – versteckt sei.

Baxter glaubt Sparma nicht und gräbt weiter. Sparma tanzt geradezu um ihn herum und macht sich über ihn lustig, bis Baxter die Beherrschung verliert und Sparma mit der Schaufel niederschlägt. Sparma überlebt den Angriff nicht.

Baxter, der die beiden verfolgt hatte, kommt hinzu. Nun wird in einer Rückblende gezeigt, was damals wirklich passiert ist: Deacon und zwei Kollegen haben die Leiche des letzten Opfers, das Deacon versehentlich erschossen hatte, beseitigt, so daß nie herausgekam, was wirklich passiert ist.

Deacon entschließt sich, nun Baxter zu helfen. Er erklärt ihm, er solle Sparmas Leiche vergraben, er käme bald zurück. Dann fährt er zu Sparmas Wohnung und räumt sie komplett aus, so daß es wirkt, als sei der Mann kurzfristig verzogen. Ein Argument, das einleuchtet, nachdem er Ärger mit der Polizei hatte.

Als Deacon zu Baxter zurückkehrt, sieht er, daß der keinesfalls die Leiche beseitigt hat, sondern immer mehr und mehr Löcher gebuddelt hat, immer in der mittlerweile wahnhaften Idee, die Leiche doch noch zu finden. Er ist vollkommen davon überzeugt, daß Sparma der Täter gewesen ist.

Deacon erklärt ihm, daß es keine Rolle mehr spiele, ob Sparma der Täter war oder nicht. Baxter solle den ganzen Fall vergessen, manchmal müsse man eben mit kleineren Ergebnissen Vorlieb nehmen. Sonst würde der Fall Baxters gesamtes Leben überdecken.

Einige Zeit später trifft ein Brief für Baxter bei ihm zuhause ein. Darin befindet sich die rote Spange, die Ronda Rathborn bei ihrem Verschwinden getragen hatte. Deacon schreibt ihm, er habe sie übersehen, jedoch später in Sparmas Sachen gefunden. So erfährt Baxter, daß er sich nicht getäuscht hat, Sparma war offensichtlich wirklich der Täter.

Deacon verbrennt vor seinem Haus die letzten von Sparmas Sachen, die er aus dessen Wohnung mitgenommen hatte. Als alles in einer Tonne vor sich hin kokelt, wirft er auch noch ein neu gekauftes Set Haarspangen hinzu, bei dem die rote fehlt. Dann geht er ins Haus.

Lust auf einen Verriss? Bitteschön: John Lee Hancocks THE LITTLE THINGS (2021) ist ein misslungener Film, der seinem Thema nicht gerecht wird und unentschlossen zwischen Kriminalgeschichte und Psychodrama changiert, ohne etwas mit seinen Figuren anfangen zu können. Zudem ist das Drehbuch schwach, weil es den Figuren keine Tiefe verleiht.

Sind das Stimmen aus den hinteren Bänken, die monieren, so ginge das nicht? Da müsse wenigstens eine Begründung her? Wohl wahr. Auch ein Film wie dieser – oder gerade ein Film wie dieser – hat es verdient, etwas genauer unter die Lupe genommen zu werden. Denn Hancock, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, gibt sich ausgesprochen ambitioniert. Und seine Inszenierung ist professionell und erzeugt hier und da auch Spannung. Doch nie trifft sie einen Nerv, immer bleibt beim Zuschauer der Eindruck zurück, als hielte sich der Film zurück, käme nicht zu sich selbst, bräche nicht durch. Als gebe es eine Hemmung, die zwar jeder spürt, die aber niemand so recht versteht oder gar zu lösen verstünde.

Dabei ist Hancocks Ausgangsprämisse eine interessante: Wie gehen Polizisten mit vermeintlichem Scheitern um? Wie mit eigenen Fehlern? Erst recht, wenn diese Unschuldige das Leben gekostet haben? Eben solche Dämonen bedrängen Denzel Washington in der Rolle des Ex-Detectives Joe „Deke“ Deacon. Der verübt den Job als gemeiner Streifenpolizist in einem kalifornischen Kaff. Eines Tages wird er nach LA geschickt, um dort Beweismaterial abzuholen, ein Routinejob. Doch dann trifft er in der Metropole auf einen jungen Kollegen, Detective Baxter, der einen Serienmörder-Fall bearbeitet und nicht vorankommt. Und schnell hängt Deke nun also mit drin in den Ermittlungen. Denn er hat einst selbst an einem ähnlichen Fall gearbeitet und ist aufgrund der Ergebnisse ausgebrannt und hat sich dann zurückgezogen. Rami Malek spielt diesen Detective Baxter, einen jungen, aufstrebenden Beamten des LAPD, ein Familienvater, der nicht mehr recht weiter weiß und auch ein wenig hofft, daß der ältere und erfahrenere Kollege ihm helfen kann.

So hat Hancock also einen der momentan führenden Alt-Stars Hollywoods und einen der gerade aufsteigenden Jung-Stars in seinem Ensemble. Eigentlich eine sichere Bank. Denn beide haben sich bereits in Charakterrollen bewiesen – Washington in seiner mittlerweile über 30jährigen Karriere sowieso, aber auch Malek, sei es in der Serie THE PACIFIC (2010), in der er nicht nur aufgrund seiner auffallenden Physiognomie, sondern auch durch seine Schauspielkunst einen bleibenden Eindruck hinterließ, oder natürlich in der Rolle als Freddie Mercury in BOHEMIEN RHAPSODY (2018). Und doch…irgendwie will es nicht klappen in diesem Film. Die Chemie stimmt nicht und es ist wahrlich ein Geheimnis das seiner Lösung harrt, ob es an den Rollen liegt oder an ihren Darstellern.

Die Rollen müssten genau ausgearbeitet sein, sie müssten Tiefe aufweisen, der Zuschauer müsste den Schmerz, den bspw. Joe Deacon empfindet, wirklich spüren. Clint Eastwood hat im Laufe seiner Karriere solche Typen gespielt und dabei Manierismen ausgearbeitet, mit denen er genau solchen Schmerz glaubwürdig zu vermitteln versteht. Washington aber wirkt einfach wie ein alter, müder und leider auch grauer Mann. Daß diese Erschöpfung von seinem Trauma herrührt, einst die Geisel eines Serien-Killers erschossen zu haben, wird uns anhand von immer längeren und präziseren Rückblenden erläutert, Washingtons Spiel vermittelt es uns nicht. Es bleibt Behauptung. So, wie Washington die Rolle anlegt, haben wir es einfach nur mit einem Griesgram zu tun. Auch bei Malek kommen sich die Figurenanlage im Buch und die Darstellung des Mimen in die Quere. Wir erfahren allerlei Privates über den Mann. Das wiegt uns in Sicherheit, zugleich haben wir aber genügend Thriller gesehen, um zu ahnen: Wer solch ein Familienleben vorzeigen kann, der hat doch eigentlich etwas zu verbergen. Und Malek mit seinen auffälligen, manchmal echsenhaft wirkenden Augen ist geradezu prädestiniert, einen zwielichtigen Charakter zu spielen. Hinzu kommt sein Manierismus, seinen Counterparts oft und gern schnelle Seitenblicke zuzuwerfen, was den Eindruck von Hinterhältigkeit unterstützt. Eine Eigenschaft, die sich die Macher der James Bond-Reihe in dessen letztem Abenteuer NO TIME TO DIE (2021) zunutze machten.

So sind hier zwei schon im Drehbuch allzu oberflächlich angelegte Figuren vielleicht auch noch falsch besetzt. Hinzu kommen eine Menge Andeutungen, die nie er- oder aufgeklärt werden. Warum begegnen Dekes Ex-Kollegen diesem mit solchen vorbehalten? Ist er ein Abtrünniger? Liegt es an seinem Versagen? Einige der alten Bekannten scheinen sich zu freuen, doch es sind nur wenige. Ist Baxter einfach berechnend, erhofft sich vom Älteren Hilfe, so daß er anschließend das Lob einstreichen kann? Oder bewundert er die „Legende“ Deke Deacon wirklich? All diese Spuren – und genau so sind sie filmisch und dramaturgisch angelegt, als Spuren – verwischen im Laufe des Films, führen ins Nichts, werden fallen gelassen. Sie entpuppen sich als reine Spannungselemente, sagen nichts über die Figuren aus, weisen auf keine tieferliegenden Konflikte oder Krisen hin. Irgendwann akzeptieren wir einfach, daß dies eben zwei sehr unterschiedliche Männer sind und diese sich halt „irgendwie“ zusammenraufen. Was ihre jeweiligen Persönlichkeiten und deren Beschädigungen betrifft, scheint der Film sich nicht weiter für sie zu interessieren.

Das wäre dann in einem reinen Genrefilm soweit in Ordnung, weil die Action eh alles übertüncht, was interessant sein könnte, Hauptsache es rumst. Doch THE LITTLE THINGS bietet keine Action – oder zumindest nur sehr wenig. Es ist ein Dialogfilm, ein Film mit einem eher bedächtigen Tempo, der sich eigentlich auf das Spiel seiner Darsteller verlassen will. THE LITTLE THINGS ist aber auch kein Thriller in dem Sinne, daß wir einem Täter folgen und gespannt darauf schauen, wie die FBI-Agentin oder das Polizistenduo ihn einkreist und stellt. Obwohl Hancock lange so tut, als ginge es genau darum. Er verlässt sich auf die inszenatorischen Regeln des Thrillers. Doch dann tritt Jared Leto in der Rolle des Albert Sparma in die Handlung und alles ändert sich. Der Mann ist schnell als Verdächtiger ausgemacht und nimmt die Rolle nur allzu gern an. Und führt die Polizei nun an der Nase herum. Und Baxter fragt sich immer mehr, ob er es wirklich mit dem richtigen Täter zu tun hat. Und der Zuschauer hat es auf einmal mit einem existenziellen Drama zu tun. Denn nun wird die Handlung in eine Art Vulgärversion von Schrödingers Katze überführt: Solange der Mann nicht eindeutig überführt ist, ist er schuldig und zugleich unschuldig. Nicht zu verwechseln mit der Unschuldsvermutung, denn die ist ein juristisches Prinzip, keine Logik- oder gar philosophische Frage.

Leto, der mit seinem wuscheligen Bart und dem fettigen langen Haar Assoziationen zu islamistischen Selbstmordattentätern ebenso wie auch zu Charles Manson wecken soll, verpasst dem Mann mit dem leicht obszönen Namen ausreichend Charisma, damit nicht nur Baxter, sondern auch das Publikum ihn faszinierend genug finden, um seinen wirren Reden zu folgen. Er wird wohl, wenn er denn der Täter ist, eine Mission zu erfüllen haben. Damit wir auch wirklich die Tragweite erfassen, fällt Deke, als er die Sachen des Mannes an sich nimmt, die Reportage HELTER SKELTER des damaligen Chefanklägers Vincent Bugliosi zu den Manson-Morden in die Hände. Nur die Haarspange des vermissten Mädchens, die den letztgültigen Beweis erbringen würde, daß Sparma tatsächlich der Mörder war, die findet Deke nicht. Um Baxter aber ein besseres Gefühl zu geben, als jenes, mit dem er selbst seit Jahren leben muß, kauft er eine entsprechende Spange und schickt sie seinem Kollegen. So nimmt er eine doppelte Schuld auf sich, um den jüngeren Mann zu entlasten. Nobel.

Wer der Täter ist – und da ist man dann am Kern des Films angelangt – erfährt der Betrachter allerdings nicht. Das ist mutig. Bedenkt man, daß sogar noch mancher Sonntagsabendkrimi für Aufregung sorgt, der es sich erlaubt, auf eine Auflösung zu verzichten und die Bevölkerung ohne das gute Gefühl, die Welt sei wieder in Ordnung, in die neue Woche entlässt, dann gilt dies in solcher Bedingungslosigkeit auch und gerade für einen Hollywoodfilm. Die Sache mag düster ausgehen, die Helden mögen am Ende zerstört sein – wer für all das verantwortlich zeichnet will der Zuschauer aber wissen. Selten gelingt es Leinwandthrillern ohne Auflösung zu reüssieren. Das vielleicht beste Beispiel für einen gelungenen Versuch ist David Finchers ZODIAC (2007), der nicht nur keinen Täter, keine Auflösung präsentiert, sondern auch noch akkurat an den Ermittlungsakten entlang erzählt. Denn es ist die Bearbeitung eines authentischen Falles aus den späten 60er Jahren. Und doch gelingt es Fincher mit fast ausschließlich filmischen Mittlen, eine enorme Spannung zu erzeugen. Man folgt dem Film mit angehaltenem Atem, obwohl man die Fakten des Falles kennt und weiß, daß am Ende nie geklärt wurde, wer für die Morde an Liebespaaren in der Bay Area verantwortlich gewesen ist.

Hancock kann sich aber scheinbar nicht entscheiden, was er nun eigentlich erzählen will. Einen Spannungsfilm? Das Drama zweier Polizisten, die unter der eigenen Erfolglosigkeit in ihrem Job leiden? Oder aber einen Psychothriller, der uns einen Mann präsentiert, der mit den Gefühlen der Polizisten spielt, dauernd deren Gewissheiten in Frage stellt und all dies, weil er…ja, was? Was ist das Motiv dieses Mannes, der vielleicht um den Verbleib der Frauenleichen weiß, vielleicht aber auch nicht? Wir wissen es nicht und es steht zu befürchten, daß auch Hancock es nicht weiß. Daß er dann, zu guter Letzt und um das Drama sozusagen komplett zu machen, Baxter den vermeintlichen Verdächtigen töten lässt, als er sich dessen Spiel bewusstwird, ist derart aufgesetzt und gewollt, daß jeder Zuschauer sofort merkt, es hier mit einer dramatischen Steigerung zu tun zu haben, die nur und ausschließlich um ihrer selbst Willen in den Film eingebaut wurde. Irgendwie soll eine Art Gleichgewicht zwischen dem alten und dem jungen Ermittler hergestellt werden – beide wurden ungewollt zu Mördern, der eine aus Versehen (Washington), der andere aus Unbeherrschtheit (Malek). Was soll das? Reine Symmetrie? Oder auch hier angedeutete Tiefe, Schicksal und Tragödie?

Nun gehört es zu einem guten Verriss, nicht einfach alles niederzumachen, sondern differenziert herauszuarbeiten, wo die Kritik angebracht ist und wo nicht. Letzteres ist allerdings schnell erledigt: Gleich, womit man es zu tun hat – Drama, Krimi, Thriller – hier sind Profis am Werk. Hancock selbst ist da zu nennen, aber auch John Schwartzmann an der Kamera oder Thomas Newman, der den Soundtrack beigetragen hat. Die Bilder sind erlesen und dicht, sie schaffen lange eine bedrückende Atmosphäre und wir folgen Deke auf seinen nächtlichen und einigen am Tage stattfindenden Fahrten durch Los Angeles, wobei diese einerseits so gesichtslose, andererseits so ikonographische Stadt sehr gut in Szene gesetzt wird. Newmanns Soundtrack unterstützt das Drama, forciert aber in den richtigen Momenten auch die Spannung. So gleitet man langsam in den Film hinein, wird von seinen suggestiven Bildern gefangen genommen und es dauert, bis die ganze kleinen Schwächend des Films anfangen, sich zu einem großen Defizit zu summieren.

Vielleicht wäre man bereit gewesen, einen reinen Thriller zu ertragen, der eben mit zwei beschädigten Ermittlerpersönlichkeiten aufwartet. Vielleicht wäre das alles bei einer stringenten Inszenierung, vielleicht auf straffe 90 Minuten eingedampft, ein spannendes Unterfangen geworden. Doch kommt Hancocks Film mit seiner Lauflänge von weit über 2 Stunden und all seinen so überdeutlich mit Sorgen belasteten Charakteren einfach zu ambitioniert daher. Da deutet schon der Titel und seine im Film nachgereichte Erklärung hin: Es seien eben die „kleinen Dinge“, an denen man sich verrate, aber auch seien sie es, die einem Aufschluß über das Leben – das eigene und das der andern – gebe. Das ist starker Tobak, wie Weisheiten immer erstmal starker Tobak sind. Philosophie, hohe Ambition. Und dann muß sich der Film an eben diesen Ambitionen messen lassen. Und verliert. Ein Schicksal, das er mit einigen anderen äußerst ambitionierten Produktionen gerade der jüngeren Vergangenheit teilt. Traurig aber wahr.

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