DER WOLF HETZT DIE MEUTE/TIGHTROPE

Eastwoods Dekonstruktion seiner Leinwandpersonae

Captain Wes Brock (Clint Eastwood) leitet die Ermittlungen zu einer Serie von Prostituiertenmorden in New Orleans. Dabei wird der alleinerziehende Vater zweier Töchter mit seinen eigenen Vorlieben konfrontiert, verkehrt er privat recht häufig in der S/M-Szene der entsprechenden Stadtviertel. Im Laufe der Ermittlungen lernt er die Polizei-Psychologin Beryl Thibodeaux (Geneviève Bujold) kennen, die ihn nicht nur durchschaut und verstärkt auf seine eigene Verstrickung in den Fall hinweist, sondern seine Neigungen sogar teilt. Die beiden werden ein Paar. Die Situation spitzt sich zu, als der Täter Brocks Familie ins Visier nimmt…

Als Don Diegel 1971 seinen harten Cop-Thriller DIRTY HARRY vorlegte, schuf er damit nicht nur eine der neomythischen Figuren des jüngeren Hollywoodkinos, sondern prägte gemeinsam mit seinem Hauptdarsteller Clint Eastwood eine Leinwandpersona, die den Schauspieler den Rest seiner Karriere noch hartnäckiger begleiten sollte, als der ‚Mann ohne Namen‘, den er für Sergio Leone in dessen ‚Dollar-Filmen‘ gegeben hatte. Man muß Eastwood hoch anrechnen, daß er, anders als seine Kollegen Charles Bronson oder, später, Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger, immer bereit war, diese Figur nicht nur zu ironisieren (was ihr nicht gut bekommen ist), sondern zur Disposition zu stellen und sie ernsthafter Analyse zu unterziehen.

TIGHTROPE  war, als er 1984 erschien, sicher eine radikale Auseinandersetzung mit dem schweigsamen Großstadt-Cop Harry Callahan. Wurde dem von Siegel, Eastwood und den Autoren des älteren Films, darunter John Milius (Drehbuch u.a. für JEREMIAH JOHNSON/72; Regie u.a. RED DAWN/84), ein sozial verarmtes Privatleben und darüber hinaus ein seltsames Verhältnis zur Privatsphäre anderer Leute zugeschrieben, was der Film deutlich sexuell konnotiert, nehmen Drehbuchautor und Regisseur Richard Tuggle und Eastwood diese Spur nun auf und folgen ihr in eine denkbare und logisch sich entwickelnde Richtung. Dirty Harry wird auf seine verborgenen und verdrängten Seiten hin durchleuchtet und dort finden sich manchmal erschreckende Assoziationen. Brock, anders als Callahan, hat eine Familie, ist als Mensch, besser: als Mann, allerdings ähnlich isoliert und seiner Umwelt entfremdet, wie es sein (filmischer) Vorgänger einst war. Und man sollte nicht meinen, daß die Anwesenheit der Kinder den Cop Brock weniger zwiespältig wirken ließe, als es Callahan einst war. Tuggle nutzt die Töchter, um die inneren Verwerfungen des Mannes noch zu verdeutlichen und er geht dabei weit, wenn eine sehr physische Szene zwischen Brock und seiner älteren Tochter sich in Aufbau, Inszenierung der Körper und der Gestik der Figuren an eine frühere Szene zwischen Eastwood und einer Prostituierten anlehnt, diese doppelt und dann symmetrisch vertauscht. Nicht nur evoziert die Inszenierung einen inzestuösen Moment, sondern die Zuordnung von Schutzbedürftigem und Schützendem wird andeutungsweise vertauscht. Es sind einige solche Merkmale über den Film verteilt, die nicht nur Brocks zunehmende Verwirrung und dadurch ausgelöste Furcht verdeutlichen, manchmal symbolisieren, sondern auch das Publikum verunsichern.

TIGHTROPE ist selbst für seine Zeit langsam inszeniert, nimmt sich viel Zeit für Aufbau, für kleine, scheinbar nebensächliche Momente zwischen den Protagonisten – gerade jene, die Brock gegenüber seinen Kindern als treusorgenden und vor allem besorgten Vater zeigen, sind beispielhaft dafür – und schafft damit eine lebensnahe Atmosphäre mit glaubwürdigen Figuren. Ohne daß es je offensiv thematisiert wird, verstehen wir die Schwierigkeiten im Binnenverhältnis dieser Kinder, gerade der älteren Tochter, zu diesem Vaters. Wir bangen um das innere Heil dieser Familie, lange, bevor wir eine reelle Bedrohung erahnen.

Bedrohlich allerdings ist TIGHTROPE, von Anfang an. Und um diese Atmosphäre der Bedrohlichkeit zu schaffen, nutzt Tuggle zwar manch subtile Volte und Wendung, doch scheut er sich nicht, auch auf den deutlichen Terror jener 1984 immer noch populären ‚Slasherfilmen‘ zurückzugreifen, in denen vornehmlich junge Frauen von undefinierbaren Düstermännern in dunklen Straßen oder verlassenen Hauseingängen dahingemeuchelt wurden. Der Film kommt zwar im Gewande eines Thrillers daher, Spannungsaufbau und Dramaturgie sind jedoch nahezu komplett dem Horrorfilm entliehen. TIGHTROPE greift dessen Entwicklungen auf, nutzt sie jedoch geschickt als Aufhänger für das Psychogramm eines Polizisten, der sich langsam aber sicher in den Fallstricken sowohl seines geheimen Privatlebens als auch seiner Berufswelt verheddert. Die Regeln und Logiken des Horrorfilms eignen sich natürlich besonders gut, wenn man in die Keller und Verliese einer verletzten Männer- und Polizistenseele hinabsteigen will. Brock ist eine Figur, die Eastwood manchmal mit exakt denselben Blicken, reduzierten Gesten und Manierismen ausstattet, wie einst Callahan, diesmal aber nicht als Zeichen eines Entfremdeten, sondern als Zeichen eines Entsetzten, der sich selbst zu mißtrauen beginnt.

Eastwood, dessen Machoimage erstaunlich wenige Dellen abbekommen hatte in den links- und liberalbewegten 70er Jahren, beweist schon eine gehörige Portion Mut, seine Figur in diese Richtung auszuloten. Wes Brock fürchtet Frauen, die Anlage der Figur deutet an, daß er emotional verletzt wurde, doch so oder so ist dieser Mann gehemmt im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht. Am einfachsten ist ihm der Umgang mit seiner jüngsten Tochter, der gegenüber die Beschützerrolle noch funktioniert. Die Psychologin schließlich kann ihn nicht nur ausdeuten, also „lesen“, sondern sie kann ihm auch geben, was er benötigt. In ihrer Beschädigung, Beschädigt-Heit, funktioniert die Beziehung zwischen Brock und Thibodeaux. Sie stellt die Voraussetzung – und da wird der Film auf gelegentlich sogar rutschigen Umwegen dem konservativen Weltbild seines Hauptdarstellers unbedingt gerecht – das Bild der intakten Familie wieder zu erkennen. Alle diese Menschen, ob Erwachsene oder Kinder, mögen beschädigt sein an Leib und/oder Seele, als Verbund und Einheit werden sie gesunden. Zumindest gönnt sich der Film einen Hauch dieser Hoffnung. Eine gerade für eher düstere Filme wie diesen typisch ambivalente Haltung der 80er Jahre und ihres ganz eigenen Hollywood-Zugriffs auf die Wirklichkeit.

TIGHTROPE funktioniert also, wie so viele Beiträge aus dem Thriller- und Horrorfilmfach, in (mindestens) zwei Richtungen: So sehr er in seiner finalen Auflösung die herrschenden Werte und Verhältnisse zu bestätigen scheint, die Verunsicherung ob der gezeigten Deformation einer Gesellschaft, die diese Opfer, gestörten Täter und haltlosen Polizisten hervorbringt, ist schon arg vorangeschritten. TIGHTROPE zeigt uns einen Mann, der einen Hochseilakt vollführt, der ihn und mit ihm seine Nächsten in den Abgrund zu reißen droht; zugleich zeigt er aber auch das Instrument, das Seil, das nicht nur ihm, sondern einer zunehmend entfremdeten Gesellschaft den Atem abzudrücken droht. Verstörend.

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