GEISTER/THE NIX

Nathan Hill verhebt sich gewaltig

Und dann, ca. auf Seite 674, während man mit einem sich faulkneresk über fünf Seiten windenden Satz ringt, der vom Todeskampf einer vergleichsweise unwichtigen Nebenfigur erzählt, kommt dem Leser plötzlich der Gedanke, ob man es schlicht mit einem schlechten Buch zu tun hat. Ob da einer mit mächtigem Wortgeklingel, einer zugegeben beeindruckenden Menge an Einfällen und Ideen für Szenen, Situationen und auch Figuren, einfach versucht, zu übertünchen, daß es für den ganz großen Wurf, den 900-Seiten-Roman, schlicht nicht reicht. Vielleicht noch nicht, bedenkt man, daß dies ein Debut ist, das auf alle Fälle Qualitäten aufweist, die viele nicht haben, die ebenfalls mit Erstlingswerken reüssieren und sich ebenfalls mit der schieren Menge des Materials, dem Umfang und letztlich auch ihrem Thema verhoben haben. Doch dann drängt sich die Frage auf, wieso es 674 Seiten braucht, um das zu merken? Was macht denn eigentlich ein „schlechtes“ Buch aus?

Eines ist und bleibt festzuhalten: Auch Nathan Hill macht den Fehler, den all die Werke der amerikanischen „Wunderkinder“ – ob Marisha Pessl, ob Rachel Kushner, ob Garth Risk Halberg – aufweisen: Sein Werk ist gnadenlos zu lang. Fast 900 Seiten? Sowas schaffen die Großen, die ganz Großen, der Rest von uns, Normalsterbliche, haben meist weder den langen Atem noch die nötige Phantasie und dann noch das Sprachvermögen, den Leser auf 900 Seiten zu fesseln, es sei denn, sie schreiben Spannungsliteratur. Warum ein jeder, der als Literat ernst genommen werden will, meint, erstmal einen Klopper vorlegen zu müssen, wird wahrscheinlich das Geheimnis der Verlage und ihrer Verkaufspolitiken bleiben. Es wäre all diesen angehenden Nobelpreisträgern zu wünschen, sie würden sich in der kleinen Form – der Novelle, einem kurzen, knackigen, „straight“ erzählten Roman vielleicht – versuchen und ihre sprachliche Schärfe daran üben und einstellen. Es bliebe dem Leser so manches erspart.

Doch genug des kleingeistigen, miesepetrigen Herumgekrittels, denn dieser Roman hat durchaus Qualitäten, weiß auf weiten Strecken gut zu unterhalten und wird vor allem jenes Publikum zufrieden stellen, das es sich gern mit einem Feel-good-Schmöker à la John Irving auf dem Sofa bequem macht. Sam Andresen sucht seine Mama – das ist die Kurzfassung dieses Schmökers. Die nämlich hat ihn im Alter von ca. zehn Jahren verlassen und seitdem ist sein Leben wenn nicht öd und leer, so doch geprägt von dieser Abwesenheit. Als der Präsidentschaftskandidat Packer – ein erstaunlich nah an Donald Trump angelehntes Exempel eines Populisten – von einer scheinbar Verrückten angegriffen und NICHT verletzt wird, setzt sich damit eine Maschinerie der Erosion familiären Gewissheiten, seelischen Gleichgewichts und innerer Zersetzung in Gang. Es ist niemand anders, als Sams lang verschwundene Mutter, die da als Attentäterin über sämtliche Kanäle sämtlicher TV-Anstalten läuft. Und er, Sam, mittlerweile ausgesprochen gelangweilter Literaturprofessor einer kleinen Universität, ein paar Hundert Meilen südlich von Chicago, der sich hauptsächlich im Internet in einem Endlosspiel namens „Elfscape“ herumtriebt und seine sonstige Zeit mit gelangweilten und unwilligen Studenten verbringt, wird in den Strudel um die Ereignisse um seine Mutter hereingezogen. Durch die halbe USA, nach Norwegen, in die jüngere amerikanische Geschichte und immer wieder in das Innenleben dieses halbwegs komplexen Charakters, Sam, führt dieser Roman seine Leser mit viel Lust am Fabulieren, manchmal groteskem Humor und einer endlosen Reihe von Figuren und Charakteren, die bei Weitem nicht alle relevant sind für eine Handlung, die gut und gern nach 700 Seiten hätte enden dürfen.

Warum, so fragt man sich, warum traut sich heute niemand mehr den Mut zur Lücke zu? Warum muß jedes Geheimnis gelüftet, jede Geschichte bis zum bitteren Ende erzählt, jeder Gedankenfurz einer jeden Figur eines Romans erläutert und erklärt werden? Aber ganz spezifisch in Bezug auf die Geschichte dieses Romans, doch auch im Vergleich zu denen einer Rachel Kushner (FLAMETHROWERS) oder eines Garth Risk Halberg (CITY ON FIRE), stellt sich die Frage, wieso amerikanische Romane der jüngeren Generation so mutlos, so ohne Eigenes daherkommen? Sowohl die genannten als auch Hills Werk befassen sich episodenhaft – ebenfalls ein deutliches Kennzeichen dieser postmodernen Literatur: Keine kohärente Erzählung, sondern Level, die, einem Videospiel gleich, erklommen werden müssen und dann neue Erkenntnisse preisgeben, der Bezug zu ’Word of Warcraft‘, den THE NIX [Originaltitel] herstellt, ist da schon recht treffsicher und ironisch selbstreflexiv – mit der jüngeren und jüngsten amerikanischen Geschichte, genauer: der der Bürgerrechts- und Studenten, bzw. der „Hippiebewegung“. Also explizit wird hier die Elterngeneration thematisiert. Hill wurde 1976 geboren, hat also 70% dessen, wovon sein Text berichtet, nicht selbst erlebt.

Sollte man diese Bücher also lesen wie pubertäre Abrechnungen einer Generation, die vielleicht reich und schön, allerdings wahrscheinlich niemals von historischer Relevanz sein wird? Hier, in THE NIX, dessen Hauptteil 1968 während des Parteitags der Demokraten in Chicago spielt, kann man das daran ablesen, daß die einzigen Figuren, die wirklich politisch argumentieren, die wirklich aus politischen Gründen in Chicago zu sein scheinen und nicht aus persönlichen oder privaten Gründen dauernd in die allerprekärsten Lagen schliddern, entweder von grundauf falsch – also Vertreter des „Schweinesystems“ – oder aber hinterhältig und verlogen und letztlich nur egoistisch auf der Suche nach eigener Vollkommenheit sind. Das Politische ist privat? Das Private politisch? Wenn Hill dachte, mit seiner Extremkonstruktion, als die sich seine gesamte Narration schließlich entpuppt und in der Chicago, „1968“ oder der Protest damals zur reinen Kulisse verkommen, dieser Parole der älteren Generation gerecht zu werden, beweist dies, wie wenig er wirklich von „68“ begriffen hat. Kleinere Fehler – bspw. daß die Aktivisten in Chicago ganz explizit als YIPPIES auftraten, um sich deutlich von ihren LSD-verstrahlten Gegenstücken an der Westküste abzugrenzen oder aber den Grund, die gesamte Hintergrunderzählung, wieso es in Chicago gerade gegen die Demokraten und ihren Kandidaten Humphrey zu diesen extremen Ausschreitungen kam, schlicht zu „vergessen“, sowie technische Mängel wie der, daß sich in einer unüberschaubaren Menge, die durcheinander purzelt, hin und her wogt und mit allerlei Wasserwerfern, Gassprays etc. bearbeitet wird, immer wieder die „richtigen“ Leute über den Weg laufen – fallen da schon kaum mehr ins Gewicht, obwohl sie zu einer gewissen Verzerrung des wirklich Geschehenen beitragen und damit – ein weiterer Punkt, der den aufmerksamen Leser gegen das Buch einnimmt – auch dazu führen, daß das ganze Unternehmen THE NIX vor allem eines ist: reaktionär.

Oh, böses Wort! Doch könnte man dekonstruktiv argumentieren, daß diese Art von „Feel good“-Literatur, als deren Pate weiter oben John Irving genannt wurde, immer schon reaktionär ist, selbst dann, wenn die Verfasser dieser Bücher weit davon entfernt sein mögen, sich unter den Reaktionären oder gar Rechten einzuordnen. Im Gegenteil, wahrscheinlich würden sich Hill, Kushner oder Hillberg eher als „liberal“ einschätzen. Doch die Versuche, große, schwer zu überschauende und oft überkomplexe historische Zusammenhänge herunter zu brechen auf eine private, im Persönlichen geschehene Geschichte, mißlingt nicht nur meist, sondern zeugt auch von einem Geschichtsbild, das sich zumindest fragwürdig darstellt. Denn diese Erzählungen müssen konstruiert werden, sie müssen geschlossen sein. Sie müssen, ob nach 50, 800 oder 1200 Seiten, zu einem geordneten Ende kommen und, da die Leser sich ja nun immerhin über die ganze Strecke geschleppt haben, sollten auch ein „gutes“ Gefühl hinterlassen. Also darf die Hauptperson nicht sterben, wenn doch, sollten sich schließlich alle Verbliebenen sammeln und ihn oder sie ehren; die Hauptperson sollte am Ende der Erzählung auch möglichst nicht unheilbar krank und von allen geächtet in einem Sanatorium befinden, sondern mindestens Aussicht auf Rehabilitation haben oder gleich die Angebete bekommen – UND den Job! Es ist dies genau das Problem aller historische Romane: Sie enden. Die Geschichte aber, und das ist ein inhärentes Metaproblem der Literatur, geht weiter. Ein Buch wie THE NIX existiert nur, eben weil die Historie weiter gegangen ist. Wir wissen, daß viele Alt-68er heute zynisch nur noch den eigenen Vorteil suchen, daß sie ebenso wenig ihre Plätze räumen, wie die Altvorderen damals, als sie selber jung waren, wir wissen, daß viele die „Bewegung“ verraten haben oder hedonistisch im Drogenebel entschwanden. Alles richtig. Doch sich als jüngerer, der von alldem, was diese Generation erkämpft hat, profitiert, hinzustellen und sie verächtlich zu machen – das ist billig. Hill tut dies zwar nicht explizit, doch es bleibt ein Geschmäckle, wenn seine Alice, eine radikale Frühfeministin, sich dann eben gern von einem brutalem Chicago-Cop hart auf dem Rücksitz von dessen Einsatzfahrzeug ran nehmen lässt. Man sollte dies nicht falsch verstehen, man KANN das so erzählen. Damit ist man auf der richtigen Seite, insofern, als daß sehr, sehr viele Leser genau diese Verbindung goutieren. Man befindet sich damit eben im Land der Klischees, allerdings auf der sicheren Seite. Man KÖNNTE das aber auch ganz, ganz anders erzählen und käme zu komplett anderen Schlüssen. Anderen Ausgängen, Anderer Conclusio. Allerdings möglicherwiese nicht auf die Bestsellerliste der New York Times.

Man könnte anhand eines Buches wie THE NIX ein perfektes Seminar über literarische Historie und Historizität halten. Man könnte den Roman Seite für Seite auseinandernehmen und käme wahrscheinlich zu keinem freundlichen Ergebnis. Doch würde wahrscheinlich dagegen argumentiert, dies sei doch nichts weiter, als ein gehobener Unterhaltungsroman, was sicher richtig ist. Aber – und da wird es ideologisch – die Zeit, die man dran gibt, um 900 Seiten zu lesen, sind natürlich auch verbraucht, um anders, wesentlicheres nicht zu lesen, in der Zeit keine politischen Aktivitäten zu entwickeln oder gar selber einen besseren Roman zu schreiben. Bücher wie dieses fesseln und binden eine Menge Energie, gaukeln dabei Relevanz vor und scheitern letztlich an der schieren Größe der selbstgestellten Aufgabe. Was soll´s. THE NIX lässt sich schnell herunterlesen, es besticht eben durchaus mit der Fülle seiner Ideen, es hat Momente schreiender Komik. Allerdings – auch diese Kritik sei hier noch angebracht – sollte ein Autor stutzig werden, wenn seine beste Figur eine für die Handlung vollkommen überflüssige ist. Das Buch wird massig Leser finden und ein großer Erfolg werden, keine Frage. Nur eines wird es nicht, ganz sicher nicht, auch das ist keine Frage – große Literatur.

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