WIDER DIE KUNST/IMOT KUNSTEN

Tomas Espedal: Die neue norwegische Innerlichkeit

Gegen Ende der so extrovertiert politischen 1970er Jahre kam eine neue Gattung in der bundesrepublikanischen Literatur auf, die „Neue Innerlichkeit“. Angeführt von Jahrhundertkönnern wie Peter Handke beschäftigte man sich nun mehr mit der eigenen Befindlichkeit, mit den eigenen Problemen in einer Zeit, die als  kalt empfunden wurde, aber auch mit der eigenen Reaktion auf hochpolitische Entwicklungen, die den einzelnen mit seinen Emotionen oft vollkommen zu vergessen schien. Nun entsteht ein literarisches Genre, daß vor allem der Norweger Karl Ove Knausgård bedient, welches daran erinnert, ein radikal subjektives Genre, in dem der Autor seinen Alltag, seine Emotionen, seine Familienbeziehungen etc. thematisiert. In gewisser Weise folgt er damit dem Programm des deutschen Schriftstellers Peter Kurzeck, der die Erinnerungsarbeit als eine Kategorie des Schreibens, des Lebens und auch der Öffentlichkeit begriff. Es sind schriftstellerische Bewegungen, die Handkes Diktum folgen, es könnten keine fiktionalen Geschichten mehr erzählt werden, die großen Erzählungen – wiederum dem Diktum Francois Lyotards folgend – seien auserzählt.

Tomas Espedal, wie Knausgård Norweger, ist ebenfalls ein Vertreter dieser Richtung. In dem Band WIDER DIE KUNST berichtet er dem geneigten Leser von seiner Familie, davon wie das eigene Leben Gegenstand der Fiktionen wird, die man schreibend niederlegt, davon, wie das eigenen Ich, die eigene Identität, in der Erinnerung und dadurch in die Erzählung eingeschrieben wird und diese sich zugleich dem Ich einschreibt. Wechselwirkungen. Nach einem fürchterlichen Doppelschlag – erst verliert der Autor die Mutter, dann seine Frau – bleibt er, emotional überfordert, mit der Tochter zurück. Aus einer Schreibblockade, über den Umweg seiner Tagebücher, erkämpft sich der Schriftsteller Espedal seine Profession von dem trauernden Mann Espedal, dem Sohn Espedal und dem Vater Espedal zurück, indem er sich bemüht, die eigene Familiengeschichte zu durchdringen und sich ihrer schreibend zu be- und ermächtigen. Das mutet mal wie eine genealogische – und dabei den Leser oft verwirrende – Spurensuche der Lebenswege der eigenen Eltern und Großeltern, mal wie eine essayistische Meditation über Familie, Familiengeschichte und FamiliengeschichteN und darüber an, wie wir von den Altvorderen geprägt sind – geprägter sind als wir das vielleicht wollen oder auch nur wahrhaben wollen.

Das Instrument dieser Prägung ist die Sprache, Espedals Medium allemal. Er räsoniert über die Sprache, über das Schreiben, auch das Schreiben als handwerkliche Tätigkeit, darüber, wie sich Erinnerung in Sprache manifestiert und durch sie bedingt, geordnet, klassifiziert und schließlich geformt wird. Und Espedal weiß es zu nutzen, dieses Instrument. Fast lyrisch muten viele seiner oft in einzelne Sätze eingeteilten Absätze an, eine Sprache entfaltet sich da – kongenial nachgedichtet von Hinrich Schmidt-Henkel – , die den Leser mitnehmen kann in Bereiche subjektiver Ichbeschau, die zu erreichen vielleicht nur poetisch, lyrisch möglich ist. Eine ebenso genaue wie an Schönheit orientierte Sprache, die sacht umfängt und doch auch sich widersetzt, eine genaue Lektüre erfordert und verlangt. So wird die Sprache, das Schreiben, das Sich-Suchen in der und durch die Sprache auch zu einem der prägenden Themen des Buchs. Die sprachlichen Möglichkeiten als gedächtnisprägendes Element. Erst spät scheint die Fiktion als Möglichkeit schriftstellerischen Handelns in diesen Text einbezogen zu werden, vielleicht: sich einzubeziehen. Denn Espedal verweist auf seine Vorbilder und bei nur geringer Kenntnis deren Schreibens kann man sich zumindest sicher sein, daß Espedal einen Text durchaus als Organisches, sich selbst Organisierendes begreift. Die Fiktion aber ist die Arbeit der Distanzierung, ein Konzentrat, das er aus seinen Tagebüchern destilliert. Sie ist das natürliche Ziel des Schreibens, scheint es. Doch dieses Werk findet dieses Ziel nicht, wodurch dann auch der Eindruck entsteht, es mäanderte oftmals richtungslos. Es ist offen und endet auf einem Mindestnenner, wenn es Espedal gelingt uns glaubhaft zu machen, daß er zumindest ins Schreiben zurückfindet, zurückfinden wird, zurückgefunden haben wird, wenn wir lesen, was wir lesen. Daß das vielleicht schon der Bereich der Fiktion ist, das lässt er offen.

Espedal findet in seinem Schreiben heim und zu sich und vielleicht auch einen Weg aus der Trauer und der sich daraus ergebenden Depression, also den eigentlichen Anlässen seiner Introspektion. Gnadenlos führt er den Leser in sein Innerstes. Dies ist, in einem neutralen  Sinne des Wortes, „Befindlichkeitsliteratur“, eine radikal ehrliche Innensicht, die zu präsentieren auch und gerade Mut erfordert. Vom Leser wird allerdings ebenso radikal gefordert, sich dieser Subjektivität auszuliefern. Dazu ist sicher nicht jeder Leser zu jedem Zeitpunkt bereit oder in der Lage. So ist es schwer, ein Buch wie dieses zu beurteilen. Findet man den Zugang zu diesem sehr spezifischen Thema und seiner noch spezifischeren Behandlung durch Tomas Espedal, eröffnet sich eine sprachliche Welt, die durchaus in der Lage ist, Trost zu spenden, eigene Verhärtungen aufzureißen und in das lesende Ich einzudringen; bleibt dieser Zugang versperrt, bleibt es fern, verschlossen, und mag den Leser durch eine gewisse Larmoyanz sogar verschrecken.

WIDER DIE KUNST – ein Titel der eine ganz eigene Betrachtung verdient hätte – bleibt als Werk offen, bei aller sprachlichen Genauigkeit manchmal unentschlossen, was diese Sprache wirklich sagen will, was sie bezwecken soll. Es ist durchaus „schwierige“ Literatur. Man sollte der Lektüre sehr genau folgen, sehr genau lesen und dabei  sich selbst gegenüber aufgeschlossen bleiben, um sich der Wirkung dieser Sprache aussetzen, ausliefern zu können. Doch dort, an jenem Ort, an den Espedal den Leser führt, gibt es Sprachwelten zu entdecken, wie sie die moderne Literatur nicht allzu häufig  zu bieten hat.

 

 

 

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