TYPEE/TYPEE: A PEEP AT POLYNESIAN LIFE

Herman Melvilles Debutroman in einer Neuübersetzung von Alexander Pechmann

Herman Melville, heutzutage natürlich berühmt als Autor eines der großen Beiträge zur Weltliteratur – MOBY DICK, OR, THE WHALE (1851 erschienen) -, veröffentlichte seinen ersten Roman 1846. Es war ein halbautobiographisches Werk, das von Melvilles eigene Erfahrungen während eines Aufenthalts in der Südsee berichtete.

TYPEE (1846) erzählt die Geschichte des Seemanns Tom, der sich während eines Landgangs auf der Insel Nuku Hiva – Teil der Marquesas, die ihrerseits Teil der ostpolynesischen Inseln sind – gemeinsam mit seinem Freund Toby von seinem Schiff absetzt, da ihm die Behandlung der Mannschaft durch den Kapitän nicht gefällt. Die beiden fliehen bewusst in einen Teil der Insel, in welchem die Typee beheimatet sind, ein Stamm von Kannibalen, wie es heißt. Die Abtrünnigen hoffen, hier nicht gesucht zu werden und vor Nachstellungen sicher zu sein. Erstaunlicherweise empfangen die Insulaner die Flüchtenden nicht nur freundlich, sondern geradezu überschwänglich, machen sie zu ihren Gästen, pflegen den erkrankten Tom hingebungsvoll und lassen ihm und seinem Kumpan jedwede Gastfreundschaft zuteilwerden, die nur denkbar ist. Nur gehen lassen die Eingeborenen ihre Gäste nicht mehr. Was sie natürlich auch zu Gefangenen macht. Irgendwann flieht Toby und verspricht Tom, zurückzukehren und ihn zu befreien. Doch Toby bleibt verschwunden und Tom bleibt für vier Monate bei den Typee.

Melville schildert die Leidenszeit – die so gar nicht wie eine anmuten will – seines Protagonisten und Alter-Egos aus dessen Perspektive und gibt dem Leser eine Mischung aus Robinsonade und Forschungsbericht an die Hand. Tatsächlich erinnern Toms Beschreibungen des Alltagslebens der Typee wirklich an jene Berichte der damaligen Welt- und Forschungsreisenden wie Norman Forster oder James Cook (mit dem Forster gemeinsam die Südsee befuhr) – allerdings ohne die Strenge jener Berichte, die immer vorgaben, exakt zu sein. Tom berichtet vieles, erklärt einiges und gesteht seiner Leserschaft gegenüber auch immer wieder ein, welche Rituale, Sitten, Wörter und Gebräuche er trotz allen Bemühens eben nie verstanden hat. Dazu gehört das allumfassende Ritual des „Tabu“. Nie kann Tom gänzlich nachvollziehen, wer oder welche Situationen, welche Verhaltensweisen mit dem „Tabu“ belegt sind. Die Frauen dürfen nicht in die Kanus steigen, gewisse Bereiche des Dorfes (besser der Ansiedlung) der Typee bleiben ebenfalls ein „Tabu“ und sind nicht zu betreten, an einigen Ritualen darf Tom nicht teilnehmen. Ob die Typee, wie von ihren zahlreichen Feinden – darunter auch die meisten Stämme, die in anderen Buchten der Insel leben – immer wieder kolportiert, wirklich Menschenfresser sind, bleibt ihm ebenfalls verborgen. Allerdings findet er bei Gelegenheit Hinweise, daß unter gewissen Umständen tatsächlich kannibalistische Rituale vollzogen werden.

Der Leser sollte keine Sensationsgeschichten erwarten, denn die bietet Melville nicht. Im Gegenteil – sein Bericht ist eine reine Schilderung alltäglicher Vorgänge, von denen er allerdings mit schon früh auftretender schriftstellerischer Raffinesse zu berichten weiß. So bleibt sein Buch über weite Strecken spannend zu lesen, obwohl im Grunde nicht viel geschieht. Das allerdings ist auch die Schwachstelle dieses Romans. Denn irgendwann wiederholen sich die Begebenheiten, Schilderungen und auch die Eingeständnisse, dieses und jenes nicht zu verstehen. Eine Handlung im engeren Sinne gibt es nicht, außer das Tom nach ca. 370 Seiten beschließt, fliehen zu müssen. Doch auch die Flucht, die waghalsig gewesen sein muß und nicht ganz gewaltfrei verläuft, wird eher mit nüchterner Sachlichkeit geschildert, denn als spannungsreiches Abenteuer oder gar als aktionsgeladene Sequenz.

So erfährt der Leser eher, wie Tom sich in eine der Inselprinzessinnen verliebt, wie er nach und nach lernt, sich die kulinarischen Besonderheiten zu erschließen, auch, wie diese hergestellt werden, wie die Freizeitbeschäftigung der Insulaner aussieht, wobei diese vor allem Freizeit zu haben scheinen, wodurch die Schilderungen durchaus etwas Paradiesisches bekommen und man nachvollziehen kann, weshalb Polynesien für eine ganze Generation – man denke an Schriftsteller wie Robert Louis Stevenson oder Maler wie Paul Gauguin und Vincent van Gogh – zu einem Sehnsuchtsort werden konnte. Übertrüge man Melvilles Roman in ein gegenwärtiges Setting, würde man in Toms Fall wohl von einem Aussteiger, einem Zivilisationsflüchtling sprechen, der das Paradies gefunden, das dortige Glück aber nicht ausgehalten hat. Warum Tom unbedingt fliehen muß, begründet der Roman psychologisch nicht zwingend. Sicher, er lebt monatelang unter Fremden, kommt sich gelegentlich eben wie ein Gefangener vor, kann die Sprache seiner Gastgeber nur rudimentär – doch schildert Melville dies eher nebenher, nicht als Tom existenziell bedrückende Aspekte seines Aufenthalts. Der wird alles in allem eher wie ein langer Urlaub von dem harten Leben eines Seemanns beschrieben, der die Freiheit, die Ungezwungenheit im Umgang der Geschlechter mit- und zueinander, den Müßiggang, die Freundlichkeit seiner Gastgeber und die Neugierde auf ihre Lebensweise genießt.

Melville neigt schon hier dazu, den Erzählfluss durch Passagen zu unterbrechen, die rein deskriptiv Beobachtungen wiedergeben, die er auf der Insel anstellt. Gerade die Beschreibungen der Alltagsverrichtungen, vor allem der kulinarischen Kultur, nehmen viel Raum ein. Ein Muster, das später auch in seinem Meisterwerk über Kapitän Ahab und seine Nemesis, den weißen Wal, wiederkehren und einige Leser verschrecken sollte, die ausschließlich einen dramatischen Roman mit viel Action und Tragik erwarteten und dann seiten- und kapitelweise Erläuterungen hinsichtlich der Techniken, der Instrumente und Taktiken des Walfangs erhielten, die in dieser Ausführlichkeit vielleicht nicht jeden so interessierten, wie Melville das erwartete. Allerdings – und das gilt auch für TYPEE – entsteht ein enorm hoher Grad an Authentizität und Glaubwürdigkeit. In diesem Roman allerdings führt es noch zu einer anderen, sehr interessanten Betrachtungsweise dessen, was Tom/Melville auf der Insel vorfindet. Denn Melville schildert den Einfluss der Europäer – einerseits der europäischen Ordnungsmächte, hier vor allem der Franzosen, andererseits vor allem der europäischen Missionare – auf die an sich unberührte Inselkultur der Polynesier. Er stellt vergleiche an zu Hawaii und anderen Inselgruppen, wo die Missionierungen weiter vorangeschritten waren und verdammt diese immer wieder. Er ist – wie ein halbes Jahrhundert später Joseph Conrad – ein sehr genauer Beobachter des europäischen Einflusses und ganz offensichtlich goutiert er diesen nicht. Melville offenbart hier ein äußerst waches Bewusstsein für diese Eingriffe in eine Kultur, die Europäer offensichtlich nicht verstehen (auch nicht verstehen wollen) und die nach und nach durch christliche Missionen und die harte Vorgehensweise europäischer Kanonenboote zerstört wurden.

TYPEE ist sicherlich nicht das Buch, das seine Leser heute noch packt, es sei denn, diese sind besonders an Abenteuer- und Südseeliteratur interessiert. Literaturwissenschaftlich ist es natürlich interessant, weil es die schriftstellerische Karriere des Autors einleitete und seinen Werdegang nachvollziehbar macht. Man streitet gern, inwiefern man es hier mit einem Roman oder einem sachlichen Bericht zu tun hat; Tatsache ist, daß Melvilles eigener Aufenthalt auf der Insel sehr viel kürzer war, als der seines Protagonisten Tom. Drei Jahre später veröffentlichte er MARDI (1949), das gemeinhin als rein fiktionalisierte Fassung desselben Stoffes gilt. TYPEE ist ein Erstlingswerk, es ist ein Stoff, bei dem der Autor unmittelbar auf sein eigenes Erleben zurückgreift und es ist trotz aller künstlerischen Freiheiten ganz offenbar auch ein reiner Zugangsbericht zu einer den Europäern und Nordamerikanern ebenso fremden wie exotischen Welt.

Melville stellt die Eingeborenen, anders als bspw. Daniel Defoe in seinen ROBINSON CRUSOE (1719) nicht als „edle Wilde“ und somit als eine romantisierte Fassung aufklärerischer Bemühungen eines Blickes auf das Fremde dar, sondern schildert sie offenbar weitestgehend so, wie er sie wahrgenommen hat. Sie sind ihm fremd, das schon, doch sind sie ihm nie unterlegen, sieht Tom sich nie in einer gottgegeben höheren Position. Er begreift, wie sie ein Leben meistern, dem die meisten durch die westliche Zivilisation geprägten Menschen niemals gewachsen wären, er erkennt, welch geschickten Techniken sie entwickelt haben, um sich in einer Umgebung zu helfen, die nicht allzu viel zu bieten hat und in der sie zudem in dauerndem Kriegszustand mit ihren engsten Nachbarn leben. Er erkennt, daß der Ruf des Kannibalismus sie sogar schützt und sie dies sehr genau begriffen haben und sich zunutze machen. Diese Erkenntnisse, gepaart mit seinem klaren Blick auf die Zerstörungen durch die sogenannte zivilisierte Welt, zudem stilistisch in einem direkten und meist sachlichen Ton gehalten, machen TYPEE zu einem erstaunlich modernen Roman, der sich auch heutzutage noch sehr gut lesen lässt.

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