UNBARMHERZIGES LAND/THE KILLING HILLS

Chris Offutt entführt seine Leser*innen in die harsche, archaische Bergwelt von Kentucky

Einer – oder eine – wird umgebracht, einer – oder eine – hat´s getan und irgendwer klärt den Mord auf. Ein Kriminalroman. Chris Offutt erzählt einen solchen in UNBARMHERZIGES LAND (THE KILLING HILLS, Original 2021; Dt. 2021), wobei es ihm aber scheinbar nicht so sehr auf den Fall und seine Lösung ankommt, sondern vielmehr auf die Atmosphäre und das Personal. Die Geschichte spielt im Hinterland von Kentucky, wo Mick Hardin, Ermittler beim CID – der militärischen Kriminalpolizei – aufwuchs und während seines Heimaturlaubs von seiner Schwester Linda – erster weiblicher Sheriff im Eldridge County – gebeten wird, bei einem Mordfall zu helfen.

Kentucky – das ist so ziemlich der Inbegriff der amerikanischen Provinz; da, wo in einem Tal alle mindestens zweiten Grades mit allen anderen verwandt sind, wo man wenig spricht und noch weniger mit Fremden, wo Streitigkeiten über Generationen ausgetragen werden und die Familienbande weit über dem Gesetz stehen. Aus einem solchen Umfeld stammt auch Mick, der einst der Enge entfloh, zum Militär ging und irgendwann, als er genug Leichen gesehen hatte, beschloss, ab nun für die Lebenden zu arbeiten und für jene, die noch nicht tot sind. Denn auch das hat er im Laufe seines Berufslebens gelernt: Wo eine Leiche rumliegt, kommen meist weitere hinzu.

Offutt versteht es faszinierend gut, die Landschaft Kentuckys, Flora und Fauna, einzufangen. Immer wieder bereichert er seine Erzählung mit sehr genauen Beobachtungen der Natur, vor allem der Vögel in den Bergen und Wäldern. Man begreift die Einsamkeit dieser Gegend und auch, wie die Menschen hier wurden, wie und was sie sind. Wie sehr sie mit dieser Natur verbunden sein müssen, um darin zu überleben. Man begreift die Schönheit dieser Natur, aber auch das Bedrohliche, die Düsternis, das Unheimliche, das ihr innewohnt. Und ebenso beschreibt der Autor auch die Eigenarten dieser Menschen treffend genau: Das Misstrauen, die Schweigsamkeit, die Gewaltbereitschaft und teils abgestumpfte Brutalität, die ihnen zu eigen ist. Darin nicht unähnlich einem Jim Thompson, Joe R. Lansdale oder Pete Dexter.

Mick wird immer wieder von Erinnerungen an seine Zeit im Irak und auch in Afghanistan heimgesucht. Auch dort begegnete er immer wieder einer brutalen Archaik, die sich letztlich kaum von der in seiner Heimat unterscheidet. Und wenn Kriminalliteratur – zumindest die wirklich gute – immer auch über sich hinausweist, dann gelingt das Offutt genau in diesen Momenten: Er beschreibt ein Amerika, oder zumindest einen Teil der amerikanischen Gesellschaft, die bei aller Moderne, aller Technik, aller Fortschrittsgläubigkeit eben auch immer noch uralten Gesetzen zu gehorchen scheint, vor- oder frühzivilisatorischen Gesetzen, die eine geradezu alttestamentarische Wucht entwickeln können.

Es sind diese Menschen, die einen Mann wie Donald Trump wählen, der Amerika wieder „groß machen“ möchte, und sie ähneln jenen, die die USA seit nunmehr über zwanzig Jahren im Nahen und Mittleren Osten bekämpfen, um ihren vermeintlichen Way of Life, ihre Werte, zu verteidigen. Die Freiheit, beispielsweise. Eine Freiheit, die es zumindest in den Bergen der Appalachen kaum gibt. Denn hier agieren nahezu alle nach heimlichen, ungeschriebenen Regeln, die sehr genau vorzuschreiben scheinen, wie sich der einzelne in welcher Situation zu verhalten hat. Und die gnadenlos aussieben und ausstoßen, wer sich ihnen nicht unterwirft. Das bekommt auch Mick immer wieder zu spüren – und widersetzt sich innerlich, indem er sich auf seine durch die lange Abwesenheit entstandene Distanz beruft.

Mick, der bei seinem Großvater in einer Hütte in den Wäldern groß wurde, befragt sich aber auch immer wieder dahingehend, was wohl aus ihm geworden wäre, wäre er geblieben. Doch ist er nicht geblieben und die sich daraus ergebende Frage, weshalb er eben nicht geblieben ist, dürfte mindestens so relevant sein, wie die Konjunktive, in denen er gern denkt. Mick kennt die Welt außerhalb der engen Täler; momentan ist er in Europa stationiert, von wo er an seine jeweiligen Einsatzorte geschickt wird. Und aus dieser Weltkenntnis erwächst natürlich nicht nur die Distanz zu, sondern auch ein Urteil über jenen Ort, den er einst verlassen hat. Ein Ort, an dem seine Schwester und seine Frau jedoch verblieben sind und immer noch leben.

Aus diesen Reibungspunkten und Konfliktlinien – im Falle von Micks Frau werden sie sogar noch dadurch verschärft, dass sie schwanger ist, jedoch nicht mit Sicherheit sagen kann, wer der Vater des Kindes ist – bezieht UNBARMHERZIGES LAND auch einen gewissen, sehr trockenen Humor. Offutt gelingen immer wieder Szenen, Begegnungen, Dialoge zwischen Mick, den im County jeder kennt (so wie hier eh jeder jeden kennt), und den Einheimischen, die sich nur von wenigem – wenn überhaupt – aus der Ruhe bringen lassen. Und bei denen ein sehr herkömmliches Problem – ein liegengebliebener Wagen, ein dringend benötigtes Mittagessen, ein nicht funktionierendes Radio – niemals weniger Aufmerksamkeit verdient als bspw. eine Leiche. Alles hier hat seine Zeit und seinen Ort.

Chris Offutt, der in Lexington, Kentucky, geboren wurde, kennt dieses Land, er kennt diese Leute. Er kennt ihre Eigenarten, er kann sie liebevoll, aber auch distanziert und damit kritisch beschreiben, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Im Gegenteil, er lässt ihnen auch eine gewisse Gerechtigkeit widerfahren, da er die Begrenztheiten versteht, denen unterliegt, wer hier aufwächst und sich zurechtfinden muss in einem Leben, das wenig bis nichts zu bieten hat. Deshalb heißt Offutt beileibe nicht gut, was hier geschieht und sich verbreitet – die Kriminalität, die allgegenwärtige Gewalt, den Drogenmissbrauch bspw. – doch versteht er die sozialen und kulturellen Mechanismen, die dabei wirken. Dass er sie zu einem Movens hinter seiner Story macht – einer Story, die nicht viel hermacht und als Thriller nicht wirklich überzeugt; so sei gewarnt, wer „spannenden Unterhaltung“ sucht – zeichnet ihn als Schriftsteller aus und hebt dieses als „Kentucky-Krimi“ markierte Buch vom Durchschnitt der herkömmlichen Krimikost doch deutlich hervor.

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