WEST

Ein kleiner, großer Roman über den Traum von der Freiheit und der Sehnsucht nach einem Ort, der Besseres verheißt als das, was man kennt

Verlässt man eine der großen Städte der Ostküste der USA, dauert es nicht lang, bis die Schilder am Straßenrand nicht mehr einzelne Ziele angeben, sondern sich eher auf Himmelsrichtungen beschränken. „West“ ist eine davon – und sie verheißt in der amerikanischen Ikonographie Freiheit, Offenheit, Zukunft. Nach Westen zu ziehen, war immer die große Verheißung der amerikanischen Geschichte. Der Westen bot Land und die Möglichkeit, sich selbst zu entfalten, zu verwirklichen. So ist es nur folgerichtig, daß Carys Davies ihre kleine, große Geschichte um einen Mann, der sich im Jahr 1815 in jene Himmelsrichtung aufmacht. WEST (erschienen 2018) genannt hat.

In einfachen, klaren und sehr direkten Sätzen erzählt Davies von Cy Bellman, der nach dem Tod seiner Frau mit seiner Tochter Bess auf einer Farm in Pennsylvania lebt. Nachdem er eines Tages in der Zeitung vom Fund riesiger Knochen in Kentucky gelesen hat, beschließt er, sich auf den Weg nach Westen zu machen in der Hoffnung, eines dieser Tiere dort lebend betrachten zu können. Der Westen, so Cys Annahme, muß solchen Wesen genug Lebensraum bieten, um immer noch auf der Erde zu wandeln. So bricht er eines Tages auf, lässt Bess in der Obhut seiner Schwester Julie zurück, und nimmt die Strapazen eines weiten, gefährlichen und letztlich ziellosen Weges auf sich. Er trifft unterwegs Menschen, die er nach den Tieren fragt und ob Trapper, Missionare oder Indianer – niemand hat eines dieser Wesen je gesehen. Der Indianer „Alte Frau aus der Ferne“, ein junger Kerl, der dem Einsiedler Devereaux zur Hand geht, schließt sich Bellman an und so ziehen sie gemeinsam nahezu drei Jahre an den Flüssen entlang, wagen sich immer weiter in unbekanntes Terrain vor, folgen den Spuren der Expeditionen von Lewis und Clark und weichen doch immer wieder davon ab, bis si gänzlich unbekanntes Terrain betreten. Derweil wächst Bess im Osten zu einer jungen Frau heran, die bei diversen Nachbarn und Bekannten der Bellmans Begehrlichkeiten weckt.

So klar definiert als freie Fläche das Land zu Beginn des 19. Jahrhunderts gewesen sein mag, so einfach und klar die Schicksale dieser Menschen sich aus ihren Lebenswegen ergeben – Bellman und seine Frau kamen einst aus England in die Neue Welt, um hier ihr Glück zu finden – so einfach ist Davies Geschichte und die Sprache, in der sie wieder gegeben wird. Wie alle großen Geschichten über die USA, erzählt aber auch diese Autorin weitaus mehr, als lediglich die Erlebnisse des Cy Bellman. Wie alle großen und kleinen Geschichten aus dem Westen, wie jeder Western, erzählt auch Davies grundlegend von dem Land und seiner Geschichte, erzählt davon, wie aus Neugier und dem Bedürfnis, sich selbst Neues aufzubauen, sich neu zu erfinden, nach und nach eine Landnahme wurde, ein Verdrängungsprozeß gegenüber den Ureinwohnern, erzählt davon, wie die eigenen Bedürfnisse als regelkonform wahrgenommen werden, die der anderen als Anmaßung, sie erzählt von Mißverständnissen und vor allem von der Härte, die dieses Land seinen Eroberern abverlangte und selber bot. Nicht nur, wenn sie die Winter beschreibt, die Bellman und ‚Alte Frau aus der Ferne‘ zu bestehen haben, gelingen ihr poetische Beschreibungen wunderschöner Landschaften, in diesem Fall unter knirschendem Schnee, und zugleich Beschreibungen der äußersten Gefahr für Mensch und Tier, wenn in diesen Räumen kaum mehr etwas zu essen aufzutreiben ist, im Sommer die Hitze, im Winter die Kälte unbeschreiblich werden, das Eis ewig zu halten scheint. Man kann dennoch nahezu spüren, welcher Zauber sich auf jene gelegt haben muß, die einst als erste ihren Weg in diese Weiten einschlugen, die überwältigende Schönheit, die sie erblickten, aber auch die schiere Größe und Weite, die sie überwältigte und in der Gefahren lauerten, die kaum zu ermessen waren.

Darüber hinaus – und das macht den schmalen Band, der gerade einmal großgedruckte 204 Seiten umfasst – erzählt die Autorin aber eben auch von der himmelschreienden Ungerechtigkeit, die ab den ersten Begegnungen zwischen Ureinwohnern und Neusiedlern herrschte und für die Indianer nach und nach Hunger, Vertreibung und schließlich Tod an auch ihnen unbekannten Orten bedeutete. So stammt ‚Alte Frau aus der Ferne‘ von einem Stamm ab, der einst genau aus jenen Gegenden vertrieben wurde, die dann Pennsylvania heißen sollten und um 1815 bereits erschlossen und – aus weißer Sicht – befriedet waren. Dieser junge Mann wird von Erinnerungen bedrängt, die voller Schmerz und Gewalt sind, Erinnerungen an die Vertreibung seines Stammes von seinem Land, den falschen Versprechen der Weißen, dem Mord an seiner Schwester durch einen Mann, der Cy Bellman erschreckend ähnlich sah.

Und dieser Cy Bellman selbst? Ein Träumer. Einer jener Männer, die es in der Geschichte der USA immer gebraucht hat, damit das Land weiter expandieren konnte, damit neue Räume erschlossen werden konnten. Männer, die zugleich eine Vision und die nötige Härte hatten, die Unwegsamkeiten und Gefahren auf sich zu nehmen, die der Weg gen Westen bedeutete. Es ist eine schöne Volte der Autorin, diesen Cy Bellman nicht zu einem jener brutalen und am monetären Erfolg orientierten Männer zu machen, sondern ihm eher das Gemüt eines Forschers, vielleicht eines Künstlers, zu attestieren. Er zeichnet Pflanzen und Tiere, die ihm begegnen, er zeichnet die teils bizarren Fels- und Gesteinsformationen, derer er ansichtig wird, er nimmt das Land als Schöpfung wahr, obwohl er seit dem Tod seiner Frau nicht mehr gläubig ist. Und er verfolgt den Traum, eines Wesens ansichtig zu werden, daß für ihn, wie es einmal im Text heißt, vielleicht die Antwort auf alle Fragen nach dem Warum und Wohin allen Seins bedeutet.

Im Kontrast zu Bellman berichtet Davies aber eben auch von den Erlebnissen Bess´ auf ihrem Weg vom Kindesalter in die Adoleszenz. Wo der Vater Meile um Meile in unbekanntes Gebiet hinter sich legt, legt sie die ebenso unbekannte Strecke in das Land der Erwachsenen zurück. Und sie muß feststellen, daß hier ebenfalls Gefahren lauern, von denen ein Kind kaum etwas ahnt. Leidenschaft und Begehren, der Anspruch der Männer auf Frauen, die sie ebenso als Besitz betrachten, wie ihr Land und ihr Vieh. Und die sich von einer protestantischen Religiosität gedeckt fühlen, für die Tante Julie einsteht, eine gottesfürchtige Frau, die ihren Bruder für einen unverbesserlichen Tunichtgut hält – und doch nicht lebenstüchtig genug ist, die eigene Nichte zu schützen. Davies stellt Natur und Gesellschaft – also die Kultur – als letztlich zwei Seiten ein und derselben Medaille dar. Und überlässt es dem Leser, zu entscheiden, wo der einzelne besser aufgehoben scheint. Nur, wo die Gewalt wächst, wo sie entsteht und sich ausbreitet, daran lässt die Autorin keinen Zweifel. Es ist immer der Mensch, dessen Aktionen Gewalt hervorrufen und damit Reaktionen provoziert.

Carys Davies Roman ist voller solcher kleiner Doppelungen, Anspielungen, Allegorien. Einmal mehr spiegelt sich in dieser kleinen, großen Geschichte die des Landes und seiner Bewohner, spiegelt sich eine Entwicklung, die sich weit bis ins 20. Jahrhundert hinein fortgesetzt hat und deren Reflektion und Verarbeitung noch lange nicht abgeschlossen sind. In der Direktheit dieser Erzählung und der scheinbaren Beiläufigkeit, mit der Davies berichtet, kommt gerade die Mentalität zum Ausdruck, die es wahrscheinlich einst brauchte, um dieses Land in Besitz zu nehmen, sie drückt aber auch die oft unmenschliche Skrupellosigkeit und damit einhergehende Ignoranz und Kälte aus, die darin liegt. Das Leben selbst kann nicht viel bedeuten, es kommt und geht. Der Mensch hat  nur bedingt Einfluß darauf und muß sich als Geworfenen begreifen, der nur bedingt die Möglichkeit hat, seine eigenen Entscheidungen zu treffen und auf eigene Faust sein Glück zu suchen.

Damit schreibt sich die Autorin in die Riege jener großen amerikanischen Erzähler ein, denen es immer wieder gelungen ist, die Ambivalenz herzustellen, begreiflich zu machen und auszuhalten, die zwischen der ehrfürchtigen Bewunderung der reinen Schönheit des Landes und den dunklen, abartigen Seiten seiner Geschichte – die maßgeblich eben in Gewalt fußt – liegt. Das ist für einen kurzen, eben nur gut 200 Seiten währenden Moment atemberaubend, ergreifend und wunderschön zu lesen.

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