WILLKOMMEN MR. CHANCE/BEING THERE

Hal Ashby spielt ein hinterlistiges Spiel mit der Wirkllichkeit, den Protagonisten seines Films und auch mit dem Zuschauer

An einem durchschnittlichen Morgen: Ein Mann erhebt sich aus seinem Bett, verrichtet seine herkömmlichen Tätigkeiten als Gärtner des vornehmen Hauses, in dem er lebt, und wird beim Frühstück von der Hausangestellten darauf hingewiesen, daß „der alte Mann“ gestorben sei.

Mr. Chance (Peter Sellers) muß das Haus, wie ihm ein Anwalt und Nachlassverwalter mitteilt, verlassen. Da Chance offenbar nie außerhalb der Wände des Hauses und den Mauern des Gartens gewesen ist, die Welt lediglich aus den überall im Haus vorhandenen Fernsehern kennt, tritt er in eine Wirklichkeit hinaus, die er zwar zu kennen glaubt, die ihm aber vollkommen fremd ist.

Unterwegs auf den Straßen, sieht er Armut und Verkommenheit, nimmt sie aber als solche nicht wahr. Vor einem Geschäft für Technik nimmt er sich selber in einem TV-Gerät wahr, das Bilder wiedergibt, die von der Straße aufgenommen werden. Chance ist überrascht und tritt auf die Straße, wo ihn eine Limousine anfährt.

Es ist der Wagen von Mrs. Eve Rand (Shirley MacLaine). Sie lässt Chance durch den Chauffeur in den Wagen setzen, will ihn zunächst in ein Krankenhaus bringen, überlegt es sich dann aber anders und nimmt ihn mit auf ihr herrschaftliches Anwesen, wo sie als Gattin des Großindustriellen Benjamin Trumbull Rand (Melvyn Douglas) lebt.

Chance, in einen Rollstuhl gepackt, wird zum Hausgast, da Mr. Rands Hausarzt Dr. Allenby (Richard A. Dysart) ihn gern einige Tage beobachten möchte.

Schnell gewinnt Chance das Vertrauen von Mr. und Mrs. Rand. Da er die abgetragenen Sachen seines ehemaligen Arbeitgebers trägt und angibt, sein „Haus wurde geschlossen“, halten die Rands ihn für einen pleite gegangenen Unternehmer, nicht ahnend, daß Chance lediglich Sentenzen wiedergibt, die er von dem Anwalt aufgeschnappt hat, der ihn auf die Straße setzte. Auch seine Aussage „der alte Mann ist gestorben“, die er von der Hausangestellten übernommen hat, wird falsch verstanden und als Trauerfall interpretiert. Andere Anmerkungen nehmen die Rands und ihre Angestellten als charmante Witze wahr. Dadurch hält man Chance für einen vornehmen, mit Hintersinn und Humor ausgestatteten Herrn.

Auf Rands Monologe beim Abendbrot versteht Chance scheinbar kluge Einwände zu machen, indem er auf sein Wissen als Gärtner und hingebungsvoller TV-Konsument zurückgreift. Rand erkennt in Chance´ Aussagen tiefe Weisheiten. Mrs. Rand ist zunächst ergriffen, weil ihr bettlägriger und kranker Gatte einen Freund gefunden und neuen Lebensmut gefasst zu haben scheint. Doch nach und nach erliegt auch sie dem Charme von Chance´ freundlichem Wesen und seinen naiven Weisheiten.

Eines Tages kommt der Präsident (Jack Warden) auf das Anwesen. Er soll eine Rede an Stelle von Rand halten, dessen Krankheit es nicht zulässt, selber aufzutreten. Bei der Besprechung setzt sich Chance wie selbstverständlich dazu und gibt auch hier seine Weisheiten zum Besten. Nach anfänglicher Verwirrung und leisem Zweifel, begeistert sich auch der Präsident für Chance´ scheinbar tiefsinnigen Aussagen. Er zitiert ihn bei der öffentlich vorgetragenen Rede, wodurch Chance als neuer Berater des Präsidenten wahrgenommen wird.

Während sich Mrs. Rand langsam in ihren Gast verliebt, Dr. Allenby Zweifel kommen, mit wem man es da eigentlich zu tun hat, und Chance zum Liebling der besseren Gesellschaft Washingtons avanciert, versuchen die diversen dem Präsidenten zur Verfügung stehenden Geheimdienste, etwas über diesen aus dem Nichts aufgetauchten Mann herauszufinden. Es treibt den Präsidenten schier in den Wahnsinn, kostet ihn sein Liebesleben und damit fast die Zuneigung seiner Frau und letztlich den Schlaf, sich da den Thesen eines Mannes zu bedienen, über den nichts bekannt ist. So beschließt man, Mr. Chance, den alle als „Chancey Gardiner“ wahrnehmen, da sie seinen Namen falsch verstanden haben, als einen extrem wichtigen Agenten eines ultrageheimen Programms anzusehen.

Bei einem Auftritt im Fernsehen, wird Chance landesweit bekannt und seine Sottisen bekommen Kultstatus. Auf einer Party, zu der er Mrs. Rand begleitet, ist er eine Art Stargast, der den russischen Botschafter (Richard Basehart) ebenso zu begeistern versteht, wie er die Gelüste eines homosexuellen Diplomaten erregt. Der fragt ihn, ob er bereits Sex mit einem Mann hatte, was Chance wahrheitsgemäß verneint, da er überhaupt nie Sex hatte. Gefragt, was er gern täte, antwortet er ebenso wahrheitsgemäß, daß er gern „schaue“.

Diese Aussage – „ich schaue gern“ – wird ebenso falsch verstanden, wie nahezu alle von Mr. Chance´ Aussagen. Sowohl der Diplomat, als auch Mrs. Rand glauben, Chance wolle ihnen bei intimen Handlungen zuschauen. Das führt bei Mrs. Rand sogar dazu, daß sie vor seinen Augen zu masturbieren beginnt, während Chance seinen Fernsehprogrammen folgt.

Dr. Allenby stellt auf eigene Faust Nachforschungen an und kommt schließlich dahinter, daß Chance ein nahezu geschichtsloses Wesen ist, das in dem Haus des „alten Mannes“ ein vollkommen abgeschiedenes Leben geführt hat. Doch bittet er den Anwalt aus Rücksicht auf den sterbenden Mr. Rand, sich mit seinem Wissen zurückzuhalten.

Rand, als er spürt, daß es zuende geht, bittet Chance, auf Eve aufzupassen. Zudem habe er mit seinen Anteilseignern gesprochen und diese gebeten, Chance im Konsortium des Unternehmens einzubinden. Mr. Chance ist durch Rands Tod tief getroffen.

Auf der Beerdigung beschließen die den Sarg tragenden Anteilseigner, Chance zum neuen Chef des Aufsichtsrats zu machen. Chance, der neben Eve steht, entfernt sich während der Trauerrede des Präsidenten und stromert durchs Unterholz, wo er einen Baum begradigt. Er gelangt an einen See. Ohne weiter darauf zu achten, betritt Chance das Wasser und wandert auf den See hinaus.

Ein Mann erwacht, er steht auf, er versorgt die Zimmerpflanzen,  gießt in einem äußerst gepflegten Garten die Blumen, er staubt einen alten, ebenfalls gepflegten Wagen ab, der aber offensichtlich lange nicht gefahren wurde, er frühstückt im Haus, versorgt von einer schwarzen Hausangestellten, die ihm wohlgesonnen zu sein scheint und der er höflich, ja ausgesprochen freundlich begegnet. Die Hausangestellte teilt ihm mit, daß „der alte Mann“ tot in seinem Bett liege. Wir begreifen, daß der Mann, dessen Morgenverrichtungen wir beigewohnt haben, ein Angestellter in einem Haus voller Antiquitäten und dezenter Farben ist. Es ist Mr. Chance, der Gärtner.

So beginnt Hal Ashbys letzter wirklich großer Film BEING THERE (1979). Mr. Chance scheint eine Ausnahmeerscheinung zu sein. Bei all seinen Tätigkeiten läuft im Hintergrund ein Fernsehgerät, dessen Programme er mit Fernbedienungen, gelegentlich auch mit beherzten Griffen zu den Knöpfen am jeweiligen Gerät, scheinbar wahllos zu wechseln beliebt. Soweit wir es verfolgen können, folgt er den Sendungen zwar aufmerksam, doch nie zur Gänze. Er schaltet durch die Sender und verinnerlicht nahezu alles, was ihm geboten wird: Yogasendungen, die Nachrichten, Shoppingkanäle, politische Talkshows, das Wetter oder auch Filme. Erst als ein Anwalt im Haus auftaucht, der den Nachlass des „alten Mannes“ regeln soll, verstehen wir, daß dieser Mr. Chance das Haus, in dem er arbeitet, nie verlassen, daß er die Welt um die Mauern des Gartens herum nie gesehen hat. Dennoch folgt er – dies wird ein stets gleichbleibender Zug seines Verhaltens sein – den Anweisungen des Anwalts, das Haus zu verlassen. Als er durch die Tür tritt, hinaus in die Wirklichkeit der amerikanischen 1970er Jahre, erfassen wir, daß das so vornehm erscheinende Haus in einer runtergekommenen Gegend einer Großstadt liegt. Diese Großstadt ist Washington und sie wird nun zum Hintergrund der schier unglaublichen Geschichte vom Aufstieg des Mr. Chance. Selten jedoch war die Diskrepanz zwischen Innen und Außen in einem Film größer, überraschender und auch bedrohlicher, als in den ersten Minuten dieses Films. Und selten wurde sie musikalisch besser unterlegt und veranschaulicht: Mr. Chance´ Austritt in die Welt wird begleitet von Richard Strauss´ Fanfareneröffnung von ALSO SPRACH ZARATHUSTRA in einer jazzig-funkingen Bearbeitung, die jene Großstadtsounds spiegelt, wie das Filmpublikum sie seit Isaac Hayes bahnbrechendem Titelsong für den Film SHAFT (1971) assoziierte. Chance  Aufbruch in die Wirklichkeit wird so aber auch als ironisch gebrochenes Echo des Aufbruchs der Menschheit hinaus ins All in Stanley Kubricks 2001: A SPACE ODYSSEY (1968) inszeniert.

Hans Günther Pflaum schreibt in einem Essay über Hal Ashby[1], daß dessen Figuren immer den Weg aus geschlossenen Räumen ins Freie antreten, was auch immer Befreiung bedeute. Obwohl Pflaum BEING THERE nicht kannte, da sein Text Jahre vor Erscheinen des Films veröffentlicht wurde, bestätigt sich seine These hier bereits in den ersten Minuten des Films. Zugleich stellt sie sie aber auch in Frage, da Mr. Chance offenbar ein vollkommen weltfremdes Wesen ist, das die Wirklichkeit lediglich durch den Fernseher kennt und sich bereits bei seinen ersten Schritten dort draußen als überfordert erweist. Hier verlässt jemand unfreiwillig den schützenden Raum seiner gewohnten Umgebung und wird geradezu in die Welt hinaus gestoßen. Wie ein Tor, ein Narr, der Held eines Schelmenromans stößt Mr. Chance im Laufe des Films nahezu nur Gutes zu: Er wird ohne schlimmere Folgen angefahren, dadurch kommt er in Berührung mit den wirklich Reichen und Schönen, der Familie eines Industriemagnaten, er lernt den Präsidenten kennen, wird von Frauen umschwärmt und endet als eine Art Guru sogar im Fernsehen, wo er landesweit bestaunt wird als der Präsidentenberater mit den ganz einfachen und ganz einprägsamen Weisheiten. Für all diese Entwicklungen tut er selber nahezu nichts. Er beschreibt seine Umwelt eins zu eins wie er sie wahrnimmt und gibt lediglich seine Erfahrungen als Gärtner wieder. Diese bereichert er mit dem, was er aus dem Fernsehen über die Welt gelernt hat. So kann er nichts dafür, daß seine Gesprächspartner, angefangen mit dem Industriellen Rand, über den Präsidenten und die Berater bis hin zum russischen Botschafter, grundsätzlich anderes hören oder verstehen, als er inhaltlich sagt. Wenn er bemerkt, der Lift, in dem er im Haus der Rands von einer Etage zur nächsten gebracht wird, sei sicherlich der kleinste Raum, in dem er je gewesen ist, halten die Leute dies für einen gelungenen Witz, spricht er vom „alten Mann“, der gegangen sei, glauben sie, er spräche von seinem Vater, erklärt er die Binsenweisheit, daß auf Winter und Frühling der Sommer folge, halten sie dies für eine tiefe philosophische Erkenntnis hinsichtlich der Wirtschaftslage des Landes, schweigt er lächelnd auf ihre Fragen zu seiner bevorzugten Lektüre, füllen sie die Leerstellen mit ihren Projektionen. So wird Mr. Chance zu einem höchst belesenen Philosophen, schließlich  zu einem Wesen, dem man nahezu göttliche Weisheit zugesteht.

Das auf seinem eigenen Roman basierende Drehbuch von Jerzy Kosiński lässt offen, woher dieser Mensch eigentlich kommt. Wir erfahren wenig über seinen Werdegang, lediglich, daß er offenbar in dem Haus, in dem wir ihn zu Beginn des Films antreffen, aufwuchs und von der Hausangestellten erzogen wurde. Mr. Chance ist ein Wesen ohne Geschichte, ein Mann ohne Triebe, Wünsche und Hoffnungen. Er ist vollkommen im Hier und Jetzt und reagiert unmittelbar auf seine Umgebung. Dabei immer liebenswürdig, höflich und zuvorkommend. Daß  Buch und Regie ihm einen nahezu mystischen Abgang am Ende des Films gönnen – er betritt, ohne zu zögern oder sich seines Tuns auch  nur wirklich bewußt zu sein, einen See und wandelt auf dem Wasser – unterstreicht seine außergewöhnliche Wesenheit, man könnte sogar sagen, daß er dem Göttlichen, das ihm zugeschrieben wird, schlußendlich gerecht wird. Und, mit Pflaum gesprochen, tritt er in das äußerste Außen, die absolute Freiheit, mit der er sich über die Kraft des Faktischen, die physischen Gesetze erhebt.

Allerdings steht dieser Schluß auch als ironischer, ja böser Kommentar auf eine Welt, die sich längst in einer medialen Wirklichkeit verloren hat, aus deren Labyrinthen sie keinen Ausweg mehr findet. Die postmoderne Theorie strotzt nur so vor Abhandlungen über das Eigentliche und Un-Eigentliche, über das Simulakrum und die Simulation, darüber, wie uns die Wirklichkeit im Gewitter der medialen Dauerbefeuerung längst abhanden gekommen ist. Jean Baudrillard, der sich in diesen Theorien speziell hervorgetan hat, stellte einmal die Behauptung auf, daß nach 1960 Geborene keine natürlichen Bewegungen mehr auszuführen in der Lage  seien, sie bewegten sich ununterbrochen vor einer imaginierten Kamera, die ihre Gesten und Mimik überprüfe. In Zeiten der ewig vorhandenen Kameras, die mittlerweile angebrochen ist, scheint dieser Ansatz nahezu prophetisch gewesen zu sein.

Hal Ashbys Regie und Kosińskis spielen nun – wahrscheinlich ohne die genaue Kenntnis der erwähnten Theorien – mit eben jenen Versatzstücken. Es ist Mr. Chance, der als Mensch nur im Un-Eigentlichen gelebt hat und auf die Welt mit einer gnadenlosen Naivität reagiert – er fragt Leute auf der Straße, ob sie ihm etwas zu essen geben könnten, er habe Hunger, er betrachtet jeden Schwarzen wie ein fremdes Wesen (wobei sich die Regie hier einen kleinen Fehler erlaubt, denn die Hausangestellte ist eine Schwarze; Chance ist also nicht gänzlich ohne Kenntnis über die verschiedenen Hautfarben der Menschen), er versteht weder Automaten noch den Verkehr und versucht sich in einer brenzligen Situation dadurch zu befreien, indem er die mitgeführte Fernbedienung nimmt und auf die ihn Bedrohenden hält, um sie „wegzuschalten“ – der schließlich zum Eigentlichen wird. Essenziell die Szene, die dazu führt, daß er auf die Straße tritt und angefahren wird: Er sieht sich selbst im Schaufenster eines Ladens in einem TV-Gerät, das Bilder von der Straße überträgt, die mit einer Kamera gefilmt wird. Die Verwirrung, zugleich in dem zu sein, was ihm „Wirklichkeit“ ist und in jene „Wirklichkeit“, die ihm bisher die Welt war, ist für Chance, der seltsame Verrenkungen und Spielereien anfängt und sich beobachtet (ohne zu begreifen, daß er gefilmt wird) wie ein Moment der Selbsterkenntnis. Später, wenn er in ein TV-Studio geleitet wird, wird er den Menschen stolz mitteilen, er sei schon im Fernsehen gewesen. Für einen Moment hebt BEING THERE in einer ironischen Volte die Diskrepanz von „eigentlich“ und „un-eigentlich“ scheinbar auf. Und reflektiert damit auch den eigenen Zustand als ein Film, der über mediale Bilder meditiert. In Mr. Chance wird das Prinzip der Dichotomie des Gegensatzpaars „Wirklichkeit“ und „Medium“ für einen Moment nahezu aufgehoben. Das setzt sich in der Sprache fort. Sprache und Bilder sind die beiden Kommunikationsmittel, die BEING THERE untersucht. Chance´ Sätze sind immer unmittelbar, sie haben keinen Hintersinn und keine zweite Ebene – nur merkt das eben niemand mehr. Nahezu jeder, der ihm begegnet, unterstellt ihm Tief- und Hintersinn, glaubt an verborgene Wahrheiten hinter einfachsten und nahezu lächerlichen Erklärungen. So reden Mr. Chance und die Welt ununterbrochen aneinander vorbei. Ein Kommunikationszusammenbruch, aus dem allerhand Liebenswertes entsteht.

Buch und Regie treiben das Spiel allerdings noch weiter, ja, stellen es geradezu auf denn Kopf. Da selbst der Präsident von den einfachen Wahrheiten des Mannes, den sein Freund Rand unter seine Fittiche genommen hat, beeindruckt ist, versuchen dessen Berater herauszufinden, mit wem sie es da eigentlich zu tun haben. Da nichts über ihn in Erfahrung zu bringen ist – weder die Akten der CIA noch die des FBI weisen auch nur irgendeine Information über ihn auf – beschließt man mehr oder weniger, ihn einem ultrageheimen Programm eines ultrageheimen Geheimdienstes zuzuordnen, da niemand annehmen kann oder will, daß dieser Mann einfach exakt das ist, was er zu sein scheint: Ein Mensch aus dem Nichts, der direkt und unverstellt auf seine Umgebung reagierend immer exakt das sagt, was er denkt, frei von Hintersinn und zweiter Ebene. Damit drehen Ashby und Kosiński all die Theorien um das Eigentliche und das Un-Eigentliche sogar um eine Stellung weiter, denn hier nun wird das Un-Eigentliche das Eigentliche. Die Frage ist also: Wenn man die Wirklichkeit nur aus  dem Fernsehen, nur aus medialer Vermittlung kennt, was ist dann die Wirklichkeit? Mr. Chances Aussagen jedenfalls sind im Kontext des Films weitaus „wahrer“, als alles, was die hohen Herren der Wirtschaft und Regierung von sich geben. Und selbst die, die ihm auf die Schliche kommen – der Hausarzt Mr. Rands und der Anwalt, der Chance zu Beginn des Films im Haus des „alten Mannes“ fand – beschließen, ihre Erkenntnis für sich zu behalten. So  kann Chance, der das freilich gar nicht will, am Ende des Films, während der Beerdigung Mr. Rands, von dessen Anteilseignern sogar zum neuen Aufsichtsratschef des Konsortiums ernannt werden. Da allerdings wandelt Mr. Chance bereits auf dem Wasser. Der Spruch auf Rands Grab scheint den dazu passenden Kommentar abzugeben: Life Is A State Of Mind.

Eine besonders bitterböse Pointe baut Ashby in seinen Film ein, wenn er während der Talkshow im Fernsehen, an der Mr. Chance teilnimmt, in das Altersheim schneidet, wo die ehemalige Hausangestellte mit Bekannten die Sendung verfolgt. Sie erkennt in Mr. Chance sofort den Tor, der er ist, bescheinigt ihm, ein Trottel zu sein, den sie erzogen und zu dem gemacht habe, was er ist, und nun nutze der diese Fähigkeiten dazu, groß rauszukommen. So sei das in Amerika: Weiße könnten alles erreichen, während Schwarze so klug und fleißig sein könnten, wie sie wollten, nie würden sie aufsteigen. Ashby verdeutlicht auf hinterhältige Art und Weise, daß wirklich niemand begreift, was da eigentlich uneigentlich vor sich geht und in Mr. Chance lediglich das erkennt, was er erkennen will. Chance ist die perfekte Projektionsfläche. Sein Name spricht also nicht nur für ihn und seine Möglichkeiten, sondern deutet auch die Möglichkeiten an, die allen andern durch ihn geboten werden.

Für Peter Sellers, der sich die Rechte am Buch früh gesichert hatte, war es die vorletzte Rolle seines Lebens. Er gibt diesem Mr. Chance all die Liebe und Wärme, die ihm schauspielerisch zur Verfügung standen, und lässt ein dem Zuschauer einprägsames Wesen des Kinos entstehen. Chance, der es bevorzugt „zu schauen“, wie er immer wieder beteuert, erliegt weder Reichtum noch den Reizen der Weiblichkeit, er nimmt, was ihm wiederfährt, als gegeben hin und bleibt immer auf gleiche Art freundlich. Heute würde man diesen Mann als Autisten bezeichnen, doch Ashby ist zu klug, als daß er seinen Film mit psychologischen Thesen unterlegen würde. Stattet Ashby seine Figuren sonst sehr wohl mit einer ihre oft neurotisch erscheinenden Charaktere erklärenden Geschichte aus – oft nur angedeutet, wie bei Maude Chardin in seinem frühen Meisterwerk HAROLD AND MAUDE (1971), die eine eintätowierte Nummer auf ihrem Unterarm trägt – und bettet sie immer in soziale Zusammenhänge der Gegenwart ein, wirkt BEING THERE in vielem wie eine Antithese zu seinen früheren Filmen. Chance ist ein nahezu geschichtsloses Wesen, er begreift die sozialen Bedingungen, die er vorfindet nicht, weder die gellende Armut, die um das Haus herrscht, in dem er gelebt hat, noch jene der Straßen, die er anfangs durchstreift und die gesäumt sind von Sex-Shops und Billigläden, und auch nicht jene der Superreichen, in die er mit dem Eintritt ins Hause Rand gelangt. All diese Szenarien sind ihm eins, alle meint er schon einmal gesehen zu haben – im Fernsehen natürlich – und allen begegnet er auf die gleiche Art. Auch damit wird er zur perfekten Projektionsfläche – und damit schon wieder zum Eigentlichen – für jeden, der ihm begegnet. Und genau so kann Ashby Mr. Chance am Ende seines Films sogar einen Abgang in eine nahezu mythische Ebene gönnen. Er wandelt aus dem Film wie ein sich seiner selbst nicht bewußter Gott. Er hat seine Spuren in diesen Menschen hinterlassen und nun…? Geht er weiter? Geht er fort? Genießt er die Blumen im Frühjahr?

Die 70er Jahre hatten einige medienkritische Werke hervorgebracht, wenige jedoch sind so hintersinnig, verspielt und vielschichtig, wie BEING THERE. Gerade Chance` Abgang kann – es gab etliche Diskussionen darum, ob Ashby hier mit Erwartungen spielen wollte oder sich einfach  einen Gag erlaubt hat – als Unterstützung der Grundthese des Films gelesen werden: Es ist, was wir sehen. Ein Mann wandelt auf dem Wasser. Er tut es, also ist es. „Being there“ kann mit „Da-Sein“ übersetzt werden. So, wie nichts hinter Chance´ Weisheiten steckt, steckt vielleicht auch nichts hinter den Bildern. Sie stehen und sprechen für sich selbst. Reine Signifikate, denen wir Bedeutung beimessen, da sie für uns immer schon konnotiert, als Symbole (auf dem Wasser laufen) geradezu (über)determiniert sind. Zeichen, die im Kontext des Films zu Signifikanten zu werden scheinen – wie die Worte, die Chance von sich gibt und die immer nur bedeuten, was sie bedeuten, die aber von nahezu jedem in seinem Umfeld gedeutet und somit aufgeladen werden. The Media ist the message. Wir, als Zuschauer, scheinen dem entäußert, sind Beobachter, bemerken den Fehler, den Bruch der Kommunikation zwischen Mr. Chance und seiner Umwelt – und finden uns gerade am Ende des Films selbst in einer Situation, die nur noch durch unsere Interpretation erfassbar, deutbar ist, eine Situation, die nichts „Sinniges“ mehr aus sich selbst heraus zu vermitteln scheint. Außer vielleicht, daß es Film ist, nur Bilder, reine Phantasie, die alles erlaubt. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

 

[1] Pflaum, Hans Günther: HAL ASHBY. In: NEW HOLLYWOOD. München, Wien; 1976; S. 84.

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