WIR WAREN WIE BRÜDER

Daniel Schulz entführt den Leser, wie so viele vor ihm, in die harten Jahre im Osten nach der Wende

Man will nicht bös sein, man will nichts Schlechtes sagen über all die Werke, die nun erscheinen und in denen mittlerweile über Vierzigjährige von den Erlebnissen ihrer Jugend in der Tristesse der ostdeutschen Provinz direkt nach der Wende berichten. Es ist wichtig, daß die Gesellschaft sich mit diesen Jahren beschäftigt, in denen eine ganze Generation zuerst ihre angestammte Umwelt in die Brüche gehen sah, dann erleben musste, wie die eigenen Eltern die Arbeit, die Autorität und schließlich (teils) das Selbstwertgefühl verloren, und selbst orientierungslos durch eine Jugend zwischen kaum angefahrenen Bushaltestellen, auf Parkplätzen vor leerstehenden Einkaufszentren oder an den Tankstellen der Ausfahrtsstraßen schlidderte. Ja, es wird wohl wichtig sein, diese Berichte zu lesen, um zu verstehen, wie und weshalb in jenen Jahren in den neuen Bundesländern eben auch etwas heranwuchs, das sich heute in 20+ Prozentpunkten bei Kommunal- und Landtagswahlen für eine Partei wie die AfD niederschlägt. Um es ein wenig vereinfacht zu sagen.

Man las Jana Hensels ZONENKINDER (2002) und – mit etwas höherem literarischen Anspruch – Clemens Meyers ALS WIR TRÄUMTEN (2006) und IM STEIN (2013). Man las Peter Richters 89/90 (2015) und zuletzt Lukas Rietzschels MIT DER FAUST IN DIE WELT SCHLAGEN (2018). Und nun also Daniel Schulz. WIR WAREN WIE BRÜDER (2022) heißt sein Debutroman und er erzählt noch einmal von den Schrecken der brandenburgischen Provinz, davon, wie man sich lieber bei den richtigen Schulkameraden anheischig machte, auch aus Feigheit und Angst, er erzählt von jenen Jahren, die mittlerweile durch das geflügelte Wort von den „Baseballschlägerjahren“ markiert wurden – die 90er Jahre in den neuen Bundesländern, geprägt von offener und massiver Gewalt durch Rechte, durch Neo-Nazis, durch „Faschos“.

Der heutige Ressortleiter „Reportage“ bei der taz Daniel Schulz hatte vor einigen Jahren einen Essay über eben jene Jahre geschrieben, ebenfalls unter dem Titel WIR WAREN WIE BRÜDER, der damals einiges Aufsehen erregt hatte. Sein Roman ist praktisch aus diesem Artikel hervorgegangen. Nun lernt der Leser also den Autoren näher kennen, lernt zu verstehen, wohin Angst jemanden treiben kann, der zwar erkennt, daß es Unrecht ist, was er und seine Freunde tun, wie sie reden, wie sie sich verhalten, der aber nicht die Kraft, nicht den Mut aufbringt, sich den eigenen Leuten entgegenzustellen. Doch geht Schulz nun weiter. Er er-weitert sein Blickfeld und erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte klassischen Stils. Die Freundschaften, die Eltern, die Omas und die Feste und natürlich die erste Liebe, dies alles sind Stationen seines in kurzen Kapiteln erzählten Romans, der durchaus etwas Episodisches hat, umfasst er immerhin die Jahre 1989 bis 2000.

Literarisch entspricht das vielen der oben genannten Werke, sieht man einmal von Meyers Werken ab, die sicherlich mit zum Besten gehören, was generell in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren geschrieben wurde, gleich, wozu und worüber. Schulz reiht sich eher bei Hensel ein. Es ist ein Bericht, eine verlängerte Reportage, die dem Autor die Möglichkeit bietet, weitaus stärker in die eigene Gefühlswelt einzutauchen und zu vermitteln, wie das sein konnte – mit Rechten, mit Schlägern befreundet zu sein und zugleich selbst innerlich Distanz zu deren Taten, den Worten und vor allem deren Gedankengut zu halten. Das ist sicherlich auch die eigentliche Leistung dieses Romans: Dem Leser die Beiläufigkeit zu vermitteln, mit der die Radikalisierung geschah, mit der all dies in die viel beschworene Mitte der Gesellschaft einsickerte. Und wie sich eigentlich niemand dafür interessierte.

Peter Richter, der allerdings aus Dresden berichtete und damit sicherlich – als Jugendlicher – andere, auch weitreichendere Perspektiven kannte, erzählte in seinem Werk u.a. davon, wie plötzlich das damals gegangen war, als in jenem „anarchistischen“ Jahr direkt nach der Wende, bevor die Wiedervereinigung beschlossen und dann auch schnell, schnell durchgezogen wurde, plötzlich weit mehr als die Hälfte seiner Altersgenossen mit einer Glatze aus dem Urlaub kamen, plötzlich „rechts“ waren und es zu immer brutaleren Zusammenrottungen und Angriffen auf alles kam, was nach Ausländern, Linken, „Zecken“, Schwulen etc. roch. Wer sich mit jenen Jahren beschäftigte und Kontakte in eben jene ostdeutsche Provinz hatte, der konnte aus den Erzählungen erfahren, daß es genauso gewesen ist – und in der eigentlichen Provinz, zu der Dresden bspw. sicher nicht zu zählen war, noch viel eindeutiger wurde.

Schulz erzählt genau davon. Zwei Jahre jünger als Meyer, sechs Jahre jünger als Richter, sind seine Erfahrungen natürlich auch die eines Jüngeren. Als er auf die Straßen darf und mit seinen Freunden die ersten eigenen Erfahrungen macht, sind die Nazis bereits da und bestimmen das Bild des brandenburgischen Dorfs, in dem er lebt. Die Jugendlichen in diesen Provinzkäffern wuchsen also mehr oder weniger schon in diese Szenen hinein, die wie selbstverständlich genommen wurden und gegen die Erwachsene dann vorgingen, wenn sie das Image des Dorfes bedrohten, weniger, wenn sie zuschlugen. Solange das in der Provinz blieb und vor allem keine lästigen Westmedien darüber berichteten, schaute man nicht so genau hin – oder fand das, was da geschah, gar nicht so schlimm, immerhin waren Viele arbeitslos und hatten einen Brass auf die Wessis, aber auch auf „Ausländer, die den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen“. Und auch, in wie vielen Köpfe altes, nationalsozialistisches Gedankengut trotz vierzig Jahren „antifaschistischer“ Indoktrination noch vorhanden war, wird in Schulz´ Text mehr als deutlich. Hier bestätigt sich, was bspw. Ines Geipel in ihren Büchern – vor allem in UMKÄMPFTE ZONE. MEIN BRUDER, DER OSTEN UND DER HASS (2019) – schon mehrfach beschrieben hat, daß nämlich unter dem sozialistischen Denkmäntelchen eine gehörige Portion Nationalismus, Hass auf Ausländer und Andersdenkende und durchaus auch faschistoides Gedankengut überlebt und sich festgesetzt hatten.

Das Gefühl, das sich bei der Lektüre von Schulz Roman einstellt, der Eindruck, der sich dabei aufdrängt, ist allerdings etwas fade. Denn irgendwie haben nun alle all das mindestens einmal erzählt. Die unterschiedlichen Werke ergänzen sich, sicher, sie bestätigen einander, sie füllen hier und da die Leerstellen auf, die andere ließen. Doch kann ein einzelnes Werk noch wirklich Neues beisteuern? Wird dem Leser irgendetwas vermittelt, das er noch nicht weiß, bzw. wovon er wirklich noch nichts gehört hat? Wahrscheinlich eher nicht. Zumal die, die diese Art von Literatur lesen, sich größtenteils für das Sujet interessieren dürften und sich bereits ein wenig auskennen. Literarisch ist das eher leidlich interessant, es gibt schlicht zu viele, sich letztlich gleichende Erzählungen darüber, wie man ins Erwachsenenleben findet, sie unterscheiden sich eher marginal voneinander und sprachlich findet der eine oder die andere vielleicht einen tiefreichenderen Zugang als andere. Wirklich große Literatur – noch einmal: Von Clemens Meyer und, mit Abstrichen, Peter Richter, einmal abgesehen – entsteht hier zumeist nicht. Wahrscheinlich soll sie es auch gar nicht sein.

Fade ist aber auch die scheinbare Entwicklung, die sich dann in diesen Werken abzeichnet. Denn irgendwie scheint sich das alles auszuwachsen. Sicher, einige bleiben auf der Strecke, andere hauen ab und wieder andere bleiben, werden ruhiger und beschränken sich dann vielleicht darauf, besoffen in der Kneipe zu randalieren. Das ist zwar noch keine Verharmlosung des Ganzen, doch bleibt eben dieses Gefühl zurück, man habe sich da 250 Seiten lang mit den Tätern gemein gemacht, solle das Ganze doch nicht so eng sehen und einfach die Zwangsläufigkeit begreifen. Denn genau so wirkt das – zwangsläufig. Als habe es keine anderen Möglichkeiten gegeben, als habe man halt irgendwie mitmachen müssen. Und da die wenigen Figuren dieses Romans, die sich zu entziehen schienen – da ist vor allem der Freund des Ich-Erzählers, Lars, zu nennen – im Text kaum eine Rolle spielen, wirken sie wie Außenseiter, wie Fremdlinge.

Dennoch – man wird weiterhin diese Werke lesen, will man doch verstehen, was da so schrecklich schief gelaufen ist in den nunmehr über dreißig Jahren seit der Wende und der Widervereinigung. Man achtet weniger auf die literarische Qualität und mehr darauf, was man noch erfährt über jene wilden Jahre. Und man wird sich auch weiterhin hier und da ärgern, wenn man nach 200 Seiten oder so feststellt, daß man das irgendwie nun aber alles schon mehrfach irgendwo gelesen, gehört, gesehen hat. Und vor allem wird man sich auch bei der nächsten Landtagswahl ärgern, wenn die AfD wieder über 20% der Stimmen einheimst und man denkt: Egal, wie viele Bücher oder Reportagen geschrieben oder Filme und Features gedreht und gesendet werden – da ist etwas verloren gegangen (oder hat eben nie dazu gehört) und das wird sich nicht ändern. Damit leben müssen wir alle, irgendwie.

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