WO DIE HELDEN SCHLAFEN/REDEMPTION FALLS

Eine Nation wird geboren

Amerikanische Geschichte ist nicht jedermanns Sache, das ist mal sicher. Und die Nachwehen des Bürgerkriegs finden in Deutschland sicherlich erst recht kaum Beachtung. Dennoch ist man überrascht, daß sich zumindest ein Buch über eben jenen Krieg auch hier in den vergangenen Jahren großer Beliebtheit erfreute (zumindest bei der Kritik): E.L. Doctorows THE MARCH. Dort war es der Krieg selbst, v.a. die letzten Monate, die behandelt und erzählt wurden.

Daß dieser Krieg eine Art kathartische „Geburt einer Nation“ war, arbeitete Robert Olmstead in dem viel zu wenig beachteten Roman COAL BLACK HORSE aus, indem er den Weg eines Jugendlichen durch die Kriegswirren, auf der Suche nach dem Vater, der nach hause kommen soll (so der Auftrag der Mutter), als eine Art coming-of-age, auch als einen Initiationsritus darstellte.

Und nun also O’Connors beachtlicher Wurf REDEMPTION FALLS (der deutsche Titel WO DIE HELDEN SCHLAFEN ist irreführend und damit ein schlechter deutscher Titel; ähnlich auch der Klappentext). Schauplatz ist das „Territorium“, also jenes Gebiet westlich des Mississippi, das lange als „Louisiana-Territory“ firmierte, bis auch diese Landmassen in Einzelstaaten aufgeteilt wurden. Die Zeit der Handlung sind die Monate direkt nach der Einstellung der Kampfhandlungen im April 1865. Die Protagonisten sind der Gouverneur des Territoriums, seine Frau, ein scheinbar stummer Junge und seine Schwester, die ihn sucht. Letztere – der Junge und seine Schwester – sind Mulatten, also für Weiße, v.a. jene aus dem Süden, Menschen 2. Klasse, ehemalige Sklaven.

O’Connor schildert die Geschichte in einer Summe vieler Stimmen, aber auch, indem er Briefe, Tagebucheinträge, Balladen- und Songtexte, Manifeste oder Aufrufe einbaut. Er erzählt wahrlich die Geschichte der Geburt einer Nation, aus einem biblischen Bruderkampf erwachsen, zugleich zeigt er aber auch auf, wie die Geschichte eines Landes direkte Verbindungen mit der Legende und der Mythenbildung aufnimmt. Gerade in den Einschüben, den Balladentexten wird deutlich, wie das, was eben gerade geschieht, direkten Eingang in die Legende findet. So treibt ein (an Jesse James angelehnter) Bandit namens Johnny Thunders in der Umgebung von REDEMPTION FALLS, wo die Handlung spielt, sein Unwesen. Dieser ist ein ehemaliger Südstaatler, der den Kampf nicht aufgeben will. Seine Handlungen sind äußerst brutal, werden jedoch als Heldentaten besungen.

Wesentlich ist O’Connor, daß seine „Helden“ – alles gebrochene, meist auch durchaus unsympathische Figuren – irischer Abstammung sind. Aufgrund ihres katholischen Glaubens galten auch sie als Bürger 2. Klasse, sie kämpften auf beiden Seiten im Bürgerkrieg und diese Tatsache ist O’Connor schon ein Symbol der unsinnigen Blutopfer dieses Krieges (der übrigens der war, der prozentual die meisten Opfer in direkten Kampfhandlungen forderte, sogar mehr als WKI und WKII). Und wie sich irische Mythologie mit der der neuen Heimat mischt, wie jemand, der in der alten Heimat ein Bandit war, in der neuen Heimat aufgrund gerade dieser Geschichte ein Held sein kann, verdeutlicht die Risse, die Uneinheitlichkeit und die Brüche der amerikanischen Geschichte.

Atmosphäre und Stimmung dieses Romans sind der Geschichte gemäß eher düster (obwohl es Momente grimmigen Humors gibt), es sei also ein jeder gewarnt, der einen Unterhaltungsroman sucht. Anders als meine Vorrezensenten würde ich das Buch nicht als schwierig zu lesen einstufen. Die Geschichte packt und O’Connor findet eine Sprache, die das Lesen flüssig macht. Die Unterbrechungen durch verschiedene (schon erwähnte) Einschübe steigern die Spannung. Wahr ist allerdings auch, daß man aufmerksam sein muß, Teile der Story und v.a. des Hintergrunds erschließen sich nur in der Kombination der verschiedenen Textkörper und -arten.

Sicher kein Unterhaltungsroman, ist REDEMPTION FALLS ein Stück großer Gegenwartsliteratur, das auch dadurch interessant wird, daß hier ein Europäer auf ein Stück uramerikanischer Geschichte und die Rolle derer blickt, die, aus dem „alten“ Europa kommend, diese Geschichte mitgeprägt haben.

Wer sich also für amerikanische Geschichte und deren „nation building“ interessiert, sollte diesen Titel unbedingt lesen!

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