ZERO DARK THIRTY

Kathryn Bigelows umstrittene Verfilmung der Suche nach Osama bin Laden

2003 wird die CIA-Analystin Maya (Jessica Chastain) nach Pakistan versetzt. Es ist ihr erster Einsatz für die Agency überhaupt. Ihr Auftrag lautet den al-Qaida-Anführer Osama bin Laden zu finden und wenn möglich zu fassen. Gemeinsam mit dem Nachrichtenoffizier Dan (Jason Clarke) vernimmt sie gefangene vermeintliche Terroristen in einer Black Site, einem geheimen Gefangenelager der Amerikaner.

Sie ist zugegen, als der Gefangene Ammar (Reda Kateb) über Tage und Wochen gefoltert und gedemütigt wird. Er wird unter anderem dem Waterboarding unterzogen, eine Methode, bei der der Gefangene den Eindruck erhält, zu ertrinken, was Panik auslöst. Obwohl Ammar lange standhält, gelingt es Dan, seinen Willen zu brechen. So gelangt Mya an den Namen von Abu Ahmed, der für al-Qaida als Bote arbeiten soll. Doch ihre Nachforschungen bringen nichts. Sie vergleicht stundenlange Videos von Verhören und Befragungen anderer Gefangener, kommt aber nirgends weiter.

Erst 2 Jahre später – in London hat es mittlerweile ebenfalls verheerende Anschläge gegeben – gelingt es Maya und Dan, Abu Faraj (Yoav Levi) verhaften lassen. In einem Geheimgefängnis in Polen verhört Maya den Mann und lässt ihn foltern. Doch bringen diese Methoden nichts, Abu Faraj bestreitet vehement, einen Abu Ahmed zu kennen.

In den Folgejahren fahndet Maya weitestgehend auf sich allein gestellt nach Abu Ahmed, der für sie der Schlüssel zu bin Laden ist. Dan lässt sich derweil zurück in die USA versetzen. Er ist ausgebrannt, andererseits aber auch der Meinung, daß die Zeiten sich änderten und die Art, wie sie diesen Krieg bisher geführt hätten, nicht mehr gefragt sei.

Als Maya mit ihrer Kollegin und Freundin Jessica (Jennifer Ehle) – ebenfalls eine Analystin der CIA – ein Interview mit dem neuen Präsidenten Barack Obama im Fernsehen sieht, scheint sich Dans Annahme zu bestätigen: Obama erklärt, die USA „folterten nicht“.

Maya und Jessica sehen sich gelegentlich, wenn es ihre Zeit erlaubt und ihre Wege sich an bestimmten Orten des Nahen und Mittleren Ostens kreuzen. So werden sie Zeugen und Überlebende des Bombenattentats auf das Marriott-Hotel in Islamabad 2008, bei dem Dutzende Menschen getötet werden.

Jessica verfolgt ihre eigene Agenda, doch ihre und Mayas Arbeit ergänzen sich gelegentlich. Am 30. Dezember 2009 soll Jessica in Camp Chapman, Afghanistan, den Arzt Mohammad Abu Malla, einen Jordanier, in ihre Obhut nehmen. Der Mann soll über wesentliche Informationen über das Innenleben der al-Qaida-Organisation verfügen. Doch als er im Camp ankommt, erweist sich die Überstellung als Fake: Er sprengt sich mit seinem Auto in die Luft. Jessica und sechs weitere Soldaten/Agenten sterben.

Maya macht trotz ihrer Erschütterung über den Tod der Freundin weiter. Mittlerweile arbeitet auch sie von Washington, D.C. aus. Durch eher zufällige Funde einer Analystin, die marokkanische Geheimdiensthinwiese auswertet, kommt Maya dahinter, daß bei Abu Ahmed möglicherweise die ganze Zeit eine Verwechslung vorlag und sie nicht diesen – der laut eines weiteren Zeugen bereits 2001 getötet wurde – sondern seinen Bruder, Habib, auf einer Fotoaufnahme fälschlicherweise als Ahmed identifiziert haben. Dieser hingegen könnte identisch sein mit Ibrahim Sayeed. Ein Name, auf den Maya während ihrer Ermittlungen immer wieder gestossen ist.

Mayas Vorgesetzte sehen in ihrer Arbeit keinen wirklichen Sinn mehr, zumal bisher nichts wirklich Verwertbares dabei heraus gekommen ist. Selbst der neue CIA-Direktor Leon Panetta (James Gandolfini) steht ihrer Arbeit eher skeptisch gegenüber.

Mit Dans Hilfe gelingt es Maya, an die Telefonnummer von Sayeeds Mutter zu kommen. Die CIA lässt den Anschluß überwachen und stellt fest, daß ein bestimmter Anrufer sich zwar häufig, aber immer nur kurz und immer von verschiedenen Orten bei ihr  meldet. Maya vermutet dahinter Abu Ahmed/Ibrahim Sayeed.

Auf Maya wird während eines ihrer Besucche in Paksitan ein Attentat verübt, das sie jedoch unverletzt überlebt.

Den Agenten vor Ort gelingt es mit Hilfe des pakistanischen Geheimdienstes, ein Haus in Abbottabad ausfindig zu machen. Nach längerer Beobachtung unter anderem durch Satellitenaufnahmen, kommt Maya zu dem Schluß, daß es sich hierbei durchaus um den Unterschlupf handeln könnte, in dem Osama bin Laden sich versteckt.

Bei einer Besprechung mit Panetta und anderen Granden der CIA, bei der Maya sich nicht scheut, auch ihren direkten Vorgesetzten George (Mark Strong) blozustellen, wird das weitere Vorgehen festgelegt. Doch der CIA-Direktor macht klar, daß er weitere, handfeste Beweise will, bevor er den Präsidenten um Freigabe für einen Einsatz bittet. Da es bei einem früheren Einsatz bereits Tote gegeben hat, will die CIA nahezu hundertprozentige Sicherheit haben, daß der gesuchte Terroristenführer sich hier versteckt.

Maya wird von Panetta allein aufgesucht und nach ihrer Arbeit befragt. Sie gibt zu, nie etwas anderes gemacht zu haben, als nach bin Laden zu suchen. Panetta fragt sie erneut, wie sie die Wahrscheinlichkeit einschätze, daß bin Laden in dem Haus sei. Sie erklärt, sich zu Einhundert Prozent sicher zu sein.

Schließlich kommt das OK von höchster Stelle. Maya reist selbst vor Ort, darf aber an dem eigentlichen Einsatz nicht teilnehmen. So bleibt sie im Camp der Navy Seals zurück, während diese mit zwei Hubschraubern aufbrechen, bin Laden zu finden. Der Einsatz beginnt am 2. Mai 2011, eine halbe Stunde nach Mitternacht – Zero Dark Thirty lautet der militärische Fachausdruck dafür.

Der Einsatz verläuft weitestgehend wie geplant. Zwar müssen die Seals einen der Hubschrauber, der beim Landeanflug abgestürzt ist, vernichten und zurücklassen, zudem gilt es, sich nähernde Nachbarn vom Haus fern zu halten, während die Einheit eindringt und bin Laden sowie einige andere Personen tötet, doch können sie sich mit der Leiche und etlichen Festplatten und Ordnern aus dem Archiv des Hauses rechtzeitig absetzen, bevor pakistanische Einsatzkräfte den Ort erreichen. Die Pakistanis waren zuvor nicht über den Einsatz informiert worden.

Die Leiche bin Ladens wird ins Camp gebracht, wo Maya sie identifiziert.

Am nächsten Morgen betritt sie als einzige Passagierin den Bauch eines Transportflugzeugs der Air Force. Der dort diensthabende Offizier bemerkt, daß sie wohl eine wichtige Persönlichkeit sei, wenn sie allein ein ganzes Flugzeug zur Verfügung gestellt bekomme und fragt sie, wo es hingehen solle. Maya blickt aus dem Rumpf der Maschine und beginnt zu weinen.

 

Als Osama bin Laden am frühen Morgen des 2. Mai 2011 in seinem Haus im pakistanischen Abbottabad von einer Einheit der amerikanischen Navy Seals getötet wurde, ging damit symbolisch ein zehn Jahre währender Krieg gegen einen der brutalsten Terroristen der jüngeren Vergangenheit zuende. Fast eine Dekade nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York City am 11. September 2001 wurde der vermeintliche Drahtzieher dieses größten Terror-Anschlags auf amerikanischem Boden zur Strecke gebracht. Sein Leichnam wurde direkt nach dem Einsatz angeblich ins Meer geworfen, womit verhindert werden sollte, daß sein Grab zu einer Pilgerstätte für Anhänger der al-Quaida-Terrorgruppe werden konnte. Ob bin Laden zu diesem Zeitpunkt noch sonderlich viel Einfluß in der Organisation hatte, ob er generell noch der Terror-Anführer war, zu dem er während der 90er Jahre aufgestieg, darf bezweifelt werden. Ihn zu fassen, zu verurteilen und hinzurichten – oder eben gleich zu töten, was einer widerrechtlichen Tötung gleichkommt – war also wirklich ein eher symbolischer Akt, dem Kampf gegen den internationalen Terror dürfte dies nicht mehr sonderlich gedient haben. Wohl war es für die USA und vor allem die Angehörigen und Opfer des 11. September wahrscheinlich eine Tat von hoher Bedeutung, in all ihrer Symbolik und der vermeintlichen Stärke, die damit zum Ausdruck gebracht werden sollte. Wir suchen euch, wir werden euch jagen und wir finden euch – so mag die Botschaft an die Gegner gedeutet werden. Wir vergessen nicht, wir vergeben nicht und wir sorgen für Gerechtigkeit und Vergeltung – so mag die Botschaft an die Opfer gelautet haben.

Bereits ein Jahr später, also 2012, erschien der Film ZERO DARK THIRTY (2012) der Regisseurin Kathryn Bigelow, basierend auf einem Drehbuch des Journalisten und Autors Mark Goal, der seinerseits intensiv zur Jagd und der Erfassung Osama bin Ladens recherchiert hatte. Hoch umstritten war Bigelows Film schon vor seiner Veröffentlichung. Er wurde als Wahlkampfhilfe für Barack Obamas Wiederwahlkampagne gewertet, es wurde unterstellt, die Regierung habe Boal geheimes Material zur Verfügung gestellt, damit sein Script möglichst glaubwürdig werde. Die Verwendung von Tonaufnahmen auch der Opfer aus den Flugzeugen, die am 11. September zu tödlichen Waffen umfunktioniert in die Türme des WTC einschlugen, wurde angeprangert und verurteilt, zumal einige davon nie freigegeben worden waren. Mehr noch aber war es die Darstellung von Folter und skrupellosen Verhörmethoden, die Bigelow zunächst in Bedrängnis brachte. Ihr und Boal wurde vorgeworfen, sie würden indifferent Folter als zulässige Praktik darstellen, um an Informationen zu gelangen. Es entspann sich eine mediale Diskussion darüber, ob Folter vielleicht in gewissen Situationen zulässig sein sollte – ungeachtet der Tatsache, daß zumindest die CIA relativ offen sogenanntes Waterboarding einsetzte, dies aber eben nicht als „Folter“ deklarierte – und wie man derlei darstellen dürfe oder solle – oder ob man Folter generell darstellen dürfe oder solle. Durchaus berechtigte Fragen, die Bigelow zu beantworten sich bemühte. Ihre Argumentation lautete in etwa, daß Darstellung nicht gleichzusetzen sei mit Zustimmung. Eine Meinung, die nicht unbedingt geteilt wurde.

Was bei all diesen Diskussionen übersehen wurde, ist die Tatsache, daß ZERO DARK THIRTY zunächst einmal ein hervorragend gemachter, überaus spannender Politthriller mit einigen Actionelementen ist, der sich –auch darin erfolgreich – große Mühe gibt, seine Geschichte nahezu dokumentarisch zu erzählen und bei einer Lauflänge von fast zweieinhalb Stunden ein realistisches und sehr eindringliches Portrait/Panorama geheimdienstlicher Arbeit vermittelt. Dabei gelingt es Bigelow und ihrem Team allerdings auch, auf subtile Art und Weise sehr grundlegende Aussagen über Amerika post 9/11 zu treffen. Ein Land, das zusehends dabei ist, sich zu verlieren, seine Grundwerte und das moralische Korsett, das ihm einst Halt und Form gab, aufzugeben, um Vergeltung zu üben, ohne je darüber nachzudenken, was die eigene Anteile am Geschehen sind und waren. Um diese nie aufdringliche Botschaft, die sich einem denkenden Publikum aber erschließt, zu vermitteln, mutet die Regisseurin dem Zuschauer einiges zu. Das beginnt schon mit dem Anfang des Films, wenn man auf eine schwarze Leinwand blickt und dabei den später beanstandeten Meldungen des 11. September lauscht: Das ist ein Sound-Mix aus Notfallmeldungen, Funksprüchen der Tower, die den Kontakt zu den Maschinen verloren haben, Polizeifunk und eben auch Anrufen der Opfer, die auf Anrufbeantwortern und Mailboxen gespeichert wurden, bis nur eine zittrige Stimme bleibt, die flüstert: „Ma, I love you.“ Dann öffnet sich eine Tür im Schwarz der Leinwand und man wird unmittelbar in eine Verhörsituation katapultiert, der man nahezu zwanzig Minuten folgen muß.

Ja, das ist hochmanipulativ, ein ebenso gewagtes wie gekonntes Spiel mit den Emotionen des Zuschauers und zugleich eine Reflektion genau dieser Emotionalität. ZERO DARK THIRTY, das sollte man nicht vergessen, ist ein amerikanischer Spielfilm, der vor allem für ein amerikanisches Publikum gedreht wurde. Was diesem Beginn folgt, ist erstaunlich distanziert und fast kühl inszeniert. Das Verhör, die Folter durch Waterboarding, die dabei zur Anwendung kommt, die Ansprache an den Gefangenen, die Degradierung zu einem Tier, das an der Leine geführt wird, die beobachtende Position einer Frau, was eine zusätzliche Demütigung des Verhörten bedeutet und auch verbalisiert wird – nichts davon entspricht der Emotionalisierung, die zuvor erreicht wurde. Der Kontrast zwischen aufgewühltem Gefühl durch die von entsetzen geprägten Funksprüche und Telefonate und der beiläufigen, geschäftsmäßigen Art, in der Verhör und Folter vollzogen werden, könnte nicht größer sein. Schon hier, sehr früh im Film, spürt der Zuschauer die enorme Entfremdung von aller emotionalen Anteilnahme der Beteiligten, der CIA-Angehörigen und Agenten. Nur der Verhörte leidet – und dieses Leiden stellt Bigelow krass aus. Es drängt sich bald der Vergleich zu historischen Vorbildern auf, zu den seriellen Menschenverächtern, die in den KZ der Deutschen während des 2. Weltkriegs walteten und schalteten, wie sie wollten, aber auch zu den Folterern und Meuchelmördern, die in den Diktaturen Südamerikas oder während der Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren ihrem Geschäft nachgingen. Genau das ist es, was hier dargestellt wird: Ein Geschäft. Später im Film wird deutlich, daß die Folter nichts gebracht hat, daß die dort gewonnenen Informationen entweder nicht richtig eingeordnet werden konnten oder aber schlicht nicht zielführend gewesen sind.

Der weitere Verlauf des Films zeigt überdeutlich, wie wenig die Amerikaner, auch nach Jahren im Nahen und Mittleren Osten, vom Leben dort, den Bedingungen, unter denen die Menschen ihr  Dasein fristen, von den Familienverhältnissen und Verwandtschaftsbeziehungen verstanden haben. Weder kommt man mit den Sprachen und Idiomen zurecht, noch mit den Eigenheiten der Namen. Die Suche der ebenso namens- wie persönlichkeitslosen Hauptfigur Maya, die schließlich nahezu zehn Jahre nach Osama bin Laden gefahndet haben wird, gleicht einer Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen, es ist ein stetes Stochern im Nebel, frustrierend, voller Rückschläge und Irrwege. Und während dieser Suche ändern sich die Dinge. Neue Anschläge erfordern neue Maßnahmen, neue Hinweise und neu gestaltete Beziehungen zwischen Ländern, einzelnen Regionen und politisch Handelnden, verändern die Maßgaben, unter denen diese Suche läuft. Unter Barack Obama werden die Rahmenbedingungen, in denen die Geheimdienste arbeiten dürfen, grundlegend neu definiert. Ebenso werden politische Schwerpunkte neu definiert und ändern sich unmerklich. Maya bleibt ihrem Auftrag treu, ohne ihn jemals in Frage zu stellen. Lediglich ihre zunehmend aggressiveren Reaktionen auf Anweisungen und Anfeindungen aus dem eigenen Apparat verraten, unter welchem Druck sie äußerlich wie innerlich steht.

Sinnbildlich ist schließlich die letzte Szene des Films: Eine erschöpfte Maya sitzt allein in einer Transportmaschine des amerikanischen Militärs. Der diensthabende Offizier fragt sie, wo sie hinwolle, sie sei wohl eine wichtige Persönlichkeit. Sie antwortet nicht, blickt ins Leere und beginnt zu weinen. Klarer, deutlicher kann man nicht zeigen, wie ein Land, eine Nation, ihren Weg verloren hat. Zuhause? Wo soll das sein? In den Jahren der Suche, in den Jahren, in denen man meinte, die eigenen Werte zu verteidigen, ist all das – Heimat, Werte, vielleicht sogar die eigene Identität – verloren gegangen. Ziel- und ruhelos ist diese Frau, die da plötzlich zum Symbol für ein verlorenes Land wird, sich selbst verloren gegangen und gezwungen, die Einzelteile wieder zusammen zu klauben, in die sie, ihre Identität, irgendwo zwischen Pakistan, Afghanistan, den USA und etlichen nie näher bestimmbaren Black Sites – geheimen Folterstätten in „Drittländern“ – zersplittert ist. Bigelow verlässt die weinende Maya, lässt sie in der riesigen leeren Maschine allein  zurück. Da scheint wenig Hoffnung zu sein. Wenig Hoffnung für Maya, wenig Hoffnung für Amerika.

Kathryn Bigelow ist zu den im besseren Sinne des Wortes postmodernen Filmemachern zu zählen, die in den 1980er und 90er Jahren ihre ersten Erfolge feierten. Ihre Filme sind sehr häufig auch Reflektionen auf Medien und ihrer Wirkung auf die Realität, bzw. die Wechselwirkungen zwischen medialer Wirklichkeit und einer Realität, die sich in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Ungleichzeitigkeit nicht mehr eindeutig fassen lässt. Am deutlichsten kam dies in ihrem Millenniums-Thriller STRANGE DAYS (1995) zum Ausdruck. Ihre besseren Filme binden diese Perspektive immer mit ein. Unter diesem Aspekt muß auch der Umgang mit Folter, muß die Grausamkeit der Gleichgültigkeit gegenüber anderen und sich selbst – Maya ist ein Mensch ohne Leben, ohne Beziehungen außerhalb ihrer Profession, ohne Geschichte – , die ZERO DARK THIRTY ebenso kühl wie drastisch vorführt, betrachtet werden.

Es gibt in diesem Film keine Welt außerhalb der geheimen Dienste, außerhalb eines nie offen erklärten aber immerwährenden Krieges. Also auch keine Welt außerhalb dessen, was 9/11 für die USA bedeutet. Ein Land im Banne eines Ereignisses, eines Angriffs. Eben dafür steht die Abwesenheit jedweder persönlicher Geschichte der Hauptprotagonistin. Sie ist eine Kriegerin in einem postmodernen Krieg. Ihre einzige „Freundin“ ist Jessica, eine Analystin der Agency, die beim Attentat auf Camp Chapman getötet wird. Doch sollte man nicht unterstellen, daß Mayas „Krieg“ dadurch eine persönliche Note bekommt oder gar in einen Rachefeldzug ausartet. Zwar erwähnt sie an einer Stelle, daß ihre „Freundin“, die sie nur und ausschließlich als Kollegin kannte, getötet worden sei, doch ändert sich weder an ihrer Zielstrebigkeit, noch an ihrer analytischen Vorgehensweise etwas durch diesen Verlust. Auch die eigenen Gefallenen sind entweder im Einsatz gefallen oder Kollateralschäden; der Job, den diese Menschen erledigen, beinhaltet das Risiko. Dieser Krieg ist unerklärt, er hat keine klaren Regeln, er wird asymmetrisch geführt: Die einen füllen Laster und Kleinbusse mit ungeheuren Mengen an Sprengstoff, fahren diese vor die Türen von Botschaften, vor Polizeistationen oder in die Camps feindlicher Armeen und sprengen sich dann in die Luft; die andern reagieren darauf mit dem Einsatz von Hochtechnologie, Satellitenaufnahmen, Infrarotkameras, Nachtsichtgeräten, modernsten Waffensystemen – und archaischer Grausamkeit, wenn sie ihre Gefangenen erniedrigen, an Ketten aufhängen, zu ertränken drohen oder tagelang mit lauter Musik beschallen und so um jede Ruhe, jeden Schlaf bringen. Maya sichtet stunden-, ja tagelang Aufzeichnungen von Folterungen und „verschärften“ Befragungen, sie reist kosmopolitisch – auch darin durchaus postmodern – zwischen dem Mittleren Osten, dem Balkan und den USA hin und her, um selber nachzufragen. Folter, das Grauen des Krieges, der Wert des Lebens – dies alles sind mehr oder weniger abstrakte Größen in ihrem Umfeld. Und genau so stellt ZERO DARK THIRTY es dar. Wie konkret dieser asymmetrische Krieg aber eben auch ist, zeigt Bigelow anhand des Attentats auf Camp Chapman, Afghanistan, und schließlich in der letzten halben Stunde des Films, in der nahezu in Echtzeit die Erstürmung des Hauses, in dem Osama vermutet wird, und die Eliminierung der Bewohner gezeigt wird. Beides setzt die Regisseurin ebenfalls kühl, distanziert und äußerst prägnant in Szene.

Bigelow und ihr Team wissen, daß ihr Publikum alles schon gesehen hat, in den Nachrichten, in etlichen Dokumentationen oder fiktionalisiert aufbereitet. Das Gefängnis Abu Ghraib, Tatorte fürchterlicher Massaker, die Opfer von Bombenangriffen – es hat keinen Sinn mehr, diese Dinge dramatisch anzuprangern, da jedes Bild, das man produziert, sogleich in einen nie endenden Fluß, in einen immerwährenden Strom medialer Bilder eingespeist und von diesem gleichsam verschluckt wird. Will man also in irgendeiner Art und Weise noch dramaturgisch, fiktional, auf diese Wirklichkeit, die sich längst ihrer eigenen Authentizität entledigt hat, reagieren oder gar einwirken, wird man andere Wege, andere Mittel finden müssen, um sein Publikum zu erreichen. Bigelow findet einen Weg, indem sie ihre Hauptfigur ein einziges Mal eine wirkliche emotionale Reaktion zeigen lässt: In jenen letzten Momenten des Films, in denen sie mit ihrer eigenen seelischen Heimatlosigkeit konfrontiert wird. Und in diesem Moment – spätestens in diesem Moment – wird dem Zuschauer klar, daß er genau an diesem Punkt steht. Emotional verwahrlost, den Bildern erlegen, begraben unter medialen Eindrücken, hat er längst sein System verloren, seine innere Heimat. Werte und Moralvorstellungen haben wir längst aufgegeben, auch dadurch, daß wir wieder und wieder Gewalt zur Unterhaltung konsumieren. Zum Beispiel in einem Film wie ZERO DARK THIRTY.

Bigelows Film bietet Action, er ist spannend und damit unterhaltsam. Doch ist er ebenso sperrig und widersetzt sich herkömmlicher Konsumption. Dafür konfrontiert er den Zuschauer mit viel zu viel Information, fordert Aufmerksamkeit ein, setzt Kenntnis voraus  und verlangt das Mitdenken der Entwicklungen, die er beschreibt. Bewußt werden bekannte dramaturgische Muster unterlaufen, werden dem Zuschauer die gewohnten Fingerzeige verweigert, die ansonsten wesentliche Wende- und Höhepunkte in Filmen markieren. Wichtige Hinweise werden nebensächlich präsentiert, beiläufig, ohne durch dialogische Aufmerksamkeit, durch die Kamera oder den Einsatz von Musik hervorgehoben zu werden. Darin besteht die eigentliche Zumutung des Films, weniger in der gezeigten Gewalt. Es ist ein erwachsener Film, der sich jenen verweigert, die am Samstagabend den schnellen Konsum, die oberflächliche Unterhaltung suchen. Dazu trägt auch eine ausgesprochen gute Besetzung bei. Allen voran Jessica Chastain, die Maya nervös, distanziert, auch aggressiv spielt, passend zum Inszenierungsstil der Regisseurin, aber auch bis in kleinere Nebenrollen mit hervorragenden Schauspielern besetzt, bietet das Ensemble eine packende Leistung. Greig Frasers Kamera fängt die Bilder des Nahen und Mittleren Ostens als eine Welt ein, die Schönheit impliziert, die aber zugleich lebensfeindlich und fremd wirkt. Oft geht sie nah an die Figuren heran, ohne deren Geheimnisse zu lüften, zieht den Zuschauer ins Geschehen und erzeugt durchaus Klaustrophobie. Schnitt und Montage unterstützen diese beängstigenden Gefühle. Nie kann man sich in ZERO DARK THIRTY sicher sein, wo man steht, was geschieht, wohin man geführt wird.

Man darf unterstellen, daß Kathryn Bigelow und ihr Team wussten, welche Art Vorwürfe, gar Anfeindungen, ihr Film hervorrufen würde. In Interviews und Talkshows hat sie ihren Film zwar verteidigt, doch hatte man immer den Eindruck, daß der Regisseurin die ambivalente Haltung, die sie heraufbeschwört, durchaus bewußt war, ja, oft wirkte es, als nähme sie selbst eine ambivalente Haltung zu ihrem Film ein. Es ist ein Film, der – vielleicht – genau so gedreht werden musste. Es ist ein Film, der mit den Mitteln des Kinos und der Fiktionalisierung einem Publikum, aber auch einer bestimmten Art von Politik, einen Spiegel vorhält. Ein Film ist da entstanden, der sich vordergründig aller Bewertung enthält, der zeigt, ohne zu urteilen. Es ist aber eben auch ein Film, der sich einer Metaebene bedient, die durchaus einer moralischen Vorstellung entspringt und diese ebenfalls reflektiert. Doch vor allem ist ZERO DARK THIRTY ein Film, der sich und seinem Publikum nichts mehr vormacht. Der historische Ort, der Zeitpunkt, an dem er einsetzt, hat eine (außerfilmische) Vorgeschichte, die nicht mehr (mit)erzählt werden muß. Der Film selbst ist Teil eines Prozesses, in dem die USA eine Rolle spielen, in dem es 19 jungen Männern gelungen ist, vier Flugzeuge zu entführen und zu tödlichen Waffen umzufunktionieren, in dem es jede Menge Lügen und Unwahrheiten auf allen Seiten gegeben hat, um das eigene Tun zu rechtfertigen, in dem Kriege begonnen wurden, die teils heute noch andauern. Und es ist ein Prozess, der in den Gesellschaften des Westens wie selbstverständlich Eingang in die populären Mythen und Legenden findet. An dieser Stelle werden Filme gedreht, die das Geschehene darstellen, es reflektieren und verarbeiten. In den allermeisten Fällen werden daraus Heldensagen gestrickt, spannende Jagden inszeniert. Es ist Kathryn Bigelow hoch anzurechnen, daß sie all diesen Versuchen zuvorgekommen ist und einen ernsthaften, einen erwachsenen Film zum Thema vorgelegt hat.

Immer mal wieder bringt Hollywood Werke hervor, die dem hohen Anspruch, sich einer komplexen Wirklichkeit zu nähern, gerecht werden. SYRIANA (2005) war ein solcher Film, der dabei sehr weit ging und die Komplexität selbst zu seinem eigentlichen Thema machte, FAIR GAME (2010) konnte ebenfalls, wenn auch mit eher konventionellen Mitteln, dieser Wirklichkeit nachspüren und zumindest die  politische Machenschaften hinter scheinbar gerechten Anliegen bloßstellen. Auch Kathryn Bigelow zeigt einen möglichen Weg auf, wie man diese Darstellung bewerkstelligen kann, eben ohne Mythisierung zu betreiben. Gerade indem sie kalt und distanziert zeigt, welche Folgen all diese Prozesse und Handlungen aller Seiten zeitigen, kann sie der Legendenbildung entgegenwirken. Die Schlüsse, die das Gezeigte nahelegen, muß das Publikum jedoch selbst ziehen. Eben das macht einen Film wie diesen so gut, ja, zu einem Ereignis: Hier gibt sich ein Künstler Mühe, strebt Wahrhaftigkeit an, das eigene Scheitern dabei offen in Kauf nehmend, ja herausfordernd, ohne dem Zuschauer mundgerechte Häppchen moralischer Empörung zu verabreichen. Nein. Der Zuschauer ist allein, mindestens so allein, wie Maya in der riesigen leeren Maschine, die sie nach Hause bringen soll. Nach Hause – Nirgendwo hin.

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