DIE VERLEGERIN/THE POST

Eine Emanzipationsgeschichte anhand historischer Ereignisse

Nachdem er auf einer Beobachtermission in Vietnam im Jahr 1969 Zeuge des Tötens und Sterbens in diesem Krieg geworden ist, beschließt der Mitarbeiter der RAND-Corporation Daniel Ellsberg (Matthew Rhys), das geheime Wissen, zu dem er Zugang hat, öffentlich zu machen. Es ist dies eine Studie, die der damalige Verteidigungsminister Robert McNamara (Bruce Greenwood) seit 1967 in Auftrag gegeben hatte und die die Haltung der amerikanischen Administrationen seit Eisenhower protokolliert und beweist, daß die jeweiligen Regierungen die Bevölkerung der Vereinigten Staaten systematisch über die Entwicklungen in Südostasien belogen haben.

Ellsberg bietet das Material 1971 der New York Times an. Diese veröffentlicht erste Auszüge und sorgt damit für öffentlichen Aufruhr. Die als Pemtagon Papers bezeichneten Dokumente sind hochbrisant.

Der Chefredakteur der Washngton Post, Ben Bradlee (Tom Hanks), der ein gutes Gespür dafür hat, wenn etwas im Busch ist, hatte bereits geahnt, daß die Times etwas in der Mache hat. Er setzt die wesentlichen Redakteure und Journalisten der Polit-Redaktion auf den Fall an, weil er weiß, daß die bisher eher als Lokalblatt wahrgenommene Washington Post zwingend als Hauptstadtblatt an der Geschichte partizipieren sollte.

Ellsberg kontaktiert seinen ehemaligen Kollegen Ben Bagdikian (Bob Odenkirk), der mittlerweile bei der Post arbeitet. Ellsberg bietet auch ihm die Dokumente an. Bagdikian weiß, was das bedeutet: Die Post ist im Geschäft, bewegt sich zugleich aber auf sehr dünnem Eis, da die Nixon-Administration mittlerweile mit Einstweiligen Verfügungen gegen die New York Times eine bisher undenkbare und beispiellose Form von Pressezensur durchgesetzt und die weitere Veröffentlichung der Pentagon Papers unterbunden hat.

Derweil kämpft die Verlegerin der Washington Post, Katharina „Kay“ Graham (Meryl Streep), an mehreren Fronten um den Erhalt des Blattes und die Anteile, die die Familie Graham daran hält. Ihre Gesellschafter – größtenteils Wirtschaftsexperten und Anwälte – wollen unbedingt durchsetzen, daß der Konzern, der sich seit Beginn der 60er Jahre hinter der Post aufgebaut hat – es gibt Magazine und Fernsehkanäle – an die Börse geht.

Graham leitet den Konzern seit 1963, als ihr Mann Philip sich umgebracht hat. Aufgebaut wurde das Blatt von Katharine Grahams Vater Eugene Meyer, der es später an Grahams Gatten übergeben hatte. Obwohl sie eine recht selbstbewusste Frau ist, überlässt Kay das Tagesgeschäft größtenteils der Redaktion, vor allem Bradlee, ansonsten ihrem Vertrauten Fritz Beebe (Tracy Letts). Sie selbst gefällt sich in der Rolle einer Grande Dame der High Society Washingtons, gibt abendliche Partys und Empfänge, sie ist eng mit Showbiz-Größen und Politikern, darunter auch den McNamaras,  befreundet.

Mit den Entwicklungen um die Pentagon Papers konfrontiert, muß Kay Graham erstmals eine Entscheidung treffen, die auch für sie persönlich schwerwiegende Konsequenzen haben könnte.

Während Bradlee in seinem Privathaus eine Art Neben-Redaktion einrichtet und Anwälte kommen lässt, die ihn beraten sollen hinsichtlich dieser drohenden Konsequenzen, steigt die Spannung bei Graham und ihren Partnern, da die Veröffentlichung der Papiere ein Fall sein könnte, der die neuen Anteilseigner, die frisches Geld in den Konzern pumpen sollen, zum Ausstieg veranlassen könnte und ihnen die dazu nötigen Rechtsmittel an die Hand gäbe.

Schließlich aber gibt Graham in einer einsamen nächtlichen Entscheidung den Druck der aus den Pentagon Papers resultierenden Artikel frei. Damit setzt sie sich gegen die Mehrheitsmeinung ihrer Berater durch und auch über die Warnungen der Anwälte hinweg.

Während die Zeitung in Druck geht und ausgeliefert wird, versucht die Nixon-Regierung massiven Druck auf die Redaktionen auszuüben, die an der Veröffentlichung beteiligt waren. Bradlee kommt mit einem Packen landesweiter Lokalblätter in die Redaktion: Alle haben die Post-Artikel nachgedruckt, einige verfügten selbst über Auszüge der Papiere, da Ellsberg diese breit gestreut hatte. Damit kommt es zu einer ungeheuren Solidaritätsbezeugung unter den Presseorganen.

Schließlich kommt es vor dem Obersten Gericht zu einem Urteil: Das Verbot der Veröffentlichung wird zurückgewiesen, wichtiger noch für die Journalisten ist jedoch, daß im Urteil festgehalten wird, daß sie ihre Quellen nicht preisgeben müssen. Das Urteil wird als Meilenstein hinischtlich der Pressefreiheit der Vereinigten Staaten von Amerika gefeiert.

Man mag von Steven Spielberg halten, was man will – den einen ein Wunderkind, dem nahezu alles gelingt, den andern ein Nerd der technischen Machbarkeit, der als Künstler aber kaum ernst zu nehmen ist – , doch daß ihm von Zeit zu Zeit ein Film nicht nur als Spektakel gelingt, kann man nicht in Abrede stellen. In Erinnerung bleiben wird er wohl für seine Blockbuster, sei es JAWS (1975), sei es E.T. (1982) oder JURASSIC PARK (1993), und die Abenteuerfilme der Reihe um den Archäologen Indiana-Jones (1981-2008), eher vergessen wird sein, daß er von Beginn seiner Karriere an immer wieder auch das ernsthafte Fach bediente und dabei oftmals die künstlerisch besseren Filme drehte. Das gilt schon für seinen zweiten größeren Film, SUGARLAND EXPRESS (1974) und setzt sich fort über THE COLOR PURPLE (1985) bis hin zu solch ambitionierten Werken wie MUNICH (2005) und LINCOLN (2012). Und auch THE POST (2017) muß dieser Riege anspruchsvollerer, nicht der reinen Unterhaltung dienenden Werke zugeordnet werden. Spielberg beweist hier einmal mehr, daß er sehr wohl in der Lage ist, mit Schauspielern zu arbeiten, diffizile Zwischentöne zu treffen und auch subtil vorgehen kann.

Die Washington Post steht heute – gerade in Zeiten eines U.S.-Präsidenten, der Fakt und Fiktion kaum voneinander zu unterscheiden weiß – für jene Form des amerikanischen Journalismus, der mutig, unerschrocken und investigativ berichtet, aufdeckt und die Fahne der freien Presse hochhält, auch gegen schwerste Angriffe von Seiten der Politik. Dieses ehrenhafte Schicksal teilt sie mit der New York Times. Allerdings war dies nicht immer so. Den Ruf musste sie sich erwerben und tat dies vor allem in den 70er Jahren, als sie zwei jungen Reportern, Bob Woodward und Carl Bernstein, unter der Ägide des Chefredakteurs Ben Bradlee und der Herausgeberin Katharine Graham, die Chance gab, auf eigene Faust einem Einbruch in die Wahlzentrale der demokratischen Partei im Watergate-Hotel in Washington nachzuspüren. Der sogenannte Watergate-Skandal führte schließlich zum Rücktritt des damaligen Präsidenten Richard Nixon und gilt bis heute als einer der größten politischen Skandale in der Geschichte des Landes – und als ein Triumph der Pressefreiheit und ihrer Funktion als vierte Gewalt, die die Mächtigen kontrolliert. Alan J. Pakula machte aus der Geschichte von Woodward und Bernstein den packenden Politthriller ALL THE PRESIDENT´S MEN (1976), ein Meilenstein des ‚New Hollywood Cinema‘ und des Kinos der 1970er Jahre generell.

Allerdings hatte die Washington Post sich schon im Jahr bevor der Watergate-Skandal ruchbar wurde mit der Nixon-Administration angelegt, als sie die sogenannten Pentagon Papers veröffentlichte, ein Geheimbericht des U.S.-Militärs, den der damalige Verteidigungsminister Robert McNamara seit 1967 hatte erstellen lassen. Es war eine Art Machbarkeitsstudie hinsichtlich des Vietnamkrieges und bewies, daß die U.S.-Regierung seit Eisenhower nicht nur heimlich reaktionäre Kräfte in Vietnam unterstützt hatte, dabei auch nicht davor zurückschreckte, Wahlen zu manipulieren, sondern seit Beginn der Auseinandersetzung in Südostasien wusste, daß der Krieg nicht zu gewinnen sein würde. Die U.S.-Regierung seit John F. Kennedy hatte die Bevölkerung der USA systematisch über ihre Vorhaben angelogen. Der Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums Daniel Ellsberg hatte die nahezu 7000 Seiten starke Studie heimlich kopiert und spielte die Unterlagen zunächst der New York Times, dann auch der Washington Post zu. Beide Blätter druckten Auszüge, doch während die Times ob einer Einstweiligen Verfügung des Verteidigungsministeriums die Veröffentlichung zunächst stoppte, wagte es die Washington Post, weiterhin Artikel zu bringen, die sich auf die Dokumente als Quelle stützten. Diese Veröffentlichungen trugen maßgeblich dazu bei, daß der Vietnamkrieg nicht  nur von einer linken Minderheit, sondern zunehmend auch der breiten Mehrheit jener kritisch gesehen wurde, die bisher der Regierungspolitik gefolgt waren.

Es ist die Geschichte der Veröffentlichung der Pentagon Papers, derer sich Spielberg in THE POST annimmt. Anders als Pakulas Watergate-Thriller, konzentriert Spielberg sich dabei allerdings nicht nur auf die Arbeit der Journalisten, wobei diese vor allem darin bestand, das Material auszuwerten und die Artikel zu schreiben, sondern vor allem auf die Geschehnisse hinter den Kulissen, wo die Herausgeberin „Kay“ Graham und die Chefredaktion um Bradlee entscheiden mussten, ob sie das Material veröffentlichen, auch auf die Gefahr hin, sich damit ernsthaft strafbar zu machen und möglicherweise wegen Geheimnisverrats sogar Haftstrafen in Kauf zu nehmen. Eingebettet wird dies in eine rahmende Handlung, die davon berichtet, daß Graham und ihr Team an Rechtsanwälten und Wirtschaftsexperten versuchen, die Zeitung, bzw. den Konzern, der sich hinter der Washington Post bereits damals gebildet hatte, an die Börse zu bringen und zugleich die Mehrheitsanteile der Familie zu sichern. Diese Verwicklung an sich wäre bereits spannender Stoff. Doch Spielberg gelingt es – und zeigt damit, daß er wirklich ein großer Regisseur ist, wenn er will – die Entwicklung der Figuren, allen voran die der Katharine Graham, zu einer vielschichtigen Emanzipationsgeschichte auszuweiten.

Katharine Graham war die Tochter des Bankiers Eugene Meyer, der die Zeitung 1933 übernommen hatte. Dieser übergab das Blatt an seinen Schwiegersohn Philip Graham, Katharines Gatten, und gemeinsam mit seiner Frau baute er es zu einem Medienkonzern aus. 1963 nahm er sich das Leben. Danach übernahm Katharine Graham die alleinige Leitung. In Spielbergs Interpretation wird sie zu einer Frau, die nominell zwar die Verantwortung trägt, die Geschäfte aber nur allzu gern ihren männlichen Untergebenen überlässt. Sie wird nicht als reine Marionette dargestellt, doch als durchaus unsicher, was wirtschaftliche Entscheidungen betrifft. Sie ist Teil der High Society von Washington D.C., eng befreundet mit Größen aus der Wirtschaft, dem Showbiz und der Politik, darunter auch mit den McNamaras. In ihrem Haus finden aufwendige Essen und Veranstaltungen statt, das Who´s Who der Stadt gibt sich gern ein Stelldichein. Mit ihrem Chefredakteur Ben Bradlee verbindet sie eine Beziehung, die zwar keine wirkliche Freundschaft ist, doch über das rein Geschäftliche hinausgeht. Doch im Verlauf der Ereignisse um die Pentagon Papers kann sie ihre angenehme Stellung nicht weiter halten. Sie kann nicht Geschäftsführerin einer Zeitung sein, die dabei ist, sich mit der Regierung und dem Apparat in Washington anzulegen, und zugleich ein Teil jenes Establishments sein, das maßgeblich dazu beigetragen hat, den Apparat auszubauen und überhaupt erst so mächtig werden zu lassen. Sie muß schließlich eine Entscheidung treffen und mit dieser Entscheidung, so interpretiert Spielberg die Geschichte, findet die Emanzipation der Katharine Graham ihre Vollendung. Aus der Besitzerin, die das Alltagsgeschäft ihren Adlaten überlässt, wird die Herausgeberin, die sich nicht diktieren lässt, wie sie ihr Blatt zu führen hat, was darin veröffentlicht wird und die die Risiken, die sie eingeht, auch zu tragen bereit ist.

In eleganten Bildern eleganter Dekors und Interieurs lässt Spielberg seine Protagonisten zueinander in Konfrontation gehen, zugleich aber auch das eigene Verhalten reflektieren. Die Nähe zur Macht und den Mächtigen – Bradlee war eng mit den Kennedys befreundet, kannte das Weiße Haus aus jener Zeit gut und wusste diese Nähe durchaus zu goutieren – ist nicht länger möglich, wenn die Mächtigen Intrigen und Verschwörungen beginnen, um die Bevölkerung zu belügen, zu täuschen und ein eigenes, geheimes Süppchen zu kochen. Genau diesen Punkt, diese Veränderung, diesen Wechsel markiert – aus Spielbergs Sicht und der seines Films – die Veröffentlichung der Pentagon Papers. Die Zeit der Empfänge und Zigarren im Weißen Haus, so bemerkt es Bradlee einmal im Film, sei endgültig vorbei. Und er gesteht sich bei dieser Gelegenheit auch ein, daß er selbst ebenfalls nicht immer den Abstand gewahrt hat, den ein Journalist immer zur Macht halten sollte, daß er selber bereit gewesen ist, wegzuschauen, bzw. nicht allzu genau hinzuschauen, wenn es um seinen Freund John F. Kennedy ging. So emanzipiert sich hier letztlich nicht nur eine Frau, quasi stellvertretend für ihre Zeit der großen Emanzipationsbewegungen, sondern auch eine Branche. Und eine Zeitung, auch das versteht Spielberg gut in seine Handlung einzubauen, erringt erstmals wirklich nationalen Status, eine Wichtigkeit über die Bedeutung eines besseren Lokalblatts hinaus. Doch am Anfang aller Emanzipationen steht Ellsberg, der in vertrauensvoller Position arbeitet, Geheimnisträger ist, viel Geld verdient. Er ist es, der einsam und allein die Entscheidung trifft, dieses Leben aufzugeben, seinen Arbeitgeber zu hintergehen und im Dienst einer höheren Sache Verrat zu begehen. Er ist der klassische Whistleblower, ein Vorläufer der Edward Snowdens und Bradley Mannings unserer Tage.

Janusz Kamiński, der erstmals bei SCHINDLER`S LIST (1993) mit Spielberg zusammen gearbeitet hatte, schafft mit seiner Kamera die Voraussetzung, daß der Regisseur die Widersprüche seiner Protagonisten so klar aufzeigen und ausdeuten kann. In erlesenen Tableaus bietet er dem Zuschauer jenes Washington der vornehmen Vorstädte, der gediegenen Abendveranstaltungen, des weißen Marmors und der eleganten Eingangshallen, in denen sich Menschen wie Katharine Graham so selbstsicher und selbstverständlich bewegen. Ebenso sicher fängt er nichtssagende Hintergassen ein, abgehalfterte Motels und die hektischen Redaktionsräume der Post, jene Räume also, in denen die Geschichte der Pentagon Papers sich entwickelt, wo Telefonate von öffentlichen Fernsprechern gehalten werden, wo Ellsberg sich mit seinen Kopien verkriecht, wo schließlich die Stories geschrieben und die Besprechungen abgehalten werden. Rasante Kamerafahrten durch Bradlees Haus nehmen den Zuschauer mit, um die Anspannung zu verdeutlichen, wenn die Entscheidung fällt, ob man druckt, was man hat, oder eben nicht. Und atemberaubende Aufnahmen zeigen den Prozeß der technischen Herstellung, wenn die Kamera geradezu in die Maschinen und Rollen hinein zu kriechen scheint, die das Papier bedrucken, auf dem die Enthüllungen schließlich erscheinen. Sie werden gleichsam zu einem Protagonisten in der Veröffentlichungsgeschichte des Skandals. Spielberg erweist sich also auch hier als der Meister, der er ist, unterstützt von einem Kameramann, auf den er sich bei etlichen Filmen verlassen konnte.

Wirklich lebendig wird der Film allerdings durch sein Ensemble. Allen voran Meryl Streep in der Rolle der Katharine Graham, Tom Hanks, Spielbergs Leib-und-Magen-Schauspieler seit SAVING PRIVATE RYAN (1998), als Ben Bradlee und eine Riege erstklassiger Charakterdarsteller wie Bruce Greenwood in der Rolle Robert McNamaras (der hier übrigens erstaunlich gut weg kommt) oder Bob Odenkirk als Ben Bagdikian, jener Mann, der Ellsberg aus einem früheren Job kannte und schließlich dessen Ansprechpartner bei der Washington Post wurde, machen THE POST zu dem herausragenden Film, der er ist.

Streep ist über alle Zweifel erhaben, mag man ihr Spiel mögen oder nicht. Es gelingt ihr das brillante Portrait einer Frau, die durchaus selbstbewusst ist und dennoch lernen muß, letztgültige Entscheidungen zu treffen und mit den Konsequenzen zu leben. Es gibt hervorragende Szenen, die ihr die Möglichkeit geben, ihr subtiles Spiel unter Beweis zu stellen, darunter vor allem jene, die die endgültige Entscheidung mitten in der Nacht zeigt, Katharine Graham umgeben von Anwälten, Beratern und ihrem Chefredakteur, die alle auf sie einreden und von denen jeder eine andere Entscheidung von ihr erwartet. Man sieht ihr ihre Unsicherheit an, auch die Tragweite dessen, was sie da zu entscheiden hat und es gelingt Streep mit einer kaum merklichen Veränderung ihrer Mimik, einem nur in Nuancen geänderten Blick, zu verdeutlichen, wie hier letztlich wirklich eine Lebensentscheidung getroffen wird, wenn sie Bradlee das OK gibt, die Zeitung mit den Enthüllungen andrucken zu lassen und dann allerseits eine „Gute Nacht“ wünscht.

Auch Tom Hanks macht hier einen wirklich guten Job. Es gelingt ihm, die Hemdsärmeligkeit rüberzubringen, die Bradlee durchaus auszeichnen konnte, und verzichtet zugleich auf sein Image als All-American-Guy, das seine Leinwandpräsenz manchmal so schwer erträglich  macht. Bradlee in Hanks´ Interpretation ist nicht unbedingt sympathisch, er ist manchmal zynisch, egoistisch gegenüber seiner Frau und durchaus bereit, nicht nur seine eigene Zukunft, sondern auch die anderer für eine gute Story zu opfern. Ganz frei von Klischees ist sein Spiel nicht, doch im Großen und Ganzen gelingt ihm eine eindringliche Darstellung. Gleiches gilt für die bereits erwähnten Nebendarsteller.

Nun ist ein Schauspieler meist nur so gut wie das Buch, das ihm zur Verfügung steht. THE POST wurde von Liz Hamath und Josh Singer geschrieben, die damit sehr gute Arbeit abgeliefert haben. Die Geschichte, so kompliziert sie auch sein mag, wird verständlich transportiert, die Autoren bauen organisch all jene Facetten ein, die oben erwähnt wurden und liefern zugleich ein eindringliches Manifest der freien Presse. Singer hatte federführend auch das Drehbuch zu Tom McCarthys SPOTLIGHT (2015) geschrieben, ebenfalls ein Film über eine Zeitung, die einen Skandal aufdeckt. Man kann nur hoffen, daß er noch weitere brisante Themen anpackt, hat er doch offensichtlich ein Händchen dafür, diese realistisch, packend, spannend, aber auch verständlich und unterhaltsam zu verarbeiten.

Steven Spielberg ist mit THE POST sicherlich sein bester Film seit LINCOLN gelungen. Nach dem enttäuschenden BRIDGE OF SPIES (2015), von dem man sich so viel erwartet hatte und der dann doch nur eine Feier amerikanischer Tugenden wurde, zeigt er sich hier wieder als durchaus kritischer Geist, wenn er auch schlußendlich dann doch nicht auf ein wenig Pathos in Anbetracht funktionierender amerikanischer Gerichtsbarkeit und funktionierender Presse verzichten mag. Aber wie er ein kompliziertes Thema handhabt – was er auch in LINCOLN schon tat, als es um sehr spezifische Verfassungszusätze ging, deren Bedeutung man beim Publikum nicht zwingend voraussetzen konnte – , es erfassbar macht, es mit persönlicher Geschichte vermischt, die dann symbolisch auch für den Zeitgeist einer heute scheinbar so lange vergangenen Epoche steht, und darüber hinaus einen Kommentar auf aktuelle Politik und Entwicklungen in der amerikanischen Gesellschaft abgibt, zeigt, daß er doch zu den großen seiner Zunft zu zählen ist, weit über den Regisseur hinaus, der seine ganze Karriere hindurch auf der Suche nach technischer Umsetzung scheinbar unmöglicher Bilder gewesen ist. Man will mehr von diesem Steven Spielberg sehen, der so, in dieser Verfassung, eine wirklich wesentliche Stimme im kulturellen Kanon seines Landes ist.

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