RED GRASS RIVER/RED GRASS RIVER: A LEGEND

James Carlos Blake fügt der großen amerikanischen Erzählung seine Variante hinzu

Neben dem Self-made-Millionär, dessen Aufstieg vom Tellerwäscher in den Geldadel reicht,  dem einsamen Kämpfer, dem Loner, der die Prärien durchstreift, oder dem Cowboy, der mit seiner Tatkraft half, das Land aufzubauen, sind der Gangster, der sich über Recht und Gesetz hinwegsetzend nimmt, was er haben will und damit sogar den Status eines Volkshelden erringen kann, und nicht zuletzt die Familie als Keimzelle der Gesellschaft und damit des Staates weitere Topoi des großen amerikanischen Narrativ. Von James Fenimore Cooper über William Faulkner bis zu John Steinbeck oder Tennessee Williams kann man die Erzählung dieser Keimzelle verfolgen, kann verfolgen, wie sie einerseits das Land erschuf, das Amerika in seiner eigenen Idealvorstellung heute ist, aber auch, welche Verwerfungen und Verwirrungen in diesen Keimzellen immer schon entstanden und wirkten. Der Patriarch, der herrscht, meist weit über seinen Zenit hinaus, die Ehefrauen, die ihre Männer uneingeschränkt unterstützen, obwohl sie deren Fehler und Eigenheiten durchschauen und nicht immer billigen, die Söhne, die aufgebehren oder ihrer eigenen Wege gehen müssen, die Töchter, die sich durchsetzen und eine eigene Form der Emanzipation erringen – es sind fast schon Stereotype, die uns in der amerikanischen Literatur ebenso begegnen, wie in den Filmen von John Ford, William Wyler, Elia Kazan, Francis Ford Coppola oder, in abgewandelter Form, bei Woody Allen und Todd Solondz.

In einigen Fällen kommen die Familien- und das Gangsterdrama zur Deckung, wie es Coppola in THE GODFATHER (1972) exemplarisch anhand der Familie Corleone durchexerziert hatte, aber auch in der Mythologie solcher Familienverbände wie den Bakers, angeführt von der Matriarchin ‚Ma‘ Baker, oder dem Clan der James- und der Younger-Brüder, deren Anführer Jesse James ins Pantheon jener Verbrecher aufgestiegen ist, die heute noch als Volkshelden betrachtet und gelegentlich verehrt werden. Man kann lange und herrlich darüber philosophieren, ob in der amerikanischen Erzählung Familie und Gangstertum deshalb so häufig übereinkommen, weil beide erst in Personalunion dieses gewaltige Land bezwingen und dann beherrschen konnten. Vielleicht brauchte es diese skrupellosen Figuren, die den Kapitalismus auf ganz eigene Art – auch das exerziert Coppola in seiner Verfilmung von Mario Puzos Bestseller über eine italienische Aufsteigerfamilie im Mafiamilieu hervorragend durch – interpretierten, um zu schaffen, was heutzutage vor allem weiße Männer für sich als Naturzustand reklamieren: Die uneingeschränkte Herrschaft über Kapitalströme, Gesetze, Werte und Normen. Vielleicht brauchte es die Härte und die Brutalität, damit man eine letztlich funktionierende Gesellschaft in einem Land aufbauen konnte, dessen schiere Ausmaße und dessen oft lebensfeindlichen geographischen Räume – zuvor von Eingeborenen bewohnt, die ganz anders in und mit diesem Land lebten – eine einheitliche Staatsform im Grunde ausschließen. Und vielleicht brauchte es diesen weiteren Topos der amerikanischen Erzählung, um dies zu schaffen – den der Gewalt.

James Carlos Blake bringt in seinem Epos RED GRASS RIVER exakt diese drei Topoi zusammen: Die Familie, das Leben als Outlaw und die Gewalt, als konstituierendes Element dieser Gesellschaft, fließen in seinem Roman in eins. Angesiedelt zwischen den Jahren 1912 und 1924 berichtet er vom Aufstieg und Fall der Familie Ashley, deren Patriarch Joe Ashley, ein Schnapsbrenner und Jäger, ist und dessen Söhne John, Bob, Frank, Ed und Bill ins Familiengeschäft einsteigen und mit ihren je eigenen Fähigkeiten dazu beitragen, daß sie lange Zeit den Alkoholhandel und schließlich den Schmuggel während der Prohibition ab 1919 im südlichen Florida beherrschten. Basierend auf wohl wahren Begebenheiten, die er allerdings nach eigener Aussage frei verfügend literarisch bearbeitet hat, erzählt Blake also davon, wie vor allem John Ashley und sein Bruder Bob sich rücksichtslos und brutal gegen alles und alle durchsetzen, das und die sich ihnen in den Weg stellen. Wir erfahren, wie sie sich mit Huren vergnügen und doch auch die Frauen finden, die sich ihnen anschließen und ihr wildes Leben teilen. Wir lernen ihre Freunde und vor allem ihre Feinde kennen, allen voran den Sheriff Bob Baker, der sich dem Verbrecherclan zwar entschieden entgegenstellt, dabei aber Maß und Mitte verliert und in seinen Methoden kaum mehr von den Ashley-Brüdern zu unterscheiden ist.

In manchmal nahezu poetischen Beschreibungen werden dem Leser die Everglades, ein unvergleichbar großes Sumpfgebiet, das sich einst durch den gesamten Staat Florida zog, und seine ganz eigene Schönheit nahegebracht, kann man die subtropische Hitze fast spüren, steigt die Feuchtigkeit aus den Seiten des Buchs auf. Es gelingen Blake oft wirklich eindringliche Bilder, manchmal nur Skizzen des harten aber auch freien Lebens in diesem Gebiet, das vor allem Indianer und Menschen wie die Ashleys bewohnen. Doch dann wechselt Blake immer wieder in den Stil eines rein deskriptiven Berichts, kühl, sachlich und distanziert. Er lässt den Leser durchaus an den Gefühlen, Einsichten und Entwicklungen der Figuren teilhaben, Figuren, die oft ambivalent und dem Leser dadurch auch fremd bleiben. Besonders nah gehen dabei die expliziten Beschreibungen der Gewalt, die das Leben all dieser Menschen – Männer, muß man wohl sagen, da die Frauen hier bis auf sehr wenige Ausnahmen zumeist Randfiguren bleiben – bestimmt.

Es ist allerdings dies auch der schwerst wiegende Kritikpunkt an Blakes Roman. Gewalt eben als konstituierendes Element der amerikanischen Gesellschaft  ist vielfach analysiert, durchdacht, beschrieben und erklärt worden, sowohl wissenschaftlich und essayistisch – man denke dabei bspw. an Richard Slotkins bahnbrechende Studien REGENERATION THROUGH VIOLENCE: THE MYTHOLOGY OF THE AMERICAN FRONTIER 1600-1860 (1973), THE FATAL ENVIRONMENT: THE MYTH OF THE FRONTIER IN THE AGE OF INDUSTRIALIZATION 1800-1890 (1985) sowie GUNFIGHTER NATION: THE MYTH OF THE FRONTIER IIN TWENTIETH-CENTURY AMERICA (1992) – als auch künstlerisch in Literatur und mehr noch im Film. Martin Scorsese sei hier stellvertretend als Groß-Analytiker auf diesem Gebiet genannt. Will man also all diesen Analysen und Werken etwas hinzufügen, muß man sich etwas wirklich Gelungenes einfallen lassen, und das tut Blake leider nicht. Es gelingen ihm eindringliche Szenen exzessiver Gewalt, doch erstarrt das Ganze irgendwann in der Beschreibung des immer Gleichen. Er reiht Bluttat an Bluttat, Prügel an Prügel, Schießerei an Schießerei, doch erzählt uns das in seiner schieren Masse nichts, was wir nicht durch andere Werke bereits wüssten: Gewalt erzeugt Gegengewalt, Rache ist ein süßes Gift, das immer weitere toxische Entladungen nach sich zieht, zurück bleiben immer nur Leidende, Trauernde, die die Toten beweinen.

Blake variiert bekannte Versatzstücke und Narrative, er nutzt Figuren, die bei aller Ambivalenz so oder ähnlich schon hundertfach in allen möglichen Werken aufgetreten sind, und selbst die Ambivalenz ist dem engagierten Leser längst bekannt. Es ist der Verbrecher als Volksheld, zumindest geduldeter Teil einer sich erst langsam findenden Gesellschaft, die in Vielem noch archaischen Mustern folgt, in der die Gesetzeshüter sich nur durch den Stern an ihrer Brust von denen unterscheiden, die sie jagen. Die Prärie des Westens wurde ersetzt durch die Wildnis der Everglades; die Indianer sind marginalisiert, insofern entspricht die Erzählung eher den Gangsterepen der 1920er Jahre um AL Capone und die Mafia, als einem Western von John Ford, in dem Indianer noch als Teil der bedrohlichen Natur dargestellt wurden; die Familie Ashley wiederum erinnert in ihrem Habitus durchaus noch an die frühen Siedler, so ungehobelt und ungehemmt, wie sich gerade die Söhne John und Bob gebärden. In den besseren Momenten des Romans erinnert diese Familie dann allerdings auch an den ‚Snopes‘-Clan aus Faulkners gleichnamiger Trilogie[1].

Bei aller der Kritik sei jedoch auch erwähnt, daß es Blake durchaus gelingt, den Rassismus dieser Gesellschaft, ihre Bigotterie, die moralische Verkommenheit darzustellen, ja, fühlbar zu machen. Das tut er unaufdringlich, oft in Nebensätzen, die einfach beschreiben, ohne allzu viel zu erklären. Auch die Rolle der Frau als unterstützendes, ja: stützendes, Element dieser Gesellschaft im Werden, prae Rechtsstaat, in der eine nie näher in Erscheinung tretende Obrigkeit sich genau jener Männer bedient, die sie auszuschließen, zu marginalisieren und  letztlich zu vernichten versucht, reflektiert Blake. Frauen sind hier entweder Huren (wenn auch etwas zu oft solche mit Herz) oder treue Ehefrauen, die die Eigenarten ihrer Männer nicht immer billigen, manchmal hintertreiben, aber nie wirklich in Frage stellen. Auch die langsam aufkommende Moderne, oft in den immer besser, immer schneller werdenden Autos symbolisiert, aber auch spürbar durch die immer mehr um sich greifenden Unterhaltungsetablissements, vom Kino, über Nachtclubs bis zu Magazinen und Zeitschriften, erfasst Blake gekonnt und vermag dem Leser so zu vermitteln, wieso Männer wie die Ashleys immer anachronistischer wirkten, bis sie sich schlicht überlebt hatten. Wir können nachvollziehen, weshalb aus einer Gesellschaft, gegründet auf Gewalt, auf das Recht des Stärkeren, langsam eine rechtsstaatliche Prinzipien Achtende wurde. Wir verstehen aber auch, wie stark diese Entwicklung gerade in den USA mit dem Kapitalismus und seiner Entwicklung zusammenhing. Solange die Gewalt mehr nutzt als stört, solange sie dazu beiträgt, sich mißliebiger Subjekte – oder gar Bevölkerungsgruppen, wie den Indianern – zu entledigen, wird sie geduldet, gar gefördert, sobald sie der weiteren Entfaltung im Wege steht, wird sie geächtet.

James Carlos Blake ist da ein durchaus packender Roman gelungen, dem ein wenig mehr Straffung gut getan hätte. Etwas weniger Gewalt, etwas mehr Figurenzeichnung, etwas weniger Machismo, etwas mehr Psychologie hätten dem Werk ganz sicher mehr Tiefe und Relevanz verliehen. Doch indem Blake gelegentlich zwischen den einzelnen, mit Daten überschriebenen Kapiteln den ‚Liars Club‘ sprechen lässt, reflektiert er die amerikanische Erzählung selbst und ihre Entstehungsgeschichte. Der ‚Liars Club‘, das ist eine anonyme Stimme, die sich aus all den alten Kerlen zusammensetzt, die an Sonntagnachmittagen vor dem lokalen Drugstore zusammen sitzen, ein Eis lutschen, ein Bier nuckeln, und sich Geschichten von „damals“ erzählen. Geschichten aus der guten, alten, aus der wilden Zeit. Es sind die Stimmen, die aus Erlebnissen und Geschehnissen Legenden, Sagen, ja Mythen, machen und sich nicht um Wahrheitsgehalt oder Übertreibung scheren. Blake reiht sich – nicht zuletzt durch das Bekenntnis, sich der historischen Fakten äußerst frei bedient zu haben und auch den Zusatz im Originaltitel A LEGEND – in die Reihen des ‚Liars Club‘ ein. Und dadurch trägt er durchaus seinen Teil zur großen amerikanischen Erzählung bei.

 

[1] Die ‚Snopes-Trilogie‘: THE HAMLET (1940), THE TOWN (1957) und THE MANSION (1959).

 

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